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Die Gedanken der Tiere

26/02/2016

Ist die Fähigkeit des Denkens an das Sprachvermögen gebunden? Nicht wenige Philosophen vertreten die Auffassung, dass etwas zu denken dasselbe bedeutet wie sich in einer bestimmten mentalen Einstellung zu seiner Umwelt zu befinden, also Überzeugungen zu haben. Diese wiederum sind, so wird argumentiert, an ein Verständnis des Objektivitätsgedankens gebunden; dass also empirische Subjekte, die Gegenstand der Überzeugungen sind, unabhängig von diesen existieren, und dass die eigene Einstellung daher auch falsch sein und man sich irren könnte. Um also Überzeugungen haben zu können, benötigt man einen Begriff davon, was eine Überzeugung überhaupt ist. Eine solche Begrifflichkeit ist aber eng mit sprachlichen Konzepten verwoben und kann, so die abschließende Feststellung, ohne Sprachvermögen nicht erworben werden.
Diese Zusammenfassung ist natürlich eine stark verkürzte Darstellung der Argumentation. Es wäre nicht möglich, sie hier in voller Länge vorzustellen, und deshalb möchte ich den interessierten Leser auf den Aufsatz „Rational Animals“ von Donald Davidson verweisen.

Ich halte mehrere Punkte an der oben erklärten Position für kritikwürdig. Bereits die Definition des Denkens durch die Abhängigkeit vom Besitz von Überzeugungen bereitet mir Kopfzerbrechen. Der Zugang zu diesem Begriff sollte meines Erachtens deutlich abstrakter sein; insbesondere, wenn wir über den Geist von Tieren sprechen. Ich möchte unter einem Gedanken nicht mehr und nicht weniger verstehen, als das bewusste Erleben der eigenen mentalen Zustände. Stellt sich unser Denken im Normalfall nicht überaus komplexer dar, als durch bloße Aneinanderreihung von stumm gesprochenen Sätzen, die mit „Ich glaube, dass…“ beginnen? Was ist mit den rein bildhaften Vorstellungen, oder mit Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse, Gefühle, Geräusche oder Gerüche? Wollen wir diese mentalen Zustände nicht als Gedanken bezeichnen?
Offensichtlich beeinflusst Sprache unser Denken derart massiv, dass es uns schwer fällt, sie nicht als Notwendigkeit dafür zu sehen. Ich behaupte aber, dass vollständig verbalisierte Sätze zwar oftmals das Resultat eines Denkvorganges sind, aber nicht unbedingt Bestandteil von diesem sein müssen. Bei Menschen, die sich mit ausgesprochen abstrakten Gegenständen beschäftigen, ist es gewiss so. Als Mathematiker, der jeden Gedankenschritt zur Gänze verbalisiert, würde ich sehr langsam arbeiten. Die Gegenstände meines Denkens sind vielmehr Bilder von mathematischen Ausdrücken oder Objekten, die ich vor dem inneren Auge manipuliere. Dabei befolge ich Regeln, lasse mich von Gefühlen und Ideen leiten und ziehe Schlussfolgerungen, ohne auch nur ein einziges Wort zu mir selbst zu sprechen. Es ist ein vollständig nonverbaler Vorgang.
Natürlich, auch die Mathematik ist eine Sprache in gewissem Sinne. Doch vermutlich würde selbst Davidson nicht leugnen, dass Hunde die Subjekte ihrer Erfahrung imaginieren und sie gemäß ihrer Empfindungen und Eindrücke kategorisieren. Dabei befolgen sie gewiss Regeln, lassen sich von Gefühlen und Ideen leiten und ziehen auch Schlussfolgerungen. Worin also liegt der Unterschied? Im kommunikativen Element unserer Sprachen? Aber welche Rolle spielt das für unsere Frage? Jeder Gedanke kann im Geist eines Individuums als abstrakte Vorstellung bestehen. Schließlich müssten auch wir Menschen nur jene Sachverhalte verbalisieren, von denen wir beabsichtigen, sie anderen mitzuteilen. Und in der Tat: Dass ein Großteil unserer Denkvorgänge völlig unbewusst abläuft, legt die Auffassung nahe, dass diese theoretische Feststellung von der Praxis nicht so weit entfernt ist, wie man im ersten Moment meinen könnte.

Sprachvermögen erleichtert gewiss die Entwicklung eines ausgeprägten Verständnisses des Objektivitätsgedankes. Es befähigt uns zu einem hochorganisierten Arbeiten mit Begriffen, zu dem andere Tiere nicht fähig sind. Ich halte es allerdings für einen Fehlschluss, dass es nur dieses hochentwickelte Verständnis des Objektivitätsgedankens gibt und sonst gar keines, und dass es nur den sprachbezogenen Umgang mit Begriffen gibt und sonst gar keinen. Ein Hund, der sein Frauchen gerochen hat und, mit dem Schwanz wedelnd, vor der Haustüre wartet, befindet sich in einem bestimmten mentalen Zustand; und ich bin geneigt, diesen eine Überzeugung zu nennen. Ich habe kein anderes Wort dafür. Doch spielt dieser Definitionsstreit tatsächlich eine Rolle? Fakt ist: Das Tier erlebt seinen mentalen Zustand, es hat also einen Gedanken. Und vielleicht ist sein Denken zu abstrakt (man beachte die Ironie!), als dass wir es mit unseren Worten gut beschreiben könnten. Wie man es auch dreht und wendet: Hunde, Schweine, Affen und viele andere Tiere haben vermutlich einen ganz anderen Umgang mit Begriffen und eine andere subjektive Perspektive auf die Welt als Menschen; aber sie haben eine.

Liebe Grüße,
Mahiat

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