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Annus horribilis

2016 war kein gutes Jahr der Weltpolitik. Es hat nicht gut begonnen und wird offenbar nicht gut enden. Wir sollten uns die positiven Momente in Erinnerung rufen, denn auch von diesen hat es einige gegeben. Und wer im Weltgeschehen nicht fündig wird, so doch vielleicht bei dem Gedanken an seine persönlichen Erlebnisse.
Das Fest am Jahresende ist eine Gelegenheit, an die Bedürfnisse anderer zu denken. Wer Not leidet und Hilfe benötigt, der soll sie auch bekommen. Alle Ereignisse und Entscheidungen dieses Jahres dürfen und können nicht an dieser unumstößlichen Überzeugung rütteln. In solchen Zeiten ist jeder Euro für ein Verlegenheitsgeschenk als Spende für Mensch oder Tier gewiss besser aufgehoben.

Ich wünsche euch schöne Feiertage und uns allen ein friedliches 2017.

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Hofer, Trump und Brexit

Österreich ist ein lebenswertes Land. Im internationalen Vergleich zumindest besteht daran überhaupt kein Zweifel. Laut SIPRI-Bericht (2015) ist es eines der sichersten und friedlichsten Länder der Erde. Österreich gehört darüber hinaus auch zu den reichsten Staaten, und die Arbeitslosenquote ist trotz Krise immer noch eine der niedrigsten in Europa. Wien ist seit mehreren Jahren die Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit. Der Lebensstandard steigt auch in anderen Industriestaaten beständig; zumindest, wenn er an solchen harten Zahlen gemessen wird.

Man müsste eigentlich meinen, dass es Demagogen heutzutage besonders schwer hätten. Wie will man ein Volk ängstigen, das in weitgehender wirtschaftlicher Stabilität und in Sicherheit lebt und das die großartigen rechtlichen Errungenschaften der Aufklärung genießt? Tatsächlich ist die Demagogie das politische Rezept unserer Zeit, und sie gelingt vielleicht besser, als jemals zuvor. Die oben genannten Fakten sind nämlich in diesem Zusammenhang völlig bedeutungslos, es ist der subjektiv empfundene Lebensstandard, der die Menschen in ihrer Wahlentscheidung beeinflusst. Die subjektiven Empfindungen der Bürger aber sind nicht an objektive Maßstäbe gebunden. Sie sind vielmehr das Spielzeug der Aufwiegler, der Gegenstand ihrer begnadeten Manipulationen. Man halte sich die folgenden statistischen Tatsachen vor Augen:

  1. Die überwiegende Mehrheit der Wähler Hofers ist nicht von Armut betroffen.
  2. Die überwiegende Mehrheit der Wähler Hofers ist nicht von Arbeitslosigkeit betroffen.
  3. Die überwiegende Mehrheit der Wähler Hofers war noch nie Opfer eines Verbrechens.

Die überwiegende Mehrheit der Wähler Norbert Hofers lebt unter zufriedenstellenden Umständen und würde dies vielleicht auch gar nicht bestreiten. Ihre Wahlmotivation liegt vielmehr in der Angst, dass sich daran in Zukunft etwas ändern könnte. Die Arbeitslosigkeit in Österreich ist, wie erwähnt, niedrig im internationalen Vergleich; aber sie steigt. Die Situation am Arbeitsmarkt ist schwieriger geworden. Manchen der Ängste liegen also vernünftige Bedenken zugrunde, andere hingegen werden durch die intensive Negativberichterstattung in den Medien künstlich erzeugt und befeuert. Demagogen machen hierbei keinen Unterschied. Sie greifen alle Sorgen dankbar auf, nähren sie, denken sich neue aus. Kein Wähler ist ihnen lieber als der, der sich zu Tode fürchtet.
Während der Aufwiegler sich zurücklehnt und zusieht, wie seine widerliche Saat aufgeht, arbeiten jene, die er „Systempolitiker“ schimpft, an Lösungen für die Probleme. Wie alle arbeitenden Menschen erzielen sie dabei Erfolge und begehen andererseits auch Fehler. Das Rezept der Demagogie verbietet aber natürlich eine derartig differenzierte Betrachtung der politischen Leistung des Gegners. Das Volk soll hingegen glauben, dass diese Menschen Schuld an der Entstehung der Probleme sind, ja dass es ohne sie überhaupt keine Schwierigkeiten geben würde. Dabei sind etwa die Ursachen der steigenden Arbeitslosigkeit in erster Linie in Faktoren wie der Finanzkrise, der zunehmenden Automatisierung oder dem gesellschaftlichen Wandel zu suchen. Trump, Hofer, Farage und Konsorten, sie alle profitieren von solchen Krisen. Während andere mit ihnen kämpfen und unter ihren Auswirkungen leiden, nutzten sie sie für ihren persönlichen Vorteil. Ohne Krise haben sie keine politische Zukunft.

Österreich ist ein lebenswertes Land, aber wir stecken in schwierigen Zeiten. Der Brexit und Trumps Wahl zeigten in aller Deutlichkeit, dass die Menschen dem Establishment die uneingeschränkte Schuld geben und dass sie sich daher nichts mehr als irgendeine Veränderung wünschen. Jeder Preis scheint dafür recht zu sein. Offenbar müssen wir wieder einmal daran erinnert werden, dass nicht jede Veränderung eine Verbesserung darstellt. Den westlichen Demokratien steht jedenfalls eine harte Bewährungsprobe bevor, und es liegt in unserer gesellschaftlichen Verantwortung, den regierenden Agitatoren stets die Grenze aufzuweisen und zu protestieren, sobald sie rote Linien übertreten.

Liebe Grüße
Mahiat

Es

Das Licht fällt in mich ein
und weckt Es auf.
Es wird warm in mir, und heißer,
mit jeder Sekunde.
Feucht sind die Hände und eiskalt
die Füße.
Bald fallen sie ab.
Und das Herz rast
zum ersten Mal.

Ich schließe die Augen. Mein
stiller, schwarzer, einsamer Raum,
ist nichts von alledem.
Es ist da und
schreit mich an.
Ich öffne die Augen. Es
macht mir Angst und ist alles,
das mir Angst macht
auf dieser Welt.

Es jagt mich durch die Hölle,
die ein Himmel wär‘
für andere,
Es ist’s, das den schönsten Himmel
für mich zur Hölle macht.
Es lebt in mir.
Und wenn Es schläft, starre ich
in die Luft und
falle ab.

Vegan? Vegan!

Neulich fand ich beim Fleisch im Kühlregal veganes Grillgut. Darüber wäre ich nicht verwundert gewesen, hätte ich mich nicht in der kleinen Stadt Höfn im Osten Islands befunden, 459 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Reykjavík und, selbst nach niedrigen österreichischen Maßstäben, irgendwo im Nirgendwo.
Schauplatzwechsel: Ein kleines, zufällig ausgewähltes Kafeehaus in einer österreichischen Bezirkshauptstadt. Sojamilch gibt es mittlerweile (fast) überall. Hier aber bietet man ein veganes Eis, ein veganes Panini und ein veganes Frühstück an.
Wer in letzter Zeit öfters mal den Fernseher eingeschaltet hat, hat vielleicht die Werbung von VegaVita gehört, in der animierte Tiere ein kleines Liedchen trällern:
„We are no food, we all have feelings, […]
Just a vegan day a week, for you and me.“

In größeren Städten eröffnen zahlreiche Restaurants mit vegetarischem und veganem Angebot. Mancherorts finden sich auf der Karte gar keine Speisen tierischen Ursprungs mehr. „Das ist ein Lifestyle von Wohlstandsverwahrlosten, die an einer Hand abzuzählen sind.“, so eine Reaktion auf diese Erfahrungen, die nicht nur die meinen sind. „Das ist ein Trend, der wieder vorübergeht.“ Der Wirtschaft indessen ist es einerlei, von welchen Emotionen und Urteilen solche Entwicklungen begleitet werden. Nach dem heiligen Gesetz der Ökonomie bestimmt die Nachfrage das Angebot. Wenn also die Anzahl und Vielfalt der angebotenen vegetarischen und veganen Produkte rasant ansteigt, welchen sachlichen Schluss können wir daraus ziehen? Genau.
Der Sektor boomt. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten interessieren sich aus unterschiedlichsten Gründen für Güter, die unter der Vermeidung von Tierleid produziert wurden. Längst ist die Ernährung nur noch ein betroffener Konsumbereich unter vielen anderen. Vegane Produkte finden sich auch bei den Kosmetika, bei den Hygieneartikeln, bei der Kleidung. Manche kaufen diese Waren und verwenden sie, obwohl sie sich selbst nicht als Veganer bezeichnen würden, manche kaufen sie gar nicht für sich selbst, sondern für Familienmitglieder oder Freunde. Welche Ursachen es auch dafür geben mag, Fakt ist: Das Angebot ist da, die Nachfrage ist da. Und die Diskussion um die Gründe für dieses veränderte Konsumverhalten drängt in das gesellschaftliche Bewusstsein, verschafft sich den Platz, der ihr zusteht, wird mit jedem Tag lauter und lauter.
Mich begleitet diese Debatte seit mehreren Jahren. Ich habe sie auf unterschiedlichen Ebenen beobachtet oder selbst geführt; vom Stammtischniveau in der Kommentarzeile unter einem Boulevardartikel über vegane Eltern, die ihr Kind fast verhungern ließen, bis hin zu philosophischen Streitgesprächen darüber, ob Utilitarismus eine geeignete Grundlegung für Tierrechte ist, oder nicht. Meiner Beobachtung nach gliedert sich die Begründung der veganen Lebensweise in drei Zugänge:
1) Gesundheit
2) Ökologie
3) Tierrechte
Die ökologischen Auswirkungen der Nutztierhaltung sind relativ unstrittig. Es ist kein Geheimnis, dass ein aus Mitteleuropa stammender Mensch seinen immensen ökologischen Fußabdruck durch den Fleischverzicht stark reduzieren kann. Gleichzeitig gibt es wohl wenig vergleichbar einfache Schritte, die so effektiv sind. Was den Aspekt der Tierrechte betrifft, so habe ich mich damit in verschiedenen Artikeln beschäftigt, etwa hier, hier oder hier. Ich kenne keine einzige politische, gesellschaftliche oder philosophische Debatte, in der die Kraft der Argumente derart ungleich verteilt ist, wie in dieser. Es gibt eine Vielzahl an Begründungen dafür, dass Fleischkonsum nicht verträglich mit den Konventionen unserer gesellschaftlichen Moral ist, es gibt unzählige Philosophen und Autoren, die mit verschiedensten, längst nicht mehr überblickbaren Zugängen die Verwerflichkeit dieses Konsums erklären, es gibt endlos Literatur, Artikel und Bücher. In all den Jahren ist mir nicht ein einziger ernstzunehmender Autor untergekommen, der diesen Positionen irgendetwas Vernünftiges entgegenzusetzen hätte. Natürlich: Tierrechtler diskutieren mit Tierrechtlern über den besseren Ansatz, Vegetarier mit Veganern, Veganer mit Vegetariern. Und doch gibt es meiner Kenntnis nach keine Kritik, die es auch nur ansatzweise vermag, die gemeinsamen tierrechtlichen Grundsätze all dieser Bewegungen in Zweifel zu ziehen. Ich bin im Übrigen dankbar für jeden Hinweis, der mich eines Besseren belehrt.
Entsprechend der überwältigenden Einseitigkeit der Debatte hinsichtlich der ökologischen und tierrechtlichen Aspekte konzentriert sich die mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit vornehmlich auf die Frage, ob die tierproduktsfreien Ernährungsweisen ihren Anspruch erfüllen, gesund zu sein. Da diese Frage im Bezug auf vegetarische Ernährung unter Wissenschaftlern und Ärzten gemeinhin als geklärt gilt, steht insbesondere der Veganismus im Zentrum. Und da es angesichts der empirischen Gegenbeweise immer seltsamer wirkt, die Eignung veganer Ernährung für gesunde erwachsene Menschen in Abrede zu stellen, spricht man halt über die Eignung für Schwangere; oder für Kinder; oder für Hunde; oder für Katzen. Es sind Scheindebatten, die von den ökologischen Aspekten ablenken und dafür sorgen, dass die Diskussion um Tierrechte nicht in die Mitte der Gesellschaft vordringt. Sie sind dafür verantwortlich, dass es Menschen gibt, die Veganismus für einen gefährlichen „Trend“ von „Wohlstandsverwahrlosten“ halten, weil sie gar nicht wissen, welche politischen Forderungen damit eigentlich zusammenhängen.

Nicht jeder, der ein Bewusstsein für die Problematik des Konsums tierischer Waren entwickelt hat, pflegt einen konsequenten Lebensstil und würde sich selbst als Vegetarier oder Veganer bezeichnen. Es muss aber unser gemeinsames Ziel sein, alle diese Menschen hinter bestimmten politischen Forderungen zu vereinen und dem Label des Veganismus zu einem neuen Image in der öffentlichen Wahrnehmung zu verhelfen. Er soll nicht länger ein Kuriosum und eine rein persönliche Angelegenheit sein, der etwas Eingenähtes anhaftet, sondern endlich das Politikum werden, das er der Sache nach von Anfang an gewesen ist; als Begleiter der Tierrechtsbewegung im Kampf gegen Massentierhaltung und Tierversuche, als Unterstützer der Umweltbewegung im Kampf für eine Zukunft. Nur durch eine Veränderung unseres Konsums ist die Verwirklichung dieser Bemühungen überhaupt möglich. Wer auch immer also diesem Gedanken offen und freundlich gegenübersteht, soll uns herzlich willkommen sein.
Veganismus ist eine Idee von einer besseren Welt. Wir haben Forderungen. Wir haben vernünftige Argumente. Und die Wirtschaft, der Spiegel gesellschaftlicher Interessen, bestätigt uns: Wir haben die Zahlen. Veganismus ist kein Trend, und wir verschwinden nie wieder.

Liebe Grüße
Mahiat

Bundespräsidentenstichwahl

Zurzeit finde ich leider nur wenig Zeit fürs Schreiben, und diese nütze ich für die Arbeit an meinem nächsten Buch. Daher gibt es hier im Moment nichts Neues. Bis zum Erscheinen der nächsten Beiträge möchte ich euch die nochmalige (oder erstmalige?) Lektüre meines Appells an die Vernunft nahelegen. Da uns ja das Vergnügen einer Wiederholung der Bundespräsidentenstichwahl zwischen Alexander van der Bellen und Norbert Hofer bereitet wurde, sehe ich den Text als meinen Beitrag zur zweiten Runde des Wahlkampfes. Die Argumente sind also dieselben wie beim letzten Mal; auf sachlicher Ebene hat sich allerdings seit dem 22. Mai auch nichts geändert.

Liebe Grüße
Markus Hittmeir

Gottesmord

„Gott mit uns“, das war ein Schlachtruf im römischen und im byzantinischen Reich. Schwedische Heere glaubten den Schöpfer ebenso mit sich wie die Reichswehr nach dem Ende der deutschen Monarchie. Während des zweiten Weltkrieges stand „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern der Soldaten der Wehrmacht geschrieben. Zu allen Zeiten war Gott der Beschützer der Kriegsleute und spendete ihnen Kraft und Trost. Wo immer Krieg ist, ist auch Gott. Aber auch in Friedenszeiten entfaltet Gott seine Wirkung und waltet in jedem, der es zulässt.

Nach Jahrhunderten der Aufklärung können wir mit einiger Zuversicht sagen: Gott ist kein Ding. Gott ist eine Idee, ist immer eine Idee gewesen. Eine Idee kann entstehen, kann sich verbreiten, kann in den Köpfen der Menschen leben. Eine Idee kann auch sterben. „Gott ist tot!“, rief der tolle Mensch in ‚Die fröhliche Wissenschaft‘ von Friedrich Nietzsche. „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“  Über 100 Jahre später haben wir immer noch nicht den Mut gefunden, seinen Leichnam endlich zu Grabe zu tragen.
Gott, das ist nicht einer oder eine, das sind viele. Gott ist meine Idee und deine, ist in mir ebenso tot, wie er in dir vielleicht lebendig ist. Ein einziger Gott in den Köpfen vieler wird durch seine Anziehungskraft auf die Massen aber nicht zu einem Ding, auch er muss Idee bleiben. Manche dieser Götter haben wie eine Krankheit grassiert und auch wie eine solche gewütet. Gefährlich ist all das, was neben sich nichts anderes duldet, und „Gott mit uns“ ein Schlachtruf ebenso furchtbar wie der Krieg selbst. „Gott mit uns, Gott mit denen, Gott mit keinem, Gott mit jedem“, wenn Gott schon sein muss.
Gott ist ein moralischer Fehler; oder wenigstens einem solchen Fehler verwandt, und zwar dem Verlust der Fähigkeit, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Wer seine Taten nur unter Berufung auf seinen moralischen Herrn rechtfertigen kann, kann es gar nicht. Wie häufig ist und war Gott eine Idee, die Vernunft gerade dort unterbinden will, wo nichts dringender gebraucht wird als Vernunft? Wo immer Gott zum Argument wird, wo immer er Gesetz ist, muss er Schaden anrichten.

Manch ein alter Gott lebt heute noch und ist der größte Teufel der Menschen, in deren Köpfen er sitzt. Jüngere Götter hingegen sind zahm und dienen ihren Wirten als Freunde. Lasset uns die alten Götter, diese Menschenfeinde, endlich überwinden! Lasset uns den Mut haben für das Eingeständnis, dass sie ein grauenhafter Sprössling unserer geistigen Schöpfung sind, den wir viel zu lange genährt haben. Lasset diese Götter verhungern und uns darauf hoffen, dass sie nie wieder lebendig werden. Ihr Nachlass soll der Einsatz für ein schöneres Leben sein; mit jüngeren Göttern oder, am besten, mit gar keinen.

Fußballpatriotismus

Ich liebe Spiele. Ich bin seit jeher fasziniert von allen möglichen Formen und Ausprägungen von Brettspielen, Kartenspielen, Computerspielen und sportlichen Wettkämpfen. Ein Spiel wird durch seine Regeln definiert; wer die Regeln ändert, ändert das Spiel. Sie bestimmen die Möglichkeiten der Akteure vollständig in dem Sinne, dass von jeder Handlung klar entschieden werden kann, ob sie regelkonform ist oder nicht. Ein Spiel erlaubt jedes Verhalten, das nicht ausdrücklich verboten ist.

Zum Fußball habe ich eine persönliche Beziehung. In meiner Kindheit und frühen Jugend war ich Torhüter, habe intensiv trainiert und mit großer Freude gespielt. In den letzten Jahren habe ich mein Interesse für diesen Sport allerdings nur ausgesprochen selten gepflegt. Durch die Europameisterschaft und die gesellschaftliche Anteilnahme daran bin ich nun wieder darauf aufmerksam geworden und habe bemerkt, dass sich meine Perspektive auf den Fußball verändert hat. Zu dem emotionalen hat sich ein psychologisches Interesse gesellt und damit der Wunsch nach Erklärungen für eben diese Emotionalität, die mit dem Sport verbunden ist.
Ein Aspekt des Fußballspiels besteht darin, dass auch der Regelverstoß reglementiert ist. Die Konsequenzen eines Fouls sind relativ klar definiert. Wer sie in Kauf nimmt, kann das Foul als taktisches Element seines Spiels in Betracht ziehen. Unter diesem Gesichtspunkt müsste man Fouls also gar nicht unbedingt als Regelverstöße bewerten, sondern könnte in ihnen echte Handlungsoptionen im Rahmen der Möglichkeiten des Spiels sehen. Die beinahe unerfüllbar schwierige Aufgabe des Schiedsrichters trägt das Übrige dazu bei, dass der Vergleich des Fußballs mit einem formalen Spiel, wie ich es in der Einleitung erläutert habe, nicht wirklich funktioniert. Fußball hat mit unserem Sozialleben, das durch diffuse und unausgesprochene Umgangsformen geleitet wird, auf jeden Fall mindestens genauso viel gemein wie mit einem formalen Spiel.
Fußball ist also kein formales, sondern ein soziales Spiel. Wir haben das Feld der klaren Strukturen verlassen, aber dafür bereits einen kleinen Fortschritt im Bezug auf unseren Wunsch nach einer Erklärung der mit diesem Sport zusammenhängenden Emotionalität erzielt. Fußball gibt der Subjektivität von Gefühlen und Urteilen Raum, er lässt unterschiedliche Meinungen zu. Wenn wir entscheiden, ob eine gewisse Handlung regelkonform war oder nicht, wird unser Urteil von unseren Präferenzen und Vorurteilen gegenüber den Akteuren abhängen. Unsere Gefühle der Sympathie und der Wertschätzung gegenüber einzelnen Spielern oder ganzen Mannschaften verzerren unsere Wahrnehmung des Spiels und führen zu einer Interpretation der Eindrücke, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.
Sympathie entsteht, wenn wir uns mit jemandem identifizieren und für seine Gefühle sensibilisiert werden. Hierzulande sorgten die Medien und das gesellschaftliche Umfeld dafür, dass in den letzten Wochen eine breite Welle der Sympathie für die österreichische Nationalmannschaft entstanden ist. Wer sich darauf einlässt, wird von dieser Welle mitgerissen. Auch ich freute mich gestern, als Ronaldo den Elfmeter gegen den Pfosten setzte. Ebenso freute ich mich über den Ausgleich der Isländer gegen Portugal, was einer im letzten Sommerurlaub entstandenen Zuneigung zur Vulkaninsel im hohen Norden geschuldet ist. Sympathie hat in dieser Form etwas Naives und Unschuldiges, gewiss aber auch etwas Wankelmütiges und Unaufrichtiges, wie man an den Reaktionen auf die ungewohnt schlechte Leistung Österreichs im Spiel gegen Ungarn erkennen konnte.
Diese Gefühle zeigen uns, wovon unsere Bewunderung und unsere Missachtung, wovon unsere Vorurteile abhängig sind; nicht nur gegenüber Fußballmannschaften, sondern auch im Sozialleben. Sie sind es deshalb wert, genauer hinterfragt zu werden. Wenn die Rivalität sich nicht mehr nur auf das Spiel beschränkt und ein Aufeinandertreffen auf dem Platz zu einem Ereignis politischer Bedeutung hochstilisiert wird, verwandelt sich die grundsätzlich naive und unschuldige Sympathie in etwas Verwerfliches. Wo der Fußball nicht mehr im Zentrum steht, wo er nur noch ein Instrument zur Befriedigung der primitivsten Bedürfnisse nach Zugehörigkeit ist, hat er längst aufgehört, ein Spiel zu sein.

Die Freuden des parteiischen Fußballfans sind einem gefährlichen Fehler verwandt. Der Fußball überhaupt ist in all seinen Strukturen ein zweischneidiges Schwert, nicht nur hinsichtlich der grassierenden Korruption und seinem Verhältnis zum rücksichtslosen Kapitalismus. Gewalt und Nationalismus werden ebenfalls immer wieder mit ihm in Verbindung gebracht und in den entsprechenden Kreisen ist Soziodiversität ein Fremdwort. Der Sport ist mit einem unglaublich peinlichen Männlichkeitsklischee behaftet. Der Genuss am Spiel an sich, sowohl an seinen formalen als auch an seinen sozialen Aspekten, wird dadurch zweifellos getrübt. Schade eigentlich.

Liebe Grüße
Mahiat