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Zur Essenz der Misanthropie

07/07/2014

Der bestimmende Großteil aller Menschen ist jener, der die Geschicke unserer demokratischen Gesellschaften lenkt. Diese Leute denken über nichts länger nach und wissen trotzdem alles besser. Ihre Borniertheit zelebrieren sie am liebsten gemeinsam, in uneingeschränkter Zustimmung und Einigkeit. Wenn eine Trivialgestalt des öffentlichen Lebens mit großem Stolz betont, sie habe seit dem achten Lebensjahr nicht mehr hinterfragt, was sie damals in der Volksschule gelernt hat, klatscht halb Österreich tosend Beifall. „Weil es immer schon so war“ ist nicht nur ihr stärkstes Argument, es ist ihre Lebenseinstellung. Und die erlaubt es, wenig zu überlegen und trotzdem überall mitzureden; auch wenn es um Wichtigeres geht, um notleidende Menschen beispielsweise. Dann setzen sie starre Mienen auf und wiederholen mit christlichem Ernst einige inhaltsleere Phrasen, die sie einmal irgendwo gehört haben. Sie wollen nicht zugeben, dass ihnen dieses Thema ferner ist als jedes andere: die Not. Und am Wahlsonntag verlassen sie ihr kleinbürgerliches Traumhaus und wählen die Rechtsradikalen.
Vom bestimmenden Großteil aller Menschen hängt unsere Zukunft ab. Heutzutage handelt jeder fahrlässig, der nicht bereit ist, die globalen Konsequenzen seines Verhaltens als Konsument und als wählender Bürger zur Kenntnis zu nehmen. Wer sich beruflich und privat nur für sich selbst interessiert und höchstens noch für seine nächsten Verwandten, bei wem sich diese egozentrische Haltung sogar politisch in Form eines Nationalismus manifestiert, der ist nicht nur eine potentielle Gefahr für Natur und Leben in anderen Regionen auf der Welt, er hat den Schaden schon längst angerichtet. Eine Gesellschaft, die von ihren Mitgliedern kein entsprechendes Verhalten einfordert, geht zurecht zugrunde.
Die meisten Menschen verlieren im Laufe ihrer Adoleszenz alle typischen Vorzüge des Kindseins, also etwa die Neugierde an der Welt, die Demut im Umgang mit anderen Lebewesen und den aufrechten Ernst sowie die aufrechte Ausgelassenheit. Neben ihrer Gedankenlosigkeit und einem ausgeprägten Egoismus, also den typischen Nachteilen des Kindseins, nehmen sie ihre zumeist austauschbaren Lebenserfahrungen mit, die sie nicht dafür verwenden, um die eigenen Verhaltens- und Lebensweisen zu überdenken und verantwortungsbewusst zu handeln, sondern um nach außen hin so zu wirken, als täten sie es. Und in ihrem jeweiligen sozialen Umfeld gelingt ihnen das aus selbstverständlichem Grund fast immer mit spielerischer Leichtigkeit.

Und die anderen? Das ist eine psychosoziale Randgruppe, von der mindestens die Hälfte aus stigmatisierten Menschen besteht, die vom bestimmenden Großteil emotional ausgeschlossen werden. Die anderen müssen den Lauf der Dinge mit ansehen, ständig um ein gutes Verhältnis ringen, sich da eingliedern und dort distanzieren. Die anderen sind nicht schweigsam, aber viel zu leise. Sie sind besonders sensibel und empathisch und gerade deswegen oft wütend und verzweifelt. Sie sind hin- und hergerissen zwischen Melancholie und Selbstzufriedenheit, sie sind arrogant, verallgemeinernd und vorurteilsbehaftet, verständnisvoll und nachsichtig. Sie wollen es erstmal anders machen oder gar besser. Doch sie gehen viel zu oft den Weg der Bequemlichkeit, jeder von ihnen auf seine eigene Weise.

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2 Kommentare
  1. Sehe ich fast genauso. Diese von Dir beschriebene Egozentrik und Gedankenlosigkeit, die Gefühlskälte, die Ignoranz sind in jedem von uns vorhanden. Ebenso Mitgefühl, Neugierde, Liebe und Opferbereitschaft. Es kommt eben nur darauf an, welche dieser allesamt durchaus menschlichen Eigenschaften wärend der persönlichen Entwicklung etabliert werden – und welche verkümmern. Wir leben in einer Welt, in der sich die Egozentrik vollends etabliert hat. Der Kapitalismus ist nichts weiter, als gelebter Egoismus. Genau DARIN sehe ich die politische Manifestierung des Egoismus.
    Nationalsozialismus/Faschismus hingegen, ist die gewaltsame Reaktion des Kapitals auf jeden Versuch seine Macht durch gesellschaftliche Neuordnung zu beseitigen. So geschehen in Europa nach der Oktoberrevolution, in Lateinamerika seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute (Honduras) und jetzt aktuell auch wieder in Europa (Ukraine).

    • Hallo cubaleman,

      absolut liberalisierte Wirtschaftspolitik ohne staatliche Restriktionen im Sinne eines vernünftigen Sozialsystems sehe ich auch sehr kritisch. Ein besonderes Anliegen war mir im Artikel allerdings die Betonung der Verwerflichkeit einer nationalen Denkweise in einer Zeit, in der europäische Bürger internationale Güter konsumieren, in internationalen Betrieben arbeiten, die internationale kommunikative Vernetzung nutzen und an internationalen politischen Wahlen teilnehmen und mit diesen Verhaltensweisen die Lebensbedingungen von Mensch und Tier in nahen und fernen Regionen der Welt direkt beeinflussen.

      Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße

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