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Die Angst vor dem Spiegel

17/03/2016

„Wieder eine mehr als gestern.“, sagte ich zu mir, als ich mich ins Bett legte. „Wieder eine mehr.“ Da war ich schon weg. Und ohne dass ich in der Zwischenzeit geträumt oder auf irgendeine andere Weise gespürt hätte, dass es mich noch gibt, wachte ich heute morgen wieder auf. Genau so fühle ich mich gerade, als wär‘ ich die ganze Nacht tot gewesen. Ich sitze in der U-Bahn und will keinen Augenkontakt, mit niemandem. Aus irgendeinem Grund ist das ein psychologisches Ding der Unmöglichkeit. Immer wieder schieben sich die anderen in mein Gesichtsfeld, also gebe ich dem Drang nach und schaue jemanden an. Sie blickt zurück und ich sehe in ihr den Teufel. Mein Herz setzt kurz aus und ich wende mich erschrocken ab. Das hat nichts damit zu tun, dass ich schüchtern bin. Ich kann nur diese grausigen Fratzen nicht mehr sehen, die heute alle haben; dort, wo früher die Gesichter waren. Die Menschen tragen ihr Kopfhaar bis zu ihren riesigen, asymmetrischen Augen, darunter ziehen sich tiefe, rote Furchen neben den verstopften Nasenlöchern bis zum lippenlosen, siffenden Mund. Vor einigen Wochen hat das plötzlich angefangen. Ich habe dann relativ schnell herausgefunden, dass die Leute füreinander ganz normal aussehen und es an mir liegen muss, dass auf mich alle so verzerrt wirken. Offenbar gibt es sogar einen Namen dafür, eine neurologische Krankheit mit diesem Symptom. Das habe ich zumindest im Internet gelesen.

In der Firma will einer meiner Kollegen mit mir reden, also gehe ich in sein Büro.
„Na, wie sieht mein Gesicht heute aus?“ Das schleudert er mir zur Begrüßung entgegen. Ich habe ihm vor einigen Tagen von den Fratzen erzählt, die ich überall sehe. Ich muss nicht erwähnen, dass das ein Fehler war.
„Ich sag‘ dir, die Frau am Empfang ist nicht nur für dich so hässlich. Die sieht wirklich so aus.“ Er lacht laut über seinen Witz. Er lacht mich aus. Ich weiß nicht, weshalb er solche Dinge zu mir sagt. Ich habe in seiner Gegenwart noch nie über irgendetwas gelacht. Offenbar wundert er sich trotzdem.
„Kannst du dich denn nicht mehr erinnern, wie sie aussah? Also für dich, vor ein paar Wochen, als du noch alle beisammen hattest?“
‚Vor ein paar Wochen, da hat dich deine Frau verlassen.‘, dachte ich mir. ‚Jeder hier weiß das. Ich kann mir vorstellen, wie du abends in dein kaltes, großes Bett steigst; wie du dann in die Dunkelheit starrst und darüber nachdenkst, wie es ihr geht und wo sie schläft; wie du dann langsam anfängst zu weinen, dich auf die Seite drehst und dir einredest, sie sei noch da, direkt hinter dir. Ja, das stelle ich mir vor, während du über die Frau am Empfang redest.‘
Bisher hatte ich den Blick durch den Raum schweifen lassen, nun sehe ich ihn an. In seinem Gesicht sind einige große Beulen, so dass sich die glasigen Augen zusammendrücken und die Nase sich nach unten schiebt, fast bis zur Oberlippe. Dazwischen schlängeln sich die blutroten, pulsierenden Furchen.
„Ich weiß, wie du ausgesehen hast.“, antworte ich. „Und ich weiß, wie du jetzt aussiehst.“

Ich sitze beim Mittagessen in der Kantine. Gemüsecurry mit Couscous. Ich bin allein am Tisch. Im Augenwinkel sehe ich, dass jemand mit seinem Tablett zu mir rüber kommt. Ich hebe kurz den Kopf und erkenne die Frau an ihrer Kleidung. Sie ist auch in meiner Abteilung.
„Heute gibt’s Schweinebraten und du nimmst das Gemüsecurry.“, sagt sie, schüttelt lachend den Kopf und setzt sich. „Bist du auch einer von diesen Vegetariern?“ Sie fragt höflich. Ich will trotzdem nicht antworten. Außerdem habe ich gerade den Mund voll. Deshalb spricht sie weiter.
„Ich halte das ja für eine Art Religion, einen Trend, der wieder vorübergeht. Außerdem esse ich sowieso nicht soviel und wenn, dann weiß ich, wo mein Fleisch herkommt.“, meint sie und schiebt sich einen großen Happen des Kantinenschweinebratens in den Mund.
Und ich bin mir im Klaren darüber, warum sie mir das erzählt. Der moderne Lebensstil ist unfassbar verwerflich. Der Konsum ist das große moralische Verbrechen unserer Zeit. Um ihn möglich zu machen, beuten wir Schwächere aus; Menschen, Tiere. Und jeder weiß es. Ich weiß es, sie weiß es und der Koch in der Kantine weiß es. Wir haben alle irgendwann einmal Bilder von Massentierhaltungen und Schlachtungen gesehen. Wir haben sie gesehen und wieder verdrängt. Schlimmer noch als diese bloße Ignoranz ist aber der kollektive Selbstbetrug. Gemeinsam reden wir uns ein, dass das alles irgendwie doch nicht so schlimm sei. Jeden Tag Fleisch, jedes Monat neue Kleidung, jedes Jahr ein neues Handy, für jeden von uns. Die Welt kann das aushalten. Es ist alles in Ordnung. Das ist die bequeme Wahrheit, an die wir glauben wollen. Und wenn irgendetwas oder irgendjemand daherkommt, der sie in Frage stellt, halten wir uns gegenseitig die Augen und die Ohren zu. Aber der Vegetarismus ist eine Art Religion?
Ich hebe den Kopf und schaue ihr in die Fratze. Ich weiß gar nicht mehr, wie ihr Gesicht für mich früher ausgesehen hat. „Nein, ich bin kein Vegetarier.“, antworte ich. „Aber es ist sicher gut, dass du dir so viele Gedanken darüber machst, wo dein Fleisch herkommt. Ich habe mich damit nie wirklich beschäftigt.“

Ich bin in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause. Zwei junge Männer sitzen neben mir. Sie schimpfen über Ausländer. Ich kann es kaum verstehen. Sie reden nicht miteinander, sondern nebeneinander her, nicken sich ständig zu und fallen sich dauernd ins Wort. Ich schaue hin. Beide haben keine Ohren. Ich muss laut lachen und alle sehen mich an. Ich blicke zurück in die ganzen zerfurchten und zerbeulten Gesichter und fühle mich, für einen kurzen Moment nur, ganz wohl in meiner Haut.
„Seht euch doch mal an.“, rufe ich in die Runde, immer noch lachend. „Ihr seht alle komisch aus.“
‚Jetzt is‘ vorbei mit dir.‘, schießt es mir durch den Kopf. Bei der nächsten Haltestelle steige ich aus und gehe zu Fuß weiter. Als ich zuhause ankomme, schließe mich sofort im Klo ein, obwohl ich alleine wohne. ‚Es war schon lange nicht mehr so schlimm wie heute.‘, denke ich. Ob alle Menschen Fratzen tragen, weiß ich eigentlich gar nicht. Vielleicht sehe und höre ich nur noch die, die es tun. Vielleicht werde ich auf die anderen gar nicht mehr aufmerksam. So oder so, es sind jedenfalls zu viele; viel zu viele Menschen mit Fratzen. Und ich ertrage es nicht länger. ‚Ab morgen schaust du gar nicht mehr hin.‘, denke ich. ‚Wirklich nicht mehr.‘
Ich habe ein Tuch vor den Spiegel im Bad gehängt. Ich habe Angst davor, hineinzusehen. Ich will wirklich nicht hineinsehen. Aber ich muss. Ich reiße das Tuch ab. Da ist sie, die schlimmste von allen. Sobald ich die Augen zumache, verfolgt sie mich. Ich habe mir etwas zum Schlafen besorgt. Die Pillen liegen auf dem Nachtkästchen. Ich nehme vier und spüle sie mit Wodka runter. „Wieder eine mehr als gestern.“, sage ich zu mir und lege mich ins Bett.

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