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Zu fleischlichen Halbwahrheiten

01/03/2014

Quasi als Fortsetzung meines zuletzt geposteten Beitrages über das Bettelverbot möchte ich heute wieder über ein Thema schreiben, dem zurzeit fast ausschließlich deshalb eine intensive mediale Aufmerksamkeit zuteil wird, weil die Diskussion darum auf einer rein bildhaften und geradezu populistischen Ebene stattfindet. Vegetarismus sei demnach im Gegensatz zu bisherigen Auffassungen häufig mit gesundheitlichen und ökologischen Nachteilen verbunden. Die zugrundeliegenden Argumente müssen sich allerdings hinter dem großen Beifall verstecken. Mit ihnen möchte ich mich im Folgenden auseinandersetzen.

Vor wenigen Wochen hat diese Debatte mit einem Blogeintrag ihren Anstoß genommen, der es aufgrund seiner Aussage und seiner polarisierenden Wirkung bis in die Tageszeitungen geschafft hat und seither beispielhaft für die Argumentation   oben beschriebener Ansichten steht. In ihm wird eine idyllische Viehwirtschaft auf heimischen Almen mit einer weit entfernten, chemiebelasteten und monokulturellen Pflanzenproduktion verglichen. Der Artikel besteht dann aus der genauen Ausarbeitung der selbstverständlichen Schlussfolgerung, dass die Weideviehhaltung diesen Formen der Pflanzenproduktion in ökologischer Hinsicht überlegen ist. Auch wenn dann im Fazit deutlich wird, dass der Autor im Grunde gute Absichten hatte und er sich genau mit dem Thema beschäftigte, so ist der sachliche Vorwurf offenkundig, dass der Beitrag ausgesprochen tendenziös geschrieben und seine eben erwähnte Schlussfolgerung trivial und daher wertlos für den eigentlichen Gegenstand der Diskussion ist.
Ich möchte drei Punkte zur Debatte beitragen, die an diesen Blogartikel anschloss:

1) Der wichtigste Punkt zuerst: Jedes Argument gegen eine nicht nachhaltige Pflanzenproduktion ist ein Argument gegen den Fleischkonsum und nicht gegen die fleischlose Ernährung. Gerade der Ertrag aus gen- und chemiebelasteten Monokulturen, auf die häufig verwiesen wird, findet seine Verwendung zu großen Teilen als Futter für unser Nutzvieh. Wer ein Lebensmittel verzehrt, konsumiert natürlich in ökologischer Hinsicht auch alle Ressourcen, die zur Produktion nötig waren. Um die wachsende Nachfrage nach Fleisch befriedigen zu können, werden zahlreiche Rohstoffe in immer größerer Menge benötigt, die man auf direkterem und nachhaltigerem Wege nutzen könnte. Fleischproduktion steht im Zusammenhang mit dem Welthunger und geht mit einem hohen Verbrauch von Wasser einher. Solange der überwiegende Teil des konsumierten Fleisches aus der Intensiv- und der Massentierhaltung stammt, wird sich daran nichts ändern. Da diese Wirtschaftsformen notwendig sind, um dem wachsenden Bedürfnis der Konsumenten begegnen zu können, ist die diesbezügliche Prognose leider ausgesprochen pessimistisch. Da hilft es auch nicht, ein idyllisches Bild von den Kühen auf den grünen Weiden zu zeichnen. So sehr man auch Gefallen daran finden mag, sollte man sich vor Augen halten, dass man nicht mit Sachverhalten argumentieren kann, die höchstens in Ausnahmefällen der Realität entsprechen. Wer Interesse an den Zahlen hat und nicht googlen möchte, sei auf wasserstiftung.de verwiesen.
2) Die Umstellung auf eine vegetarische Lebensweise geht im Regelfall mit einem wachsenden Konsumbewusstsein einher, das bei der Nahrung nur seinen Anfang nimmt und sich auf andere Bereiche des Lebens überträgt. Häufig wird die fleischlose Ernährung in ein allgemeines Streben nach Nachhaltigkeit und Sparsamkeit eingebettet, das einem ständigen Optimierungsprozess unterliegt und im besten Fall mit entsprechender Konsequenz durchgesetzt wird. Jede Orientierung an solchen Prinzipien ist grundsätzlich zu begrüßen, auch wenn sie lediglich im Rahmen eines reduzierten Fleischkonsums zum Ausdruck gelangt. Der Fleischverzicht ist letztendlich ein besonders einfacher und gleichzeitig großer Schritt in eine entsprechende Richtung.
3) Neben den ökologischen Aspekten des Vegetarismus wurden auch ernährungswissenschaftliche und gesundheitliche besprochen, und zwar im Rahmen mathematischer und manipulativer Missinterpretationen der Ergebnisse einer Studie der medizinischen Universität in Graz. Was bei der Diskussion großteils außen vor blieb, ist der unliebsame tierethische Aspekt, der für mich im Bezug auf das Thema die größte Bedeutung hat. Mit ihm habe ich mich auf dem Blog bereits mehrmals beschäftigt, etwa in „Zur Rechtfertigung des Fleischkonsums„. Dieser Artikel bildet auch den Abschluss meiner Begründung im heutigen Beitrag, da aus tierethischer Perspektive auch diejenigen Ausnahmen unter den Fleischproduktionsformen zu verwerfen sind, die grundsätzlich keine ökologischen Probleme bergen.

Ursprünglich wollte ich die Debatte ignorieren. Dass die doch recht offenkundig unsinnigen Argumentationsmuster derart bereitwillig von den Medien und dementsprechend auch von einem großen Teil ihrer Leserschaft in Empfang genommen wurden, fand ich allerdings psychologisch interessant. Immerhin sind die Tatsachen, die ich im ersten Punkt dargestellt habe, nicht nur hinlänglich bekannt und unumstritten, sondern auch nachvollziehbar. Die Flucht in Idealvorstellungen scheint mir symptomatisch für deren Verleugnung zu sein.

Liebe Grüße,
Mahiat

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