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Taube

Ich drückte 40, drei Mal auf jeder Seite. Es brannte und schmerzte und tat gut in den Pausen, in denen ich durch das Fenster auf die Fassade des alten und schirchen Hochhauses auf der anderen Seite der Straße starrte. Dabei sah ich unter dem Balkon einer Wohnung in den unteren Stockwerken die Taube. Sie hatte sich in einem Netz verfangen und zappelte noch, hing kopfüber und versuchte, sich mit verzweifelten Flügelschlägen zu befreien. Frustriert machte ich meinen Satz fertig und ging zu den Hanteln.
Zehn Minuten später führte es mich wieder zurück in den Bereich, von dem aus das Hochhaus zu sehen war. Und in den Pausen musste ich aus dem Fenster sehen. Es ging nicht anders. Ich hoffte und wünschte mir, dass die Taube verschwunden war. Doch sie hing immer noch im Netz und bewegte und regte sich und kämpfte den Todeskampf. Ein Mensch hätte sie vom Balkon aus in wenigen Sekunden befreien können; vom Balkon irgendeiner Wohnung auf irgendeinem Stockwerk eines riesigen Hochhauses. So einfach, so aussichtslos. Ich packte rasch mein Zeug zusammen und verließ das Studio.
Der Eingang war auf der anderen Seite des Blocks. Als ich vor verschlossener Türe stand und überlegte, wo ich klingeln sollte, verließ eine Bewohnerin das Haus und ich trat hinter ihr ein. Eine Mamortreppe führte mich hinauf bis zu jenem Geschoß, das ich für das richtige hielt. Drei Wege verliefen von dort aus in verschiedene Richtungen, und ich irrte ohne Orientierung umher. Bei welcher Wohnung sollte ich läuten, was sollte ich sagen?
„Hallo, könnten Sie bitte nachsehen, ob auf Ihrem Balkon ein Vogel stirbt?“

Seither schaue ich der Taube beim langsamen Verwesen zu. Jedes Mal, wenn ich im Studio bin, ist sie dünner. Jedes Mal hängt sie noch tiefer durch das Netz. Ich muss aus dem Fenster sehen. Es geht nicht anders. Dabei bin ich mir sicher, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der um sie weiß. „Dumme Taube.“, denke ich mir dann. „Hätte ich dich doch nie gesehen.“

Schuld und Strafe

Die Weltanschauung des kausalen Determinismus und mit ihr verbundene Fragen aus den Bereichen der Metaphysik und der Moral waren auf meinem Blog schon häufig Thema, etwa hier oder hier. Die folgenden Texte sind Auszüge aus meinem Buch Wir sind berechenbar. Exemplare können beim Verlag und auch bei mir persönlich unter m.hittmeir@hotmail.com bestellt werden. S.49ff:

Jemanden der Ausübung von A schuldig zu erklären ist eine Bewertung seines Verhaltens aufgrund der Überzeugung, dass er A getan hat. Wir wollen uns hierbei der im Alltag üblichen Begriffsverwendung gemäß auf Fälle beschränken, in denen die Folgen von A oder A selbst von demjenigen, der das Verhalten bewertet, als verwerflich oder anderweitig negativ beurteilt werden. Unterschiedlichste juristische oder soziale Aspekte können die Basis der Erklärung der Schuld einer Person sein. So muss damit etwa nicht unbedingt etwas anderes als das bloße Feststellen der Tatsache gemeint sein, dass A von ihr verübt wurde. Diese Bewertung wollen wir im Weiteren eine faktische Schuldzuweisung nennen. Oft aber geschieht die Diskussion der Schuld unter Bezugnahme auf die Zurechnungsfähigkeit des Täters und auf sein Bewusstsein für die Folgen der Handlung. Daraus entwickeln sich etwa Vorwürfe der Fahrlässigkeit, Ignoranz, Faulheit oder der Absicht, die an den Getadelten selbst gerichtet werden. Was ist nun der Kern derartiger Anklagen? Es ist die Auffassung, dass der Angeklagte in der entsprechenden Situation anders fühlen, denken oder handeln hätte sollen, dass er vorsichtiger sein, sich informieren oder eben etwas anderes wollen, dieses nicht so stark wollen oder erst gar nicht ein derartiges Bedürfnis haben hätte sollen. Die Anklage ist also moralischer Natur und von der Form: ‚Ich werfe dir vor, dass deine physische und psychische Konstitution in der entsprechenden Situation so war, wie sie gewesen ist. Sie hätte anders sein sollen.’ Eine derartige Bewertung des Verhaltens werden wir daher im Weiteren als eine moralische Schuldzuweisung bezeichnen.
Nun ist der größte Unterschied zwischen der faktischen und der moralischen Schuldzuweisung jener, dass die faktische nicht automatisch mit irgendeinem Vorwurf einhergehen muss, hingegen die Essenz der moralischen die Feststellung ist, dass der Täter anders hätte sein sollen. Es fällt unschwer zu erkennen, dass diese Klage die Unterstellung impliziert, dass er auch tatsächlich anders hätte sein können. Nach allem, was wir bisher unter dem Gesichtspunkt des kausalen Determinismus besprochen und argumentiert haben, ist das aber nicht möglich. Ein Mensch muss zu einem gegebenen Zeitpunkt etwas Bestimmtes denken, fühlen und tun, etwas Bestimmtes sein; er kann nicht anders. Dadurch werden moralische Vorwürfe obsolet und eine Bewertung der Tat, wie sie die moralische Schuldzuweisung darstellt, entbehrt jeder vernünftigen Grundlage.
[…]
Wenn man dem Angeklagten gemäß dem letzten Kapitel keine moralische Schuld zuweist und die Tat als notwendige Folge der kausalen Verwicklungen begreift, die das Leben dieses Menschen bestimmen, sind natürlich dennoch Konsequenzen aus dem Geschehnis zu ziehen. Und auch allein durch ihre Androhung kann mit einer Strafe ein sinnvoller Zweck beabsichtigt werden. Eine wünschenswerte Wirkung der Existenz einer Strafe ist etwa ihr abschreckender Charakter, der manche Menschen so sehr beeindruckt, dass sie gerade deswegen ein in Erwägung gezogenes Verbrechen nicht begehen. Außerdem setzt man dadurch, dass man eine Tat unter Strafe stellt, ein symbolisches Zeichen und fördert das moralische Bewusstsein der Gesellschaft für entsprechende Probleme, die damit zusammenhängen. Eine wünschenswerte Wirkung der Exekution einer Strafe ist der Schutz der Allgemeinheit, der etwa im Falle einer Inhaftierung gewährleistet wird, wenn befürchtet werden muss, dass der Täter potentiell gefährlich für sich oder für andere ist. Im Rahmen des Strafvollzuges soll nach Möglichkeit angestrebt werden, die Ursachen der begangenen Taten aufzuarbeiten und eine Resozialisierung zu erreichen.
[…]
Für manchen, der mit der Ablehnung des Racheprinzips nicht konform geht, mag dies nicht mehr als der Vorschlag eines hoffnungslosen Romantikers sein. Doch Leid ist nur insofern kausal sinnvoll, als es eben zur Einsicht führen soll und daher sowieso immanenter Bestandteil einer vernünftigen, den obigen Zwecken entsprechenden Strafe ist. Diese geht nämlich, weil sie ja das bisherige Verhalten unterbinden will, stets mit einem als je nach Ausmaß mehr oder weniger empfindlich empfundenen Schaden einher, mit einem Zwang oder mit dem Verlust einer Freiheit. Leiden darüber hinaus zu befördern heißt, der Strafe eine sinnlose und moralisch verwerfliche Komponente hinzuzufügen, ja manchmal gar den Grundstein für weitere Verbrechen zu legen, die ein Mensch nach Ende des Vollzuges begeht. Es bedeutet, selbst zur unethischen, verbrecherischen Kraft zu werden, was den gesamten juristischen Grundgedanken ad absurdum führt.

Wie früher

„Wirtschaftswachstum ist die oberste Maxime. Die Wirtschaft muss entfesselt und angekurbelt werden. Geht es der Wirtschaft gut, geht es uns allen gut. Und Leistung muss sich endlich wieder lohnen. Wer sich bemüht, kann alles schaffen.“
Make America Great Again – das ist die politische Werbung der Gegenwart, die uns an das letzte Jahrhundert erinnern soll. Wir denken dabei an große Einfamilienhäuser, an drei Autos und vier Kinder, an Konjunktur und Boom. Der Mann war der Ernährer, die Frau kümmerte sich um den Nachwuchs. Leistung war stark nachgefragt und Konsum moralisch geboten. Es war eine Zeit, in der die Welt für Otto Normalbürger sicherer und stabiler schien als heute; eine Zeit, in der die Konsequenzen des Turbokapitalismus für ihn unsichtbar waren, in der die Menschen aus der „dritten Welt“ auch dort geblieben sind.
Diese Zeit ist vorbei und kommt nicht wieder. Die Leistungsgesellschaft ist ein Auslaufmodell. Der Boom ist tot. Es gäbe also Anlass, jubelnd die Hände über den Kopf zu werfen, sich über neu gewonnene Freiheiten zu freuen und über die Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit. Es gäbe eine Chance zu ergreifen. Stattdessen werden Leistungswillige aus allen sozialen Schichten immer noch mit Versprechen vertröstet, die unsere Gesellschaft einfach nicht mehr halten kann. Ein wirklich wirksames Mittel gegen Rechtspopulismus wäre, endlich mit diesen unbequemen Lügen aufzuräumen. Warum gestehen wir nicht zu, dass sich alles geändert hat? Dass Arbeitsplätze knapp werden und ein Leistungsüberschuss besteht? Dass es heutzutage nicht einfach ist, als Alleinverdiener eine ganze Familie zu erhalten? Dass nicht jeder von uns ein eigenes Haus haben kann, und wenn wir uns noch so sehr bemühen? Dass Konsum sowieso nicht moralisch geboten, sondern vielmehr moralisch problematisch ist? Ein Umdenken würde eine große Last von den Schultern frustrierter Bürger nehmen; insbesondere von jungen Männern, die unter falschen Idealen fragwürdiger Geschlechterstereotype sozialisiert wurden.
„Mehr arbeiten, mehr konsumieren“ – das ist Vergangenheit. „Weniger arbeiten, weniger konsumieren“ – das ist die Zukunft. Nur wenn wir ein dezenteres Leben führen und unsere persönlichen Ziele wirklich individuelle Ziele sind, können wir zufrieden sein. Nur wenn wir weniger Ressourcen verbrauchen, können wir diese Welt erhalten und für mehr globale Gerechtigkeit sorgen. Dies ist der einzige Weg zu politischer und sozialer Stabilität.

Annus horribilis

2016 war kein gutes Jahr der Weltpolitik. Es hat nicht gut begonnen und wird offenbar nicht gut enden. Wir sollten uns die positiven Momente in Erinnerung rufen, denn auch von diesen hat es einige gegeben. Und wer im Weltgeschehen nicht fündig wird, so doch vielleicht bei dem Gedanken an seine persönlichen Erlebnisse.
Das Fest am Jahresende ist eine Gelegenheit, an die Bedürfnisse anderer zu denken. Wer Not leidet und Hilfe benötigt, der soll sie auch bekommen. Alle Ereignisse und Entscheidungen dieses Jahres dürfen und können nicht an dieser unumstößlichen Überzeugung rütteln. In solchen Zeiten ist jeder Euro für ein Verlegenheitsgeschenk als Spende für Mensch oder Tier gewiss besser aufgehoben.

Ich wünsche euch schöne Feiertage und uns allen ein friedliches 2017.

Hofer, Trump und Brexit

Österreich ist ein lebenswertes Land. Im internationalen Vergleich zumindest besteht daran überhaupt kein Zweifel. Laut SIPRI-Bericht (2015) ist es eines der sichersten und friedlichsten Länder der Erde. Österreich gehört darüber hinaus auch zu den reichsten Staaten, und die Arbeitslosenquote ist trotz Krise immer noch eine der niedrigsten in Europa. Wien ist seit mehreren Jahren die Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit. Der Lebensstandard steigt auch in anderen Industriestaaten beständig; zumindest, wenn er an solchen harten Zahlen gemessen wird.

Man müsste eigentlich meinen, dass es Demagogen heutzutage besonders schwer hätten. Wie will man ein Volk ängstigen, das in weitgehender wirtschaftlicher Stabilität und in Sicherheit lebt und das die großartigen rechtlichen Errungenschaften der Aufklärung genießt? Tatsächlich ist die Demagogie das politische Rezept unserer Zeit, und sie gelingt vielleicht besser, als jemals zuvor. Die oben genannten Fakten sind nämlich in diesem Zusammenhang völlig bedeutungslos, es ist der subjektiv empfundene Lebensstandard, der die Menschen in ihrer Wahlentscheidung beeinflusst. Die subjektiven Empfindungen der Bürger aber sind nicht an objektive Maßstäbe gebunden. Sie sind vielmehr das Spielzeug der Aufwiegler, der Gegenstand ihrer begnadeten Manipulationen. Man halte sich die folgenden statistischen Tatsachen vor Augen:

  1. Die überwiegende Mehrheit der Wähler Hofers ist nicht von Armut betroffen.
  2. Die überwiegende Mehrheit der Wähler Hofers ist nicht von Arbeitslosigkeit betroffen.
  3. Die überwiegende Mehrheit der Wähler Hofers war noch nie Opfer eines Verbrechens.

Die überwiegende Mehrheit der Wähler Norbert Hofers lebt unter zufriedenstellenden Umständen und würde dies vielleicht auch gar nicht bestreiten. Ihre Wahlmotivation liegt vielmehr in der Angst, dass sich daran in Zukunft etwas ändern könnte. Die Arbeitslosigkeit in Österreich ist, wie erwähnt, niedrig im internationalen Vergleich; aber sie steigt. Die Situation am Arbeitsmarkt ist schwieriger geworden. Manchen der Ängste liegen also vernünftige Bedenken zugrunde, andere hingegen werden durch die intensive Negativberichterstattung in den Medien künstlich erzeugt und befeuert. Demagogen machen hierbei keinen Unterschied. Sie greifen alle Sorgen dankbar auf, nähren sie, denken sich neue aus. Kein Wähler ist ihnen lieber als der, der sich zu Tode fürchtet.
Während der Aufwiegler sich zurücklehnt und zusieht, wie seine widerliche Saat aufgeht, arbeiten jene, die er „Systempolitiker“ schimpft, an Lösungen für die Probleme. Wie alle arbeitenden Menschen erzielen sie dabei Erfolge und begehen andererseits auch Fehler. Das Rezept der Demagogie verbietet aber natürlich eine derartig differenzierte Betrachtung der politischen Leistung des Gegners. Das Volk soll hingegen glauben, dass diese Menschen Schuld an der Entstehung der Probleme sind, ja dass es ohne sie überhaupt keine Schwierigkeiten geben würde. Dabei sind etwa die Ursachen der steigenden Arbeitslosigkeit in erster Linie in Faktoren wie der Finanzkrise, der zunehmenden Automatisierung oder dem gesellschaftlichen Wandel zu suchen. Trump, Hofer, Farage und Konsorten, sie alle profitieren von solchen Krisen. Während andere mit ihnen kämpfen und unter ihren Auswirkungen leiden, nutzten sie sie für ihren persönlichen Vorteil. Ohne Krise haben sie keine politische Zukunft.

Österreich ist ein lebenswertes Land, aber wir stecken in schwierigen Zeiten. Der Brexit und Trumps Wahl zeigten in aller Deutlichkeit, dass die Menschen dem Establishment die uneingeschränkte Schuld geben und dass sie sich daher nichts mehr als irgendeine Veränderung wünschen. Jeder Preis scheint dafür recht zu sein. Offenbar müssen wir wieder einmal daran erinnert werden, dass nicht jede Veränderung eine Verbesserung darstellt. Den westlichen Demokratien steht jedenfalls eine harte Bewährungsprobe bevor, und es liegt in unserer gesellschaftlichen Verantwortung, den regierenden Agitatoren stets die Grenze aufzuweisen und zu protestieren, sobald sie rote Linien übertreten.

Liebe Grüße
Mahiat

Es

Das Licht fällt in mich ein
und weckt Es auf.
Es wird warm in mir, und heißer,
mit jeder Sekunde.
Feucht sind die Hände und eiskalt
die Füße.
Bald fallen sie ab.
Und das Herz rast
zum ersten Mal.

Ich schließe die Augen. Mein
stiller, schwarzer, einsamer Raum,
ist nichts von alledem.
Es ist da und
schreit mich an.
Ich öffne die Augen. Es
macht mir Angst und ist alles,
das mir Angst macht
auf dieser Welt.

Es jagt mich durch die Hölle,
die ein Himmel wär‘
für andere,
Es ist’s, das den schönsten Himmel
für mich zur Hölle macht.
Es lebt in mir.
Und wenn Es schläft, starre ich
in die Luft und
falle ab.

Vegan? Vegan!

Neulich fand ich beim Fleisch im Kühlregal veganes Grillgut. Darüber wäre ich nicht verwundert gewesen, hätte ich mich nicht in der kleinen Stadt Höfn im Osten Islands befunden, 459 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Reykjavík und, selbst nach niedrigen österreichischen Maßstäben, irgendwo im Nirgendwo.
Schauplatzwechsel: Ein kleines, zufällig ausgewähltes Kafeehaus in einer österreichischen Bezirkshauptstadt. Sojamilch gibt es mittlerweile (fast) überall. Hier aber bietet man ein veganes Eis, ein veganes Panini und ein veganes Frühstück an.
Wer in letzter Zeit öfters mal den Fernseher eingeschaltet hat, hat vielleicht die Werbung von VegaVita gehört, in der animierte Tiere ein kleines Liedchen trällern:
„We are no food, we all have feelings, […]
Just a vegan day a week, for you and me.“

In größeren Städten eröffnen zahlreiche Restaurants mit vegetarischem und veganem Angebot. Mancherorts finden sich auf der Karte gar keine Speisen tierischen Ursprungs mehr. „Das ist ein Lifestyle von Wohlstandsverwahrlosten, die an einer Hand abzuzählen sind.“, so eine Reaktion auf diese Erfahrungen, die nicht nur die meinen sind. „Das ist ein Trend, der wieder vorübergeht.“ Der Wirtschaft indessen ist es einerlei, von welchen Emotionen und Urteilen solche Entwicklungen begleitet werden. Nach dem heiligen Gesetz der Ökonomie bestimmt die Nachfrage das Angebot. Wenn also die Anzahl und Vielfalt der angebotenen vegetarischen und veganen Produkte rasant ansteigt, welchen sachlichen Schluss können wir daraus ziehen? Genau.
Der Sektor boomt. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten interessieren sich aus unterschiedlichsten Gründen für Güter, die unter der Vermeidung von Tierleid produziert wurden. Längst ist die Ernährung nur noch ein betroffener Konsumbereich unter vielen anderen. Vegane Produkte finden sich auch bei den Kosmetika, bei den Hygieneartikeln, bei der Kleidung. Manche kaufen diese Waren und verwenden sie, obwohl sie sich selbst nicht als Veganer bezeichnen würden, manche kaufen sie gar nicht für sich selbst, sondern für Familienmitglieder oder Freunde. Welche Ursachen es auch dafür geben mag, Fakt ist: Das Angebot ist da, die Nachfrage ist da. Und die Diskussion um die Gründe für dieses veränderte Konsumverhalten drängt in das gesellschaftliche Bewusstsein, verschafft sich den Platz, der ihr zusteht, wird mit jedem Tag lauter und lauter.
Mich begleitet diese Debatte seit mehreren Jahren. Ich habe sie auf unterschiedlichen Ebenen beobachtet oder selbst geführt; vom Stammtischniveau in der Kommentarzeile unter einem Boulevardartikel über vegane Eltern, die ihr Kind fast verhungern ließen, bis hin zu philosophischen Streitgesprächen darüber, ob Utilitarismus eine geeignete Grundlegung für Tierrechte ist, oder nicht. Meiner Beobachtung nach gliedert sich die Begründung der veganen Lebensweise in drei Zugänge:
1) Gesundheit
2) Ökologie
3) Tierrechte
Die ökologischen Auswirkungen der Nutztierhaltung sind relativ unstrittig. Es ist kein Geheimnis, dass ein aus Mitteleuropa stammender Mensch seinen immensen ökologischen Fußabdruck durch den Fleischverzicht stark reduzieren kann. Gleichzeitig gibt es wohl wenig vergleichbar einfache Schritte, die so effektiv sind. Was den Aspekt der Tierrechte betrifft, so habe ich mich damit in verschiedenen Artikeln beschäftigt, etwa hier, hier oder hier. Ich kenne keine einzige politische, gesellschaftliche oder philosophische Debatte, in der die Kraft der Argumente derart ungleich verteilt ist, wie in dieser. Es gibt eine Vielzahl an Begründungen dafür, dass Fleischkonsum nicht verträglich mit den Konventionen unserer gesellschaftlichen Moral ist, es gibt unzählige Philosophen und Autoren, die mit verschiedensten, längst nicht mehr überblickbaren Zugängen die Verwerflichkeit dieses Konsums erklären, es gibt endlos Literatur, Artikel und Bücher. In all den Jahren ist mir nicht ein einziger ernstzunehmender Autor untergekommen, der diesen Positionen irgendetwas Vernünftiges entgegenzusetzen hätte. Natürlich: Tierrechtler diskutieren mit Tierrechtlern über den besseren Ansatz, Vegetarier mit Veganern, Veganer mit Vegetariern. Und doch gibt es meiner Kenntnis nach keine Kritik, die es auch nur ansatzweise vermag, die gemeinsamen tierrechtlichen Grundsätze all dieser Bewegungen in Zweifel zu ziehen. Ich bin im Übrigen dankbar für jeden Hinweis, der mich eines Besseren belehrt.
Entsprechend der überwältigenden Einseitigkeit der Debatte hinsichtlich der ökologischen und tierrechtlichen Aspekte konzentriert sich die mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit vornehmlich auf die Frage, ob die tierproduktsfreien Ernährungsweisen ihren Anspruch erfüllen, gesund zu sein. Da diese Frage im Bezug auf vegetarische Ernährung unter Wissenschaftlern und Ärzten gemeinhin als geklärt gilt, steht insbesondere der Veganismus im Zentrum. Und da es angesichts der empirischen Gegenbeweise immer seltsamer wirkt, die Eignung veganer Ernährung für gesunde erwachsene Menschen in Abrede zu stellen, spricht man halt über die Eignung für Schwangere; oder für Kinder; oder für Hunde; oder für Katzen. Es sind Scheindebatten, die von den ökologischen Aspekten ablenken und dafür sorgen, dass die Diskussion um Tierrechte nicht in die Mitte der Gesellschaft vordringt. Sie sind dafür verantwortlich, dass es Menschen gibt, die Veganismus für einen gefährlichen „Trend“ von „Wohlstandsverwahrlosten“ halten, weil sie gar nicht wissen, welche politischen Forderungen damit eigentlich zusammenhängen.

Nicht jeder, der ein Bewusstsein für die Problematik des Konsums tierischer Waren entwickelt hat, pflegt einen konsequenten Lebensstil und würde sich selbst als Vegetarier oder Veganer bezeichnen. Es muss aber unser gemeinsames Ziel sein, alle diese Menschen hinter bestimmten politischen Forderungen zu vereinen und dem Label des Veganismus zu einem neuen Image in der öffentlichen Wahrnehmung zu verhelfen. Er soll nicht länger ein Kuriosum und eine rein persönliche Angelegenheit sein, der etwas Eingenähtes anhaftet, sondern endlich das Politikum werden, das er der Sache nach von Anfang an gewesen ist; als Begleiter der Tierrechtsbewegung im Kampf gegen Massentierhaltung und Tierversuche, als Unterstützer der Umweltbewegung im Kampf für eine Zukunft. Nur durch eine Veränderung unseres Konsums ist die Verwirklichung dieser Bemühungen überhaupt möglich. Wer auch immer also diesem Gedanken offen und freundlich gegenübersteht, soll uns herzlich willkommen sein.
Veganismus ist eine Idee von einer besseren Welt. Wir haben Forderungen. Wir haben vernünftige Argumente. Und die Wirtschaft, der Spiegel gesellschaftlicher Interessen, bestätigt uns: Wir haben die Zahlen. Veganismus ist kein Trend, und wir verschwinden nie wieder.

Liebe Grüße
Mahiat