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Konsumkritik und Armut

23/11/2018

Auf Twitter gibt es eine interessante Blase von Usern, die sich gegen konsumkritische Strömungen richten. Die Argumentation betrifft den Minimalismus, den Veganismus, Zero Waste, Nachhaltigkeit und andere Bemühungen für einem ökologischen Lebensstil. Hier sind die wichtigsten Prämissen des Arguments:
1) Konsumfreiheit ist an finanzielles und kulturelles Kapital geknüpft.
2) Konsumfreiheit ist daher ein Privileg, von dem manche Menschen mehr, andere weniger und wieder andere gar nichts besitzen.
3) Vertreter konsumkritischer Bewegungen fordern Menschen dazu auf, Verantwortung für ihren Konsum zu übernehmen und ihn entsprechend anzupassen.
4) Nur wer ausreichend Konsumfreiheit besitzt, kann Verantwortung für seinen Konsum übernehmen.
Das Interessante an dieser Debatte ist, dass diese Prämissen allesamt korrekt sind. Es sind die Schlussfolgerungen, die den Einwand ausgesprochen problematisch machen:
S1) Konsumkritische Bewegungen sind ein Lifestyle für Wohlhabende.
S2) Wer dazu aufruft, Verantwortung für den eigenen Konsum zu übernehmen, diskriminiert arme Menschen.
S3) Konsumenten sind das letzte Glied der Kette. Sie haben gar keine Verantwortung. Zu ändern sind die Umstände nur von der Politik oder von den Konzernen selbst.
(Quellen: Hier, hier und hier)
Dass diese Schlussfolgerungen nicht aus oben genannten Prämissen folgen, ist offensichtlich. Im Folgenden fasse ich kurz zusammen, warum der Einwand insgesamt Unsinn ist.

Vernünftige Konsumkritik fordert Menschen auf, Gebrauch von ihrer Konsumfreiheit zu machen, soweit sie diese besitzen. Diese Aufforderung ist im Übrigen eine freundliche, und hat nicht immer nur das Wohl aller anderen im Sinn, sondern auch das des konsumierenden Individuums. Bestimmte Konsumformen schädigen bekanntlich nicht nur die Umwelt, sondern auch die eigene psychische und körperliche Gesundheit. Dieses Problem betrifft so gut wie jeden Menschen in unserer Gesellschaft, völlig unabhängig davon, ob er vergleichsweise reich ist oder deutlich unter der Armutsgrenze lebt. Manche von uns können aufgrund ihrer Verhältnisse bei ihren Ausgaben nur ihr eigenes Wohl berücksichtigen, und an sie ergeht durch die Konsumkritik absolut kein moralischer Vorwurf. S2 und S3 sprechen diesen Menschen allerdings die Freiheit und die Verantwortung für ihr Handeln ab, soweit es den Konsum betrifft, und degradieren sie zu unreifen, unaufgeklärten Individuen. Tatsächlich haben auch arme Menschen in Österreich ein gewisses Maß an Konsumfreiheit und tragen Verantwortung für ihre Einkäufe im selben Ausmaß, in dem sie auch für ihr restliches Handeln Verantwortung tragen. Die Umstände rechtfertigen es, dass sie ihr eigenes Wohl an vorderste Stelle setzen. Das ist ein bedeutender Unterschied.
Sprechen wir nun über eine andere Gruppe der Bevölkerung, nämlich über jene Mehrheit, die ein erhebliches Maß an Konsumfreiheit besitzt. Dies sind die Menschen, an die sich die Aufforderungen vernünftiger Konsumkritik vornehmlich richten und an die auch ein moralischer Vorwurf ergeht, wenn sie ihr eigenes Wohl an vorderste Stelle setzen, obwohl die Umstände es eben nicht rechtfertigen. Es handelt sich um eine kritische Masse, die bei einer Änderung ihres Konsumverhaltens in der Lage wäre, die wirtschaftlichen Bedingungen stark zu beeinflussen. Bewegungen wie der Veganismus zeigen bereits spürbare und sichtbare Auswirkungen. Diese Macht liegt in den Händen konsumierender Individuen. Mit ihr geht Verantwortung einher. Sie nicht zu nutzen und in einer demokratischen Gesellschaft auf eine plötzliche „Reform von oben“ durch Politiker und Konzerne zu warten, ist absolut verantwortungslos. S3 ist eine fadenscheinige Ausrede; sich in Standpunkte wie S1 und S2 zu flüchten, die aus den vernünftigen Positionen der Konsumkritik einen Strohmann machen, ist nichts anderes als ein Ausweg, um die eigene Verantwortung nicht wahrnehmen zu müssen.

Liebe Grüße
Mahiat

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