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Empirie und Verstand

25/03/2014

Beginn meines Buches Wir sind berechenbar, siehe auch Wintermorgen. Ich freue mich über Rückmeldungen und Diskussionen zum Inhalt des Textes.

Eine Hauptaufgabe der Philosophie und der Philosophen ist es, sich mit den Fragen zu beschäftigen, ob unserem Universum eine Ordnung zugrunde liegt und welche Beschaffenheit eine solche Ordnung haben könnte. Dass ein besonderes Interesse daran besteht, in dieser Angelegenheit eine möglichst befriedigende Antwort zu finden, hat seinen Grund in einem unserer außerordentlichsten Bedürfnisse, nämlich im metaphysischen, das allen Menschen gemein, aber nicht bei jedem im selben Maße ausgeprägt ist. Es hat in der kulturellen Geschichte der Menschheit zahlreiche Versuche gegeben, dieses Bedürfnis zu stillen, und hierbei sind die religiösen Erklärungen der Ordnung unserer Welt sehr erfolgreich bei den Massen gewesen. Für die, die Zweifel an diesen einfachen Konzepten hegten, blieben andere Quellen der Erkenntnis: die Empirie und der Verstand. Viele machten sich beides zunutze, um über die Ordnung des Universums nachzudenken und sie zu erforschen. Während man in den Wissenschaften Kriterien fand, die heute eine objektive Überprüfbarkeit von vielen Aussagen möglich machen, so gibt es nach wie vor noch Sätze, die die Gestalt der Wirklichkeit beschreiben, aber in einen Bereich der Diskussion um die Weltordnung hineinfallen, in dem wir mit den Sinnen, mit denen wir begabt sind, und mit der Methode der Empirie nichts begreifen können. Es ist ein Bereich, der nur dem Denken, nur dem Verstand zugänglich ist. Durch den Fortschritt der Wissenschaft wurde er jedoch überschaubarer. Das sieht man leicht ein, wenn man sich überlegt, dass heute beispielsweise die Frage nach der Existenz von Gott oder die Frage nach Ursprung und Ende des Universums dort angesiedelt sind, dass sich früher dort aber darüber hinaus Fragen fanden, die heute nach wissenschaftlichen Maßstäben als geklärt gelten, weil die Antwort mit empirischen Mitteln objektiv nachgeprüft werden kann; zum Beispiel die Frage nach der Ursache für Naturkatastrophen, die Frage nach der Form der Erde oder die Frage, ob die Erde sich um die Sonne dreht.

Wir sehen also zweierlei: Erstens, dass man leicht unterschätzt, in welchem Ausmaß der Mensch befähigt ist, jene Möglichkeiten zu nutzen, die ihm zum Erlangen eines Verständnisses der Ordnung der Welt zur Verfügung stehen, und zweitens (was damit verwandt ist), dass offene Fragen, in denen wir uns heute das Vermögen absprechen, jemals eine Antwort finden zu können, morgen schon geklärt sein könnten; wenn das auch vermutlich, was ich wohl zugestehen muss, nicht bei jedem Problem möglich sein wird. In manchen Fällen könnte der Apparat an Sinnen, den die Natur uns verliehen hat, nicht ausreichen, um zu ergründen, ob unsere Auffassungen mit der Wirklichkeit übereinstimmen, also der Wahrheit entsprechen oder nicht. Solche Ansichten und jene, die zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt aufgrund unserer noch nicht ausreichend entwickelten empirischen Möglichkeiten Fragen betreffen, die in den Bereich fallen, der rein dem Verstand zugänglich ist, sind keines strengen Beweises fähig und keiner objektiven Überprüfbarkeit, wohl aber einer verstandesgemäßen Rechtfertigung. […]

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From → Auszüge

4 Kommentare
  1. Was meinst Du mit „einfaches Konzept“? Inwiefern einfach?

  2. Hallo wolkenbeobachterin,

    damit meine ich die natürliche Bedeutung des Wortes, also „nicht kompliziert“. Religiöse Metaphysik ist leicht zu fassen, problemlos verständlich und auch emotional eingängig. Wissenschaftliche Erklärungen hingegen erfordern lange Beschäftigung, sind schwerer nachvollziehbar und neutraler in ihrer emotionalen Wirkung.

    Liebe Grüße

  3. Anonymous permalink

    Wenn ich mir aber Debatten zwischen Atheisten und Theisten anschaue(bspw. Dawkins und William Lane Craig) habe ich deutlich mehr Probleme die Argumente der Theisten nachzuvollziehen. Zugegeben, diese Eigenart kann nicht allzu weit verbreitet sein da es sonst weit weniger Gläubige geben würde.

    • Hallo!

      Das kann ich nachempfinden. Es hat aber wohl weniger mit der Komplexität der Argumente zu tun als vielmehr damit, dass sie mit der eigenen, rationalen Denkweise unverträglich sind. Die von dir erwähnten Gespräche bergen gerade aus diesem Grund die Problematik, dass die Beteiligten mit ihren unterschiedlichen Zugängen und ihrem verschiedenen Begriffsverständnis aneinander vorbei reden. Wenn dies nicht erkannt wird, ist das Fortführen der Diskussion im Grunde nicht mehr sinnvoll.

      Liebe Grüße

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