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Minen und Blumenwiesen

Hier sind zwei kurze Auszüge aus meiner Geschichte Gottes Nachlass, die als kostenloses E-Book verfügbar ist:

[…] Die Kundigen unter den Reisenden hatten umfangreiche Karten erstellt, und zu der Zeit, zu der Era lebte, waren beinahe alle Bereiche der Welt entdeckt worden. Die bunten Wiesen ihrer Mitte, die Mischwälder, die Wüsten und Seen, sie alle waren ringsherum umschlossen von den grünbraunen Ebenen des äußersten Randes, und diese wiederum waren umschlossen von einer lückenlosen Bergkette. Kein Mensch wusste, was oder ob überhaupt etwas hinter den Bergen lag, und so galten die Minenschächte, die in sie hineinführten, als das Ende der Welt. Jahrhundertelang hatte man immer tiefer und tiefer gegraben, getrieben von der Gier nach Schätzen zum einen, zum anderen von der Hoffnung, irgendwann einmal durch den Stein zu stoßen und die Sonne zu sehen. Doch in der Tiefe fand man keine Rohstoffe mehr, und so hatte man jeden dieser Versuche wieder aufgegeben. Als Era lebte, glaubte kaum noch jemand daran, dass es überhaupt möglich war, sich durch den Berg zu graben. Wer davon überzeugt war, galt als absonderlich. Wer es versuchte, galt als völlig verrückt. Doch Era wusste, dass es nicht verrückt war. An wolkenlosen, klaren Tagen konnte sie ihre Vorhänge öffnen, aus dem Fenster sehen und die Spitzen der kleinsten Berge in das Blau des Himmels ragen sehen. ‚Wenn ich nur jetzt, in diesem Moment, dort oben stehen würde, dann könnte ich es sehen. Ich könnte alles sehen.‘, dachte sie sich.  Sie wusste nicht, was sie sehen würde. Aber sie wusste, dass sie irgendetwas sehen müsste; irgendetwas, das hinter diesen Bergen lag; irgendetwas, von dem alle Welt glaubte, dass es gar nicht da sein könnte. Und wenn es der Abgrund der Welt sein würde, er läge ihr entblößt vor Augen, und es wäre der Höhepunkt ihres Lebens.

[…]

Unter den Linden ferner Wälder liegt buntes Laub, und der Wurm kriecht über seine Würmchen. Blatt, Stock, Stein und Erde vermengen sich mit den schweren Regentropfen, die aus der dicken Wolkendecke auf das Land donnern. Ein Riss im Himmel, ein Sonnenstrahl taucht die feuchte Luft in die Farben des Regenbogens. Nun kriecht kein Wesen mehr durch den Staub, und das Laub vermengt sich nicht länger mit der Erde. In der Hitze beginnt es langsam, sich zu erheben. Es wird hinauf in die hohen Lüfte getragen, weit fort vom stürmenden Wind, und wird getrocknet vom heißen Licht. Es fliegt durchs ganze Land, hinaus aus dem Walde und über die kargen Ebenen, vorbei an den Hütten und dem Berge entgegen. Dort trägt es sich an der nackten Steinwand hoch, in einem Kreisel, ein Windturm aus kreiselndem Laub, der bis zu den Gipfeln der kleinsten Berge reicht; und eine letzte Böe treibt die Blätter über sie hinweg.

Schlag um Schlag ließ Era den Stein bersten. Die Arbeit mit der Hacke war anstrengend und umso mühseliger für sie, die daran nicht gewöhnt war. An ihren Händen hatten sich schon nach kurzer Zeit Blasen gebildet, und mittlerweile blutete sie in das feuchte Holz des Stieles. Schlag um Schlag ließ Era den Stein bersten und fühlte den Schmerz. Es war zutiefst befriedigend.
„Du arbeitest hart!“, hörte Era einen der Männer zu ihr sagen, der nicht unweit von ihr stand. Sie hatte seinen Namen vergessen.
„Du auch“, gab sie zurück.
Und darauf folgte minutenlange Stille, einzig durchbrochen vom ständigen „Klack“ der Hacken, die auf den Stein schlugen. Irgendwann schrie jemand „Pause!“, und Era legte ihr Werkzeug beiseite und setzte sich zu den anderen, um etwas zu essen.
„Heute is‘ nix los“, sagte der Mann, der vorhin zu Era gesprochen hatte, in die Runde. „Ich find‘ heute nix.“
„Ich auch nicht“, meinte ein anderer ihm gegenüber. „Aber der Sommer insgesamt war gut.“
„Das will ich auch hoffen“, meldete sich ein Dritter. „Wir haben ja nichts anderes gemacht, haben keine Sonne gesehen in all den Tagen.“
„Die Sonne ist hier auch nicht gerade oft zu sehen“, sagte Fux.
„Ich will hier nicht mehr lange bleiben. Wenn ich fliegen könnte, wäre ich in wenigen Stunden zuhause. Ein Vogel müsste man sein“, sprach der Erste wieder.
„Vögel gibt es nicht!“, schallte es aus aller Munde.
Und dann war wieder Stille. Era konnte die Männer schmatzen hören. Im Licht der Lampen warf ein jeder von ihnen mehrere lange Schatten.
„Kennt jemand einen Witz?“, wollte Era wissen.
„Einen Witz?“, fragte Fux nachdenklich.
„Ja, einen Witz. Hab‘ schon lange nicht mehr gelacht“, sagte einer der Männer, der bis jetzt geschwiegen hatte.
Und wieder war es ruhig. Offenbar kannte niemand einen Witz.
„Würdest du erzählen, wie es dort so ist, wo du herkommst?“, sagte Era nach einer Weile und richtete ihre Frage an den Mann, der vorhin von seiner Heimat gesprochen hatte.
„Daheim ist immer schönes Wetter“, begann er freudig zu erzählen, „Und im Frühling stehen die Bäume in voller Blüte. Ich lebe in einer kleinen Hütte im Wald und bin trotzdem nicht allein. Habe dort viele Nachbarn. Und Tiere gibt es auch, Rehe und Füchse und Hasen, überall. Hier habe ich noch kein einziges Tier gesehen, seit ich angekommen bin.“
„Und jagt ihr die Tiere?“, erkundigte sich Era.
„Jagen?“, antwortete der Mann verdutzt. „Nein, wir jagen sie nicht.“
Und erneut war es still geworden. Als sich Era gerade wunderte, wann sie zuletzt die Gesprächigste in einer Runde von Leuten gewesen war, begann ein anderer zu reden.
„Bei mir daheim ist es ganz anders. Ich kenne Bäume nur aus der Ferne. Ich lebe im Flachland und bin gewohnt an Blumenwiesen und an Seen und Flüsse. Mein Herz hängt daran und ich bin froh, wieder von hier fort zu gehen.“
„Dann kommst du aus der Mitte der Welt?“, fragte Era ihn.
„So ist es“, antwortete er, und fügte leise hinzu: „Und die Leute dort sind viel netter, als hier.“
„Die haben ja auch gar keinen Grund, nicht nett zu sein“, grummelte Fux. Einige der Männer schmunzelten.
„Ich schlage vor, dass wir uns wieder an die Arbeit machen. Die Ausbeute ist mager bis jetzt“, sprach kurz darauf jener Mann, der gern ein Vogel wäre. Und alle nickten zustimmend und verschlangen die letzten Bissen.

Wachstum und Zerfall

Viele Mitglieder der Generationen Y und Z sind mit der Vorstellung groß geworden, dass Leistung, Mühe und harte Arbeit von der Gesellschaft angemessen entlohnt werden. Unsere Wirtschaft muss ständig wachsen und ist von unser aller Arbeitskraft, Produktivität und Konsumfreude abhängig. Das altertümliche Märchen der Leistungsgerechtigkeit durchzieht Erziehung, Schule, Kultur und ist das wichtigste Narrativ konservativer Wirtschaftsparteien. Doch es ist eine absurde und unehrliche Erzählung, und je instabiler die Wirtschaft und die Gesellschaft werden, desto gefährdeter ist sie, aufzufliegen.
Die Lebensqualität in Österreich ist ungemein hoch. Einige Menschen leisten durch ihre Arbeit einen ganz unmittelbaren Beitrag dazu, dass das Zusammenleben in diesem Land derart reibungslos abläuft. Diese Dienstleistungen zeichnen sich durch ihre absolute Unverzichtbarkeit aus. Zu ihnen gehören auch die Müllabfuhr, die Lebensmittelversorgung, der öffentliche Verkehr und die Pflege. Berufe in diesen und ähnlichen Bereichen sind oft mit hohen körperlichen oder psychischen Anstrengungen verbunden. Die Leistung, die etwa ein Mensch in der Pflege erbringt, ist – nach jeder nur irgendwie sinnvollen Definition des Begriffs – enorm hoch. Die zumeist unterdurchschnittliche Bezahlung der Berufe in diesen Branchen ist mit dem Narrativ der Leistungsgerechtigkeit unvereinbar und allein dadurch zu erklären, dass auch der Arbeitsmarkt dem alles regierenden Gesetz von Angebot und Nachfrage gehorcht. Jeder Versuch, die geringe Entlohnung moralisch zu rechtfertigen, ist zum Scheitern verurteilt. Wer etwa einem Menschen seine mangelnde Qualifikation zum Vorwurf macht, der ignoriert die Tatsache, dass kulturelles Kapital ungleich und ebenso ungerecht verteilt ist wie finanzielles Kapital. Unser Geburtsort, unsere Familie, unsere Begabungen, unser Geschlecht, unsere Sprache, unser kulturelles und finanzielles Erbe,… all dies wird ohne unser Zutun bestimmt und steht bereits fest, bevor wir den ersten bewussten Gedanken fassen. Unser Leben wird maßgeblich von dieser natürlichen Lotterie beeinflusst. Dass daraus Ungleichheiten entstehen, ist unvermeidbar. Die wahre Tragödie besteht darin, dass die derzeitigen politischen Verhältnisse die natürlichen Ungerechtigkeiten noch weiter verstärken, anstatt ihnen entgegenzuwirken.

Für die meisten jungen Menschen ist es längst kein Geheimnis mehr, dass die soziale und ökologische Stabilität bedroht ist. Sie gehen zu Tausenden auf die Straßen und sind mit der Mär vom ewigen Wirtschaftswachstum nicht mehr zu beeindrucken. In einem System, in dem bloßes Kapital wie ein Magnet auf alle Ressourcen wirkt, kann es niemals Leistungsgerechtigkeit geben. Eine soziale Korrektur wie das bedingungsloses Grundeinkommen ist unter solchen Umständen moralisch alternativlos.

Veröffentlichung: Gottes Nachlass

Und wenn es der Abgrund der Welt sein würde, er läge ihr entblößt vor Augen, und es wäre der Höhepunkt ihres Lebens.

Era lebt in einer Holzhütte im Schatten der Berge. Sie gehören zu einem Gebirge, das die ganze Welt umschließt und für ihre Bewohner nicht zu überwinden ist. Die Länder innerhalb des Massivs sind gut erforscht, doch niemand weiß, was jenseits der Berge liegt. Keine der Minen, die man in den schwarzen Stein geschlagen hatte, ist bis zur anderen Seite durchgedrungen; und die meisten Menschen bezweifeln, dass das überhaupt möglich ist.

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Meine Geschichte Gottes Nachlass steht ab sofort als kostenloses E-Book zum Download zur Verfügung. Unten findet ihr Links zu den drei gebräuchlichsten Formaten. Da EPUB und MOBI von WordPress nicht unterstützt werden, habe ich die Dateien auf die Dropbox gestellt. Der Download ist ohne Anmeldung möglich. Weitere Informationen zu dieser Veröffentlichung gibt es hier.

Viel Spaß und liebe Grüße
Markus

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Blog und drittes Buch

Diesen Blog gibt es nun seit bald acht Jahren. In meinen Beiträgen beschäftige ich mich mit philosophischen und politischen Themen, beziehe eine klare Position zu kontroversen Themen und bemühe mich dabei stets um eine nachvollziehbare Argumentation. Meine persönlichen Erfahrungen, Gefühle und Befindlichkeiten lasse ich zumeist außen vor, und bewege mich auf einer recht sachlichen Ebene. Wenn ich um eine größere Reichweite bemüht wäre, müsste ich mir selbst raten, etwas mehr von mir preiszugeben. Allerdings bin ich ein recht zurückgezogener Mensch. Ich habe keine Profile in sozialen Netzwerken mehr und würde am liebsten nichts Privates über mein Leben im Internet finden. Es mag zunächst etwas seltsam wirken, dass ein Mensch mit einem solchen Bedürfnis nach Privatsphäre einen Blog betreibt, der die Erstellung eines extrem detaillierten politischen und ideologischen Profils ermöglicht. Aber ich vertrete diese Ansichten nur, sie sind kein Teil von mir. Ich habe nicht das Gefühl, eine sensible Information über meine Person offenzulegen, wenn ich darüber spreche, welche Argumente ich für vernünftig halte und welche nicht. Für mich gibt es, wenigstens in diesem Sinne, keinen bedeutsamen Unterschied zwischen Politik, Philosophie, Mathematik und anderen Wissenschaften. Eine Publikation in diesen Bereichen ist ein Produkt von Expertise und reiflicher Überlegung. Wenn man im Unrecht ist, dann kann man seine Ansichten revidieren, ohne dabei einen Teil von sich selbst aufgeben zu müssen. Bei persönlichen Erfahrungen und Gefühlen ist das naturgemäß anders. Um es (sehr frei) mit Goethe zu sagen: „Was ich glaube, darf jeder wissen. Mein Herz hab‘ ich allein.“
Da mir dieser Blog sehr viel bedeutet, möchte ich heute kurz erklären, warum es hier nur wenige neue Beiträge gibt. In den letzten Jahren werden Blogs zunehmend von Internetauftritten auf Twitter, Youtube und Instagram abgelöst. Mit den Grundprämissen und der Schnelllebigkeit dieser Formate konnte ich mich nie wirklich anfreunden. Natürlich steht es außer Frage, dass sie für die journalistische Arbeit und die Verfolgung des Tagesgeschehens deutlich besser geeignet sind. Texte mittlerer Länge, wie sie auf diesem Blog zu finden sind, verloren dadurch aber noch mehr von ihrer ohnehin geringen Reichweite. Ich bin kein Journalist, andere können diese wichtige Arbeit viel besser machen als ich. Die größte Freude habe ich an der intensiven Beschäftigung mit ausgewählten Themen und an der Arbeit an umfassenderen Projekten. Ich habe daher beschlossen, meine Energie in Zukunft in das Verfassen längerer Texte zu investieren. Das bedeutet nicht, dass hier auf dem Blog überhaupt keine Artikel mehr veröffentlicht werden; es wird auch weiterhin mit der gewohnten Seltenheit und Unregelmäßigkeit geschehen.

Anfang 2017 bin ich mit meinem dritten Buch Gottes Nachlass fertig geworden. Ich habe das Manuskript mehr als zehn Verlagen angeboten und – ganz normal für die Branche – nur von einem Bruchteil eine Antwort bekommen. Ich war auf der Suche nach jemandem, der sich um die Bewerbung und den Verkauf des Buches kümmert. Bei meinen ersten beiden Büchern hatte ich großes Glück, dieses Mal hat es leider nicht geklappt. Ich kann die Gründe gut verstehen und bin auch nicht länger enttäuscht deswegen. Die guten Neuigkeiten: Ich werde Gottes Nachlass kostenlos auf meinem Blog zur Verfügung stellen, und zwar in E-Book- und PDF-Formaten. Der Download wird in wenigen Wochen möglich sein.
Ich plane entsprechend meines oben erklärten Entschlusses weitere Projekte und habe vor, diesen Blog als Plattform für ihre Publikation zu nutzen. Ich schreibe gerne und habe über die Jahre immer mal wieder Mails von Menschen bekommen, die mir glaubhaft vermitteln konnten, dass ihnen meine Texte etwas bedeuten. Da käme es mir sinnlos vor, nur für die Schublade zu schreiben. Wem Bessarius und Molle und die Geschichten und Artikel in den Archiven dieses Blogs gefallen haben, dem empfehle ich also, öfters mal reinzuschauen oder einfach das E-Mail Abo abzuschließen; und ganz besonders empfehle ich natürlich Gottes Nachlass. 🙂

Bis bald und liebe Grüße
Markus

In 200 Jahren

Der melancholische und kritische Grundtenor meiner Texte verrät es nicht, aber ich blicke ausgesprochen optimistisch in die langfristige Zukunft. Wer denkt, dass die Welt sich insgesamt zum Schlechten entwickelt, liegt nachweislich falsch. Die Veränderung globaler Lebensverhältnisse seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist besonders erfreulich ([1], [2]). Die Anzahl der Menschen, die in extremer Armut leben, ist drastisch gesunken; die Anzahl jener, die Zugang zu Bildung und gesundheitlicher Versorgung haben, ist im selben Maße gestiegen. Diktaturen, autokratische politische Systeme und bewaffnete Konflikte haben im besagten Zeitraum weltweit abgenommen. Wer dem demokratischen Freiheitsverständnis, einer rasant steigenden Literalität und einer schwindenden Kindersterblichkeit etwas abgewinnen kann, der wird sich gemeinsam mit mir darüber freuen, dass die Welt in den letzten 200 Jahren ein schönerer Ort geworden ist.
In oben verlinkter Studie wurde erhoben, dass nur rund 10% der Schweden, 6% der US-Amerikaner und 4% der Deutschen über diese Tatsache Bescheid wissen. Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen, zu denen auch ein weitverbreiteter Pessimismus hinsichtlich der kurzfristigen Zukunft gehört. Die Lösung unserer dringendsten Probleme verlangt nach gewissen Voraussetzungen, die in der derzeitigen weltpolitischen Situation nicht gegeben sind. Manche Herausforderungen scheinen zu groß für die Menschheit, die den Perspektivenwechsel vom nationalen zum globalen Denken viel zu träge vollzieht und, wenn man den Reifegrad des gemeinschaftlichen Bewusstseins beurteilt, in mancher Hinsicht noch immer in den sprichwörtlichen Kinderschuhen steckt. Nachfolgende Generationen werden sich mit den Konsequenzen beschäftigen müssen.
Ich werde nun die spannende langfristige Perspektive der eingangs erwähnten Studie einnehmen und bestimmte Visionen für die Zukunft durch diese Brille hindurch beurteilen. Positiven Zukunftsvisionen haftet naturgemäß etwas Sozialromantisches und Naives an, aber das sehe ich nicht als Problem. Ich stelle sie den Visionen all jener Personen entgegen, dem Religionsfanatiker und dem Selbstzerstörer ebenso wie dem Routenschließer und dem Mauerbauer, die offenbar auch in 200 Jahren noch in einer Welt der Stacheldrähte und der isolierten Nationalstaaten leben wollen; in einer Welt, in der Prinzip und Dogma über den Menschen stehen. Die folgende Beschreibung ist vor allem präskriptiv zu verstehen. In erster Linie wünsche ich mir, dass es zu den entsprechenden Veränderungen kommt. Andererseits ist eine langfristige Zukunft der Menschheit, in der keiner der folgenden Punkte umgesetzt wurde, für mich höchstens als Dystopie denkbar. Ich sehe die politischen und sozialen Entwicklungen, die in der Studie untersucht und dargestellt werden, und führe sie in meiner Vorstellung weiter. Dann stellt sich mir nicht mehr die Frage, ob diese Veränderungen eintreffen werden, sondern nur wann:

1) Ausbau internationaler Beziehungen und Bedeutungsverlust nationaler Grenzen: In einer Welt globaler Handelsnetzwerke, globaler Migrationsbewegungen und globaler Herausforderungen ist die Isolation von Staaten und Staatenbündnissen nicht nur der falsche Weg, sie ist schlicht sinnlos. Wer etwa eine „Festung Europa“ errichtet und denkt, dass die Probleme vor der Haustüre für ihn dadurch verschwunden sind, der irrt. Die Beziehungen und daraus entstandenen Abhängigkeiten zwischen den weltpolitischen Akteuren sind dafür bereits viel zu stark ausgeprägt. Wir müssen endlich damit aufhören, diese wunderbare Chance als Problem zu begreifen. In jedem Falle ist es eine unleugbare Tatsache. Wer sich heute nicht als Weltbürger versteht, versteht die Welt nicht.
2) Ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Bürger: Die Arbeitswelt ist Veränderungen unterworfen. Aller Voraussicht nach werden stabile und funktionierende Gesellschaften irgendwann nicht mehr darauf angewiesen sein, dass ihre Bürger unfreiwillige Lohnarbeit verrichten. Spätestens dann, wenn diese Arbeit nicht mehr notwendig ist, muss sie zum Zwecke der Maximierung individueller Freiheit aus der Gesellschaft eliminiert werden. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine mögliche Lösung für dieses Problem. In 200 Jahren wird es keine Rolle mehr spielen, wenn jemand die körperliche oder psychische Kraft für Lohnarbeit nicht aufbringen kann. Das wichtigste Ziel einer guten Gesellschaft besteht meines Erachtens gerade darin, jedem seiner Mitglieder ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Bedingungslos.
3) Absolute soziale und politische Anerkennung von Geschlechtergerechtigkeit und LGBTQ+: Gewisse Diskussionen sind bereits heutzutage müßig und der Gedanke, dass sie in 200 Jahren immer noch geführt werden könnten, mutet geradezu absurd an. Debatten um die Anerkennung der Deutungshoheit aller Menschen über ihre eigene Identität und Person gehören auf jeden Fall in diese Kategorie. Selbst manche Politiker, die einer Gleichstellung kritisch gegenüberstehen, rechtfertigen sich immer wieder damit, dass die Gesellschaft wohl noch „nicht so weit“ sei (z.B. [3]); und implizieren also, dass auch sie wissen, dass es sich nur um eine Frage der Zeit handelt.
Generell wird sich der Umgang mit Menschen, die auf irgendeine Weise von der statistischen Norm abweichen, deutlich verbessern. Das betrifft auch die Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Religionen und Leuten, die aus fremden Ländern stammen. Grund für die Verbesserungen werden die Entwicklungen sein, die im ersten Punkt dieser Liste beschrieben wurden.
4) Abschaffung der Massentierhaltung: Es ist eine Sache, mit dem Blick auf die heutige Situation für eine scheinbare Notwendigkeit der industriellen Tierhaltung zu argumentieren. Dann wird über Arbeitsplätze und die steigende Nachfrage nach Tierprodukten gesprochen. Die langfristige Perspektive ermöglicht es uns, ganz andere Fragen zu stellen. Ich habe auf diesem Blog bereits öfters thematisiert, dass die industrielle Tierhaltung kein effizientes Modell zur Ernährung einer ständig wachsenden Weltbevölkerung ist. Hier stelle ich eine moralische Frage: Soll es in 200 Jahren wirklich immer noch industrielle Tötungsanlagen geben, in denen jährlich Milliarden und Abermilliarden Tiere ihr Ende finden?
Diese Frage ist deswegen so hilfreich, weil sie uns selbst von der Thematik distanziert. Wir sprechen über eine Zukunft, die uns nicht mehr betreffen wird. Ich denke, dass die meisten Menschen die obige Frage deshalb klar verneinen. Dies ist eine gute Voraussetzung für die notwendige gesellschaftliche Veränderung, die bereits begonnen hat. Im Übrigen sage ich nicht, dass am Ende dieses Prozesses eine vegane Weltbevölkerung steht und es nie wieder vorkommen wird, dass Tiere für Nahrung getötet werden. Das Schlachthaus als industrielle Tötungsanlage aber wird Geschichte sein; eines der dunklen Kapitel.

Die Zusammenstellung dieser Ziele und Visionen entspringt, wie erwähnt, meinen eigenen Wünschen für die Zukunft und orientiert sich demnach stark an jener Gesellschaft, in der ich selbst lebe. Ich sage nicht, dass diese Veränderungen überall auf der Welt auf exakt die gleiche Weise vonstattengehen werden, und ebenso wenig, dass es sich um einen stetigen Prozess ohne Rückschläge und Hindernisse handelt. Ich sage vielmehr, dass eine Fortsetzung der positiven Entwicklung globaler Lebensverhältnisse für mich nicht vorstellbar ist, wenn sie nicht von den beschriebenen Veränderungen begleitet wird. Es sind also auch Grundvoraussetzungen für eine konfliktfreie, nachhaltige Zukunft. Es sind vier Punkte, an die ich dabei zuerst gedacht habe, und die Baustellen, an denen wir meiner Ansicht nach arbeiten müssen. Über Ergänzungen freue ich mich natürlich.

Liebe Grüße
Mahiat

Arbeitsanreize

Die von ÖVP und FPÖ am gestrigen Mittwoch präsentierte Reform der Mindestsicherung hat zwei Ziele, die von Kurz und Strache besonders betont werden. Einerseits will man damit eine „Einwanderung ins Sozialsystem“ verhindern, andererseits sollen Anreize für den (Wieder-)Einstieg ins Erwerbsleben geschaffen werden. Diese seien im alten Modell nicht ausreichend gewährleistet, da manche Haushalte mit einem Gehalt insgesamt weniger Nettoeinkommen lukrieren könnten als mit den entsprechenden Sozialleistungen. Insbesondere gilt dies für größere Familien und für Menschen mit geringer beruflicher Qualifikation. „Wer arbeiten geht“, dürfe nicht „der Dumme sein“, meint Kurz im gestrigen ZiB2-Interview und stellt einen Vergleich zweier fünfköpfiger Familien an, die eine finanziert durch den Lohn eines Verkäufers und Leistungen wie die Familienbeihilfe, die andere zur Gänze durch Sozialleistungen wie die Mindestsicherung.
Kurz und Strache verteidigen ihre Reform durch ständige Verweise auf die Leistungsgerechtigkeit. Diese sei etwa im obigen Beispiel nicht gegeben und der Verkäufer müsse sich zu Recht fragen, wofür er eigentlich 40 Stunden die Woche arbeitet. Das wirkt natürlich ausgesprochen überzeugend. Selbstverständlich darf der, der arbeiten geht, in unserer Gesellschaft nicht der Dumme sein. Niemand würde hier widersprechen, und deswegen wird dieser Satz vom Kanzler auch bei jeder Gelegenheit wiederholt. Problematisch an dieser Rechtfertigung ist aber, dass sie keine Argumentation für die Maßnahmen der Regierung darstellt. Um nämlich die Differenz zwischen Sozialleistungen und Löhnen zu erhöhen, gibt es ganz offensichtlich mehrere Lösungen:

1) Gehälter heben: Das durchschnittliche Monatseinkommen in Österreich betrug im Jahr 2016 rund €2360 brutto ([1]). Geringer Qualifizierte finden oft nur in bestimmten Branchen wie dem Hotel- oder Gastgewerbe Arbeit und verdienen dort zum Teil €1500 brutto oder noch weniger. Das sind nicht einmal €1250 Netto im Monat. Niemand in Österreich sollte acht Stunden am Tag, 40 Stunden die Woche (oder mehr, siehe [2]) für unsere Gesellschaft leisten und dafür mit einem solchen Betrag abgespeist werden. Das ist ganz einfach zu wenig. Die Differenz zwischen Sozialleistungen und Löhnen ist zu gering? Vielleicht liegt es daran, dass es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die jeden Tag acht Stunden arbeiten gehen und trotzdem an der Armutsgrenze leben. Arbeitsanreize können auch dadurch geschaffen werden, dass das Gehalt für Berufstätige aller Branchen ein einigermaßen komfortables Leben ermöglicht, in dem man nicht jeden Cent zweimal umdrehen muss. Auch das ist Leistungsgerechtigkeit. Auch das kann „Arbeit muss sich wieder lohnen“ und „Wer arbeitet, darf nicht der Dumme sein“ bedeuten. Natürlich kann man stattdessen
2) Sozialleistungen senken: Das hat die Regierung vor, einerseits im Rahmen der gestern präsentierten Reform der Mindestsicherung, andererseits bei ihren Plänen zum geplanten „Arbeitsgeld Neu“, das uns nächstes Jahr erwartet. Wenn allerdings die niedrigsten Löhne und die Sozialleistungen beide gleichermaßen auf dem Niveau der Armutsgrenze liegen, ist eine Senkung der Sozialleistung zur Vergrößerung der Differenz gefährlicher Unsinn. Die absichtliche Förderung von Armut und prekären Verhältnissen in einem der reichsten Länder der Welt kann nichts anderes sein. Sie hat Auswirkungen auf die Integration, die Radikalisierungs- und Kriminalitätsraten und die Stabilität der Gesellschaft insgesamt. Durch diese Reform werden Menschen bewusst unter die Armutsgrenze gedrückt; darunter Großfamilien, Kinder, psychisch Kranke und Langzeitarbeitslose ohne Chance, irgendeinen Job zu finden. Manche dieser Personengruppen sind durch die Kürzungen besonders stark betroffen. Für Familien ist eine gestaffelte Deckelung vorgesehen, die die bisher erhaltenen Leistungen für mehrere Kinder deutlich reduziert. Personen ohne ausreichende Deutsch- oder Englischkenntnisse und ohne österreichischen Pflichtschulabschluss sollen in Zukunft €300 weniger bekommen, statt €863 nur €563 im Monat ([3]). Davon sind im Grunde ausschließlich Asylberechtigte betroffen, die bei Sozialleistungen nicht diskriminiert werden dürfen. Ob diese Unterscheidung nach Sprachkenntnissen und Schulabschluss verfassungsrechtlich halten wird, wird von Experten daher angezweifelt.

Neben diesen Kürzungen sind auch einige Verbesserungen geplant, etwa die Ausweitung der Zuverdienstgrenzen während des Mindestsicherungsbezugs und ein Bonus für behinderte Menschen. Die kolportierten Einsparungen durch die Reform betragen insgesamt lediglich 40. Mio Euro ([4]). Beides zeigt: Es geht nicht ums Geld. Es geht ums Prinzip. Es geht um die Verschlechterung der Lebensumstände bestimmter Bevölkerungsgruppen. Anstatt die Lage der Arbeitnehmerschaft zu verbessern und für mehr Stabilität in der Gesellschaft zu sorgen, verspricht man ihnen, dass andere es in Zukunft noch schwerer haben werden, als sie selbst. Das ist nicht das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit, das ist das Prinzip der sozialen Kälte.

Liebe Grüße
Mahiat

Konsumkritik und Armut

Auf Twitter gibt es eine interessante Blase von Usern, die sich gegen konsumkritische Strömungen richten. Die Argumentation betrifft den Minimalismus, den Veganismus, Zero Waste, Nachhaltigkeit und andere Bemühungen für einem ökologischen Lebensstil. Hier sind die wichtigsten Prämissen des Arguments:
1) Konsumfreiheit ist an finanzielles und kulturelles Kapital geknüpft.
2) Konsumfreiheit ist daher ein Privileg, von dem manche Menschen mehr, andere weniger und wieder andere gar nichts besitzen.
3) Vertreter konsumkritischer Bewegungen fordern Menschen dazu auf, Verantwortung für ihren Konsum zu übernehmen und ihn entsprechend anzupassen.
4) Nur wer ausreichend Konsumfreiheit besitzt, kann Verantwortung für seinen Konsum übernehmen.
Das Interessante an dieser Debatte ist, dass diese Prämissen allesamt korrekt sind. Es sind die Schlussfolgerungen, die den Einwand ausgesprochen problematisch machen:
S1) Konsumkritische Bewegungen sind ein Lifestyle für Wohlhabende.
S2) Wer dazu aufruft, Verantwortung für den eigenen Konsum zu übernehmen, diskriminiert arme Menschen.
S3) Konsumenten sind das letzte Glied der Kette. Sie haben gar keine Verantwortung. Zu ändern sind die Umstände nur von der Politik oder von den Konzernen selbst.
(Quellen: Hier, hier und hier)
Dass diese Schlussfolgerungen nicht aus oben genannten Prämissen folgen, ist offensichtlich. Im Folgenden fasse ich kurz zusammen, warum der Einwand insgesamt Unsinn ist.

Vernünftige Konsumkritik fordert Menschen auf, Gebrauch von ihrer Konsumfreiheit zu machen, soweit sie diese besitzen. Diese Aufforderung ist im Übrigen eine freundliche, und hat nicht immer nur das Wohl aller anderen im Sinn, sondern auch das des konsumierenden Individuums. Bestimmte Konsumformen schädigen bekanntlich nicht nur die Umwelt, sondern auch die eigene psychische und körperliche Gesundheit. Dieses Problem betrifft so gut wie jeden Menschen in unserer Gesellschaft, völlig unabhängig davon, ob er vergleichsweise reich ist oder deutlich unter der Armutsgrenze lebt. Manche von uns können aufgrund ihrer Verhältnisse bei ihren Ausgaben nur ihr eigenes Wohl berücksichtigen, und an sie ergeht durch die Konsumkritik absolut kein moralischer Vorwurf. S2 und S3 sprechen diesen Menschen allerdings die Freiheit und die Verantwortung für ihr Handeln ab, soweit es den Konsum betrifft, und degradieren sie zu unreifen, unaufgeklärten Individuen. Tatsächlich haben auch arme Menschen in Österreich ein gewisses Maß an Konsumfreiheit und tragen Verantwortung für ihre Einkäufe im selben Ausmaß, in dem sie auch für ihr restliches Handeln Verantwortung tragen. Die Umstände rechtfertigen es, dass sie ihr eigenes Wohl an vorderste Stelle setzen. Das ist ein bedeutender Unterschied.
Sprechen wir nun über eine andere Gruppe der Bevölkerung, nämlich über jene Mehrheit, die ein erhebliches Maß an Konsumfreiheit besitzt. Dies sind die Menschen, an die sich die Aufforderungen vernünftiger Konsumkritik vornehmlich richten und an die auch ein moralischer Vorwurf ergeht, wenn sie ihr eigenes Wohl an vorderste Stelle setzen, obwohl die Umstände es eben nicht rechtfertigen. Es handelt sich um eine kritische Masse, die bei einer Änderung ihres Konsumverhaltens in der Lage wäre, die wirtschaftlichen Bedingungen stark zu beeinflussen. Bewegungen wie der Veganismus zeigen bereits spürbare und sichtbare Auswirkungen. Diese Macht liegt in den Händen konsumierender Individuen. Mit ihr geht Verantwortung einher. Sie nicht zu nutzen und in einer demokratischen Gesellschaft auf eine plötzliche „Reform von oben“ durch Politiker und Konzerne zu warten, ist absolut verantwortungslos. S3 ist eine fadenscheinige Ausrede; sich in Standpunkte wie S1 und S2 zu flüchten, die aus den vernünftigen Positionen der Konsumkritik einen Strohmann machen, ist nichts anderes als ein Ausweg, um die eigene Verantwortung nicht wahrnehmen zu müssen.

Liebe Grüße
Mahiat