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Zum geistigen Fortschritt der Gesellschaft

27/02/2015

Die Meinungsbildung zu Sachthemen sollte bei gebildeten und reflektierten Menschen einen vernünftigen Ablauf haben. Man beschäftigt sich mit unterschiedlichen Standpunkten und bewertet die Argumente, die von jeder Seite aus vorgebracht werden, hinsichtlich ihrer logischen Konsistenz und der Vereinbarkeit mit den eigenen Erfahrungen. Da es sich um Sachthemen handelt, kann man sich persönlich vom Gegenstand der Diskussion distanzieren, und wenn man kein rechthaberischer Mensch ist, kann diese Bewertung der Argumente auf einem hohen Objektivitätsniveau stattfinden. Wenn man nämlich seine Meinung erst danach feststellt und nicht bereits im Vorhinein, kann man sich darauf verlassen, dass man die Argumente rein danach bewertet hat, ob sie vernünftig sind oder nicht.

Obige Beschreibung stellt ein Ideal dar. Tatsächlich ist es für uns Menschen quasi unmöglich, unsere Meinung auf diese Weise zu bilden. Typischerweise haben wir ein persönliches Interesse an den Fragen, die wir diskutieren, und oftmals steht deshalb die Meinung weit vor der dann ausgesprochen einäugigen Suche nach Argumenten dafür. Die meisten Menschen werden, sobald sie sich ihrer Ansicht sicher fühlen, blind für die Vernünftigkeit von Gegenargumenten.
Ethik, Philosophie und Religion sind für den Großteil der Menschen keine Sachthemen. Diesbezügliche Ansichten werden selten in der Diskussion und Bewertung der Vernünftigkeit von Argumenten geschmiedet, sondern sind zum überwiegenden Teil davon abhängig, wie man erzogen wurde und in welcher Gesellschaft man aufgewachsen ist. Dadurch erhalten sie etwas Beliebiges. Ein Christ, der auf die Frage „Warum bist du Christ?“ keine bessere Antwort weiß, als dass er mit dieser Religion groß geworden ist, wäre gewiss auch ein guter Muslim geworden. Diese Beliebigkeit dringt tief in das politische und soziale Gesellschaftsbewusstsein hinein. Wir sind heutzutage vor allem deshalb keine Rassisten oder Sexisten, weil man es uns beigebracht hat; und wären vielleicht kannibalistische Xenophoben mit furchtbaren Geschlechterbildern, wenn wir an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit geboren worden wären.
Diese Einsicht schmerzt und betrifft uns alle. Aber Menschen sind formbar und manipulierbar und orientieren sich besonders in jungen Jahren in erster Linie an ihrer sozialen Umgebung. Und in einer Gesellschaft, die in ihrem ethischen und philosophischen Bewusstsein bereits große Fortschritte gemacht hat, birgt das selbstverständlich auch Vorteile. Dass wir unseren Kindern die Eckpfeiler der aufgeklärten Gesellschaft nahebringen, ist eine notwendige Bedingung dafür, dass der bereits errungene Fortschritt nicht wieder verloren geht. In diesem frühen Stadium des Lebens ist man offen für alles, das einem moralische Orientierung gibt. Die Überzeugungsarbeit ist einfach und vernünftige Argumente spielen daher eine geringe Rolle. Genau darin allerdings liegt der Nachteil: Die Kinder erlernen dadurch, Fragen der Ethik, Philosophie und Religion nicht wie Sachthemen zu behandeln. Dass man sich in diesen Belangen vom sozialen Umfeld und von moralischen und politischen Autoritäten den Weg weisen lässt, wird für immer in ihrem Unterbewusstsein verankert sein.
Nun gäbe es kein Problem, wenn wir das, was wir unseren Kindern beibringen, für optimal halten würden. Wenn die Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Form keinen Wunsch übrig lässt, ist alles gut. Dann ist es nämlich nicht erforderlich, dass die nächste Generation in der Lage ist, ihre ethischen Auffassungen zu hinterfragen. Falls allerdings doch einmal irgendetwas nicht in Ordnung sein sollte, wie wird diese Generation dann mit den Gesellschaftskritikern umgehen, die auf diesen Missstand hinweisen? Wie wird sie auf deren vernünftige Argumente reagieren?

Wer für den Feminismus oder den Vegetarismus argumentiert, befindet sich gegenwärtig auf dem Posten eines solchen Gesellschaftskritikers. Beim Feminismus handelt es sich um einen Vorstoß zum Abbau schadhafter Geschlechterbilder, die tief im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sind. In ebendiesem Bewusstsein ist man fest davon überzeugt, den Sexismus längst überwunden zu haben. Der in dieser Hinsicht bereits erzielte Fortschritt wird als Optimum betrachtet. Immerhin lebt man selbst mit dem Status Quo und müsste sich, wenn man Zweifel an diesem zulassen würde, einen persönlichen Vorwurf gefallen lassen. Kritik an den Verhaltensweisen, die man in der ganzen Gesellschaft beobachten kann, die man gutheißt und vielleicht selbst an den Tag gelegt hat, ist deshalb ungern gesehen. Daher ignoriert und belächelt man all jene, die mit sachlichen und vernünftigen Argumenten darauf hinweisen, dass etwas damit nicht stimmt; und sieht sich wie immer darin bestätigt, dass man mit seiner Missachtung in guter und großer Gesellschaft ist.
Wer für den Vegetarismus argumentiert, wird mit demselben Problem konfrontiert. Schlachthäuser gehören zum Lebensalltag. Es ist problemlos eine Gesellschaft denkbar, in der das nicht so ist. Ob man die Existenz von Schlachthäusern in Ordnung findet oder als absolut unfassbares Verbrechen der Menschheit betrachtet, ob man Hunde liebt und Schweine nur als Nutzvieh betrachtet oder umgekehrt, das alles sollte doch nicht davon abhängig sein, in welcher Gesellschaft man geboren wurde. Das ist dem eingangs erwähnten gebildeten und reflektierten Menschen nicht würdig. Ich lade jeden, der sich als solchen Menschen betrachtet, zu einer Diskussion dieser Frage als Sachthema ein. Ich habe vor längerer Zeit auf der Meinungsplattform fischundfleisch einen ausführlichen Artikel dazu geschrieben, der meine Sichtweise mit vernünftigen Argumenten untermauert. Diesem Artikel wurde bisher nichts Sinnvolles entgegengesetzt. Der negative Anteil der Reaktionen, die ich darauf erhielt, steht als Beleg für die Wichtigkeit der Aussage des heutigen Artikels:

https://www.fischundfleisch.at/essen-jetzt-ich/warum-wir-kein-fleisch-essen-sollten.html

Und die Aussage des heutigen Artikels ist jene Schlussfolgerung, die ich auch bereits in meinem vor einigen Jahren geschriebenen Artikel „Zum bequemen Vorurteil“ gezogen habe: Etwas nur deswegen für moralisch vertretbar oder wahr zu halten, weil es von einer Vielzahl von Menschen als moralisch vertretbar oder wahr erachtet wird, scheint mir geradezu wahnsinnig und wohl schlechthin der bedeutendste Irrglaube des Menschseins zu sein; muss man sich doch vor Augen halten, dass andere es vielleicht nur aus demselben Grund für vertretbar oder wahr halten, und nicht etwa aus vernünftigen Gründen. Man soll stattdessen mit ganzem Eifer den Fehler in allem suchen, das von der Allgemeinheit kritiklos hingenommen wird. In jeder Selbstverständlichkeit mag sich ein Vorurteil verstecken.
Ein Mensch ist nicht reif, wenn er die Regeln seiner Gesellschaft verstanden hat und ihnen entsprechend sein Leben einrichtet. Reife bedeutet vernünftige Selbstständigkeit im Denken und Handeln. Ein reifer Mensch hinterfragt Traditionen und Werte. Ein reifer Mensch hinterfragt Gesetze und stellt sich die Frage, warum sie Gültigkeit haben sollten. Reife bedeutet, sich selbst alle Maßstäbe zu setzen und sich weder auf Autoritäten zu beziehen noch irgendetwas durch ihre Gebote oder Verbote zu rechtfertigen. Reife bedeutet Aufgeklärtheit nach Kant, bedeutet den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Sie veranlasst dazu, das eigene Verhalten in Frage stellen und die Erkenntnis zuzulassen, dass etwas damit nicht in Ordnung ist und man in seinem bisherigen Leben Fehler gemacht hat. Dann ist man offen für vernünftige Kritik an Gepflogenheiten und kann Teil eines neuen gesellschaftlichen Fortschrittes werden. Diese Form der Reife müssen wir unseren Kindern näherbringen, und zwar gemeinsam mit den Fortschritten, die wir bereits errungen haben.

Liebe Grüße,
Mahiat

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