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Veröffentlichung: Gottes Nachlass

Und wenn es der Abgrund der Welt sein würde, er läge ihr entblößt vor Augen, und es wäre der Höhepunkt ihres Lebens.

Era lebt in einer Holzhütte im Schatten der Berge. Sie gehören zu einem Gebirge, das die ganze Welt umschließt und für ihre Bewohner nicht zu überwinden ist. Die Länder innerhalb des Massivs sind gut erforscht, doch niemand weiß, was jenseits der Berge liegt. Keine der Minen, die man in den schwarzen Stein geschlagen hatte, ist bis zur anderen Seite durchgedrungen; und die meisten Menschen bezweifeln, dass das überhaupt möglich ist.

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Meine Geschichte Gottes Nachlass steht ab sofort als kostenloses E-Book zum Download zur Verfügung. Unten findet ihr Links zu den drei gebräuchlichsten Formaten. Da EPUB und MOBI von WordPress nicht unterstützt werden, habe ich die Dateien auf die Dropbox gestellt. Der Download ist ohne Anmeldung möglich. Weitere Informationen zu dieser Veröffentlichung gibt es hier.

Viel Spaß und liebe Grüße
Markus

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Blog und drittes Buch

Diesen Blog gibt es nun seit bald acht Jahren. In meinen Beiträgen beschäftige ich mich mit philosophischen und politischen Themen, beziehe eine klare Position zu kontroversen Themen und bemühe mich dabei stets um eine nachvollziehbare Argumentation. Meine persönlichen Erfahrungen, Gefühle und Befindlichkeiten lasse ich zumeist außen vor, und bewege mich auf einer recht sachlichen Ebene. Wenn ich um eine größere Reichweite bemüht wäre, müsste ich mir selbst raten, etwas mehr von mir preiszugeben. Allerdings bin ich ein recht zurückgezogener Mensch. Ich habe keine Profile in sozialen Netzwerken mehr und würde am liebsten nichts Privates über mein Leben im Internet finden. Es mag zunächst etwas seltsam wirken, dass ein Mensch mit einem solchen Bedürfnis nach Privatsphäre einen Blog betreibt, der die Erstellung eines extrem detaillierten politischen und ideologischen Profils ermöglicht. Aber ich vertrete diese Ansichten nur, sie sind kein Teil von mir. Ich habe nicht das Gefühl, eine sensible Information über meine Person offenzulegen, wenn ich darüber spreche, welche Argumente ich für vernünftig halte und welche nicht. Für mich gibt es, wenigstens in diesem Sinne, keinen bedeutsamen Unterschied zwischen Politik, Philosophie, Mathematik und anderen Wissenschaften. Eine Publikation in diesen Bereichen ist ein Produkt von Expertise und reiflicher Überlegung. Wenn man im Unrecht ist, dann kann man seine Ansichten revidieren, ohne dabei einen Teil von sich selbst aufgeben zu müssen. Bei persönlichen Erfahrungen und Gefühlen ist das naturgemäß anders. Um es (sehr frei) mit Goethe zu sagen: „Was ich glaube, darf jeder wissen. Mein Herz hab‘ ich allein.“
Da mir dieser Blog sehr viel bedeutet, möchte ich heute kurz erklären, warum es hier nur wenige neue Beiträge gibt. In den letzten Jahren werden Blogs zunehmend von Internetauftritten auf Twitter, Youtube und Instagram abgelöst. Mit den Grundprämissen und der Schnelllebigkeit dieser Formate konnte ich mich nie wirklich anfreunden. Natürlich steht es außer Frage, dass sie für die journalistische Arbeit und die Verfolgung des Tagesgeschehens deutlich besser geeignet sind. Texte mittlerer Länge, wie sie auf diesem Blog zu finden sind, verloren dadurch aber noch mehr von ihrer ohnehin geringen Reichweite. Ich bin kein Journalist, andere können diese wichtige Arbeit viel besser machen als ich. Die größte Freude habe ich an der intensiven Beschäftigung mit ausgewählten Themen und an der Arbeit an umfassenderen Projekten. Ich habe daher beschlossen, meine Energie in Zukunft in das Verfassen längerer Texte zu investieren. Das bedeutet nicht, dass hier auf dem Blog überhaupt keine Artikel mehr veröffentlicht werden; es wird auch weiterhin mit der gewohnten Seltenheit und Unregelmäßigkeit geschehen.

Anfang 2017 bin ich mit meinem dritten Buch Gottes Nachlass fertig geworden. Ich habe das Manuskript mehr als zehn Verlagen angeboten und – ganz normal für die Branche – nur von einem Bruchteil eine Antwort bekommen. Ich war auf der Suche nach jemandem, der sich um die Bewerbung und den Verkauf des Buches kümmert. Bei meinen ersten beiden Büchern hatte ich großes Glück, dieses Mal hat es leider nicht geklappt. Ich kann die Gründe gut verstehen und bin auch nicht länger enttäuscht deswegen. Die guten Neuigkeiten: Ich werde Gottes Nachlass kostenlos auf meinem Blog zur Verfügung stellen, und zwar in E-Book- und PDF-Formaten. Der Download wird in wenigen Wochen möglich sein.
Ich plane entsprechend meines oben erklärten Entschlusses weitere Projekte und habe vor, diesen Blog als Plattform für ihre Publikation zu nutzen. Ich schreibe gerne und habe über die Jahre immer mal wieder Mails von Menschen bekommen, die mir glaubhaft vermitteln konnten, dass ihnen meine Texte etwas bedeuten. Da käme es mir sinnlos vor, nur für die Schublade zu schreiben. Wem Bessarius und Molle und die Geschichten und Artikel in den Archiven dieses Blogs gefallen haben, dem empfehle ich also, öfters mal reinzuschauen oder einfach das E-Mail Abo abzuschließen; und ganz besonders empfehle ich natürlich Gottes Nachlass. 🙂

Bis bald und liebe Grüße
Markus

In 200 Jahren

Der melancholische und kritische Grundtenor meiner Texte verrät es nicht, aber ich blicke ausgesprochen optimistisch in die langfristige Zukunft. Wer denkt, dass die Welt sich insgesamt zum Schlechten entwickelt, liegt nachweislich falsch. Die Veränderung globaler Lebensverhältnisse seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist besonders erfreulich ([1], [2]). Die Anzahl der Menschen, die in extremer Armut leben, ist drastisch gesunken; die Anzahl jener, die Zugang zu Bildung und gesundheitlicher Versorgung haben, ist im selben Maße gestiegen. Diktaturen, autokratische politische Systeme und bewaffnete Konflikte haben im besagten Zeitraum weltweit abgenommen. Wer dem demokratischen Freiheitsverständnis, einer rasant steigenden Literalität und einer schwindenden Kindersterblichkeit etwas abgewinnen kann, der wird sich gemeinsam mit mir darüber freuen, dass die Welt in den letzten 200 Jahren ein schönerer Ort geworden ist.
In oben verlinkter Studie wurde erhoben, dass nur rund 10% der Schweden, 6% der US-Amerikaner und 4% der Deutschen über diese Tatsache Bescheid wissen. Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen, zu denen auch ein weitverbreiteter Pessimismus hinsichtlich der kurzfristigen Zukunft gehört. Die Lösung unserer dringendsten Probleme verlangt nach gewissen Voraussetzungen, die in der derzeitigen weltpolitischen Situation nicht gegeben sind. Manche Herausforderungen scheinen zu groß für die Menschheit, die den Perspektivenwechsel vom nationalen zum globalen Denken viel zu träge vollzieht und, wenn man den Reifegrad des gemeinschaftlichen Bewusstseins beurteilt, in mancher Hinsicht noch immer in den sprichwörtlichen Kinderschuhen steckt. Nachfolgende Generationen werden sich mit den Konsequenzen beschäftigen müssen.
Ich werde nun die spannende langfristige Perspektive der eingangs erwähnten Studie einnehmen und bestimmte Visionen für die Zukunft durch diese Brille hindurch beurteilen. Positiven Zukunftsvisionen haftet naturgemäß etwas Sozialromantisches und Naives an, aber das sehe ich nicht als Problem. Ich stelle sie den Visionen all jener Personen entgegen, dem Religionsfanatiker und dem Selbstzerstörer ebenso wie dem Routenschließer und dem Mauerbauer, die offenbar auch in 200 Jahren noch in einer Welt der Stacheldrähte und der isolierten Nationalstaaten leben wollen; in einer Welt, in der Prinzip und Dogma über den Menschen stehen. Die folgende Beschreibung ist vor allem präskriptiv zu verstehen. In erster Linie wünsche ich mir, dass es zu den entsprechenden Veränderungen kommt. Andererseits ist eine langfristige Zukunft der Menschheit, in der keiner der folgenden Punkte umgesetzt wurde, für mich höchstens als Dystopie denkbar. Ich sehe die politischen und sozialen Entwicklungen, die in der Studie untersucht und dargestellt werden, und führe sie in meiner Vorstellung weiter. Dann stellt sich mir nicht mehr die Frage, ob diese Veränderungen eintreffen werden, sondern nur wann:

1) Ausbau internationaler Beziehungen und Bedeutungsverlust nationaler Grenzen: In einer Welt globaler Handelsnetzwerke, globaler Migrationsbewegungen und globaler Herausforderungen ist die Isolation von Staaten und Staatenbündnissen nicht nur der falsche Weg, sie ist schlicht sinnlos. Wer etwa eine „Festung Europa“ errichtet und denkt, dass die Probleme vor der Haustüre für ihn dadurch verschwunden sind, der irrt. Die Beziehungen und daraus entstandenen Abhängigkeiten zwischen den weltpolitischen Akteuren sind dafür bereits viel zu stark ausgeprägt. Wir müssen endlich damit aufhören, diese wunderbare Chance als Problem zu begreifen. In jedem Falle ist es eine unleugbare Tatsache. Wer sich heute nicht als Weltbürger versteht, versteht die Welt nicht.
2) Ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Bürger: Die Arbeitswelt ist Veränderungen unterworfen. Aller Voraussicht nach werden stabile und funktionierende Gesellschaften irgendwann nicht mehr darauf angewiesen sein, dass ihre Bürger unfreiwillige Lohnarbeit verrichten. Spätestens dann, wenn diese Arbeit nicht mehr notwendig ist, muss sie zum Zwecke der Maximierung individueller Freiheit aus der Gesellschaft eliminiert werden. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine mögliche Lösung für dieses Problem. In 200 Jahren wird es keine Rolle mehr spielen, wenn jemand die körperliche oder psychische Kraft für Lohnarbeit nicht aufbringen kann. Das wichtigste Ziel einer guten Gesellschaft besteht meines Erachtens gerade darin, jedem seiner Mitglieder ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Bedingungslos.
3) Absolute soziale und politische Anerkennung von Geschlechtergerechtigkeit und LGBTQ+: Gewisse Diskussionen sind bereits heutzutage müßig und der Gedanke, dass sie in 200 Jahren immer noch geführt werden könnten, mutet geradezu absurd an. Debatten um die Anerkennung der Deutungshoheit aller Menschen über ihre eigene Identität und Person gehören auf jeden Fall in diese Kategorie. Selbst manche Politiker, die einer Gleichstellung kritisch gegenüberstehen, rechtfertigen sich immer wieder damit, dass die Gesellschaft wohl noch „nicht so weit“ sei (z.B. [3]); und implizieren also, dass auch sie wissen, dass es sich nur um eine Frage der Zeit handelt.
Generell wird sich der Umgang mit Menschen, die auf irgendeine Weise von der statistischen Norm abweichen, deutlich verbessern. Das betrifft auch die Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Religionen und Leuten, die aus fremden Ländern stammen. Grund für die Verbesserungen werden die Entwicklungen sein, die im ersten Punkt dieser Liste beschrieben wurden.
4) Abschaffung der Massentierhaltung: Es ist eine Sache, mit dem Blick auf die heutige Situation für eine scheinbare Notwendigkeit der industriellen Tierhaltung zu argumentieren. Dann wird über Arbeitsplätze und die steigende Nachfrage nach Tierprodukten gesprochen. Die langfristige Perspektive ermöglicht es uns, ganz andere Fragen zu stellen. Ich habe auf diesem Blog bereits öfters thematisiert, dass die industrielle Tierhaltung kein effizientes Modell zur Ernährung einer ständig wachsenden Weltbevölkerung ist. Hier stelle ich eine moralische Frage: Soll es in 200 Jahren wirklich immer noch industrielle Tötungsanlagen geben, in denen jährlich Milliarden und Abermilliarden Tiere ihr Ende finden?
Diese Frage ist deswegen so hilfreich, weil sie uns selbst von der Thematik distanziert. Wir sprechen über eine Zukunft, die uns nicht mehr betreffen wird. Ich denke, dass die meisten Menschen die obige Frage deshalb klar verneinen. Dies ist eine gute Voraussetzung für die notwendige gesellschaftliche Veränderung, die bereits begonnen hat. Im Übrigen sage ich nicht, dass am Ende dieses Prozesses eine vegane Weltbevölkerung steht und es nie wieder vorkommen wird, dass Tiere für Nahrung getötet werden. Das Schlachthaus als industrielle Tötungsanlage aber wird Geschichte sein; eines der dunklen Kapitel.

Die Zusammenstellung dieser Ziele und Visionen entspringt, wie erwähnt, meinen eigenen Wünschen für die Zukunft und orientiert sich demnach stark an jener Gesellschaft, in der ich selbst lebe. Ich sage nicht, dass diese Veränderungen überall auf der Welt auf exakt die gleiche Weise vonstattengehen werden, und ebenso wenig, dass es sich um einen stetigen Prozess ohne Rückschläge und Hindernisse handelt. Ich sage vielmehr, dass eine Fortsetzung der positiven Entwicklung globaler Lebensverhältnisse für mich nicht vorstellbar ist, wenn sie nicht von den beschriebenen Veränderungen begleitet wird. Es sind also auch Grundvoraussetzungen für eine konfliktfreie, nachhaltige Zukunft. Es sind vier Punkte, an die ich dabei zuerst gedacht habe, und die Baustellen, an denen wir meiner Ansicht nach arbeiten müssen. Über Ergänzungen freue ich mich natürlich.

Liebe Grüße
Mahiat

Arbeitsanreize

Die von ÖVP und FPÖ am gestrigen Mittwoch präsentierte Reform der Mindestsicherung hat zwei Ziele, die von Kurz und Strache besonders betont werden. Einerseits will man damit eine „Einwanderung ins Sozialsystem“ verhindern, andererseits sollen Anreize für den (Wieder-)Einstieg ins Erwerbsleben geschaffen werden. Diese seien im alten Modell nicht ausreichend gewährleistet, da manche Haushalte mit einem Gehalt insgesamt weniger Nettoeinkommen lukrieren könnten als mit den entsprechenden Sozialleistungen. Insbesondere gilt dies für größere Familien und für Menschen mit geringer beruflicher Qualifikation. „Wer arbeiten geht“, dürfe nicht „der Dumme sein“, meint Kurz im gestrigen ZiB2-Interview und stellt einen Vergleich zweier fünfköpfiger Familien an, die eine finanziert durch den Lohn eines Verkäufers und Leistungen wie die Familienbeihilfe, die andere zur Gänze durch Sozialleistungen wie die Mindestsicherung.
Kurz und Strache verteidigen ihre Reform durch ständige Verweise auf die Leistungsgerechtigkeit. Diese sei etwa im obigen Beispiel nicht gegeben und der Verkäufer müsse sich zu Recht fragen, wofür er eigentlich 40 Stunden die Woche arbeitet. Das wirkt natürlich ausgesprochen überzeugend. Selbstverständlich darf der, der arbeiten geht, in unserer Gesellschaft nicht der Dumme sein. Niemand würde hier widersprechen, und deswegen wird dieser Satz vom Kanzler auch bei jeder Gelegenheit wiederholt. Problematisch an dieser Rechtfertigung ist aber, dass sie keine Argumentation für die Maßnahmen der Regierung darstellt. Um nämlich die Differenz zwischen Sozialleistungen und Löhnen zu erhöhen, gibt es ganz offensichtlich mehrere Lösungen:

1) Gehälter heben: Das durchschnittliche Monatseinkommen in Österreich betrug im Jahr 2016 rund €2360 brutto ([1]). Geringer Qualifizierte finden oft nur in bestimmten Branchen wie dem Hotel- oder Gastgewerbe Arbeit und verdienen dort zum Teil €1500 brutto oder noch weniger. Das sind nicht einmal €1250 Netto im Monat. Niemand in Österreich sollte acht Stunden am Tag, 40 Stunden die Woche (oder mehr, siehe [2]) für unsere Gesellschaft leisten und dafür mit einem solchen Betrag abgespeist werden. Das ist ganz einfach zu wenig. Die Differenz zwischen Sozialleistungen und Löhnen ist zu gering? Vielleicht liegt es daran, dass es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die jeden Tag acht Stunden arbeiten gehen und trotzdem an der Armutsgrenze leben. Arbeitsanreize können auch dadurch geschaffen werden, dass das Gehalt für Berufstätige aller Branchen ein einigermaßen komfortables Leben ermöglicht, in dem man nicht jeden Cent zweimal umdrehen muss. Auch das ist Leistungsgerechtigkeit. Auch das kann „Arbeit muss sich wieder lohnen“ und „Wer arbeitet, darf nicht der Dumme sein“ bedeuten. Natürlich kann man stattdessen
2) Sozialleistungen senken: Das hat die Regierung vor, einerseits im Rahmen der gestern präsentierten Reform der Mindestsicherung, andererseits bei ihren Plänen zum geplanten „Arbeitsgeld Neu“, das uns nächstes Jahr erwartet. Wenn allerdings die niedrigsten Löhne und die Sozialleistungen beide gleichermaßen auf dem Niveau der Armutsgrenze liegen, ist eine Senkung der Sozialleistung zur Vergrößerung der Differenz gefährlicher Unsinn. Die absichtliche Förderung von Armut und prekären Verhältnissen in einem der reichsten Länder der Welt kann nichts anderes sein. Sie hat Auswirkungen auf die Integration, die Radikalisierungs- und Kriminalitätsraten und die Stabilität der Gesellschaft insgesamt. Durch diese Reform werden Menschen bewusst unter die Armutsgrenze gedrückt; darunter Großfamilien, Kinder, psychisch Kranke und Langzeitarbeitslose ohne Chance, irgendeinen Job zu finden. Manche dieser Personengruppen sind durch die Kürzungen besonders stark betroffen. Für Familien ist eine gestaffelte Deckelung vorgesehen, die die bisher erhaltenen Leistungen für mehrere Kinder deutlich reduziert. Personen ohne ausreichende Deutsch- oder Englischkenntnisse und ohne österreichischen Pflichtschulabschluss sollen in Zukunft €300 weniger bekommen, statt €863 nur €563 im Monat ([3]). Davon sind im Grunde ausschließlich Asylberechtigte betroffen, die bei Sozialleistungen nicht diskriminiert werden dürfen. Ob diese Unterscheidung nach Sprachkenntnissen und Schulabschluss verfassungsrechtlich halten wird, wird von Experten daher angezweifelt.

Neben diesen Kürzungen sind auch einige Verbesserungen geplant, etwa die Ausweitung der Zuverdienstgrenzen während des Mindestsicherungsbezugs und ein Bonus für behinderte Menschen. Die kolportierten Einsparungen durch die Reform betragen insgesamt lediglich 40. Mio Euro ([4]). Beides zeigt: Es geht nicht ums Geld. Es geht ums Prinzip. Es geht um die Verschlechterung der Lebensumstände bestimmter Bevölkerungsgruppen. Anstatt die Lage der Arbeitnehmerschaft zu verbessern und für mehr Stabilität in der Gesellschaft zu sorgen, verspricht man ihnen, dass andere es in Zukunft noch schwerer haben werden, als sie selbst. Das ist nicht das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit, das ist das Prinzip der sozialen Kälte.

Liebe Grüße
Mahiat

Konsumkritik und Armut

Auf Twitter gibt es eine interessante Blase von Usern, die sich gegen konsumkritische Strömungen richten. Die Argumentation betrifft den Minimalismus, den Veganismus, Zero Waste, Nachhaltigkeit und andere Bemühungen für einem ökologischen Lebensstil. Hier sind die wichtigsten Prämissen des Arguments:
1) Konsumfreiheit ist an finanzielles und kulturelles Kapital geknüpft.
2) Konsumfreiheit ist daher ein Privileg, von dem manche Menschen mehr, andere weniger und wieder andere gar nichts besitzen.
3) Vertreter konsumkritischer Bewegungen fordern Menschen dazu auf, Verantwortung für ihren Konsum zu übernehmen und ihn entsprechend anzupassen.
4) Nur wer ausreichend Konsumfreiheit besitzt, kann Verantwortung für seinen Konsum übernehmen.
Das Interessante an dieser Debatte ist, dass diese Prämissen allesamt korrekt sind. Es sind die Schlussfolgerungen, die den Einwand ausgesprochen problematisch machen:
S1) Konsumkritische Bewegungen sind ein Lifestyle für Wohlhabende.
S2) Wer dazu aufruft, Verantwortung für den eigenen Konsum zu übernehmen, diskriminiert arme Menschen.
S3) Konsumenten sind das letzte Glied der Kette. Sie haben gar keine Verantwortung. Zu ändern sind die Umstände nur von der Politik oder von den Konzernen selbst.
(Quellen: Hier, hier und hier)
Dass diese Schlussfolgerungen nicht aus oben genannten Prämissen folgen, ist offensichtlich. Im Folgenden fasse ich kurz zusammen, warum der Einwand insgesamt Unsinn ist.

Vernünftige Konsumkritik fordert Menschen auf, Gebrauch von ihrer Konsumfreiheit zu machen, soweit sie diese besitzen. Diese Aufforderung ist im Übrigen eine freundliche, und hat nicht immer nur das Wohl aller anderen im Sinn, sondern auch das des konsumierenden Individuums. Bestimmte Konsumformen schädigen bekanntlich nicht nur die Umwelt, sondern auch die eigene psychische und körperliche Gesundheit. Dieses Problem betrifft so gut wie jeden Menschen in unserer Gesellschaft, völlig unabhängig davon, ob er vergleichsweise reich ist oder deutlich unter der Armutsgrenze lebt. Manche von uns können aufgrund ihrer Verhältnisse bei ihren Ausgaben nur ihr eigenes Wohl berücksichtigen, und an sie ergeht durch die Konsumkritik absolut kein moralischer Vorwurf. S2 und S3 sprechen diesen Menschen allerdings die Freiheit und die Verantwortung für ihr Handeln ab, soweit es den Konsum betrifft, und degradieren sie zu unreifen, unaufgeklärten Individuen. Tatsächlich haben auch arme Menschen in Österreich ein gewisses Maß an Konsumfreiheit und tragen Verantwortung für ihre Einkäufe im selben Ausmaß, in dem sie auch für ihr restliches Handeln Verantwortung tragen. Die Umstände rechtfertigen es, dass sie ihr eigenes Wohl an vorderste Stelle setzen. Das ist ein bedeutender Unterschied.
Sprechen wir nun über eine andere Gruppe der Bevölkerung, nämlich über jene Mehrheit, die ein erhebliches Maß an Konsumfreiheit besitzt. Dies sind die Menschen, an die sich die Aufforderungen vernünftiger Konsumkritik vornehmlich richten und an die auch ein moralischer Vorwurf ergeht, wenn sie ihr eigenes Wohl an vorderste Stelle setzen, obwohl die Umstände es eben nicht rechtfertigen. Es handelt sich um eine kritische Masse, die bei einer Änderung ihres Konsumverhaltens in der Lage wäre, die wirtschaftlichen Bedingungen stark zu beeinflussen. Bewegungen wie der Veganismus zeigen bereits spürbare und sichtbare Auswirkungen. Diese Macht liegt in den Händen konsumierender Individuen. Mit ihr geht Verantwortung einher. Sie nicht zu nutzen und in einer demokratischen Gesellschaft auf eine plötzliche „Reform von oben“ durch Politiker und Konzerne zu warten, ist absolut verantwortungslos. S3 ist eine fadenscheinige Ausrede; sich in Standpunkte wie S1 und S2 zu flüchten, die aus den vernünftigen Positionen der Konsumkritik einen Strohmann machen, ist nichts anderes als ein Ausweg, um die eigene Verantwortung nicht wahrnehmen zu müssen.

Liebe Grüße
Mahiat

Der Satz vom Grund

Zurzeit beschäftige ich mich wieder intensiver mit dem kausalen Determinismus und der damit verbundenen Frage nach der Willensfreiheit. Hier auf dem Blog gibt es bereits zahlreiche Artikel zum Thema, die über die Suchfunktion gefunden werden können. Der heutige Text ergänzt meine bisherigen Ansichten um ein Detail, das mir erst kürzlich bewusst geworden ist, nämlich um die Verbindung des kausalen Determinismus mit dem principium rationis sufficientis; dem Satz vom Grund.

Die Aussage des kausalen Determinismus besteht darin, dass jedes vollständige System von Ursachen eine eindeutig bestimmte Auswirkung zur Folge hat. Ein vollständiges Ursachensystem ist etwa ein Zustand der Welt mit allen Gesetzen, die in ihr gelten. Nach deterministischer Auffassung ist der darauffolgende Weltzustand die notwendige Auswirkung des vorhergehenden. Demnach gibt es nur eine Möglichkeit für die Entwicklung des Universums und aller Geschehnisse in ihm, nur eine kausal mögliche Welt; jene, in der wir leben.
Der Satz vom Grund sagt nach Leibniz, dass

„[…] keine Tatsache als wahr oder existierend gelten kann und keine Aussage als richtig, ohne dass es einen zureichenden Grund dafür gibt, dass es so und nicht anders ist, obwohl uns diese Gründe meistens nicht bekannt sein mögen.“

Das Wort ‚zureichend‘ soll hier genau dasselbe wie ‚hinreichend‘ bedeuten. Sachverhalt A ist also ein zureichender Grund für Sachverhalt B, wenn das Vorhandensein von A notwendigerweise zum Zustandekommen von B führt. Die Aussage von Leibniz besteht dann darin, dass jede Tatsache in der Welt einen solchen Grund hat, der ihre Wahrheit notwendig machte.
Sowohl der kausale Determinismus als auch der Satz vom Grund sind metaphysische Prinzipien und entziehen sich daher einer empirischen Untersuchung. Ich vertrete die Ansicht des Determinismus und habe meine Auffassungen in Wir sind berechenbar argumentiert. Im Folgenden soll es allerdings nicht um eine Rechtfertigung des Determinismus oder des Satzes vom Grund gehen, sondern um einen Beweis der Tatsache, dass der Satz vom Grund den kausalen Determinismus logisch impliziert. Wir nehmen hierfür an, der kausale Determinismus sei falsch. Es folgt, dass es in unserer Welt ein vollständiges Ursachensystem S gibt, das mehrere mögliche Sachverhalte als Auswirkungen hat. Es komme nun ein bestimmter dieser möglichen Sachverhalte zustande, nennen wir ihn A. Offensichtlich hat S das Eintreten von A bewirkt und ist damit ein Grund von A. Allerdings ist S kein zureichender Grund von A, da S das Zustandekommen von A nicht notwendig machte; es hätte ja gemäß unserer Annahme auch noch andere Möglichkeiten gegeben. Nun ist S aber ein vollständiges Ursachensystem, es kann also keine anderen Gründe für A geben, die nicht schon Teil von S wären. Es folgt, dass kein zureichender Grund für den eingetretenen Sachverhalt A existiert und der Satz vom Grund daher falsch ist. Wir haben damit gezeigt: Ist der kausale Determinismus falsch, so auch der Satz vom Grund. Mittels Kontraposition folgt, dass der Satz vom Grund den kausalen Determinismus impliziert.
Ich habe auch darüber nachgedacht, ob zwischen den beiden Prinzipien sogar eine Äquivalenz besteht. Aus zwei Gründen habe ich diesen Gedanken wieder verworfen. Das erste Problem ist, dass der Satz vom Grund sich nicht nur auf die empirische Welt bezieht, sondern auch auf die logische. Er behauptet die Existenz von zureichenden Gründen für die Wahrheit jeglicher Aussagen. Natürlich könnte man den Satz vom Grund für diesen Zweck auf den empirischen Gegenstandsbereich beschränken, doch auch dann bleibt noch das zweite Problem, dass er im Gegensatz zum kausalen Determinismus nicht nur eine Aussage über den Weltverlauf, sondern auch über ihren Anfang und ihre Entstehung macht. Der kausale Determinismus würde es grundsätzlich erlauben, dass der allererste Weltzustand ohne Ursache und zureichenden Grund ist.

Abschließend möchte ich das Dilemma der Willensfreiheit, mit dem ich mich im verlinkten Artikel befasste, unter Berücksichtigung der obigen Ausführungen neu formulieren. Im Folgenden betrachten wir eine Wahl zwischen zwei Alternativen, die wir bewusst treffen. Man stelle sich etwas Belangloses vor: Ich gebe Ihnen die Zahlen 3 und 6 und Sie entscheiden sich, ob Sie die Zahlen addieren oder multiplizieren. Die meisten Menschen haben im Bezug auf solche Szenarien die folgenden beiden Intuitionen:

a) „Meine bewusste Entscheidung hat einen zureichenden Grund.“
b) „Vor meiner bewussten Entscheidung steht meine Wahl nicht fest.“

Als der zureichende Grund von bewussten Entscheidungen wird üblicherweise eben das angesehen, was man Wille nennt. So schwierig der Begriff der Willensfreiheit auch zu definieren ist: der Gedanke, dass unsere Handlungen ohne zureichenden Grund stattfinden, also teilweise oder sogar zur Gänze der Beliebigkeit oder dem Zufall unterworfen sind und damit erst recht nicht völlig in eigener Hand liegen, widerstrebt jedem Verständnis, das man von diesem Begriff nur haben kann. Wir zeigen nun aber, dass die Intuitionen a) und b) schlicht unvereinbar sind. Wenn nämlich die Intuition a) wahr ist und Ihre bewusste Entscheidung einen zureichenden Grund hat, so existiert also ein Sachverhalt, der gerade dazu führte, dass Ihre Entscheidung auf diese Weise ausfällt. Noch bevor Sie Ihre Wahl treffen, legt dieser Sachverhalt mit Notwendigkeit fest, wie Sie sich entscheiden werden; er ist ja der zureichende Grund dafür. Wenn es noch irgendeine andere Möglichkeit geben würde, wäre Ihre Entscheidung ohne zureichenden Grund. Dann aber wäre es bis zu einem gewissen Grade beliebig und zufällig, ja eben grundlos, dass Sie sich gerade so und nicht anders entscheiden.
Ist die Intuition a) wahr, so steht das Ergebnis Ihrer bewussten Entscheidung durch den zureichenden Grund schon fest, bevor Sie diese treffen. Die Intuition b) ist also falsch. Es folgt, dass a) und b) nicht beide wahr sein können. Wie im ursprünglichen Artikel bereits erwähnt, ist die aus den Sätzen a) und b) gebildete Intuition vom Begriff der Willensfreiheit eine fundamentale Basis für das Rechtssystem und für unsere Vorstellung von moralischer Verantwortung. In diesem Zusammenhang erscheint das oben beschriebene Dilemma besonders problematisch.

Liebe Grüße
Mahiat

Lernen ohne Noten

Die Ausbildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen in staatlichen Institutionen unterliegt Prinzipien und Strukturen, die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte im Wesentlichen unverändert geblieben sind. Unsere Gesellschaft trennt sich – allen pädagogischen und didaktischen Erkenntnissen und PISA-Studien zum Trotz – nur ungern von Traditionen und Gebräuchen. Das gilt insbesondere im konservativen Österreich und in diesem Falle umso mehr, da ja die meisten von uns in jungen Jahren im Rahmen dieses Bildungssystems erzogen worden sind und besagte Prinzipien als unzweifelhafte Dogmen mit der Muttermilch aufgesogen haben. Personenkritik ist hierzulande beliebter als Systemkritik, weshalb den Lehrkräften nur allzu gerne die Schuld für bestehende Probleme zugeschoben wird. Die Vorstellung einer Schule ohne Stundenplan, fixe Lernziele oder Noten liegt einem überwiegenden Teil der Bevölkerung hingegen fern. Bildungseinrichtungen, in denen derartige Konzepte umgesetzt werden, werden oftmals belächelt.
Noten sollen Kinder auf den Druck in unserer Leistungsgesellschaft vorbereiten, so ein Kernargument der Verteidiger traditioneller Bildungsstrukturen. Gleich zwei Punkte sind daran auszusetzen. Zum einen wird der Leistungsdruck bei dieser Argumentation vorausgesetzt und hingenommen, als wäre er eine unumstößliche soziale Tatsache. Vielmehr handelt es sich dabei um einen höchst problematischen Aspekt unseres Zusammenlebens, der sich eben gerade durch eine andere Erziehung lösen ließe. Zum anderen manifestiert sich im Ziffernnotensystem eine gnadenlose Quantifizierung des Erfolgs, die selbst in unserer Leistungsgesellschaft ihresgleichen sucht. In wenigen Berufen ist man dem Feedback durch Vorgesetzte in einem vergleichbaren Ausmaß ausgesetzt wie den regelmäßigen Zensuren in der Schule oder auf der Uni. Ohne derartige Rückmeldungen selbstverantwortlich zu arbeiten und dabei gute Leistung zu erbringen, das ist eine Kompetenz, die junge Menschen in unseren Bildungseinrichtungen definitiv nicht erwerben.
Wie Bildung und Erziehung von Kindern in Schulen idealerweise gestaltet werden soll, ist natürliche eine ausgesprochen schwierige Frage. Dass aber die Beurteilung mit Ziffern in den ersten Schuljahren in jedem Falle überflüssig ist, zeigt der internationale Vergleich. In Norwegen und anderen skandinavischen Ländern, die in den Bildungsstudien üblicherweise gute Ränge belegen, wird erst ab der achten Klasse benotet. Nichtsdestotrotz hat unsere frisch gewählte Bundesregierung vor, verpflichtende Zensuren auch für die Volksschule wieder einzuführen. Zu bemerken ist dabei, dass die Wahlfreiheit in dieser Angelegenheit für die Schulen erst seit 2016 bestand. Der Vorstoß seitens ÖVP und FPÖ hat, wie so manches in ihrem Regierungsprogramm, keinen vernünftigen Anlass.
Ein ausführliches Gespräch mit der Lehrkraft bietet im Regelfall eine differenziertere Rückmeldung über die Fortschritte des Kindes als eine banale Ziffer im Zeugnis. Was macht Noten also überhaupt attraktiv? Durch sie wird es einfacher, das eigene Kind in einen Vergleich zu stellen; zu den anderen Kindern, zu den Geschwistern, zu sich selbst. Der eingangs erwähnte Leistungsdruck hat uns an derartige Vergleiche gewöhnt, wir haben gar ein Bedürfnis nach ihnen entwickelt. Zensuren befriedigen es auf eine Weise, wie es eine inhaltliche Rückmeldung niemals könnte. Mit dem Notensystem leiten wir unsere Kinder ab ihrem sechsten Lebensjahr an, ebendieses Bedürfnis auszubilden und es mithilfe von guter Leistung zu befriedigen oder beim Versuch zu versagen. Das Bildungssystem ist, in seiner jetzigen Form, der Katalysator unserer pervertierten Leistungsgesellschaft.

Ich habe meine Rigorosen nun hinter mir und mittlerweile auch den Bescheid erhalten, dass ich alle Voraussetzungen für eine Promotion sub auspiciis praesidentis erfülle. Ich bin mit großem Erfolg durch eben jenes System gegangen, das ich hier so vehement kritisiere. Umso mehr ist es mir ein Anliegen zu betonen, dass ich heute nicht wegen, sondern trotz des auf Leistung ausgerichteten Bildungssystems Mathematiker bin. Der ständige Notendruck konnte mir, im Gegensatz zu tausenden anderen Jugendlichen in Österreich, meine Neugierde und die Freude am Lernen nicht nehmen. Dazu kamen einige hervorragende Lehrkräfte an meiner Schule und der Uni. Nichtsdestotrotz weiß ich, dass ich in einem anderen Bildungssystem besser gediehen wäre. Ich wäre nicht unbedingt leistungsfähiger gewesen, aber ich hätte mich wohler gefühlt. Dass sich mein Unbehagen in der Schule nicht auf meinen Lernerfolg auswirkte, war Glück für mich; unzählige andere haben dieses Glück nicht.

Liebe Grüße
Mahiat