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Vegan? Vegan!

25/09/2016

Neulich fand ich beim Fleisch im Kühlregal veganes Grillgut. Darüber wäre ich nicht verwundert gewesen, hätte ich mich nicht in der kleinen Stadt Höfn im Osten Islands befunden, 459 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Reykjavík und, selbst nach niedrigen österreichischen Maßstäben, irgendwo im Nirgendwo.
Schauplatzwechsel: Ein kleines, zufällig ausgewähltes Kafeehaus in einer österreichischen Bezirkshauptstadt. Sojamilch gibt es mittlerweile (fast) überall. Hier aber bietet man ein veganes Eis, ein veganes Panini und ein veganes Frühstück an.
Wer in letzter Zeit öfters mal den Fernseher eingeschaltet hat, hat vielleicht die Werbung von VegaVita gehört, in der animierte Tiere ein kleines Liedchen trällern:
„We are no food, we all have feelings, […]
Just a vegan day a week, for you and me.“

In größeren Städten eröffnen zahlreiche Restaurants mit vegetarischem und veganem Angebot. Mancherorts finden sich auf der Karte gar keine Speisen tierischen Ursprungs mehr. „Das ist ein Lifestyle von Wohlstandsverwahrlosten, die an einer Hand abzuzählen sind.“, so eine Reaktion auf diese Erfahrungen, die nicht nur die meinen sind. „Das ist ein Trend, der wieder vorübergeht.“ Der Wirtschaft indessen ist es einerlei, von welchen Emotionen und Urteilen solche Entwicklungen begleitet werden. Nach dem heiligen Gesetz der Ökonomie bestimmt die Nachfrage das Angebot. Wenn also die Anzahl und Vielfalt der angebotenen vegetarischen und veganen Produkte rasant ansteigt, welchen sachlichen Schluss können wir daraus ziehen? Genau.
Der Sektor boomt. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten interessieren sich aus unterschiedlichsten Gründen für Güter, die unter der Vermeidung von Tierleid produziert wurden. Längst ist die Ernährung nur noch ein betroffener Konsumbereich unter vielen anderen. Vegane Produkte finden sich auch bei den Kosmetika, bei den Hygieneartikeln, bei der Kleidung. Manche kaufen diese Waren und verwenden sie, obwohl sie sich selbst nicht als Veganer bezeichnen würden, manche kaufen sie gar nicht für sich selbst, sondern für Familienmitglieder oder Freunde. Welche Ursachen es auch dafür geben mag, Fakt ist: Das Angebot ist da, die Nachfrage ist da. Und die Diskussion um die Gründe für dieses veränderte Konsumverhalten drängt in das gesellschaftliche Bewusstsein, verschafft sich den Platz, der ihr zusteht, wird mit jedem Tag lauter und lauter.
Mich begleitet diese Debatte seit mehreren Jahren. Ich habe sie auf unterschiedlichen Ebenen beobachtet oder selbst geführt; vom Stammtischniveau in der Kommentarzeile unter einem Boulevardartikel über vegane Eltern, die ihr Kind fast verhungern ließen, bis hin zu philosophischen Streitgesprächen darüber, ob Utilitarismus eine geeignete Grundlegung für Tierrechte ist, oder nicht. Meiner Beobachtung nach gliedert sich die Begründung der veganen Lebensweise in drei Zugänge:
1) Gesundheit
2) Ökologie
3) Tierrechte
Die ökologischen Auswirkungen der Nutztierhaltung sind relativ unstrittig. Es ist kein Geheimnis, dass ein aus Mitteleuropa stammender Mensch seinen immensen ökologischen Fußabdruck durch den Fleischverzicht stark reduzieren kann. Gleichzeitig gibt es wohl wenig vergleichbar einfache Schritte, die so effektiv sind. Was den Aspekt der Tierrechte betrifft, so habe ich mich damit in verschiedenen Artikeln beschäftigt, etwa hier, hier oder hier. Ich kenne keine einzige politische, gesellschaftliche oder philosophische Debatte, in der die Kraft der Argumente derart ungleich verteilt ist, wie in dieser. Es gibt eine Vielzahl an Begründungen dafür, dass Fleischkonsum nicht verträglich mit den Konventionen unserer gesellschaftlichen Moral ist, es gibt unzählige Philosophen und Autoren, die mit verschiedensten, längst nicht mehr überblickbaren Zugängen die Verwerflichkeit dieses Konsums erklären, es gibt endlos Literatur, Artikel und Bücher. In all den Jahren ist mir nicht ein einziger ernstzunehmender Autor untergekommen, der diesen Positionen irgendetwas Vernünftiges entgegenzusetzen hätte. Natürlich: Tierrechtler diskutieren mit Tierrechtlern über den besseren Ansatz, Vegetarier mit Veganern, Veganer mit Vegetariern. Und doch gibt es meiner Kenntnis nach keine Kritik, die es auch nur ansatzweise vermag, die gemeinsamen tierrechtlichen Grundsätze all dieser Bewegungen in Zweifel zu ziehen. Ich bin im Übrigen dankbar für jeden Hinweis, der mich eines Besseren belehrt.
Entsprechend der überwältigenden Einseitigkeit der Debatte hinsichtlich der ökologischen und tierrechtlichen Aspekte konzentriert sich die mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit vornehmlich auf die Frage, ob die tierproduktsfreien Ernährungsweisen ihren Anspruch erfüllen, gesund zu sein. Da diese Frage im Bezug auf vegetarische Ernährung unter Wissenschaftlern und Ärzten gemeinhin als geklärt gilt, steht insbesondere der Veganismus im Zentrum. Und da es angesichts der empirischen Gegenbeweise immer seltsamer wirkt, die Eignung veganer Ernährung für gesunde erwachsene Menschen in Abrede zu stellen, spricht man halt über die Eignung für Schwangere; oder für Kinder; oder für Hunde; oder für Katzen. Es sind Scheindebatten, die von den ökologischen Aspekten ablenken und dafür sorgen, dass die Diskussion um Tierrechte nicht in die Mitte der Gesellschaft vordringt. Sie sind dafür verantwortlich, dass es Menschen gibt, die Veganismus für einen gefährlichen „Trend“ von „Wohlstandsverwahrlosten“ halten, weil sie gar nicht wissen, welche politischen Forderungen damit eigentlich zusammenhängen.

Nicht jeder, der ein Bewusstsein für die Problematik des Konsums tierischer Waren entwickelt hat, pflegt einen konsequenten Lebensstil und würde sich selbst als Vegetarier oder Veganer bezeichnen. Es muss aber unser gemeinsames Ziel sein, alle diese Menschen hinter bestimmten politischen Forderungen zu vereinen und dem Label des Veganismus zu einem neuen Image in der öffentlichen Wahrnehmung zu verhelfen. Er soll nicht länger ein Kuriosum und eine rein persönliche Angelegenheit sein, der etwas Eingenähtes anhaftet, sondern endlich das Politikum werden, das er der Sache nach von Anfang an gewesen ist; als Begleiter der Tierrechtsbewegung im Kampf gegen Massentierhaltung und Tierversuche, als Unterstützer der Umweltbewegung im Kampf für eine Zukunft. Nur durch eine Veränderung unseres Konsums ist die Verwirklichung dieser Bemühungen überhaupt möglich. Wer auch immer also diesem Gedanken offen und freundlich gegenübersteht, soll uns herzlich willkommen sein.
Veganismus ist eine Idee von einer besseren Welt. Wir haben Forderungen. Wir haben vernünftige Argumente. Und die Wirtschaft, der Spiegel gesellschaftlicher Interessen, bestätigt uns: Wir haben die Zahlen. Veganismus ist kein Trend, und wir verschwinden nie wieder.

Liebe Grüße
Mahiat

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From → Betrachtungen, Ethik

4 Kommentare
  1. ist der verbraucher dümmer als er glaubt? sieht er in fleisch nicht zerstörung und tod? reicht seine moral nicht über das private hinaus? erkennt er nicht die grossen zusammenhänge in der welt, um umweltzerstörung, klimawandel, massentierhaltung und auch gesundheit? fleischkonsumenten zerstören unsere zukunft!

    • Hallo einsiedler,

      insbesondere im Zusammenhang mit dem Veganismus befürworte ich eine Abrüstung der Worte. Ich kann Emotionalität bei diesem Thema sehr gut verstehen, aber mit Schuldzuweisungen erreicht man niemanden und jene, die sich betroffen fühlen, gehen sofort in die Defensive. Aufklärung ist nur möglich, wenn man seinen Mitmenschen auf Augenhöhe begegnet. Wir sind alle nicht perfekt.

      Liebe Grüße
      Mahiat

      • Lieber einsiedler,

        mein Kommentar hat sich auf deinen Satz „fleischkonsumenten zerstören unsere zukunft!“ bezogen. Wenn du diesen Zuständen, wie sie im Video zu sehen sind, ein Ende bereiten willst, dann benötigst du eine gute Strategie, um Menschen zu überzeugen; ich glaube nicht, dass unkonstruktive Schuldzuweisungen dazu zählen. Das ist alles.

        Liebe Grüße
        Mahiat

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