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Fußballpatriotismus

19/06/2016

Ich liebe Spiele. Ich bin seit jeher fasziniert von allen möglichen Formen und Ausprägungen von Brettspielen, Kartenspielen, Computerspielen und sportlichen Wettkämpfen. Ein Spiel wird durch seine Regeln definiert; wer die Regeln ändert, ändert das Spiel. Sie bestimmen die Möglichkeiten der Akteure vollständig in dem Sinne, dass von jeder Handlung klar entschieden werden kann, ob sie regelkonform ist oder nicht. Ein Spiel erlaubt jedes Verhalten, das nicht ausdrücklich verboten ist.

Zum Fußball habe ich eine persönliche Beziehung. In meiner Kindheit und frühen Jugend war ich Torhüter, habe intensiv trainiert und mit großer Freude gespielt. In den letzten Jahren habe ich mein Interesse für diesen Sport allerdings nur ausgesprochen selten gepflegt. Durch die Europameisterschaft und die gesellschaftliche Anteilnahme daran bin ich nun wieder darauf aufmerksam geworden und habe bemerkt, dass sich meine Perspektive auf den Fußball verändert hat. Zu dem emotionalen hat sich ein psychologisches Interesse gesellt und damit der Wunsch nach Erklärungen für eben diese Emotionalität, die mit dem Sport verbunden ist.
Ein Aspekt des Fußballspiels besteht darin, dass auch der Regelverstoß reglementiert ist. Die Konsequenzen eines Fouls sind relativ klar definiert. Wer sie in Kauf nimmt, kann das Foul als taktisches Element seines Spiels in Betracht ziehen. Unter diesem Gesichtspunkt müsste man Fouls also gar nicht unbedingt als Regelverstöße bewerten, sondern könnte in ihnen echte Handlungsoptionen im Rahmen der Möglichkeiten des Spiels sehen. Die beinahe unerfüllbar schwierige Aufgabe des Schiedsrichters trägt das Übrige dazu bei, dass der Vergleich des Fußballs mit einem formalen Spiel, wie ich es in der Einleitung erläutert habe, nicht wirklich funktioniert. Fußball hat mit unserem Sozialleben, das durch diffuse und unausgesprochene Umgangsformen geleitet wird, auf jeden Fall mindestens genauso viel gemein wie mit einem formalen Spiel.
Fußball ist also kein formales, sondern ein soziales Spiel. Wir haben das Feld der klaren Strukturen verlassen, aber dafür bereits einen kleinen Fortschritt im Bezug auf unseren Wunsch nach einer Erklärung der mit diesem Sport zusammenhängenden Emotionalität erzielt. Fußball gibt der Subjektivität von Gefühlen und Urteilen Raum, er lässt unterschiedliche Meinungen zu. Wenn wir entscheiden, ob eine gewisse Handlung regelkonform war oder nicht, wird unser Urteil von unseren Präferenzen und Vorurteilen gegenüber den Akteuren abhängen. Unsere Gefühle der Sympathie und der Wertschätzung gegenüber einzelnen Spielern oder ganzen Mannschaften verzerren unsere Wahrnehmung des Spiels und führen zu einer Interpretation der Eindrücke, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.
Sympathie entsteht, wenn wir uns mit jemandem identifizieren und für seine Gefühle sensibilisiert werden. Hierzulande sorgten die Medien und das gesellschaftliche Umfeld dafür, dass in den letzten Wochen eine breite Welle der Sympathie für die österreichische Nationalmannschaft entstanden ist. Wer sich darauf einlässt, wird von dieser Welle mitgerissen. Auch ich freute mich gestern, als Ronaldo den Elfmeter gegen den Pfosten setzte. Ebenso freute ich mich über den Ausgleich der Isländer gegen Portugal, was einer im letzten Sommerurlaub entstandenen Zuneigung zur Vulkaninsel im hohen Norden geschuldet ist. Sympathie hat in dieser Form etwas Naives und Unschuldiges, gewiss aber auch etwas Wankelmütiges und Unaufrichtiges, wie man an den Reaktionen auf die ungewohnt schlechte Leistung Österreichs im Spiel gegen Ungarn erkennen konnte.
Diese Gefühle zeigen uns, wovon unsere Bewunderung und unsere Missachtung, wovon unsere Vorurteile abhängig sind; nicht nur gegenüber Fußballmannschaften, sondern auch im Sozialleben. Sie sind es deshalb wert, genauer hinterfragt zu werden. Wenn die Rivalität sich nicht mehr nur auf das Spiel beschränkt und ein Aufeinandertreffen auf dem Platz zu einem Ereignis politischer Bedeutung hochstilisiert wird, verwandelt sich die grundsätzlich naive und unschuldige Sympathie in etwas Verwerfliches. Wo der Fußball nicht mehr im Zentrum steht, wo er nur noch ein Instrument zur Befriedigung der primitivsten Bedürfnisse nach Zugehörigkeit ist, hat er längst aufgehört, ein Spiel zu sein.

Die Freuden des parteiischen Fußballfans sind einem gefährlichen Fehler verwandt. Der Fußball überhaupt ist in all seinen Strukturen ein zweischneidiges Schwert, nicht nur hinsichtlich der grassierenden Korruption und seinem Verhältnis zum rücksichtslosen Kapitalismus. Gewalt und Nationalismus werden ebenfalls immer wieder mit ihm in Verbindung gebracht und in den entsprechenden Kreisen ist Soziodiversität ein Fremdwort. Der Sport ist mit einem unglaublich peinlichen Männlichkeitsklischee behaftet. Der Genuss am Spiel an sich, sowohl an seinen formalen als auch an seinen sozialen Aspekten, wird dadurch zweifellos getrübt. Schade eigentlich.

Liebe Grüße
Mahiat

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