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Was ist Rassismus?

20/01/2016

In den letzten Tagen ist oftmals davon die Rede, dass sich die Stimmung in der Bevölkerung im Umgang mit Flüchtlingen verändert. Vorfälle wie jene in der Silvesternacht am Hauptbahnhof in Köln sollen verantwortlich für ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit sein. Die politische Rechte klopft sich seither unaufhörlich auf die Schulter. Sie hätten es ja immer schon gesagt.

Haben die Rechten Recht, und wenn ja, womit? Worin genau fühlen sie sich eigentlich bestätigt? Dass es unter den Flüchtlingen auch Menschen mit kriminellem Potential gibt? Das ist eine triviale Aussage, an der auch zuvor niemand gezweifelt hat. Dass die Asylwerber im Durchschnitt häufiger Verbrechen verüben, oder schlechter ausgebildet sind als Einheimische? Diese Fragen sind noch zu prüfen. Wir sollten den Ergebnissen dieser Untersuchungen aber gelassen entgegensehen. Ihre unvoreingenommene Klärung ist eine wichtige Basis für eine angemessene politische Reaktion und für sinnvolle Lösungsvorschläge. Gehen wir für den Moment einmal davon aus, dass sich dabei tatsächlich herausstellen würde, dass die derzeitigen Asylwerber durchschnittlich schlechter ausgebildet sind oder häufiger kriminell werden, als Einheimische. Müssten wir in diesem Fall nicht endgültig vor der politischen Rechten kapitulieren?
Problematischer als die häufig unzureichend belegten oder eindeutig falschen Tatsachenbehauptungen der Rechten sind die Schlussfolgerungen, die sie aus ihnen ziehen. So ist es auch in diesem Fall. Wenn wir beispielsweise wüssten, dass von Flüchtlingen relativ betrachtet mehr Diebstähle begangen werden als von Einheimischen, soll das unser Verhalten beeinflussen, wenn wir jemanden kennenlernen und erfahren, dass er ein Flüchtling ist? Man könnte meinen, dass ein klares Nein auf diese Frage allgemeiner Konsens sein müsste. Immerhin trägt diese Person keinerlei Schuld an der statistischen Ungleichheit, solange sie nicht tatsächlich selbst dazu beiträgt. Und da wir sie noch nicht kennen, sollte dieses Wissen sich nicht darauf auswirken, wie wir uns verhalten. Aber gerade dieses klare Nein scheint in den letzten Tagen immer unklarer zu werden, und zwar auch in jenen Teilen der Bevölkerung, die sich vor einigen Wochen mit ihrer Antwort eigentlich noch recht sicher waren.
Das Gefährliche an einer solchen Entwicklung ist die damit einhergehende Ausprägung rassistischer Tendenzen. Gehen wir davon aus, dass sich das Gegenteil herausstellt, nämlich dass von Einheimischen relativ betrachtet mehr Diebstähle begangen werden als von Flüchtlingen. An unserem Umgang mit einem anderen Österreicher, der uns gerade erst vorgestellt worden ist, würde das wohl kaum etwas ändern. Wir haben eine interessante gemeinsame Basis mit Fremden, solange wir sie irgendwie zu „den Unsrigen“ zählen. Die Person, die wir frisch kennengelernt haben, könnte alles möglich sein: nicht nur ein Dieb, sondern vielleicht ein Vergewaltiger oder gar ein Mörder. Wie sollten wir das wissen? Und trotzdem verhalten sich die meisten von uns gegenüber neuen Bekanntschaften erst einmal so, als hätten sie es mit anständigen Menschen zu tun.
Für diesen Vertrauensvorschuss gibt es einen einfachen Grund: Wer in einer Gesellschaft sozialisiert wurde und insgesamt mehr gute als schlechte Erfahrungen mit den anderen Mitgliedern gemacht hat, ist auch neuen Bekanntschaften grundsätzlich wohlwollend eingestellt; statistische Fakten hin oder her. Das Problem im Umgang mit Menschen aus anderen Ländern ist nun, dass die wenigsten Einheimischen überhaupt jemals irgendwen von ihnen persönlich kennengelernt haben. Alle anderen beziehen den Großteil ihrer Informationen aus Medienberichten oder aus der Hetze rechter Politiker. Naturgemäß bilden diese beiden Quellen einen einseitigen Filter, der zu den entsprechenden Vorbehalten führt.

Was ist Rassismus? Rassismus ist nicht die Behauptung von statistischen Ungleichheiten zwischen Menschengruppen verschiedener Herkunft. Eine solche Behauptung ist Gegenstand empirischer Untersuchungen und kann wahr oder falsch sein. Rassismus ist ein Fehlschluss. Aus einer angenommenen oder tatsächlich bewiesenen statistischen Ungleichheit wird auf Merkmale eines Individuums geschlossen. Wenn das Auswirkungen darauf hat, wie wir uns diesem Individuum gegenüber verhalten, nimmt das Unrecht seinen Lauf. Und das ist die Antwort, die wir der politischen Rechten in diesen Tagen geben sollten; nämlich dass nichts von dem, was in jüngster Vergangenheit oder in nächster Zukunft geschah oder möglicherweise geschehen wird, etwas an unserem Bekenntnis zu den Menschenrechten und an unserem Verhalten gegenüber einer Familie ändern sollte, die vor dem syrischen Bürgerkrieg geflohen ist und an der Grenze Österreichs um Asyl bittet.

Liebe Grüße
Mahiat

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