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Bundespräsidentenstichwahl

Zurzeit finde ich leider nur wenig Zeit fürs Schreiben, und diese nütze ich für die Arbeit an meinem nächsten Buch. Daher gibt es hier im Moment nichts Neues. Bis zum Erscheinen der nächsten Beiträge möchte ich euch die nochmalige (oder erstmalige?) Lektüre meines Appells an die Vernunft nahelegen. Da uns ja das Vergnügen einer Wiederholung der Bundespräsidentenstichwahl zwischen Alexander van der Bellen und Norbert Hofer bereitet wurde, sehe ich den Text als meinen Beitrag zur zweiten Runde des Wahlkampfes. Die Argumente sind also dieselben wie beim letzten Mal; auf sachlicher Ebene hat sich allerdings seit dem 22. Mai auch nichts geändert.

Liebe Grüße
Markus Hittmeir

Gottesmord

„Gott mit uns“, das war ein Schlachtruf im römischen und im byzantinischen Reich. Schwedische Heere glaubten den Schöpfer ebenso mit sich wie die Reichswehr nach dem Ende der deutschen Monarchie. Während des zweiten Weltkrieges stand „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern der Soldaten der Wehrmacht geschrieben. Zu allen Zeiten war Gott der Beschützer der Kriegsleute und spendete ihnen Kraft und Trost. Wo immer Krieg ist, ist auch Gott. Aber auch in Friedenszeiten entfaltet Gott seine Wirkung und waltet in jedem, der es zulässt.

Nach Jahrhunderten der Aufklärung können wir mit einiger Zuversicht sagen: Gott ist kein Ding. Gott ist eine Idee, ist immer eine Idee gewesen. Eine Idee kann entstehen, kann sich verbreiten, kann in den Köpfen der Menschen leben. Eine Idee kann auch sterben. „Gott ist tot!“, rief der tolle Mensch in ‚Die fröhliche Wissenschaft‘ von Friedrich Nietzsche. „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“  Über 100 Jahre später haben wir immer noch nicht den Mut gefunden, seinen Leichnam endlich zu Grabe zu tragen.
Gott, das ist nicht einer oder eine, das sind viele. Gott ist meine Idee und deine, ist in mir ebenso tot, wie er in dir vielleicht lebendig ist. Ein einziger Gott in den Köpfen vieler wird durch seine Anziehungskraft auf die Massen aber nicht zu einem Ding, auch er muss Idee bleiben. Manche dieser Götter haben wie eine Krankheit grassiert und auch wie eine solche gewütet. Gefährlich ist all das, was neben sich nichts anderes duldet, und „Gott mit uns“ ein Schlachtruf ebenso furchtbar wie der Krieg selbst. „Gott mit uns, Gott mit denen, Gott mit keinem, Gott mit jedem“, wenn Gott schon sein muss.
Gott ist ein moralischer Fehler; oder wenigstens einem solchen Fehler verwandt, und zwar dem Verlust der Fähigkeit, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Wer seine Taten nur unter Berufung auf seinen moralischen Herrn rechtfertigen kann, kann es gar nicht. Wie häufig ist und war Gott eine Idee, die Vernunft gerade dort unterbinden will, wo nichts dringender gebraucht wird als Vernunft? Wo immer Gott zum Argument wird, wo immer er Gesetz ist, muss er Schaden anrichten.

Manch ein alter Gott lebt heute noch und ist der größte Teufel der Menschen, in deren Köpfen er sitzt. Jüngere Götter hingegen sind zahm und dienen ihren Wirten als Freunde. Lasset uns die alten Götter, diese Menschenfeinde, endlich überwinden! Lasset uns den Mut haben für das Eingeständnis, dass sie ein grauenhafter Sprössling unserer geistigen Schöpfung sind, den wir viel zu lange genährt haben. Lasset diese Götter verhungern und uns darauf hoffen, dass sie nie wieder lebendig werden. Ihr Nachlass soll der Einsatz für ein schöneres Leben sein; mit jüngeren Göttern oder, am besten, mit gar keinen.

Fußballpatriotismus

Ich liebe Spiele. Ich bin seit jeher fasziniert von allen möglichen Formen und Ausprägungen von Brettspielen, Kartenspielen, Computerspielen und sportlichen Wettkämpfen. Ein Spiel wird durch seine Regeln definiert; wer die Regeln ändert, ändert das Spiel. Sie bestimmen die Möglichkeiten der Akteure vollständig in dem Sinne, dass von jeder Handlung klar entschieden werden kann, ob sie regelkonform ist oder nicht. Ein Spiel erlaubt jedes Verhalten, das nicht ausdrücklich verboten ist.

Zum Fußball habe ich eine persönliche Beziehung. In meiner Kindheit und frühen Jugend war ich Torhüter, habe intensiv trainiert und mit großer Freude gespielt. In den letzten Jahren habe ich mein Interesse für diesen Sport allerdings nur ausgesprochen selten gepflegt. Durch die Europameisterschaft und die gesellschaftliche Anteilnahme daran bin ich nun wieder darauf aufmerksam geworden und habe bemerkt, dass sich meine Perspektive auf den Fußball verändert hat. Zu dem emotionalen hat sich ein psychologisches Interesse gesellt und damit der Wunsch nach Erklärungen für eben diese Emotionalität, die mit dem Sport verbunden ist.
Ein Aspekt des Fußballspiels besteht darin, dass auch der Regelverstoß reglementiert ist. Die Konsequenzen eines Fouls sind relativ klar definiert. Wer sie in Kauf nimmt, kann das Foul als taktisches Element seines Spiels in Betracht ziehen. Unter diesem Gesichtspunkt müsste man Fouls also gar nicht unbedingt als Regelverstöße bewerten, sondern könnte in ihnen echte Handlungsoptionen im Rahmen der Möglichkeiten des Spiels sehen. Die beinahe unerfüllbar schwierige Aufgabe des Schiedsrichters trägt das Übrige dazu bei, dass der Vergleich des Fußballs mit einem formalen Spiel, wie ich es in der Einleitung erläutert habe, nicht wirklich funktioniert. Fußball hat mit unserem Sozialleben, das durch diffuse und unausgesprochene Umgangsformen geleitet wird, auf jeden Fall mindestens genauso viel gemein wie mit einem formalen Spiel.
Fußball ist also kein formales, sondern ein soziales Spiel. Wir haben das Feld der klaren Strukturen verlassen, aber dafür bereits einen kleinen Fortschritt im Bezug auf unseren Wunsch nach einer Erklärung der mit diesem Sport zusammenhängenden Emotionalität erzielt. Fußball gibt der Subjektivität von Gefühlen und Urteilen Raum, er lässt unterschiedliche Meinungen zu. Wenn wir entscheiden, ob eine gewisse Handlung regelkonform war oder nicht, wird unser Urteil von unseren Präferenzen und Vorurteilen gegenüber den Akteuren abhängen. Unsere Gefühle der Sympathie und der Wertschätzung gegenüber einzelnen Spielern oder ganzen Mannschaften verzerren unsere Wahrnehmung des Spiels und führen zu einer Interpretation der Eindrücke, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.
Sympathie entsteht, wenn wir uns mit jemandem identifizieren und für seine Gefühle sensibilisiert werden. Hierzulande sorgten die Medien und das gesellschaftliche Umfeld dafür, dass in den letzten Wochen eine breite Welle der Sympathie für die österreichische Nationalmannschaft entstanden ist. Wer sich darauf einlässt, wird von dieser Welle mitgerissen. Auch ich freute mich gestern, als Ronaldo den Elfmeter gegen den Pfosten setzte. Ebenso freute ich mich über den Ausgleich der Isländer gegen Portugal, was einer im letzten Sommerurlaub entstandenen Zuneigung zur Vulkaninsel im hohen Norden geschuldet ist. Sympathie hat in dieser Form etwas Naives und Unschuldiges, gewiss aber auch etwas Wankelmütiges und Unaufrichtiges, wie man an den Reaktionen auf die ungewohnt schlechte Leistung Österreichs im Spiel gegen Ungarn erkennen konnte.
Diese Gefühle zeigen uns, wovon unsere Bewunderung und unsere Missachtung, wovon unsere Vorurteile abhängig sind; nicht nur gegenüber Fußballmannschaften, sondern auch im Sozialleben. Sie sind es deshalb wert, genauer hinterfragt zu werden. Wenn die Rivalität sich nicht mehr nur auf das Spiel beschränkt und ein Aufeinandertreffen auf dem Platz zu einem Ereignis politischer Bedeutung hochstilisiert wird, verwandelt sich die grundsätzlich naive und unschuldige Sympathie in etwas Verwerfliches. Wo der Fußball nicht mehr im Zentrum steht, wo er nur noch ein Instrument zur Befriedigung der primitivsten Bedürfnisse nach Zugehörigkeit ist, hat er längst aufgehört, ein Spiel zu sein.

Die Freuden des parteiischen Fußballfans sind einem gefährlichen Fehler verwandt. Der Fußball überhaupt ist in all seinen Strukturen ein zweischneidiges Schwert, nicht nur hinsichtlich der grassierenden Korruption und seinem Verhältnis zum rücksichtslosen Kapitalismus. Gewalt und Nationalismus werden ebenfalls immer wieder mit ihm in Verbindung gebracht und in den entsprechenden Kreisen ist Soziodiversität ein Fremdwort. Der Sport ist mit einem unglaublich peinlichen Männlichkeitsklischee behaftet. Der Genuss am Spiel an sich, sowohl an seinen formalen als auch an seinen sozialen Aspekten, wird dadurch zweifellos getrübt. Schade eigentlich.

Liebe Grüße
Mahiat

Appell an die Vernunft

Dieser Beitrag hat die österreichische Bundespräsidentenstichwahl am 22. Mai zum Thema, die zwischen Alexander van der Bellen und Norbert Hofer entschieden wird. Ich möchte einige unaufgeregte und sachliche Worte zu der ansonsten ausgesprochen hitzigen und emotionalen Debatte über die Kanditaten beitragen. Damit wende ich mich vornehmlich an jene, die beim ersten Wahldurchgang am 24. April Frau Griss, Herrn Hundstorfer, Herrn Khol oder gar nicht gewählt haben und der kommenden Stichwahl ambivalent entgegensehen. Ich respektiere Ihren Standpunkt, denn Skepsis begleitet jeden rationalen Entscheidungsprozess. Auf die Frage, ob Van der Bellen oder Hofer geeigneter für das Amt des Bundespräsidenten ist, gibt es allerdings nur eine vernünftige Antwort, von der ich Sie mit diesem Artikel überzeugen möchte. Im Folgenden bespreche ich die Kandidaten im Bezug auf wichtige Aufgaben des Bundespräsidenten und auf zentrale Themen des bisherigen Wahlkampfes:

1.) Vertretung des Staates im Ausland: Dies ist zweifellos eine der wichtigsten Aufgaben des Amtes. Das Ansehen des österreichischen Bundespräsidenten ist nicht nur von sozialer und kultureller, sondern auch von wirtschaftlicher Relevanz. Besonders wichtig ist ein gutes Verhältnis zu den Staaten der europäischen Union. Van der Bellen kann dieses Verhältnis zu unseren wichtigsten internationalen Partnern gewiss besser pflegen, als Hofer. Dieser würde vielmehr, wie sich auch an den Auslandsreaktionen nach dem Wahlergebnis vom 24. April gezeigt hat, auf Ablehnung oder, wie Van der Bellen es ausdrückte, doch wenigstens auf „Stirnrunzeln“ stoßen. Das Verhalten unserer Nachbarn mag man übrigens in Ordnung finden oder nicht; Tatsache: Es ist so. Und damit müssten wir uns regelmäßig auseinandersetzen, wenn Hofer tatsächlich Präsident werden sollte.
2.) Verhältnis zur EU: Die Ablehnung gegenüber Hofer kommt nicht von ungefähr, sondern liegt im nationalistischen Gedankengut der FPÖ begründet. Dabei geht es nicht um die teilweise berechtigte Kritik an der gegenwärtigen Form der EU. Es geht um die ständige Liebäugelei mit der Vorstellung, aus der EU oder zumindest aus der Währungsunion vollständig auszutreten. Beides hätte fatale Konsequenzen für Österreichs Wirtschaft und Bevölkerung. In Zeiten des globalisierten Handels und der globalisierten Problemfelder braucht Österreich einen Bundespräsidenten, der sich klar zum Prinzip des europäischen Zusammenschlusses bekennt. Die Idee eines bündnislosen Europas der Nationalstaaten ist historisch gescheitert und als Konzept für die Zukunft des Kontinents schlechterdings undenkbar; und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.
3.) Unabhängigkeit und Überparteilichkeit: Van der Bellen hat die finanzielle Unterstützung der Grünen im Wahlkampf angenommen und war lange Zeit in der Partei tätig. Ich sehe jedoch keinen Grund für die Ansicht, dass diese Tatsachen die Glaubwürdigkeit seines Anspruches mildern, ein überparteilicher Bundespräsident sein zu können. Man muss im Gegenteil darauf hinweisen, dass Van der Bellen schon seit einigen Jahren im Wiener Gemeinderat sitzt und daher mit der Bundespartei grundsätzlich nicht mehr so stark verbunden ist. Außerdem ist es wohl kaum von der Hand zu weisen, dass Van der Bellen sein ganzes politisches Leben lang ein kritischer Geist innerhalb seiner Partei war. Er hat sich beinahe regelmäßig öffentlich gegen die Parteilinie ausgesprochen. Selbst als Bundesparteiobmann war er in seinem Denken und Handeln unabhängiger von der grünen Basis, als Hofer es jetzt von der FPÖ ist. Dieser kann nicht glaubhaft machen, dass die Zurücklegung der Parteimitgliedschaft bei Amtsantritt für ihn etwas anderes wäre, als ein Akt pro forma; und ich glaube, er will es auch gar nicht.
4.) Gleichgewicht der Mächte: Es ist wohl damit zu rechnen, dass die FPÖ aus der nächsten Nationalratswahl mit relativer Mehrheit als Sieger hervorgeht. Sollte Norbert Hofer am 22. Mai zum Bundespräsidenten gewählt werden, wird es aufgrund seiner fraglichen Überparteilichkeit zu einem Mächtemonopol in der österreichischen Politik kommen. Hofer hat angekündigt, als aktiver Bundespräsident umfassenden Gebrauch von seinen verfassungsmäßigen Rechten machen zu wollen. Wer das Parteiprogramm der Freiheitlichen im Detail kennt und ein vernünftiger Mensch ist, kann eine derartige Entwicklung unmöglich gutheißen. Ich denke hierbei auch an Themen, die in der Debatte der letzten Wochen nicht im Vordergrund standen; etwa an die Familienpolitik und an das Moral- und Werteverständnis dieser Partei. Es steht wohl leider außer Zweifel, dass die FPÖ in den nächsten Jahren eine große Rolle in der österreichischen Politik spielen wird. Mit der Wahl von Van der Bellen kann es der Bevölkerung gelingen, einen verlässlichen und stabilen Gegenpol in der politischen Landschaft zu installieren.
5.) Kompetenz: Van der Bellen ist ein besonnener und ruhiger Mensch und mit diesen Eigenschaften wie geschaffen für das Amt. Wenn ihm eine Frage gestellt wird, denkt er nach, bevor er spricht, und scheut nicht einmal davor, mit „Keine Ahnung.“ zu antworten. Das ist eigentlich ein No-Go in der Politik. Auf Menschen nämlich, die wenig Erfahrung im Umgang mit komplexen Problemen besitzen, wirkt Van der Bellen deshalb inkompetent oder gar „senil“. Als jemand, der hauptberuflich mit komplexen Problemen arbeitet, kann ich Ihnen sagen: Es ist das genaue Gegenteil. Wer ad-hoc-Antworten auf ihm unbekannte, komplizierte Fragestellungen gibt, ist im besten Falle naiv und im schlimmsten Falle hochgradig unehrlich. Ich wünsche mir einen Bundespräsidenten, der in solchen Situationen nicht nur zu seinem Gegenüber, sondern auch zu sich selbst sagt: „Darüber möchte ich einige Stunden nachdenken, bevor ich antworte.“ Van der Bellen hat diese Einstellung und ist im Übrigen nicht nur deshalb ein Sachpolitiker, der in der österreichischen Politik seinesgleichen sucht.

Um Überlänge zu vermeiden, beschließe ich damit meine Argumentation. Jeder von uns spürt und weiß, dass Österreich sich im größten politischen Umbruch der zweiten Republik befindet. Eine gravierende Entscheidung in der Frage, wohin sich dieses Land in Zukunft entwickelt, wird am 22. Mai getroffen. Ich möchte in einem weltoffenen Österreich leben, das seinen Beitrag zur Lösung globaler Probleme gerne leistet. Ich möchte in einem Staat leben, in dem die Rechte von Minderheiten und sozial Benachteiligten sichergestellt sind. Ich möchte Teil einer Gesellschaft sein, die sich als aufgeschlossen und wertepluralistisch versteht und in der Diskriminierung kein Thema ist. In einem Österreich, das denselben Kurs fährt wie Ungarn und Polen, möchte ich nicht leben. Und in einem solchen Österreich werde ich auch nicht leben.

Und Sie?

Liebe Grüße
Markus Hittmeir

Terratok

Die Sonne stieg rasch über den fernen Horizont des Äthermeeres. Wohin es seinen Blick auch warf, erspähte das Auge nichts als das Rauschen der Wellen aus der tiefdunklen Leere. In der Einsamkeit dieser Welt lebte das Wesen Terratok. Es ragte aus dem Meer wie eine Insel und entblößte seinen Rücken unter der wachsenden Hitze. Das schwarze und eiskalte Blut, das durch Terratoks Adern floss, machte sein Dasein unter der Sonne angenehm.
Eines Tages gelangten kleine Tiere auf Terratoks Haut, krabbelten zwischen seinen unzähligen Haaren umher und vermehrten sich, bis sie seinen ganzen Leib besiedelt hatten. Sein köstliches Blut war die Quelle ihres Lebens. Die Tierchen trachteten mit jeder Faser ihrer winzigen Körper danach und suchten unerbittlich nach Terratoks Adern, um aus ihnen zu trinken. Einige von ihnen scharten sich um sein Herz, bissen sich fest und soffen, bis sie platzten. In blutarmen Gebieten von Terratoks Leib litten ihre Artgenossen zur selben Zeit große Not. Wer daran zugrunde ging, musste sein Schicksal ohnmächtig ertragen.
Im Herz des Terratok war es wärmer geworden. Die Tierchen spürten es überall auf seiner Haut, und schnell verbreitete sich die Botschaft unter den fetten Scheusalen, die direkt am Puls klebten:

„Zügelt euch! Zügelt euch! Wir müssen Terratok retten! Rettet Terratok!“

So sprach jedes dicke Tierchen zu seinem noch dickeren Nachbarn und schmatzte, den Mund noch voll mit Terratoks Blut. ‚Der Nächste soll sich kümmern.‘, dachten sie insgeheim, und zeigten ihren eigenen Nachkommen die besonders prallen und ergiebigen Adern. ‚Mir ist die Aufgabe zu groß, Terratok zu retten.‘

Irgendwann rührte sich nichts mehr zwischen den Haaren Terratoks, der nicht mehr spürte als eine warme Brise auf seinem Leibe. Schon im nächsten Augenblick jagte frisches kaltes Blut einen wohligen Schauer über seinen Rücken, der sich aus dem Äthermeer erhob.

Die Angst vor dem Spiegel

„Wieder eine mehr als gestern.“, sagte ich zu mir, als ich mich ins Bett legte. „Wieder eine mehr.“ Da war ich schon weg. Und ohne dass ich in der Zwischenzeit geträumt oder auf irgendeine andere Weise gespürt hätte, dass es mich noch gibt, wachte ich heute morgen wieder auf. Genau so fühle ich mich gerade, als wär‘ ich die ganze Nacht tot gewesen. Ich sitze in der U-Bahn und will keinen Augenkontakt, mit niemandem. Aus irgendeinem Grund ist das ein psychologisches Ding der Unmöglichkeit. Immer wieder schieben sich die anderen in mein Gesichtsfeld, also gebe ich dem Drang nach und schaue jemanden an. Sie blickt zurück und ich sehe in ihr den Teufel. Mein Herz setzt kurz aus und ich wende mich erschrocken ab. Das hat nichts damit zu tun, dass ich schüchtern bin. Ich kann nur diese grausigen Fratzen nicht mehr sehen, die heute alle haben; dort, wo früher die Gesichter waren. Die Menschen tragen ihr Kopfhaar bis zu ihren riesigen, asymmetrischen Augen, darunter ziehen sich tiefe, rote Furchen neben den verstopften Nasenlöchern bis zum lippenlosen, siffenden Mund. Vor einigen Wochen hat das plötzlich angefangen. Ich habe dann relativ schnell herausgefunden, dass die Leute füreinander ganz normal aussehen und es an mir liegen muss, dass auf mich alle so verzerrt wirken. Offenbar gibt es sogar einen Namen dafür, eine neurologische Krankheit mit diesem Symptom. Das habe ich zumindest im Internet gelesen.

In der Firma will einer meiner Kollegen mit mir reden, also gehe ich in sein Büro.
„Na, wie sieht mein Gesicht heute aus?“ Das schleudert er mir zur Begrüßung entgegen. Ich habe ihm vor einigen Tagen von den Fratzen erzählt, die ich überall sehe. Ich muss nicht erwähnen, dass das ein Fehler war.
„Ich sag‘ dir, die Frau am Empfang ist nicht nur für dich so hässlich. Die sieht wirklich so aus.“ Er lacht laut über seinen Witz. Er lacht mich aus. Ich weiß nicht, weshalb er solche Dinge zu mir sagt. Ich habe in seiner Gegenwart noch nie über irgendetwas gelacht. Offenbar wundert er sich trotzdem.
„Kannst du dich denn nicht mehr erinnern, wie sie aussah? Also für dich, vor ein paar Wochen, als du noch alle beisammen hattest?“
‚Vor ein paar Wochen, da hat dich deine Frau verlassen.‘, dachte ich mir. ‚Jeder hier weiß das. Ich kann mir vorstellen, wie du abends in dein kaltes, großes Bett steigst; wie du dann in die Dunkelheit starrst und darüber nachdenkst, wie es ihr geht und wo sie schläft; wie du dann langsam anfängst zu weinen, dich auf die Seite drehst und dir einredest, sie sei noch da, direkt hinter dir. Ja, das stelle ich mir vor, während du über die Frau am Empfang redest.‘
Bisher hatte ich den Blick durch den Raum schweifen lassen, nun sehe ich ihn an. In seinem Gesicht sind einige große Beulen, so dass sich die glasigen Augen zusammendrücken und die Nase sich nach unten schiebt, fast bis zur Oberlippe. Dazwischen schlängeln sich die blutroten, pulsierenden Furchen.
„Ich weiß, wie du ausgesehen hast.“, antworte ich. „Und ich weiß, wie du jetzt aussiehst.“

Ich sitze beim Mittagessen in der Kantine. Gemüsecurry mit Couscous. Ich bin allein am Tisch. Im Augenwinkel sehe ich, dass jemand mit seinem Tablett zu mir rüber kommt. Ich hebe kurz den Kopf und erkenne die Frau an ihrer Kleidung. Sie ist auch in meiner Abteilung.
„Heute gibt’s Schweinebraten und du nimmst das Gemüsecurry.“, sagt sie, schüttelt lachend den Kopf und setzt sich. „Bist du auch einer von diesen Vegetariern?“ Sie fragt höflich. Ich will trotzdem nicht antworten. Außerdem habe ich gerade den Mund voll. Deshalb spricht sie weiter.
„Ich halte das ja für eine Art Religion, einen Trend, der wieder vorübergeht. Außerdem esse ich sowieso nicht soviel und wenn, dann weiß ich, wo mein Fleisch herkommt.“, meint sie und schiebt sich einen großen Happen des Kantinenschweinebratens in den Mund.
Und ich bin mir im Klaren darüber, warum sie mir das erzählt. Der moderne Lebensstil ist unfassbar verwerflich. Der Konsum ist das große moralische Verbrechen unserer Zeit. Um ihn möglich zu machen, beuten wir Schwächere aus; Menschen, Tiere. Und jeder weiß es. Ich weiß es, sie weiß es und der Koch in der Kantine weiß es. Wir haben alle irgendwann einmal Bilder von Massentierhaltungen und Schlachtungen gesehen. Wir haben sie gesehen und wieder verdrängt. Schlimmer noch als diese bloße Ignoranz ist aber der kollektive Selbstbetrug. Gemeinsam reden wir uns ein, dass das alles irgendwie doch nicht so schlimm sei. Jeden Tag Fleisch, jedes Monat neue Kleidung, jedes Jahr ein neues Handy, für jeden von uns. Die Welt kann das aushalten. Es ist alles in Ordnung. Das ist die bequeme Wahrheit, an die wir glauben wollen. Und wenn irgendetwas oder irgendjemand daherkommt, der sie in Frage stellt, halten wir uns gegenseitig die Augen und die Ohren zu. Aber der Vegetarismus ist eine Art Religion?
Ich hebe den Kopf und schaue ihr in die Fratze. Ich weiß gar nicht mehr, wie ihr Gesicht für mich früher ausgesehen hat. „Nein, ich bin kein Vegetarier.“, antworte ich. „Aber es ist sicher gut, dass du dir so viele Gedanken darüber machst, wo dein Fleisch herkommt. Ich habe mich damit nie wirklich beschäftigt.“

Ich bin in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause. Zwei junge Männer sitzen neben mir. Sie schimpfen über Ausländer. Ich kann es kaum verstehen. Sie reden nicht miteinander, sondern nebeneinander her, nicken sich ständig zu und fallen sich dauernd ins Wort. Ich schaue hin. Beide haben keine Ohren. Ich muss laut lachen und alle sehen mich an. Ich blicke zurück in die ganzen zerfurchten und zerbeulten Gesichter und fühle mich, für einen kurzen Moment nur, ganz wohl in meiner Haut.
„Seht euch doch mal an.“, rufe ich in die Runde, immer noch lachend. „Ihr seht alle komisch aus.“
‚Jetzt is‘ vorbei mit dir.‘, schießt es mir durch den Kopf. Bei der nächsten Haltestelle steige ich aus und gehe zu Fuß weiter. Als ich zuhause ankomme, schließe mich sofort im Klo ein, obwohl ich alleine wohne. ‚Es war schon lange nicht mehr so schlimm wie heute.‘, denke ich. Ob alle Menschen Fratzen tragen, weiß ich eigentlich gar nicht. Vielleicht sehe und höre ich nur noch die, die es tun. Vielleicht werde ich auf die anderen gar nicht mehr aufmerksam. So oder so, es sind jedenfalls zu viele; viel zu viele Menschen mit Fratzen. Und ich ertrage es nicht länger. ‚Ab morgen schaust du gar nicht mehr hin.‘, denke ich. ‚Wirklich nicht mehr.‘
Ich habe ein Tuch vor den Spiegel im Bad gehängt. Ich habe Angst davor, hineinzusehen. Ich will wirklich nicht hineinsehen. Aber ich muss. Ich reiße das Tuch ab. Da ist sie, die schlimmste von allen. Sobald ich die Augen zumache, verfolgt sie mich. Ich habe mir etwas zum Schlafen besorgt. Die Pillen liegen auf dem Nachtkästchen. Ich nehme vier und spüle sie mit Wodka runter. „Wieder eine mehr als gestern.“, sage ich zu mir und lege mich ins Bett.

Die Gedanken der Tiere

Ist die Fähigkeit des Denkens an das Sprachvermögen gebunden? Nicht wenige Philosophen vertreten die Auffassung, dass etwas zu denken dasselbe bedeutet wie sich in einer bestimmten mentalen Einstellung zu seiner Umwelt zu befinden, also Überzeugungen zu haben. Diese wiederum sind, so wird argumentiert, an ein Verständnis des Objektivitätsgedankens gebunden; dass also empirische Subjekte, die Gegenstand der Überzeugungen sind, unabhängig von diesen existieren, und dass die eigene Einstellung daher auch falsch sein und man sich irren könnte. Um also Überzeugungen haben zu können, benötigt man einen Begriff davon, was eine Überzeugung überhaupt ist. Eine solche Begrifflichkeit ist aber eng mit sprachlichen Konzepten verwoben und kann, so die abschließende Feststellung, ohne Sprachvermögen nicht erworben werden.
Diese Zusammenfassung ist natürlich eine stark verkürzte Darstellung der Argumentation. Es wäre nicht möglich, sie hier in voller Länge vorzustellen, und deshalb möchte ich den interessierten Leser auf den Aufsatz „Rational Animals“ von Donald Davidson verweisen.

Ich halte mehrere Punkte an der oben erklärten Position für kritikwürdig. Bereits die Definition des Denkens durch die Abhängigkeit vom Besitz von Überzeugungen bereitet mir Kopfzerbrechen. Der Zugang zu diesem Begriff sollte meines Erachtens deutlich abstrakter sein; insbesondere, wenn wir über den Geist von Tieren sprechen. Ich möchte unter einem Gedanken nicht mehr und nicht weniger verstehen, als das bewusste Erleben der eigenen mentalen Zustände. Stellt sich unser Denken im Normalfall nicht überaus komplexer dar, als durch bloße Aneinanderreihung von stumm gesprochenen Sätzen, die mit „Ich glaube, dass…“ beginnen? Was ist mit den rein bildhaften Vorstellungen, oder mit Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse, Gefühle, Geräusche oder Gerüche? Wollen wir diese mentalen Zustände nicht als Gedanken bezeichnen?
Offensichtlich beeinflusst Sprache unser Denken derart massiv, dass es uns schwer fällt, sie nicht als Notwendigkeit dafür zu sehen. Ich behaupte aber, dass vollständig verbalisierte Sätze zwar oftmals das Resultat eines Denkvorganges sind, aber nicht unbedingt Bestandteil von diesem sein müssen. Bei Menschen, die sich mit ausgesprochen abstrakten Gegenständen beschäftigen, ist es gewiss so. Als Mathematiker, der jeden Gedankenschritt zur Gänze verbalisiert, würde ich sehr langsam arbeiten. Die Gegenstände meines Denkens sind vielmehr Bilder von mathematischen Ausdrücken oder Objekten, die ich vor dem inneren Auge manipuliere. Dabei befolge ich Regeln, lasse mich von Gefühlen und Ideen leiten und ziehe Schlussfolgerungen, ohne auch nur ein einziges Wort zu mir selbst zu sprechen. Es ist ein vollständig nonverbaler Vorgang.
Natürlich, auch die Mathematik ist eine Sprache in gewissem Sinne. Doch vermutlich würde selbst Davidson nicht leugnen, dass Hunde die Subjekte ihrer Erfahrung imaginieren und sie gemäß ihrer Empfindungen und Eindrücke kategorisieren. Dabei befolgen sie gewiss Regeln, lassen sich von Gefühlen und Ideen leiten und ziehen auch Schlussfolgerungen. Worin also liegt der Unterschied? Im kommunikativen Element unserer Sprachen? Aber welche Rolle spielt das für unsere Frage? Jeder Gedanke kann im Geist eines Individuums als abstrakte Vorstellung bestehen. Schließlich müssten auch wir Menschen nur jene Sachverhalte verbalisieren, von denen wir beabsichtigen, sie anderen mitzuteilen. Und in der Tat: Dass ein Großteil unserer Denkvorgänge völlig unbewusst abläuft, legt die Auffassung nahe, dass diese theoretische Feststellung von der Praxis nicht so weit entfernt ist, wie man im ersten Moment meinen könnte.

Sprachvermögen erleichtert gewiss die Entwicklung eines ausgeprägten Verständnisses des Objektivitätsgedankes. Es befähigt uns zu einem hochorganisierten Arbeiten mit Begriffen, zu dem andere Tiere nicht fähig sind. Ich halte es allerdings für einen Fehlschluss, dass es nur dieses hochentwickelte Verständnis des Objektivitätsgedankens gibt und sonst gar keines, und dass es nur den sprachbezogenen Umgang mit Begriffen gibt und sonst gar keinen. Ein Hund, der sein Frauchen gerochen hat und, mit dem Schwanz wedelnd, vor der Haustüre wartet, befindet sich in einem bestimmten mentalen Zustand; und ich bin geneigt, diesen eine Überzeugung zu nennen. Ich habe kein anderes Wort dafür. Doch spielt dieser Definitionsstreit tatsächlich eine Rolle? Fakt ist: Das Tier erlebt seinen mentalen Zustand, es hat also einen Gedanken. Und vielleicht ist sein Denken zu abstrakt (man beachte die Ironie!), als dass wir es mit unseren Worten gut beschreiben könnten. Wie man es auch dreht und wendet: Hunde, Schweine, Affen und viele andere Tiere haben vermutlich einen ganz anderen Umgang mit Begriffen und eine andere subjektive Perspektive auf die Welt als Menschen; aber sie haben eine.

Liebe Grüße,
Mahiat