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Die Anderen

25/11/2015

Auf seltsame Weise war sie in diesen Raum gelangt, der keine Tür und nur ein Fenster hatte. Es war ein Fenster zu einem leeren Zimmer. Im schwachen Licht einer Glühbirne konnte sie jemanden sehen, der an der nackten Wand lehnte und sie anstarrte. Sie tat einen Schritt in seine Richtung. Schon begann er, sich auf das Fenster zuzubewegen. Mit jedem ihrer Schritte wurde er schneller, wurde sein Gang bedrohlicher, sein Gesicht verschwommener. Sie fürchtete sich und blieb abrupt stehen. Der andere tat es ihr gleich und sie sah dorthin, wo seine Augen sein sollten. Hässlich, verzerrt, boshaft und fratzenartig. Und wütend. Sie hämmerte gegen das Glas und schrie ihn an, sagte ihm, er solle sie alleine lassen. Auch er rief etwas, doch sie konnte es nicht hören. Seine großen Fäuste schlugen auf das Fenster und sie bekam Angst, es würde zerbrechen. Sie würde ihm ausgeliefert sein in diesem Raum, der keine Türe hatte. Sofort wandte sie sich ab von ihm und stürzte auf den Boden. Sie zog sich in eine Ecke des Raumes und suchte hoffnungslos nach Schutz, bis sie bemerkte, dass nichts geschah. Nun stand niemand mehr am Fenster und alles war ruhig. Langsam erhob sie sich und streckte ihren Hals, um einen Blick in das Zimmer zu werfen. Der andere war nicht verschwunden. Wenn sie sich aufrichtete, erspähte sie seinen Kopf. Er kniete auf dem Boden und versteckte sich, und würde auch wieder angreifen, wenn er sie sehen könnte.
Der Mensch jenseits des Fensters schlief niemals. Er war immer da und seine Aufmerksamkeit war stets auf sie gerichtet. Sie sah in das andere Zimmer und seine verzerrte Fratze starrte sie jedes Mal sofort an, beobachtete sie, urteilte über sie. Nichts konnte sie ohne ihn tun und jedes Mal erschrak sie, wenn sie dem Fenster zu nahe kam; denn dann stand er vor ihr, groß und gefährlich. Stand einfach da und tat nichts und wartete, bis sie sich wieder bewegte. Und sie bemerkte, dass nichts geschah. Stunden vergingen und sie verlor alle Zeit; bis sie begriff, dass niemals etwas geschehen würde, weil gar nichts geschehen könnte; bis sie ihre Hand gegen das Glas drückte und freundlich lächelte, als der andere dasselbe tat, genau an der gleichen Stelle. Sie hob ihren Kopf und sah, dass der Schleier fort war, und sein Gesicht nicht hässlich und verzerrt, sondern ebenso freundlich wie das ihre.

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