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Untergang

07/11/2014

Er hatte die Geschichten gehört von jenen, die aus der Lage entkommen sein sollen, in der er sich befand. Jeder auf dem Schiff wusste, dass das nur wenigen gelang, und jeder flehte zum Himmel, dass ihm dieses Glück beschieden war. Jeder blickte hinaus in die hohen Wellen der wütenden See und dachte an ihren Grund in unvorstellbarer Tiefe. Jeder träumte davon, sich in die Wellen fallen zu lassen und zu diesem Grund zu schwimmen. Jeder träumte davon, die Flügel auszubreiten und durch den Regen zu den Wolken zu fliegen, träumte solange, bis der Traum Gestalt annahm. Jeder träumte solange, bis er es fühlte. Und jeder hoffte. Sie alle hofften vergebens. Es war ihre letzte gute Empfindung.
Und er wusste das. In den Tiefen seines hoffnungsvollen Herzens wusste er es mit unumstößlicher Gewissheit. Und wann immer dieser Gedanke in ihm aufkam und die harmonische Dunkelheit seiner Träume störte wie das Licht einer aufflackernden Kerze, löschte er dieses Licht und schloss die Augen, tauchte ein in die Schwärze, die alle hässlichen Gewissheiten verbarg, mantelte sich in die Barmherzigkeit des Zweifels und träumte wieder. Auf diese Weise rangen sie alle mit sich selbst und alle waren sich dadurch nahe, dass sie dasselbe Leid teilten. Keiner aber nahm seinen Nachbarn bei der Hand, auch er nicht.
Als der eiskalte Wind stärker wurde und er Tropfen des Meerwassers auf seiner Haut spürte, öffnete er seine gereizten Augen. Er sah verschwommen, wie eine große Welle sich an der Reling brach, und schloss sie wieder. Ein Feuer war in seiner Dunkelheit ausgebrochen, und alle Träume brannten grell. Ohnmächtig ließ er seinen Körper eintauchen in eine ebenso grelle Kälte, die seine Sinne von nichts mehr zu unterscheiden wussten. Er konnte nicht sagen, ob es mit ihm schon zu Ende war. Er würde es nie sagen können.

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  1. Leseempfehlung | Nachtliteratur

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