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Über die Willensfreiheit

21/05/2015

Die radikalste Konsequenz der in meinem Buch ‚Wir sind berechenbar‚ diskutierten Weltanschauung des Determinismus ist die Auffassung, dass die Gefühle, Gedanken und Handlungen der Lebewesen denselben kausalen Gesetzmäßigkeiten unterliegen wie die unbelebten Gegenstände, und dass diese Gesetze alle Geschehnisse im Universum bestimmen, also auch die psychischen Phänomene. Wie sich diese Ansicht zu der Frage nach der Freiheit des Willens verhält, hängt vor allem von der Definition des Begriffs der Freiheit ab. Ich will im Folgenden darstellen, warum ich die landläufigen Auslegungen ablehne und zu einer anderen Betrachtung neige.

Der Wille ist ein Gefühl, eine Empfindung des Verlangens nach dem Eintreten eines Ereignisses, etwa der Befriedigung eines Bedürfnisses. Der Wille steht im üblichen Sprachgebrauch für die Ursache unserer Entscheidungen und Handlungen. Wenn wir zwischen zwei Alternativen wählen müssen und wir eine Alternative mehr wollen als die andere, dann ist dies der Grund dafür, dass wir uns für sie entscheiden. Die Möglichkeit zu einer Entscheidung, die mit unserem Willen übereinstimmt, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Entscheidungshoheit in der Wahl zwischen den Alternativen kann uns jederzeit von irgendeiner Gewalt entzogen werden, so dass wir uns gezwungenermaßen Umständen ergeben müssen, die nicht unserem Willen entsprechen. Die Fähigkeit, in Übereinstimmung mit dem eigenen Willen leben zu können, ist mein Freiheitsbegriff. Das Ausleben dieser Freiheit sichert die Befriedigung der Bedürfnisse und ist daher ein hohes Gut für alle Lebewesen, die die Empfindung des Willens verspüren können. Einem Lebewesen diese Freiheit zu entziehen, also jene Gewalt zu sein, die es an der Befriedigung seiner Bedürfnisse hindert, bedarf daher außerordentlicher Rechtfertigung. Eine solche Rechtfertigung ist etwa dann vorhanden, wenn das Lebewesen das Bedürfnis ausgeprägt hat, anderen Individuen Schaden zuzufügen.
Die landläufige Auslegung des Begriffs der Willensfreiheit verbindet damit mehr, als ein Leben in Übereinstimmung mit dem eigenen Willen. Es versteckt sich darin eine Auffassung über seine Ursache. Die Entscheidungen sind ein Produkt des Willens. Welchen Gründen aber enstammt der Wille selbst? Nach der intuitiven Empfindung der meisten Menschen ist der Wille unzertrennbar mit jener Instanz des Bewusstseins verbunden, der die Gedanken und die Gefühle entspringen. Diese Instanz ist das, was sie als das Ich wahrnehmen. Sie schließen daraus, dass der Wille ein Produkt ihres Ichs ist. Die Frage, was wiederum ihr Ich begründet, bleibt zumindest in dieser Diskussion nur allzu gerne unbeantwortet. Das Ich, diese wahrgenommene und gleichzeitig sich selbst wahrnehmende Instanz des Geistes, die die Gedanken und die Gefühle hervorbringt, wird in der Frage nach der Willensfreiheit als metaphysisches und abstraktes Gebilde betrachtet, und unantastbar und gottgleich ist es eine schöpferische Ursache und bleibt selbst grundlos. Ich halte diese eitle Betrachtung für typisch menschlich, möchte aber auf die folgenden beiden Möglichkeiten aufmerksam machen, die unumstößlich nebeneinanderstehen und von denen eine gewiss zutreffen muss:

1.) Der Wille hat eine Ursache, die ihn eindeutig bestimmt.
2.) Der Wille hat keine Ursache, die ihn eindeutig bestimmt.

Angenommen, Letzteres ist der Fall. Dann hat der Wille keinen ihn bestimmenden Grund und wird zur Gänze oder zumindest teilweise durch die Launen des Zufalls bestimmt. Dass der Wille aber auch nur ansatzweise Produkt zufälliger Prozesse ist, muss jedem widerstreben, der sein Ich als die allein bestimmende Ursache seines Willens und damit seiner Entscheidungen sehen möchte. Wer, um es in den Worten Sigmund Freuds zu sagen, „Herr im eigenen Haus“ bleiben möchte, kann diese Aussage nicht für die Wahrheit halten. Es bleibt der Satz, dass der Wille eine Ursache hat, die ihn eindeutig bestimmt. Dann gibt es zwei Möglichkeiten:

1.1.) Die Ursache des Willens hat eine Ursache, die sie eindeutig bestimmt.
1.2.) Die Ursache des Willens hat keine Ursache, die sie eindeutig bestimmt.

Die Argumentation wiederholt sich. Wer die Ursache des Willens als ein Glied der Kausalkette zwischen seinem Ich und dem Willen betrachtet und das Ich als bestimmenden Grund des Willens, kann Letzterem aus oben beschriebenen Gründen nicht zustimmen. Wer das Ich selbst schon als die Ursache des Willens begreift, müsste hingegen das Zugeständnis machen, dass sein Ich ein Produkt von zufälligen Vorgängen ist. Was aber bedeutet ein derart verstandenes Ich als Urheber der Entscheidungen, wenn es nicht an uns, sondern an irgendeiner zufälligen Laune liegt, wer wir sind? Wenn die Gedanken und die Gefühle, die den Willen bestimmen, ein Produkt des Zufalls sind, dann ist es konsequenterweise auch der Wille selbst und die daraus hervorgegangenen Entscheidungen. Der „Herr im eigenen Haus“ muss sich eingestehen, dass auch die Ursache des Willens eine sie eindeutig bestimmende Ursache haben muss, und diese wiederum eindeutig durch eine andere Ursache bestimmt wird, und so fort.
Aus diesem Gedankengang folgt unausweichlich, dass der Wille ein Produkt von Ursachen ist, die ihn eindeutig bestimmen. Das aber wiederum hat die nur allzu bekannte und vielgemiedene Konsequenz, dass jene Entscheidungen, die wir auf Basis unseres Willens treffen, einen eindeutig bestimmten Ausgang haben. Die Ursachen des Willens determinieren, welche Alternative wir wählen. Da diese Kausalkette zu einem unausweichlichen Ergebnis führt, steht im Vorhinein bereits fest, welche Entscheidungen wir in unserem Leben treffen. Gerade jene, die ihr Ich als die entscheidende Instanz betrachten, fällt es oftmals schwer, diesen Gedanken mit ihrer Intuition in Einklang zu bringen.

Willensfreiheit ist nicht die Freiheit des Willens oder die Freiheit des Ichs von bestimmenden Ursachen. Unser Ich ist ein Produkt unserer genetischen Anlage und der Umwelteinflüsse, denen wir ausgesetzt sind, und hat zahllose Gründe, die außerhalb von uns selbst liegen. Die Willensfreiheit eines Lebewesens bedeutet, dass es das tun kann, was es tun will. Ich möchte mit einem Spruch von Arthur Schopenhauer schließen, der den Inhalt dieses Artikels schön zusammenfasst:

„Du kannst thun was du willst: aber du kannst, in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens nur ein Bestimmtes wollen und schlechterdings nicht Anderes, als dieses Eine.“

Liebe Grüße,
Mahiat

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