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Zum bequemen Vorurteil

01/11/2012

„Es gibt keine Absurdität, die so handgreiflich wäre, daß man sie nicht allen Menschen fest in den Kopf setzen könnte, wenn man nur schon vor ihrem sechsten Jahre anfienge, sie ihnen einzuprägen, indem man unablässig und mit feierlichstem Ernst sie ihnen vorsagte.“ – Arthur Schopenhauer

Etwas nur deswegen für moralisch vertretbar oder wahr zu halten, weil es von einer Vielzahl von Menschen als moralisch vertretbar oder wahr erachtet wird, scheint mir geradezu wahnsinnig und wohl schlechthin der bedeutendste Irrglaube des Menschseins zu sein; muss man sich doch vor Augen halten, dass andere etwas vielleicht nur aus demselben Grund für vertretbar oder wahr halten, und nicht etwa aus vernünftigen Gründen. Ich will stattdessen mit ganzem Eifer den Fehler in allem suchen, das von der Allgemeinheit kritiklos hingenommen wird. In jeder Selbstverständlichkeit mag sich ein Vorurteil verstecken.
Man soll sich die Frage stellen, wie die eigene Lebensweise durch die Augen eines Menschen betrachtet wird, der in einer Gesellschaft mit anderen Werten aufwuchs. Recht schwer dürfte es nicht fallen, sein Unverständnis für uns nachzuempfinden. Immerhin bringen wir ihm dasselbe entgegen. Und dies ist die größte Barriere zwischen Kulturen und Generationen, der Nährboden aller Missverständnisse. Oft entfacht ein Streit darüber, wer mit der Unvernunft, zu der man ihn erzogen hat, denn nun tatsächlich im Recht ist.
Ein Mensch ist nicht reif, wenn er die Regeln seiner Gesellschaft verstanden hat und ihnen entsprechend sein Leben einrichtet. Reife bedeutet vernünftige Selbstständigkeit im Denken und Handeln. Ein reifer Mensch hinterfragt Werte, die scheinbar durch und durch für gut gehalten werden. Ein reifer Mensch hinterfragt Gesetze. Reife bedeutet, sich selbst alle Maßstäbe zu setzen und sich weder auf Autoritäten zu beziehen noch irgendetwas durch ihre Gebote oder Verbote zu rechtfertigen. Reife bedeutet Aufgeklärtheit nach Kant, bedeutet den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Wir alle sollten uns bewusst sein, dass künftige Generationen an unserem derzeitigen Tun und Handeln Unzähliges kritisieren werden, wohl auf dieselbe berechtigte und vernünftige Weise, wie wir heute das unmoralische, stumpfsinnige Kollektivbewusstsein früherer Generationen abstoßend finden. So denke ich beispielsweise, dass die Verbrechen, die der Mensch heutzutage der Natur und den Tieren antut, in naher oder ferner Zukunft nicht nur von Individiuen, sondern von der Allgemeinheit als ebenso unvorstellbar grauenhaft wie unverständlich empfunden werden. Und auch eine solche Allgemeinheit wird sich gewiss in anderen ebenso bedeutenden Fragen auf fatale Weise irren, denn Allgemeinheiten irren immer.

Liebe Grüße,
Mahiat

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