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Zu den engen Grenzen des Mitgefühls

23/04/2015

Wo bleibt die Trauer um die Opfer? Mit dieser Frage hat der Leser Christoph Schattleitner (Zeit Online) das Wesentliche der gesamten gegenwärtigen Diskussionen um die Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer erfasst. Dass das Mitgefühl für die Verstorbenen fehlt, unterscheidet die gegenwärtige mediale Auseinandersetzung von den üblichen Reaktionen nach Katastrophen. Wer in Kommentaren das gewohnte ‚Rest in Peace‘ oder Beileidsbekundungen mit den zurückgelassenen Angehörigen finden will, sucht vergebens. Die Debatten um politische Veränderungen werden zwar emotional geführt, aber durchwegs sachlich. Woran liegt das? Vielleicht liegt es an der unterbewusst empfundenen Schuld aufgrund der Tatsache, dass man das Massensterben hätte verhindern können. Möglicherweise hat es damit zu tun, dass die Opfer eine abstrakte Menschenmasse bilden, zu der jedweder persönliche Bezug fehlt. Das ist jedenfalls eine interessante Frage, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Darüber hinaus hat sich allerdings auch die Frage gestellt, ob Mitgefühl in der sachlichen Beschäftigung mit einem Problem überhaupt hilfreich ist. Ich möchte sie in diesem Artikel besprechen.

Die meisten Menschen sind der Meinung, dass die eigenen Gefühle etwas besonders Individuelles sind, das unter die Hoheit des Bewusstseins fällt. Diese Auffassung haben wir, weil unsere Empfindungen eng mit unserem Charakter verbunden sind. Der Gedanke, dass Gefühle von unserer Umwelt beeinflusst und manchmal auch bewusst gesteuert werden, verletzt unsere menschliche Eitelkeit. Tatsächlich ist es für Rhetoriker und Medienschaffende meistens einfach, beim Rezipienten bestimmte Emotionen zu provozieren. Sie können das Bedürfnis nach Rache hervorrufen, Trauer auslösen, Zuneigung und Abneigung erzeugen. Besonders simpel schafft man auch Schadenfreude und Selbstverherrlichung. Das Fernsehprogramm ist deshalb voll mit Formaten, die den Zuseher mit diesen beiden Erregungszuständen aufladen. Auch Mitgefühl für Lebewesen, denen etwas Furchtbares passiert ist, lässt sich einfach provozieren. Für den Großteil der Leute würde eine zehnminütige Kurzreportage genügen, in denen man den Flüchtlingen beim Ertrinken zusehen muss, während die Helfer machtlos und verzweifelt versuchen, möglichst viele zu retten. Manche bräuchten vielleicht eine hollywoodreife Verfilmung eines Einzelschicksals, das sie am Höhepunkt der Handlung bei Minute 80 zu Tränen rührt. Mitgefühl wird in dieser Betrachtung zu etwas ausgesprochen Zufälligem und Beliebigem, zu etwas, das vorhanden sein kann oder auch nicht; zu etwas, das abhängig ist von der Art und Weise der medialen Darstellung eines Sachverhaltes, und unabhängig davon, ob es aus sachlichen Gründen angebracht ist oder nicht.
Ich behaupte, dass jeder von uns gewissermaßen empfänglich für diese Formen der Manipulation ist, der eine mehr, der andere weniger. Die Medienschaffenden wissen das und pflegen mit diesem Phänomen ganz absonderliche Spielchen zu treiben. Populistische Politiker machen sich diese Psychologie ebenfalls zunutze. Immerhin sind Emotionen eine Grundlage für die Meinungsbildung. In einer sachlichen Diskussion können sie beeinflussen, für welche Argumente wir ein offeneres Ohr haben und vor welchen wir uns eher verschließen. Das ist gleichzeitig die wichtigste Rolle, die das Mitgefühl in solchen Debatten spielt. Es ist unabdingbar, wenn wir das Ausmaß eines Problems aus verschiedenen Perspektiven verstehen wollen. Wer dazu nicht in der Lage ist, kennt nur seine eigene, augenscheinlich eingeschränkte Sicht und ist daher auch in der sachlichen Auseinandersetzung kein wertvoller Gesprächspartner oder will an ihr möglicherweise erst gar nicht teilnehmen. In solchen Fällen muss beim Gegenüber zuerst Mitgefühl hervorgerufen werden, um bei ihm jenes Bewusstsein für fremde Perspektiven zu schaffen, ohne das er nicht empfänglich für sachliche Argumente ist.
Empathie ist die Fähigkeit, sich in andere Lebewesen hineinzufühlen und ihre Perspektive einzunehmen. Ich will darunter im Folgenden vor allem das Vermögen verstehen, dies ohne Anleitung und ohne fremde Steuerungen zu tun, wie ich sie im bisherigen Text beschrieben habe. Diese Form der Empathie setzt eine großes Spektrum an Emotionalität voraus, ist allerdings, im Gegensatz zu weit verbreiteten Auffassungen, in erster Linie eine Fertigkeit des Verstandes. Sie bedarf enormer Vorstellungskraft und Kreativität. Herausragende Empathen können sich in Tiere einfühlen, in Menschen, die ihnen völlig fremd sind, in abstrakte Personen und Situationen, die gar nicht existieren, oder in Mörder. Sie können die Lebenswelt von Psychopathen nachempfinden, weil sie das genaue Gegenteil davon sind. Dadurch sind sie in der Lage, die verschiedenen Aspekte eines Problems zu betrachten und die sachlichen Argumente nachzuvollziehen, die von allen Seiten aus vorgebracht werden. Ihre Ansichten sind fundierter, weil sie nicht oder wenigstens nicht so stark von den suggestiven Darstellungen eines Sachverhaltes abhängig sind. Sie können Konflikte besser lösen, da sie in der Lage sind, ein Verständnis für alle beteiligten Parteien zu entwicklen.

Empathisches Vermögen ist in zahlreichen Debatten ausgesprochen hilfreich und manchmal sogar unumgänglich, um ein Verständnis für bestimmte Positionen zu entwickeln. Gleichzeitig ist Empathie, wie ich sie oben beschrieben habe, eine außerordentlich seltene Fähigkeit. Die Gefühlswelt der Menschen wird deshalb, wenn es um die äußeren Schicksale von Fremden geht, vornehmlich von den Medien gesteuert. Wenn aber nach derart furchtbaren Ereignissen die gewohnten Mitgefühlsbekundungen fehlen, dann müssen wir uns schon die Frage stellen, ob unsere Gesellschaft überhaupt das Ausmaß des Problems verstanden hat. Denn selbst wenn diese Bekundungen auch üblicherweise meist nur zeremoniellen und sozialen Charakter haben, so bringt man als Gemeinschaft damit ein Bewusstsein für die Schwere der Katastrophe zum Ausdruck, und für die Bedeutung, die sie für alle Beteiligten hat. Um diese Bedeutung kann man nämlich wissen, ohne sie tatsächlich selbst zu fühlen. Wissen wir um die Schwere der Flüchtlingskatastrophe und um die emotionalen Konsequenzen für die Hinterbliebenen? Ich glaube nicht. Und ich bin davon überzeugt, dass sich eine gute sachliche Diskussion um eine politische Lösung der Probleme ohne dieses Wissen, ohne diese Perspektive nicht führen lässt.

Liebe Grüße,
Mahiat

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3 Kommentare
  1. Ein Vergleiche der Reaktionen auf den Flugzeugabsturz der German Wings mit denen auf die Ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer wäre sicher aufschlussreich….

    • Dieser Vergleich liegt nahe, ja. Es steht die Frage im Raum, warum die Reaktionen auf diese beiden Katastrophen in der Hinsicht so unterschiedlich waren.

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