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Die Festung

21/10/2013

Es war der letzte Tag der langen Regenfälle des Frühlings. Die Bewohner der Stadt auf dem Hügel hüteten sich zu dieser Zeit des Jahres, aus den schweren Eisentoren zu treten und ins Tal hinabzusteigen. Es galt als dumm und tollkühn, sich nur wenige Minuten außerhalb der Mauern aufzuhalten. Jederzeit konnte die hohe Flut von den die Senke umschließenden Bergketten rauschen und die Äcker, Wiesen und Felder in einen stürmenden See verwandeln. Niemand konnte dann in die Stadt hinein, wenn dieser Zeitpunkt gekommen war.

Im Sommer blühte und gedieh das Leben in beinahe allen Ecken und Winkeln der Senke. Jede Frau gebar ein Kind, das Vieh erfreute sich an den grünen Wiesen und die Bauern bemühten sich um eine ausgiebige Ernte. Zur Zeit des Herbstes rollten Händlerkarren vom Hügel und nahmen einen Großteil des Ertrages für die Menschen in der Stadt. Im Gegenzug für diese Leistung wurden den Bauern für den Frühling Plätze in einer Unterkunft hinter den Mauern versprochen. Es handelte sich um ein für diesen Zweck angelegtes Gebäude in einem der äußeren Bezirke. Die Verpflegung war dort mangelhaft und die Unterbringung miserabel, doch der Aufenthalt in der Stadt bot allen Menschen und Tieren Schutz vor der hohen Flut, der man abseits des Hügels nicht entkommen konnte. Zehn Tonnen Getreide oder eine Tonne Fleisch musste man entbehren, um eine fünftägige Wohnberechtigung für eine Person zu erwerben. Die Bauern mussten klug haushalten, um diese Möglichkeit zumindest den Jungen und Gesunden zu eröffnen. Gleichsam hatten sie zu bedenken, dass sie mit den verbliebenen Vorräten noch über den Winter kommen müssen. Zudem ließ sich das Geschehen der hohen Flut von ihnen nicht genau vorhersagen, sondern alljährlich nur ungefähr auf etwa 14 Tage. Die wenigsten konnten sich Aufenthalte für diesen langen Zeitraum leisten und mussten somit darauf hoffen, dass die Überschwemmung in den Tagen ihrer Unterbringung stattfand.
In der Stadt sah das Leben freilich anders aus. Dort wohnten Familien in langer Tradition, die sozialen Zustände waren zivilisiert und strukturiert, und trotz der hohen Bevölkerungsdichte gab es Lebensmittel im Überfluss. Es lebten vergleichsweise wenig Kinder auf dem Hügel, die aber genossen an den Schulen und Universitäten eine gute Bildung. Wegen der vorzüglichen medizinischen Versorgung durften sie sich erwarten, erst in einem hohen Alter sterben zu müssen. Trotz der grassierenden Fettsucht gab es vor dem vierzigsten Lebensjahr kaum Todesursachen, während außerhalb der Mauern so gut wie keiner ein höheres Alter erreichte. Lebensbedrohliche Armut, die auf dem Lande viele Familien hungern ließ, war am Hügel eine Seltenheit und betraf im Grunde nur jene, die eigentlich ursprünglich vom Tal kamen und sich auf irgendeinem Wege eine dauerhafte Duldung ihrer Anwesenheit in der Stadt erkämpft hatten.
In Gelehrtenkreisen beschäftigten sich müßige Menschen mit der Flut und ihren Konsequenzen. Auch innerhalb der Bevölkerung war nach und nach ein Bewusstsein für die Bedürfnisse der Talbewohner erwachsen. Manche hatten das Gefühl, dass sie durch ihr Dasein den fragwürdigen Umgang mit der Bevölkerung der Senke akzeptieren und sogar gutheißen würden. Sie ertrugen die alljährliche Auseinandersetzung mit dem immensen Leid nicht und zogen auf das Land, um mit ruhigem Gewissen unter den Bauern zu leben. Andere waren ganz stolz auf ihre städtische Herkunft und verbargen ihre Abneigung gegenüber den Bauern nicht. Das waren Menschen, die sich jeden Frühling auf das Spektakel der Flut freuten, die sie als wünschenswerte Säuberung sahen und sie von den Türmen aus beobachteten, mit Genugtuung und einem zufriedenen Lächeln. Die meisten hinter den Mauern beschäftigen sich allerdings kaum mit dem, was außerhalb passierte. In der Überschwemmung sahen sie eine höhere Gewalt und ein unlösbares Problem, für das man niemanden verantwortlich machen konnte, besonders nicht den Einzelnen. In der Tat hatte sich aber keiner von diesen Leuten mit der Frage auseinandergesetzt, wodurch die Flut zustande kam und ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, sie zu verhindern.

Tatsächlich wusste die Verwaltung der Stadt recht genau, wann mit den Wassermassen von den Berggipfeln zu rechnen war. Dies war heuer nicht anders.  Man hatte darauf geachtet, dass man zu diesem Tage genug Männer, Frauen, Kinder und Vieh vom Lande in der Stadt untergebracht hatte, um die Versorgung der Bevölkerung für die kommenden Jahre nicht zu gefährden. Am Vorabend mussten zahlreiche Bewohner der Senke ausgewiesen werden, deren Aufenthaltsberechtigung ausgelaufen war. Da man diese Menschen, unter denen einige Kinder waren, in den sicheren Tod schickte, wurde die Prozedur durch Demonstrationen behindert. Man löste sie mit Gewalt auf.
Am nächsten Morgen lief das Wasser schon beim ersten Sonnenstrahl über die Bergrücken. Die Eisentore schlossen und bewaffnete Soldaten wurden auf den Mauern der Stadt positioniert. Nach zwei Stunden war jedes Lebewesen in der Senke ertränkt. Die öffentliche Trauerstimmung drückte sich weniger emotional als zeremoniell aus und dauerte einige Tage an, was als üblich und angemessen angesehen wurde. Als das Wasser wieder fort war und die Toten preisgab, war in der Stadt längst Alltag eingekehrt. Die Bewohner des Landes hingegen wurden abgeschoben und hatten nun die Leichen ihrer Verwandten und Freunde zu vergraben oder zu verbrennen, bevor sie die Felder neu bestellen konnten. Und daran war für die meisten von ihnen überhaupt nichts Besonderes.

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One Comment
  1. Hat dies auf Nachtliteratur rebloggt und kommentierte:

    Ich möchte aus aktuellem Anlass an eine Kurzgeschichte erinnern, die ich 2013 verfasst habe.

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