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Stoizismus in einer Pandemie

24/03/2020

Wir befinden uns in einer beispiellosen Krisensituation. Die politischen Institutionen müssen gravierende Entscheidungen treffen und die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Probleme lösen, die aus den Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuche entstehen. Die Gesellschaft benötigt die Ausdauer und die Solidarität, um diese Maßnahmen mitzutragen und jene zu unterstützen, die von der Krankheit am stärksten betroffen sind. Es braucht einen Journalismus, der uns offen und verlässlich informiert, und Menschen, die gefährliche Entwicklungen kritisch hinterfragen. Darüber hinaus hat jeder und jede einzelne von uns auf völlig individuelle Weise mit der Krise zu kämpfen. Für Leute in systemkritischen Berufen, zu denen auch die im Beitrag Wachstum und Zerfall erwähnten unverzichtbaren Dienstleistungen zählen, steigt die ohnehin stets hohe Arbeitslast noch weiter. Manche Menschen sind von plötzlicher Arbeitslosigkeit betroffen, von Sorgen um Familienangehörige, von finanziellen und existentiellen Ängsten oder von psychischer Krankheit, die durch die soziale Isolation verstärkt wird.
Ich möchte heute keine gesamtgesellschaftlichen Belange diskutieren, weder die Angemessenheit der erwähnten Maßnahmen noch Prognosen über den Verlauf der Pandemie. Ich möchte stattdessen über eine uralte und enorm einflussreiche Philosophie sprechen, nämlich die Stoa. Diese Schule wurde um 300 v. Chr. von Zenon gegründet, bekannte Vertreter waren Seneca und der römische Kaiser Marcus Aurelius. Sie hat neben anderen philosophischen Strömungen auch das Christentum und den Islam geprägt. Im Folgenden aber werde ich die Historie, die Persönlichkeiten, die Kosmologie und die Metaphysik außen vor lassen und mich nur auf einen ganz bestimmten Bereich der Ethik konzentrieren, in dem die große Stärke dieser Philosophie liegt. Denn die Stoa stellt aus meiner Sicht die besten Ratschläge bereit, um Leid zu ertragen. Diese Ratschläge sind als Hilfestellungen zu verstehen und nehmen große Rücksicht auf die menschliche Natur. Gleichzeitig ist es mir wichtig zu betonen, dass kein Ratschlag so gut ist, dass er jedem Menschen in jeder Lebenssituation helfen könnte. Je besser man jedoch über ethische Konzepte Bescheid weiß, desto mehr Werkzeuge hat man zur Hand, um angemessen auf Krisen zu reagieren. Die Konzepte zu verstehen, ist dabei nur der erste Schritt. Wie bei allen Werkzeugen muss man den Umgang mit ihnen üben, wenn man sie tatsächlich verwenden möchte. Damit dieser Beitrag nicht zu lange wird, habe ich mich auf drei Punkte beschränkt, die mir besonders relevant für die derzeitige Lage scheinen.

1) „Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere nicht. In unserer Macht sind Urteil, Bestrebung, Begier und Abneigung, mit einem Wort alles das, was Produkt unseres Willens ist. Nicht in unserer Macht sind unser Leib, Besitz, Ehre, Amt, und alles was nicht unser Werk ist.“ – Epiktet
Keiner von uns weiß mit Sicherheit, was in den nächsten Monaten auf uns zukommen wird. Aber jeder von uns hat einen Einfluss darauf. Für die Stoiker ist ein glückliches Leben dasselbe wie ein tugendhaftes Leben. Wir alle fällen jeden Tag unzählige Entscheidungen. Sie betreffen unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Worte und unsere Handlungen. Sofern sie unsere Gedanken und Gefühle betreffen, beeinflussen sie, wie wir uns selbst fühlen. Sofern sie unsere Worte und Handlungen betreffen, beeinflussen sie auch, wie andere sich fühlen. Jeder Mensch fasst ununterbrochen solche Entschlüsse, selbst unter den widrigsten Umständen. Manche Menschen haben einen größeren Wirkungsbereich als andere. In welche Kategorie wir fallen, ist nicht in unserer Macht. Niemand aber ist ohne Macht. Wer lebt, entscheidet. Gleichzeitig sind diese Entscheidungen alles, was wir kontrollieren können. Wir können unser Bestes dafür tun, um ein gewünschtes Resultat zu erzielen. Aber wir können es nicht erzwingen. Das betrifft insbesondere die im Zitat erwähnten Lebensbereiche Leib, Besitz, Ehre und Amt. Wir können dazu beitragen, dass sich unserer Position in diesen Belangen verbessert. Aber jeder Mensch mit einem Funken Lebenserfahrung weiß, dass dieser Einfluss beschränkt ist.
Was auch immer mit uns geschieht, wie auch immer sich die Gesellschaft und unser Wirkungsbereich verändert, die Konzentration auf unsere Entscheidungen hilft uns dabei, ein gutes Leben zu führen und keine Energie auf Dinge zu verschwenden, die wir nicht beeinflussen können. „Nicht was, sondern wie du erträgst, ist von Belang.“, schrieb Seneca. Gute Entscheidungen schaffen immer die denkbar besten Voraussetzungen dafür, dass wir selbst und die Menschen in unserem Umfeld so glücklich wie möglich sind.

2) „Bedenke, dass die menschlichen Verhältnisse insgesamt unbeständig sind. Dann wirst Du im Glück nicht zu fröhlich und im Unglück nicht zu traurig sein.“ – Sokrates
Das zweite Werkzeug betrifft unseren Umgang mit all jenen Dingen, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Die Stoiker sprechen in diesem Zusammenhang von „Fati“, dem „Schicksal“. Das ist ein bedeutungsschwangerer Begriff, aber hier ist damit nichts anderes gemeint als das, was wir gemeinhin „Glück“ und „Pech“ nennen. In jedem Falle steht fest, dass das Gelingen unserer Vorhaben niemals nur von unseren Entscheidungen abhängt, sondern immer auch von externen Faktoren, die wir nicht beeinflussen können. „Fati“ beginnt mit den Umständen, unter denen wir geboren werden, und zieht sich in Form von Zu- und Unfällen durch unser ganzes Leben hindurch. Es schleust eine inhärente und augenscheinlich sinnlose Ungerechtigkeit in unser Leben ein.
Sokrates ist 399 v. Chr. gestorben und war daher kein Stoiker. Sein Ratschlag ist dennoch ein zutiefst stoisches Plädoyer für Seelenruhe. Ein Mensch kann nur dann nachhaltig zufrieden leben, wenn er sein Glück nicht an die Willkür von „Fati“ knüpft. Keiner von uns ist in der Lage, die externen Faktoren zu ändern, die unser Leben mitbestimmen. Aber wir können entscheiden, wie wir auf sie reagieren; und wir können hinterfragen, wie wir sie wahrnehmen. Manche Krisen sind so gewaltig, sinnlos und furchtbar, dass sie uns im Kern erschüttern und wir nicht mehr tun können als versuchen, sie zu überleben. Mit ihnen wird sich das dritte Werkzeug beschäftigen. Andere Krisen wiederum mögen uns erschüttern, aber nicht im Kern. Leiden sind im Leben unvermeidbar und bringen nicht immer nur Schlechtes hervor. Wer sie überlebt, hat die Möglichkeit, an ihnen zu wachsen. Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern für die ganze Gesellschaft. Zum Zeitpunkt eines Ereignisses ist oft unklar, wie es sich langfristig auf unsere Zukunft auswirken wird. Das trifft auch auf die derzeitige Pandemie zu.

3) „Kein Schmerz, der groß ist, dauert lang.“ – Seneca
Es gibt eine recht bekannte Geschichte von einem König, der den Weisen an seinem Hof eine Aufgabe stellte. Sie mögen eine Botschaft ersinnen, die ihm in Momenten völliger Verzweiflung helfen würde. Die Botschaft müsse sehr kurz sein, denn er wollte sie unter den Diamanten seines Ringes verbergen.
Jahre später wurde das Land überfallen, der König verlor sein Reich. Er war allein und umzingelt von Feinden, als er sich an die Botschaft in seinem Ring erinnerte. Er holte ihn hervor, löste die Diamanten und las. Dort stand: „Auch dies wird vorübergehen.“
Selbst in den schwersten Stunden unseres Lebens gibt es einen Trost: Alles verändert sich, alles geht vorbei. Keinen Schmerz müssen wir ewig ertragen. In Die Schönheit der Hölle habe ich das so beschrieben:
„In jeder Hölle muss es Glück geben, wenigstens in der Form des Schwindens oder der Abwesenheit von Leid. Ist das Leid nämlich beständig, so kann es nicht groß bleiben. Jedes große Leid wird, wenn es beständig ist und nicht tödlich, ein kleines Leid. Ein Geist nämlich, der beständigen Schmerzen zugänglich ist, ist der Erinnerung fähig; ist er ist nicht, so ist jedes Leid für ihn ein neues, aber ein kurzes. Ein sich erinnernder Geist jedoch ist auch ein sich gewöhnender Geist. Wenn die Leiden also nie aufhören und sich nie abwechseln, dann müssen sie, wenn sie nicht irgendwann verschwinden, so doch wenigstens abnehmen. Der tausendste Tag des Leidens wird vom sich erinnernden Geist nicht gleich empfunden werden, wie der erste Tag.“ 
 

Diese drei Erkenntnisse geben einen kleinen Einblick in die stoische Philosophie. Wer sich darüber hinaus mit der Stoa beschäftigen möchte, dem will ich den Youtube-Channel von Einzelgänger ans Herz legen. Ich halte die Videos für ausgesprochen gelungen, und sie sind definitiv leichter zugänglich, als ausgedehnte Blogartikel. 🙂

Alles Liebe
Markus

From → Betrachtungen, Ethik

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