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Das Dilemma der Freiheit

28/05/2015

In meinem letzten Beitrag Über die Willensfreiheit habe ich ein Argument ausgearbeitet, das ein Problem mit unserer intuitiven Auffassung des Begriffs der Willensfreiheit veranschaulichen soll. Diese Darstellung war recht abstrakt und formal. Da das Thema definitiv einen weiteren Beitrag verdient und weil ich es in einer Diskussion versprochen habe, habe ich eine genauere, klarere und vielleicht besser lesbare Ausarbeitung meiner Überlegungen verfasst.

Stellen Sie sich vor, Sie nehmen im Rahmen einer Studie an einem Versuch teil. Dabei werden Sie vom Versuchsleiter zu einem Tisch geführt, auf dem sich nichts anderes als eine Steuerung mit einem Schalter befindet. Sie werden darüber informiert, dass der Schalter auf Zustand A steht und von Ihnen auf Zustand B umgelegt werden kann. Auf Ihre Fragen, was die Zustände bedeuten und ob der Schalter überhaupt eine Funktion hat, erwidert der Leiter, dass er Ihnen keine Antwort geben wird. Er bestätigt Ihnen aber, dass Umlegen und Nichtumlegen des Schalters gleichermaßen unbedenklich sind. Ihnen wird mitgeteilt, dass Sie nun eine Minute lang die Möglichkeit haben, sich zu entscheiden. Wenn Sie den Schalter umlegen, dann wird der Versuch fortgesetzt und Sie erfahren, was hinter den Zuständen steckt. Wenn Sie den Schalter nicht umlegen, dann wird der Versuch abgebrochen und Sie werden nichts über die Funktion des Schalters erfahren.
Die Wahl liegt ganz bei Ihnen. Überlegen Sie sich kurz, wie Sie sich entscheiden würden. Im Folgenden wird es nicht darum gehen, welche der beiden Alternativen vernünftiger ist. Unterschiedliche Menschen würden sich auf verschiedene Weise verhalten, und das wiederum aus verschiedensten Gründen. Es geht um den bewussten Akt Ihrer Entscheidung per se. Wir haben in oben beschriebenem Szenario und ebenso in wichtigeren Situationen des Alltags, in denen wir Entscheidungen treffen müssen, zwei grundsätzliche Intuitionen:
a) Die Wahl ist vollständig von unserem bewussten Akt der Entscheidung abhängig.
b) Bis wir unsere unsere Wahl treffen, steht sie nicht fest.
Die beiden Intuitionen a und b vereinen sich zu dem, was gemeinhin unter dem Begriff der Willensfreiheit verstanden wird. Im Folgenden möchte ich erklären, welches Problem es meines Erachtens mit diesem Verständnis von Freiheit gibt.

Ein Ereignis heißt kausal determiniert, wenn es eine Auswirkung von Ursachen ist, die sein Zustandekommen erzwingen. Ist ein Ereignis nicht kausal determiniert, so ist es eines unter mehreren möglichen, die jeweils mehr oder weniger wahrscheinlich sind. Denn durch die Ursachen ist dann nicht sicher festgelegt, welche Auswirkung eintreten wird. Was geschehen wird, ist damit zumindest teilweise den Mächten des Zufalls unterworfen.
In Bezug auf die beschriebene Situation mit der Entscheidung betreffend des Umlegens eines Schalters gibt es zwei Möglichkeiten:
1.) Das Ereignis der Wahl ist kausal determiniert.
2.) Das Ereignis der Wahl ist nicht kausal determiniert.
Einer dieser beiden Sätze ist wahr. Unsere Wahl ist entweder eine Auswirkung von Ursachen, die ihr Zustandekommen erzwingen, oder sie ist es nicht. Das Dilemma besteht nun darin, dass keine der beiden Möglichkeiten befriedigend ist für den, der auch gleichzeitig die Intuitionen a und b erhalten möchte. Denn angenommen, Satz 1 ist wahr. Dann ist unsere Wahl eine erzwungene Auswirkung vorangegangener Ursachen und steht damit fest, bevor wir sie treffen. Sie ließe sich in Kenntnis aller Ursachen als eine notwendige Konsequenz derselben vorhersagen. Die Intuition b ist also nicht erfüllt. Sei nun angenommen, Satz 2 ist wahr. Dann ist unsere Wahl, wie zuvor dargelegt, zumindest teilweise den Mächten des Zufalls unterworfen. Das läuft aber der Intuition a zuwider, denn natürlich begreifen wir unseren bewussten Akt der Entscheidung keineswegs als zufällig. Wie wir im Leben Entscheidungen treffen und handeln, was wir denken, fühlen und wer wir sind, wäre nämlich dann von diesen zufälligen Launen abhängig, und wir wären nichts anderes als die Spielfiguren derselben. Von der Autonomie und vor allem von der Verantwortung, die wir mit unseren bewussten Handlungen verbinden, könnte keine Rede mehr sein.

Ich bin an jedem aufrichtigen Versuch interessiert, dieses Dilemma aufzulösen. Ich möchte unter diesem Gesichtspunkt vor allem deshalb, weil ich es im letzten Artikel nicht erwähnt habe, auf etwas aufmerksam machen: Diese Intuition ist Basis für unser Verständnis von Verantwortung, aber damit auch von moralischer Schuld. Von ihr hängen unser soziales Miteinander und Teile des Justizsystems ab, insbesondere das Strafrecht. In Anbetracht dessen sollten wir tatsächlich eine bessere Rechtfertigung für sie haben, als eben nur jene, dass sie das ist, als das ich sie hier bezeichnet habe: eine Intuition.
Ich möchte abschließend noch darauf hinweisen, dass das Dilemma für mich persönlich nicht besteht. Ich teile die Intuition b nicht und halte den Satz 1 für wahr. Eine ausführliche Argumentation dieser Ansichten kann in meinem bereits mehrmals erwähnten Buch Wir sind berechenbar gefunden werden, in dem ich mich auch mit den Konsequenzen dieser Ansichten auf oben genannte Lebensbereiche beschäftige.

Liebe Grüße,
Mahiat

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