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Wachstum und Zerfall

19/10/2019

Viele Mitglieder der Generationen Y und Z sind mit der Vorstellung groß geworden, dass Leistung, Mühe und harte Arbeit von der Gesellschaft angemessen entlohnt werden. Unsere Wirtschaft muss ständig wachsen und ist von unser aller Arbeitskraft, Produktivität und Konsumfreude abhängig. Das altertümliche Märchen der Leistungsgerechtigkeit durchzieht Erziehung, Schule, Kultur und ist das wichtigste Narrativ konservativer Wirtschaftsparteien. Doch es ist eine absurde und unehrliche Erzählung, und je instabiler die Wirtschaft und die Gesellschaft werden, desto gefährdeter ist sie, aufzufliegen.
Die Lebensqualität in Österreich ist ungemein hoch. Einige Menschen leisten durch ihre Arbeit einen ganz unmittelbaren Beitrag dazu, dass das Zusammenleben in diesem Land derart reibungslos abläuft. Diese Dienstleistungen zeichnen sich durch ihre absolute Unverzichtbarkeit aus. Zu ihnen gehören auch die Müllabfuhr, die Lebensmittelversorgung, der öffentliche Verkehr und die Pflege. Berufe in diesen und ähnlichen Bereichen sind oft mit hohen körperlichen oder psychischen Anstrengungen verbunden. Die Leistung, die etwa ein Mensch in der Pflege erbringt, ist – nach jeder nur irgendwie sinnvollen Definition des Begriffs – enorm hoch. Die zumeist unterdurchschnittliche Bezahlung der Berufe in diesen Branchen ist mit dem Narrativ der Leistungsgerechtigkeit unvereinbar und allein dadurch zu erklären, dass auch der Arbeitsmarkt dem alles regierenden Gesetz von Angebot und Nachfrage gehorcht. Jeder Versuch, die geringe Entlohnung moralisch zu rechtfertigen, ist zum Scheitern verurteilt. Wer etwa einem Menschen seine mangelnde Qualifikation zum Vorwurf macht, der ignoriert die Tatsache, dass kulturelles Kapital ungleich und ebenso ungerecht verteilt ist wie finanzielles Kapital. Unser Geburtsort, unsere Familie, unsere Begabungen, unser Geschlecht, unsere Sprache, unser kulturelles und finanzielles Erbe,… all dies wird ohne unser Zutun bestimmt und steht bereits fest, bevor wir den ersten bewussten Gedanken fassen. Unser Leben wird maßgeblich von dieser natürlichen Lotterie beeinflusst. Dass daraus Ungleichheiten entstehen, ist unvermeidbar. Die wahre Tragödie besteht darin, dass die derzeitigen politischen Verhältnisse die natürlichen Ungerechtigkeiten noch weiter verstärken, anstatt ihnen entgegenzuwirken.

Für die meisten jungen Menschen ist es längst kein Geheimnis mehr, dass die soziale und ökologische Stabilität bedroht ist. Sie gehen zu Tausenden auf die Straßen und sind mit der Mär vom ewigen Wirtschaftswachstum nicht mehr zu beeindrucken. In einem System, in dem bloßes Kapital wie ein Magnet auf alle Ressourcen wirkt, kann es niemals Leistungsgerechtigkeit geben. Eine soziale Korrektur wie das bedingungsloses Grundeinkommen ist unter solchen Umständen moralisch alternativlos.

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