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#MeToo als Lernprozess

Seit einigen Wochen werden durch die #MeToo-Kampagne Fälle sexueller Belästigung offen gelegt. Die bisherigen Enthüllungen betrafen in erster Linie Männer in hochrangigen Positionen. Die Vorwürfe gegen Peter Pilz hatten seinen Rücktritt und damit erste Konsequenzen für die österreichische Politik zur Folge. Im Zuge dieser Entwicklungen ist Kritik an den Ausprägungen der Kampagne laut geworden. Peter Pilz sah sich letzte Woche als Opfer einer politischen Intrige. Peter Kolba, interimistischer Klubobmann der Liste Pilz, sprach nun gestern von einer Medienjustiz, der der Listengründer zum Opfer gefallen sei. Die reflexhafte Ablehnungs- und Verteidigungshaltung ist nicht nur eine übliche Reaktion von Politikern, die mit Vorwürfen jeglicher Art konfrontiert werden. Sie ist insbesondere auch eine Umgangsweise zahlloser Menschen mit Kampagnen wie #aufschrei oder #MeToo. Diese Bewegungen sind meines Erachtens nicht allein als gesammelte Vorwürfe gegen ganz bestimmte Einzeltäter zu verstehen, sondern vielmehr als Anklage eines gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins. Im Folgenden möchte ich erklären, warum ich diese Klage für berechtigt halte.

Die Suche nach einer intersubjektiv nachvollziehbaren Definition von sexueller Belästigung war Gegenstand zahlloser Debatten. Die Frage nach der Grenze zwischen legitimen Annäherungsversuchen und unangemessenem Verhalten wurde oft gestellt. Alle Versuche, ein objektives Kriterium zur Bestimmung dieser Grenze anzugeben, scheiterten und mussten scheitern. Die Antwort ist denkbar einfach: ein solches Kriterium existiert nicht. Es ist einfach nicht möglich, eine intersubjektive Definition für etwas festzulegen, das von der subjektiven Bewertung eines jeden Individuums abhängt. In unserem Fall geht es darum, wann etwas als Belästigung empfunden wird und wann nicht. Gefühle unterliegen keinen Geboten, Verboten, rechtlichen Bestimmungen oder anderweitigen formalen Einschränkungen. Auf diese Frage kann es also keine unberechtigten Antworten geben.
Muss nun irgendwer ob dieser vermeintlichen Ungewissheit kapitulieren und bedauern, er wüsste nicht mehr, wie er sich dem anderen Geschlecht gegenüber verhalten soll? Manch ein Mann tut zurzeit so, als wäre er ein Roboter und würde sich in allen zwischenmenschlichen Begegnungen nach einem programmierbaren Protokoll richten. Nun hätte man ihm seine Grundlage für den Umgang mit Frauen entzogen, was jeglichen weiteren Umgang mit dem anderen Geschlecht unmöglich mache. Natürlich aber ist das absoluter Unsinn und nichts anderes als eine Ausrede, um eigene Verhaltensweisen und deren Auswirkungen auf andere nicht überdenken zu müssen. Es mag aus den erwähnten Gründen vielleicht kein todsicheres Rezept für gelungene soziale Interaktion geben. Um Menschen im eigenen Umfeld nicht regelmäßig emotional zu verletzen, genügen jedoch basalste Formen von Selbstkritik und Empathie. Es ist eben nicht schwierig zu bestimmen, wo „die Grenze“ ist; und niemand sollte dafür eine allgemeine Richtlinie benötigen.
Auch das Strafrecht kann eine solche Richtlinie im Übrigen nicht liefern. Es beschäftigt sich nämlich nur damit, welche Verhaltensweisen und Handlungen zu verbieten und bei einer Anzeige entsprechend juristisch zu verfolgen sind. Das aber ist eine andere Frage als die, die wir oben diskutiert haben. Vielen Kritikern der #MeToo-Kampagne scheint nicht bewusst zu sein, dass sexuelle Belästigung bereits lange vor der Strafwürdigkeit beginnt. Das Spektrum reicht von unangemessenen Äußerungen über körperliches Bedrängen bis hin zur Vergewaltigung. Und wenn ein Chef zu seiner Angestellten häufig „Schatzi“ sagt, oder ein Mann erwachsene Frauen regelmäßig als „Madl“ oder „Dirndl“ bezeichnet, macht er sich natürlich nicht strafbar. Er bringt damit aber ein gewisses Mindset, eine Einstellung gegenüber diesen Frauen zum Ausdruck, ob sie ihm nun selbst überhaupt bewusst ist oder nicht. Kein Mann, der Frauen mit Respekt begegnet und sie als reife und gleichberechtigte Persönlichkeiten ansieht, spricht in dieser Weise zu ihnen oder über sie.

Es geht schließlich um dieses Mindset, das tatsächlich viel weiter verbreitet ist als die Neigung zu strafwürdigen sexuellen Handlungen. Es handelt sich um den Nährboden für alle weiteren Diskriminierungen. Kampagnen wie #MeToo bieten die Möglichkeit, derartig tief verankerte Einstellungen in unserer Gesellschaft aufzuzeigen, in Frage zu stellen und in letzter Konsequenz zu bekämpfen. Gelingen kann dies nur durch einen Lernprozess, der die Menschen zum Umdenken bewegt und dazu, in ihrem eigenen Umfeld mehr Kritik an entsprechenden Äußerungen zu üben. Wir müssen damit aufhören, längst überholte Geschlechterstereotype als gegeben hinzunehmen und im schlimmsten Falle unsere Kinder danach zu erziehen. Diese Debatte ist gewiss auch eine juristische, aber in erster Linie ist sie eine psychologische. #MeToo zeigt uns, dass wir in unseren Köpfen von Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern nach wie vor meilenweit entfernt sind.

Liebe Grüße
Mahiat

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Schwarzblau

Seit Jahren drängt die FPÖ auf „Null-Obergrenzen“ und „Minuszuwanderung“, will mittellosen Immigranten in einem der reichsten Länder der Welt die für das Staatsbudget absolut belanglose Mindestsicherung streichen und wundert sich gleichzeitig über Parallelgesellschaften und erhöhte Kriminalitätsraten. Sie fordert Steuerentlastungen für Reiche und Großunternehmen, reduziert Sozialleistungen für die Mittel- und Unterschicht und verkauft sich trotzdem erfolgreich als Arbeiterpartei. Und diese Partei, die die Freiheit im Namen trägt, hat das bornierteste und konservativste Gesellschaftsverständnis, lehnt fast alle Familienkonzepte ab, hat für die freie Kunst weder Subventionen noch sonst irgendetwas übrig, zeigt immer wieder ein alarmierendes Verständnis von offener Meinungsäußerung, befürwortet Kleidungsvorschriften und würde wohl selbst in die engsten und privatesten Lebensbereiche der Menschen eindringen, wenn sie nur die Macht und Möglichkeit dazu hätte. Alle ihre Unzulänglichkeiten, Fehler und Skandale sind nach einigen Wochen wieder vergessen, und die meisten ihrer Wähler scheinen über die FPÖ überhaupt nicht mehr zu wissen, als dass sie für das „christliche Abendland“ und gegen „den Islam“ kämpft.
Ein junger und schwiegersöhnlicher Kandidat, der sich für Rechtspopulismus nicht zu schade ist: das ist das hundertprozentige Erfolgsrezept für österreichische Politik. Jörg Haider hat es bewiesen und Heinz-Christian Strache hat daran angeknüpft. Mittlerweile aber ist der Letztere weder jung noch schwiegersöhnlich, und passt nicht mehr ins obige Profil. Langsam und widerwillig räumte er in den letzten Jahren die besagte Position in der österreichischen Politlandschaft frei. In ihrer Not nutzte die ÖVP nun die Gelegenheit und hat den Posten mit Sebastian Kurz nachbesetzt. Laut Umfragen gewann die Partei dadurch 15% in zwei Wochen. Seither wettert Kurz bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit über den Islam, während er in anderen Belangen eine ähnlich neoliberale und gesellschaftsgefährdende Agenda verfolgt wie die FPÖ. Gesprächsstil und Verhalten in den sozialen Medien erinnern mehr und mehr an Strache, während dieser hilflos daneben steht.

Strache muss nicht allzu unglücklich sein, denn aller Voraussicht nach wird er in einigen Wochen zum Vizekanzler angelobt. Durch die Ankündigung Christian Kerns, bei einem zweiten Platz der SPÖ in Opposition gehen zu wollen ([1]), scheint Schwarzblau besiegelt. Wem das noch nicht unheimlich genug ist, dem fällt bei dem Studium der letzten Umfragen noch eine weitere Gefahr auf: das Schwinden der Opposition. Die letzten Erhebungen können auf neuwal.com verfolgt werden und bieten ein ausgesprochen, ja viel zu ([2]) homogenes Bild. Die vom Institut ‚Unique Research‘ am 29.09. veröffentlichte Befragung von 1500 Menschen macht da keine Ausnahme und kommt zu folgendem Ergebnis: ÖVP 34, SPÖ 27, FPÖ 25, GRÜNE 4, NEOS 4, PILZ 4. Auch der Trend zeigt eine Wählerbewegung hin zu den drei Großparteien. Die drei Kleinparteien hingegen kämpfen zurzeit alle um den Einzug in den Nationalrat, der ja bekanntlich das Überwinden der 4%-Hürde voraussetzt. Im Moment ist es unwahrscheinlich, dass alle drei Listen diesen Kampf verlieren; gleichzeitig ist es nicht auszuschließen. Für die Nationalratswahl am 15. Oktober gebe ich daher Folgendes zu bedenken: Je nach persönlichen Präferenzen ist neben einer Stimme für die SPÖ auch jede Stimme für eine der drei kleineren Parteien wertvoll, um der vermutlich nicht mehr zu verhindernden schwarzblauen Regierung zumindest eine einigermaßen handlungsfähige Opposition entgegenzusetzen.

Liebe Grüße
Mahiat

Eine Kritik des Islams

Seit ich mich mit Philosophie beschäftige, ist meine Religionskritik beständig und von hoher und unveränderter Intensität geprägt. Sie taucht als regelmäßiges Thema in meinen Essays und in meiner Prosa auf. Nach meiner Erkenntnis ist die Argumentations- und Diskussionslage bei keinem interessanten metaphysischen Problem derart klar wie in der Gottesfrage; ja so klar, dass ich mich frage, ob ich dieselbe überhaupt noch zu den interessanten Problemen zählen kann. Ich bin demnach Atheist und könnte mit guten Gründen auch als Antitheist bezeichnet werden. Religiöse Erziehung halte ich für schädlich in seiner Auswirkung auf die moralische, emotionale und kognitive Entwicklung von Kindern. Hier erklär ich, warum.

Als Europäer darf ich das, unsere Länder haben die Aufklärung genossen. Das Christentum kennt seither seinen Platz in der freien Gesellschaft, es ist gezähmt worden und nicht mehr so gefährlich wie zuvor. Nur aufgrund dieser Zähmung ist es heute möglich, sachliche und rationale Kritik an religiösen Konzepten zu üben, ohne Verfolgung fürchten zu müssen. Nur aufgrund dieser Zähmung ist es heute auch üblich, sich eine derartig kritische Meinung zu bilden. Das Christentum hat sich verändert und ist den Weg gegangen von einer herrschenden zu einer beherrschten Religion, von einer freiheitsberaubenden Macht über die Menschen zu etwas, dem sie sich bemächtigen. Heute nämlich macht mit der Metaphernsammlung Christentum jeder gewissermaßen das, was er persönlich will: annehmen, verwerfen, benutzen, auslegen, verändern. Natürlich missfällt diese unbestreitbare Entwicklung konservativen Beobachtern, doch dafür gibt es keinen guten Grund. Die Menschen dienen nunmehr nicht länger der Religion, die Religion dient den Menschen; und wenn sie unbedingt sein muss, dann soll sie so sein.
Vor einigen Monaten habe ich mich mit Samuel Schirmbecks Buch Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen beschäftigt. Darin plädiert er für eine offene Besprechung der Inhalte und Institutionen des Islams. Vernünftige Religionskritik steht in der Tradition der Aufklärung, weshalb ein solches Plädoyer eigentlich nicht notwendig sein dürfte. Die Islamophobie rechter Politiker hat jedoch dazu geführt, dass eine Differenzierung zwischen inhaltlichem Diskurs und menschenfeindlicher Hetze in Europa vielerorts nicht mehr vorgenommen wird. Schirmbeck, der als ARD-Korrespondent selbst zehn Jahre lang in Algier gelebt hat, beschreibt die Absichten seiner Ausführungen deshalb umsichtig gleich zu Beginn des Buches:

„Islamkritik bedeutet mitnichten, Muslime anzugreifen, sondern Schutz vor seinen menschenverachtenden Auswüchsen, die sich gegen Frauen, Homosexuelle, gegen eigenständig Denkende und sogenannte Ungläubige richten – also auch gegen Millionen von Musliminnen und Muslimen.“
[…]
„Dieser Islam in seinem jetzigen Zustand gehört nicht zu Deutschland und zu Westeuropa, die Muslime aber sehr wohl. Sie haben ihn nicht erfunden, sie sind nicht für die Islamverbände verantwortlich, die ihn vertreten, sie haben oft ihren eigenen Islam, der abseits der Dogmen ein eigenes, privates, kleines, säkulares Gärtchen duldet, […]“

Daraufhin erläutert er seine auf persönlichen Erfahrungen und Recherchen beruhenden Erkenntnisse über den Islam und seine Auswirkungen auf den Alltag. Er kritisiert etwa, dass die haram-Dogmatik oftmals alle Lebensbereiche durchdringt. „haram“ ist ein Adjektiv und bezeichnet verbotene Handlungen und Objekte, etwa Alkohol, vorehelichen Sex, Kleidungsnormen oder den Genuss gewisser Vergnügungen; es gibt eine Debatte darüber, ob Musik zu ihnen zu zählen ist oder nicht. Unnötig ist es zu erwähnen, dass diese Verbote die Lebensqualität der Menschen stark einschränken. Laut Schirmbeck sind sie aber auch deshalb problematisch, weil sie keine Ambivalenz zulassen und das kritische und eigenständige Denken verhindern sollen.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen im Koran. Besonders in den Suren 8 und 9 ist wiederholt von Krieg und Gewalt gegen Ungläubige die Rede. Sure 4, Vers 144 verbietet Muslimen die Pflege von Freundschaften mit Ungläubigen. Schirmbeck stellt die Frage, wie Integration in Anbetracht dieser Verse möglich sein soll und lässt den Einwand nicht gelten, dass sie ebenso wie die dunkleren Passagen der Bibel in einem bestimmten historischen oder textuellen Kontext zu lesen seien. Im Unterschied zum heutigen Christentum ist im Islam die Forderung nach der wortwörtlichen Auslegung des Korans als direktes Wort Gottes noch weit verbreitet. Schirmbeck sieht es als ein Versäumnis der Islamverbände an, sich nicht deutlich genug von solchen Forderungen und der Diskriminierung Ungläubiger zu distanzieren.
Im Buch findet sich eine Vielzahl von Verweisen auf Denker, Philosophen und Dissidenten muslimischer Herkunft. Schirmbeck nennt sie die Voltaires Nordafrikas und vermisst eine europäische Solidarität mit ihrem Bestreben für einen offeneren und menschenfreundlicheren Islam: Fethi Benslama, Abdennour Bidar, Chahla Chafiq, Soheib Bencheikh, Abdelwahab Meddeb, Kamel Daoud,… keiner dieser Namen war mir vor der Lektüre bekannt, und doch geht von ihnen und vielen anderen Menschen eine Bewegung aus, die größte Aufmerksamkeit und Unterstützung verdient hat. Dazu zählt auch Seyran Ates mit ihrer vor einiger Zeit gegründeten Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, in der die Menschen ungeachtet ihres Geschlechts und ihrer religiösen oder sexuellen Orientierung willkommen sind. Laut Ates haben Terroranschläge wie jene in Barcelona „durchaus etwas mit dem Islam zu tun“. Viele der oben erwähnten Autoren stimmen darin überein, dass Islamismus als Teil des Islams eine Tatsache ist. In ihren Schriften üben sie scharfe Kritik an seiner politisch-ideologischen Ausprägung, über die Schirmbeck schreibt und die in vielen muslimischen Staaten herrschende Realität ist. Wer sich in Europa für eine Erneuerung und Modernisierung des Islams einsetzt, muss allerdings mit Gegenwind der Islamverbände rechnen. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster, schrieb in seinem Buch Gott ist Barmherzigkeit Folgendes:

„Das Kriterium der Religiosität ist nicht die Zahl der Gebete, die Länge des Bartes oder das Tragen eines Kopftuches, auch nicht, ob man sunnitisch oder schiitisch ist, ob man zu dieser oder jener Denkschule gehört. Das Kriterium ist, ob man an die Würde, die Freiheit und die Vernunft des Menschen glaubt – also an das Menschsein.“

Ferner kritisiert auch er die Unterscheidung von Gläubigen und Ungläubigen und lehnt es ab, sich Gelehrten und Traditionen bedingungslos zu unterwerfen. Die vier größten Islamverbände Deutschlands erklärten nach der Publikation des Buches, Khorchide bewege sich nicht auf dem Boden islamischer Theologie. Sie versuchten, seine Absetzung zu erreichen.

Aufklärerische Revolutionen gehen nicht von Institutionen, sondern von den Menschen aus. Es wird höchste Zeit, dass Europa selbstbewusst in deren vernünftige Kritik miteinstimmt und den konservativen Islamverbänden nicht länger den Rücken deckt. Schirmbeck spricht im Bezug auf die Flüchtlingsbewegung von einer großen Chance und meint damit die Möglichkeiten, die sich durch den interkulturellen Austausch ergeben. Vorurteile und falsche Vorstellungen werden abgelegt, aufklärerische Tendenzen werden befeuert; das ist seine Hoffnung.
Dieser Appell richtet sich meines Erachtens insbesondere an Menschen, die – wie ich – Atheisten und Religionsgegner sind. Unsere Schwierigkeiten mit dem Christentum in Europa sind heutzutage beinahe überwunden, unsere Diskussionen über Religion sind oftmals akademischer Natur und unvergleichbar mit den Problemen, denen muslimische Dissidenten ausgesetzt sind. Sie kämpfen für ein schöneres, freieres Leben, und werden dafür manchmal mit dem Tod bestraft.

Liebe Grüße
Mahiat

#3

Ich bin zurzeit damit beschäftigt, meine Dissertation in Mathematik abzuschließen. In den letzten Monaten hat es hier deshalb nur wenige neue Beiträge gegeben. Ich gehe aber davon aus, dass ich in nächster Zukunft wieder mehr Zeit für das Schreiben finden werde. Nach meinem Urlaub habe ich vor, einen Artikel über den Inhalt meiner Doktorarbeit zu verfassen. Meine Forschung beschäftigt sich mit einem Thema aus der elementaren Zahlentheorie, das auch für den mathematischen Laien verständlich und (hoffentlich!) interessant sein könnte.
Bevor ich in diesen zeitlichen Engpass geraten bin, habe ich mein drittes Buch fertiggestellt. Es handelt sich um einen kurzen Prosatext mit dem Titel Gottes Nachlass, für den ich nun einen Verlag suche.

Liebe Grüße
Markus

Taube

Ich drückte 40, drei Mal auf jeder Seite. Es brannte und schmerzte und tat gut in den Pausen, in denen ich durch das Fenster auf die Fassade des alten und schirchen Hochhauses auf der anderen Seite der Straße starrte. Dabei sah ich unter dem Balkon einer Wohnung in den unteren Stockwerken die Taube. Sie hatte sich in einem Netz verfangen und zappelte noch, hing kopfüber und versuchte, sich mit verzweifelten Flügelschlägen zu befreien. Frustriert machte ich meinen Satz fertig und ging zu den Hanteln.
Zehn Minuten später führte es mich wieder zurück in den Bereich, von dem aus das Hochhaus zu sehen war. Und in den Pausen musste ich aus dem Fenster sehen. Es ging nicht anders. Ich hoffte und wünschte mir, dass die Taube verschwunden war. Doch sie hing immer noch im Netz und bewegte und regte sich und kämpfte den Todeskampf. Ein Mensch hätte sie vom Balkon aus in wenigen Sekunden befreien können; vom Balkon irgendeiner Wohnung auf irgendeinem Stockwerk eines riesigen Hochhauses. So einfach, so aussichtslos. Ich packte rasch mein Zeug zusammen und verließ das Studio.
Der Eingang war auf der anderen Seite des Blocks. Als ich vor verschlossener Türe stand und überlegte, wo ich klingeln sollte, verließ eine Bewohnerin das Haus und ich trat hinter ihr ein. Eine Mamortreppe führte mich hinauf bis zu jenem Geschoß, das ich für das richtige hielt. Drei Wege verliefen von dort aus in verschiedene Richtungen, und ich irrte ohne Orientierung umher. Bei welcher Wohnung sollte ich läuten, was sollte ich sagen?
„Hallo, könnten Sie bitte nachsehen, ob auf Ihrem Balkon ein Vogel stirbt?“

Seither schaue ich der Taube beim langsamen Verwesen zu. Jedes Mal, wenn ich im Studio bin, ist sie dünner. Jedes Mal hängt sie noch tiefer durch das Netz. Ich muss aus dem Fenster sehen. Es geht nicht anders. Dabei bin ich mir sicher, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der um sie weiß. „Dumme Taube.“, denke ich mir dann. „Hätte ich dich doch nie gesehen.“

Schuld und Strafe

Die Weltanschauung des kausalen Determinismus und mit ihr verbundene Fragen aus den Bereichen der Metaphysik und der Moral waren auf meinem Blog schon häufig Thema, etwa hier oder hier. Die folgenden Texte sind Auszüge aus meinem Buch Wir sind berechenbar. Exemplare können beim Verlag und auch bei mir persönlich unter m.hittmeir@hotmail.com bestellt werden. S.49ff:

Jemanden der Ausübung von A schuldig zu erklären ist eine Bewertung seines Verhaltens aufgrund der Überzeugung, dass er A getan hat. Wir wollen uns hierbei der im Alltag üblichen Begriffsverwendung gemäß auf Fälle beschränken, in denen die Folgen von A oder A selbst von demjenigen, der das Verhalten bewertet, als verwerflich oder anderweitig negativ beurteilt werden. Unterschiedlichste juristische oder soziale Aspekte können die Basis der Erklärung der Schuld einer Person sein. So muss damit etwa nicht unbedingt etwas anderes als das bloße Feststellen der Tatsache gemeint sein, dass A von ihr verübt wurde. Diese Bewertung wollen wir im Weiteren eine faktische Schuldzuweisung nennen. Oft aber geschieht die Diskussion der Schuld unter Bezugnahme auf die Zurechnungsfähigkeit des Täters und auf sein Bewusstsein für die Folgen der Handlung. Daraus entwickeln sich etwa Vorwürfe der Fahrlässigkeit, Ignoranz, Faulheit oder der Absicht, die an den Getadelten selbst gerichtet werden. Was ist nun der Kern derartiger Anklagen? Es ist die Auffassung, dass der Angeklagte in der entsprechenden Situation anders fühlen, denken oder handeln hätte sollen, dass er vorsichtiger sein, sich informieren oder eben etwas anderes wollen, dieses nicht so stark wollen oder erst gar nicht ein derartiges Bedürfnis haben hätte sollen. Die Anklage ist also moralischer Natur und von der Form: ‚Ich werfe dir vor, dass deine physische und psychische Konstitution in der entsprechenden Situation so war, wie sie gewesen ist. Sie hätte anders sein sollen.’ Eine derartige Bewertung des Verhaltens werden wir daher im Weiteren als eine moralische Schuldzuweisung bezeichnen.
Nun ist der größte Unterschied zwischen der faktischen und der moralischen Schuldzuweisung jener, dass die faktische nicht automatisch mit irgendeinem Vorwurf einhergehen muss, hingegen die Essenz der moralischen die Feststellung ist, dass der Täter anders hätte sein sollen. Es fällt unschwer zu erkennen, dass diese Klage die Unterstellung impliziert, dass er auch tatsächlich anders hätte sein können. Nach allem, was wir bisher unter dem Gesichtspunkt des kausalen Determinismus besprochen und argumentiert haben, ist das aber nicht möglich. Ein Mensch muss zu einem gegebenen Zeitpunkt etwas Bestimmtes denken, fühlen und tun, etwas Bestimmtes sein; er kann nicht anders. Dadurch werden moralische Vorwürfe obsolet und eine Bewertung der Tat, wie sie die moralische Schuldzuweisung darstellt, entbehrt jeder vernünftigen Grundlage.
[…]
Wenn man dem Angeklagten gemäß dem letzten Kapitel keine moralische Schuld zuweist und die Tat als notwendige Folge der kausalen Verwicklungen begreift, die das Leben dieses Menschen bestimmen, sind natürlich dennoch Konsequenzen aus dem Geschehnis zu ziehen. Und auch allein durch ihre Androhung kann mit einer Strafe ein sinnvoller Zweck beabsichtigt werden. Eine wünschenswerte Wirkung der Existenz einer Strafe ist etwa ihr abschreckender Charakter, der manche Menschen so sehr beeindruckt, dass sie gerade deswegen ein in Erwägung gezogenes Verbrechen nicht begehen. Außerdem setzt man dadurch, dass man eine Tat unter Strafe stellt, ein symbolisches Zeichen und fördert das moralische Bewusstsein der Gesellschaft für entsprechende Probleme, die damit zusammenhängen. Eine wünschenswerte Wirkung der Exekution einer Strafe ist der Schutz der Allgemeinheit, der etwa im Falle einer Inhaftierung gewährleistet wird, wenn befürchtet werden muss, dass der Täter potentiell gefährlich für sich oder für andere ist. Im Rahmen des Strafvollzuges soll nach Möglichkeit angestrebt werden, die Ursachen der begangenen Taten aufzuarbeiten und eine Resozialisierung zu erreichen.
[…]
Für manchen, der mit der Ablehnung des Racheprinzips nicht konform geht, mag dies nicht mehr als der Vorschlag eines hoffnungslosen Romantikers sein. Doch Leid ist nur insofern kausal sinnvoll, als es eben zur Einsicht führen soll und daher sowieso immanenter Bestandteil einer vernünftigen, den obigen Zwecken entsprechenden Strafe ist. Diese geht nämlich, weil sie ja das bisherige Verhalten unterbinden will, stets mit einem als je nach Ausmaß mehr oder weniger empfindlich empfundenen Schaden einher, mit einem Zwang oder mit dem Verlust einer Freiheit. Leiden darüber hinaus zu befördern heißt, der Strafe eine sinnlose und moralisch verwerfliche Komponente hinzuzufügen, ja manchmal gar den Grundstein für weitere Verbrechen zu legen, die ein Mensch nach Ende des Vollzuges begeht. Es bedeutet, selbst zur unethischen, verbrecherischen Kraft zu werden, was den gesamten juristischen Grundgedanken ad absurdum führt.

Wie früher

„Wirtschaftswachstum ist die oberste Maxime. Die Wirtschaft muss entfesselt und angekurbelt werden. Geht es der Wirtschaft gut, geht es uns allen gut. Und Leistung muss sich endlich wieder lohnen. Wer sich bemüht, kann alles schaffen.“
Make America Great Again – das ist die politische Werbung der Gegenwart, die uns an das letzte Jahrhundert erinnern soll. Wir denken dabei an große Einfamilienhäuser, an drei Autos und vier Kinder, an Konjunktur und Boom. Der Mann war der Ernährer, die Frau kümmerte sich um den Nachwuchs. Leistung war stark nachgefragt und Konsum moralisch geboten. Es war eine Zeit, in der die Welt für Otto Normalbürger sicherer und stabiler schien als heute; eine Zeit, in der die Konsequenzen des Turbokapitalismus für ihn unsichtbar waren, in der die Menschen aus der „dritten Welt“ auch dort geblieben sind.
Diese Zeit ist vorbei und kommt nicht wieder. Die Leistungsgesellschaft ist ein Auslaufmodell. Der Boom ist tot. Es gäbe also Anlass, jubelnd die Hände über den Kopf zu werfen, sich über neu gewonnene Freiheiten zu freuen und über die Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit. Es gäbe eine Chance zu ergreifen. Stattdessen werden Leistungswillige aus allen sozialen Schichten immer noch mit Versprechen vertröstet, die unsere Gesellschaft einfach nicht mehr halten kann. Ein wirklich wirksames Mittel gegen Rechtspopulismus wäre, endlich mit diesen unbequemen Lügen aufzuräumen. Warum gestehen wir nicht zu, dass sich alles geändert hat? Dass Arbeitsplätze knapp werden und ein Leistungsüberschuss besteht? Dass es heutzutage nicht einfach ist, als Alleinverdiener eine ganze Familie zu erhalten? Dass nicht jeder von uns ein eigenes Haus haben kann, und wenn wir uns noch so sehr bemühen? Dass Konsum sowieso nicht moralisch geboten, sondern vielmehr moralisch problematisch ist? Ein Umdenken würde eine große Last von den Schultern frustrierter Bürger nehmen; insbesondere von jungen Männern, die unter falschen Idealen fragwürdiger Geschlechterstereotype sozialisiert wurden.
„Mehr arbeiten, mehr konsumieren“ – das ist Vergangenheit. „Weniger arbeiten, weniger konsumieren“ – das ist die Zukunft. Nur wenn wir ein dezenteres Leben führen und unsere persönlichen Ziele wirklich individuelle Ziele sind, können wir zufrieden sein. Nur wenn wir weniger Ressourcen verbrauchen, können wir diese Welt erhalten und für mehr globale Gerechtigkeit sorgen. Dies ist der einzige Weg zu politischer und sozialer Stabilität.