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Zum homophoben Unbehagen

11/04/2015

Ich möchte Sie in Anbetracht gegenwärtiger Debatten zu folgendem Gedanken einladen. Stellen Sie sich die Situation vor, dass ein Kind bei einem Alleinerziehenden aufwächst. Nennen wir das Kind Klara und den Alleinerziehenden Thomas. Stellen Sie sich weiters vor, dass Klara und Thomas mit ihrer Situation zufrieden sind und ein gutes Leben führen. Nun gibt es genug Menschen mit einem eher eng gefassten Familienkonzept, in deren Augen dieses Szenario trotzdem nicht unbedingt optimal erscheinen mag. Möglicherweise sehen Sie das auch so. Es wird aber niemand bestreiten, dass solche Familienverhältnisse gesellschaftlich akzeptiert sind. Wir führen keine hochemotionale Debatte darüber, dass Alleinstehenden die Adoption erlaubt ist. Niemand stört sich daran. Niemand verspürt Unbehagen, wenn er an Alleinerziehende mit ihren Kindern denkt.
Stellen Sie sich nun vor, dass Thomas homosexuell ist. Lassen Sie den Gedanken kurz wirken. Hat sich an Ihrer Betrachtung der Situation und an Ihren Emotionen irgendetwas geändert? Hat sich in Ihnen Unbehagen geregt, eine kurze Sekunde lang? Nein? Gut. Das sollte es auch nicht. Die einzige Schlussfolgerung wäre nämlich, dass tief in Ihnen die Ansicht schlummert oder dass Sie sogar davon überzeugt sind, dass Thomas prinzipiell ein schlechterer Vater für Klara sein muss, einzig und allein deshalb, weil er homosexuell ist.
Zu guter Letzt stellen Sie sich bitte noch vor, dass Thomas sich in Helmut verliebt, dass Helmut zu Thomas und Klara zieht und sich für Klara zu einer wichtigen Bezugsperson entwickelt. Wie sehen Sie die Situation nun, wenn Sie sie mit der ursprünglichen vergleichen? Ist Ihnen nun unbehaglicher, als bei der Vorstellung von Thomas und Klara, als sie noch alleine waren? Wenn ja, können Sie dieses Unbehagen in Worte fassen? Was hat sich für Klara verändert? Dass sie nun zwei Bezugspersonen hat, statt einer, und dass sie deshalb mehr Personen um sich hat, die sich um sie sorgen? Können Sie einen sachlichen Grund für Ihr Unbehagen angeben, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass Sie der ursprünglichen Situation quasi gleichgültig gegenüberstanden? Nein? Dann werden Sie sich den Vorwurf der Homophobie gefallen lassen müssen.

Ich bin mit der Diskussion um die rechtliche Diskriminierung Homosexueller gut vertraut. Ich kenne alle geläufigen Antworten auf die Frage, warum Homosexuelle von der Fremdkindadoption ausgeschlossen sein sollten. Mir sind alle Parolen, alle beleglosen Scheinargumente und alle totschlagargumentartigen Ausflüchte in konservative Familienklischees bestens bekannt. Schlussendlich sind und waren diese Antworten nie etwas anderes, als unbeholfene Versuche, das oben beschriebene Unbehagen in Worte zu fassen, die wie ein sachlicher Einwand klingen. Diese Versuche mögen insofern gelingen, als sie einen recht großen Teil der Bevölkerung erreichen können; nämlich jenen, der dasselbe Unbehagen verspürt und sich auf der verzweifelten Suche nach argumentativer Rechtfertigung befindet. Weniger gut gelingen diese Versuche bei der Frage, warum Homosexuelle im Heiratsrecht nicht gleichgestellt sein sollten. Sie sprechen dann nur noch einen kleinen, stark konservativen Kreis an, der wohl auch beim legendären ZIB2 ‚Weils immer schon so war‘-Sager eines von Armin Wolf in die Ecke getriebenen Michael Spindeleggers tosend Beifall klatschte.
Um mir nun den offenbar obligatorischen und unfassbar larmoyanten Vorwurf der Intoleranz zu ersparen, möchte ich auf etwas hinweisen: Ja, Sie dürfen natürlich anderer Ansicht sein. Sie dürfen diese Ansicht auch äußern. Ich bitte sogar darum. Sollten Sie denken, dass Sie gute und sachliche Antworten auf obige Fragen besitzen, über die Sie sich viele Gedanken gemacht haben, bringen Sie diese bitte ein. Selbst wenn Ihre Antworten nicht wohlüberlegt und weder gut noch sachlich sind, steht es Ihnen selbstverständlich frei, diese zu veröffentlichen. Man darf sich dann allerdings über den Gegenwind nicht wundern. Dass der Inhalt einer Äußerung scharf kritisiert wird, hat nämlich nichts damit zu tun, dass das Äußern toleriert wird.

Liebe Grüße,
Mahiat

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2 Kommentare
  1. Wir Menschen neigen zum per se vergeblichen „Malen nach Zahlen“. Und da das nicht funktioniert, weichen wir auf Scheindiskussionen aus. Weder Sexualität, Religion, Alter, Berufsgruppe oder das Geschlecht geben eine klare Auskunft über das daraus resultierende Verhalten. Wir hätten es aber offenbar gerne, um ein wenig Sicherheit in dieser fragilen Welt zu erhalten. Natürlich kann ein homosexuelles Paar genauso zu einem schlechten Bezugspunkt für ein Kind werden wie ein heterosexuelles Paar. Eben weil es mit der sexuellen Ausrichtung nichts zu tun hat. Genauso wie ein strenggläubiger Moslem zum besten aller Nachbarn werden kann (ob er es wird hat mit dem Islam herzlich wenig zu tun) oder eine Frau besser autofahren kann als ihr Mann oder aber der Mann doch wesentlich besser autofährt als seine Frau (das Geschlecht entscheidet nicht darüber, sondern eine Melange aus Fähigkeiten und charakterlichen Grundvoraussetzungen).
    Aber das ist den meisten Menschen wohl zu kompliziert, zu aussageschwach. Wir wollen handfeste Erkenntnisse. Und da wir die in dem von dir geschilderten Feld definitiv nicht haben, ist es auch nur eine Frage der Zeit bis sich dieses gesellschaftliche Problem von selbst gelöst hat. Dafür laufen ganz einfach zuviele miese und überforderte heterosexuelle Elternpaare herum, als dass man noch allzu lange an dieser arg konservativen Sichtweise hängen könnte die sexuelle Ausrichtung hätte hier irgendeine Bedeutung.

    • Hallo davidwonschewski,

      danke für den Kommentar. Ich sehe das ganz ähnlich. Pauschale Urteile über bestimmte Gesellschaftsgruppen haben das Ziel, Individuen rasch einordnen zu können. Das gelingt natürlich nicht. Besonders problematisch wird es, wenn man von einzelnen Menschen erwartet, dass sie sich dem eigenen Bild und den eigenen Vorurteilen entsprechend verhalten.

      Liebe Grüße

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