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Wenn Knochen brechen

19/07/2013

Ich sah durch meine kleinen Augen kaum etwas anderes als die Bewegungen fremder Gestalten, und ich spürte sie auch ringsherum an meinem Körper, nur im Rücken nicht. Dort presste sich ein scharfkantiges Stahlgitter in mein massiges Fleisch. Ein Geruch fäkaler Verwesung brannte beim Riechen und verdickte die Luft, in der irgendetwas fehlte. Das machte müde und träge. Gewiss wäre es an diesem Ort nicht einmal halb so laut gewesen, hätte es nicht die großen Lichter an der Decke gegeben, die mit unnachgiebiger Strenge die längste Zeit in die Äuglein leuchteten und beim Sehen auf dieselbe Weise brannten, wie es der Geruch beim Riechen tat.

Ich roch also, spürte, sah und hörte, und musste riechen, sehen, spüren und hören. Die eine Sekunde war genau so wie die nächste und alle Eindrücke vereinigten sich in meinem Kopf zu einer einzigen Erinnerung, die in jeder Gegenwart neu durchlebt und mit jeder Erfahrung intensiver wurde. Kein anderer Gedanke war da in der Vorstellung, kein anderes Bild vor dem Auge des Geistes. Noch nie hatte ich etwas anderes gehört, gerochen oder gefühlt.
Mit all der Zeit, die verging, wurde ich immer unruhiger, und immer lauter wurde es auch in meiner Umgebung. Als eine instinktive Angst mich einfing, begann auch ich zu schreien, begann auch ich damit, mich zu bewegen, mir mehr Raum zu verschaffen und die anderen zu verletzen. Doch schnell fügte ich mir selbst Wunden zu und weil mir auch wehgetan wurde, war das Leid, das andere erlitten, sogleich das eigene. Zu dem einen Bild vor dem Auge meines Geistes kamen an diesem Tage noch zahlreiche weitere hinzu. Nun hatte ich die Welt gesehen.

Dann, nur ganz leise, konnte man ein Lachen hören. Eine produktive Maschinerie war das, recht effizient, recht interessant, recht lächerlich, und der Wahnsinn gefiel. Wer noch nicht tot war, wurde bald von fremder Hand getötet, und am Tag darauf füllte sich die Stätte mit neuen Gestalten, und die scharfkantigen Stahlgitter fanden neue Rücken, in die sie sich graben konnten. Ganz selten nur gingen die Lichter aus. Dann war es Nacht in dieser Welt, und das Dunkle verbarg ihre Hässlichkeit. Das Bild vor dem Auge des Geistes, das jedoch vermochte es nicht zu verbergen.

 

Die fensterlose Halle wurde erleuchtet vom Licht weißer Neonlampen. Mit blutverschmiertem Kittel stand er gemeinsam mit anderen Menschen an einem langen Förderband und versuchte, die Müdigkeit zu überwinden und sich an den Gestank zu gewöhnen.

KLICK – Das Geräusch, wenn kleine Knochen brechen

KLICK – Das Gefühl, ein Leben zu nehmen

KLICK – Das Echo, das tausendfach durch die Halle schlug

Zahllose Küken gingen durch seine Hände, die männlichen verließen sie tot. Jedes KLICK war reine Routine, jedes KLICK war eine kleine Entscheidung. Er wollte möglichst wenig denken und fühlen, denn diese Arbeit ließ keine gute Empfindung zu. Es war ihm, als würde er aus seinem Körper treten und sich selbst über die Schulter sehen, als könnte sein Verstand die Taten der eigenen Hände nicht begreifen. Stunden vergingen und machten diese Erfahrung zu einem dauerhaften Erlebnis, das sich täglich wiederholen sollte. Denn dies war nun also sein Beitrag zum allgemeinen Wohl, der Ausdruck seiner ganzen Schaffenskraft, seine Berufung. Dies war seine Welt. Selbst mit seinem trägen Kopf wurde er sich dem mühelos bewusst. Und als er seine Ausweglosigkeit einsah und ihm dabei das Herz mit jedem KLICK noch schwerer wurde, reagierte sein Körper auf den emotionalen Schmerz und verschaffte ihm einen Endorphinrausch.
Seine Augen waren weit geöffnet und seine Nüstern gebläht, um den süßlichen Geruch besser einatmen zu können. Hellwach tat er nun sein Werk als der Tod höchstpersönlich, als ein dunkler Engel in Menschengestalt,  als ein blutroter Teufel, der das Töten liebte. Mit großer Freude nahm er die kleinen Körper und warf sie wie Tennisbälle in den Schredder. Er konnte und wollte sich dieser Lust nicht erwehren. Weich und zart fühlte es sich zwischen seinen Fingern an, leise und beständig summte die Maschine neben ihm. Er hätte gerne Blut geschmeckt. Die winzigen Köpfe mit geschlossenen Augen und kleinen Schnäbeln wollte er nicht nur umdrehen, sondern zerschlagen und zerquetschen. Jeden dieser grausamen Gedanken dachte er ganz zu Ende und kostete ihn aus.
Als der Rausch vorbei war, zog wieder Leere in seinem Kopf ein und vertrieb, was sich dort zuvor geregt hatte. Seine Empfindungslosigkeit wurde nun einzig durchbrochen von seiner Scham, von seinem Gewissen und von der Erinnerung an das im Rausch Gedachte und Gefühlte, das sich ganz bitter rächte. Und dass er da zwischen all diesen Leuten als einer von ihnen in Reih’ und Glied stand und genau dasselbe tat wie sie, es war ihm unerträglich. Doch sein inneres Auge war fähig, ihm noch gemeinere Bilder vorzuspielen. Während er der traurigen Realität ins Gesicht sah, stellte er sich nämlich zudem vor, wie sein Leben in einer anderen Welt sein könnte, die frei von dieser Industrie war; und er überlegte, wie es wohl den Tieren dort ergehen würde. Schlimmer noch als alles, was er in dieser Halle erleben musste, war dieses Produkt seines idealistischen Geistes, diese wunderschöne und schmerzvolle Unmöglichkeit, die ihn alle Tragik noch deutlicher erkennen ließ: Man verlangte von ihm, und er tat, wie ihm geheißen. In dieser Halle gab es keine moralische Instanz. Solange er den blutverschmierten Kittel trug, musste er leiden und leiden lassen. Freundschaften gab es hier nicht. Mit seinen Kollegen redete er auch in den Zigarettenpausen kaum mehr als ein paar Worte. Es waren belanglose Gespräche mit betäubten Köpfen, ebenso müde, ebenso verwirrt, ebenso verzweifelt, ebenso geschunden wie der seine.
In der Mitte der Halle hing an der grauen Wand ein Jesuskreuz, das niemand anzusehen wagte. Vielleicht hatte man es dort in ironischem Wahnsinn angenagelt, vielleicht auch deshalb, um der Unheiligkeit des Geschehens zu begegnen und dem Tod, der nicht nur als Geruch beständig in der Luft hing. Vielleicht sollte es auch den Anschein erwecken, die Taten der Arbeiter seien gerechtfertigt. Möglicherweise lag sein Grund auch in der naiven Hoffnung, dadurch etwas Himmlisches in diese Hölle zu bringen. Darunter jedenfalls war eine große und schmucklose Uhr angebracht, die im Gegensatz zum Kruzifix alle Blicke auf sich zog. Sie galt als Maß für das, was schon erledigt war, und für das, was noch getan werden musste. Man hatte seine Arbeitszeit zu überwinden, durchzustehen, ja regelrecht abzuleisten. Das Geräusch des Sekundenzeigers war für die Arbeiter deutlich hörbar, und jedes KLICK hatte eine einzigartige Bedeutung und war unwiderruflich.
Es wollte ihm nicht gelingen, was unbedingt erforderlich war, um in dieser Halle zu überleben; nämlich das leidende Wesen als Sache anzusehen, als leblosen Gegenstand, den er in Händen hielt, als empfindungslose Maschine, die er selbst war. Bald glaubte er, die Farblosigkeit der Halle ziele darauf ab, den Fließbandtötern diesen Gedanken ins Gehirn zu pflanzen. Erst nach langer Zeit und dem Tod von hunderten Tieren hielt er in diesem Unvermögen inne, legte seinen sturen Blick ab und sah zum ersten Mal nach links und rechts. Zu beiden Seiten bot sich ihm dasselbe Bild, das sich auf ewig in seine Erinnerung brannte. Nun schien es allerdings, als hätte er es lange genug ausgehalten. Allein schon um die Existenz dieses Ortes zu wissen, um die Kräfte und die Kraftlosigkeit, die hier walteten, um die Verantwortungslosigkeit, allein dies würde ihn ein Leben lang begleiten. So wollte er denn jetzt wenigstens kein Teil mehr von diesem Alptraum sein, und dieser Wille keimte in ihm auf und wuchs wie eine Blume aus trockener Erde. In ihm regte sich das erkennende und mitfühlende Bewusstsein, das er unterdrückt hatte. Eine einsame Träne fiel von Fleisch zu Fleisch und das Jungtier, das er gerade werfen wollte, entglitt seinem Griff. Er drehte sich um und ging hinaus, kam nie zurück und behielt für alle Zeit das Bedürfnis, unter keinen Umständen jemals wieder mit dieser Industrie in Verbindung zu geraten oder mit diesem unfassbaren Prozess des Leidens, der in der Zerstörung von Lebensräumen seinen Anfang und in blutverschmierten Händen sein Ende nimmt.

 

An einem schönen Sonnentag hatte sie sich mit ihrer fahrbaren Bude in der Nähe vom Badesee auf einer gemähten Wiese platziert, um den Absatz an diesem Tag möglichst hoch zu halten. Es war eine idyllische und relativ wunderschöne Gegend, also hätte zumindest eine solche sein können, wäre nicht gerade diese Stelle beliebt für große Menschenansammlungen gewesen, die sich zur gegenseitigen Fleischbeschau einfanden. Und das war auch ihre Kundschaft: Ein nicht abbrechender Strom an fetten Bäuchen, die durch das Sonnenöl im Licht genauso glänzten wie ihr Füllmaterial, für das ihre Besitzer anstanden.

„Und jedes in zwei Hälften schneiden, ja?“
„Selbstverständlich.“
„Und Pommes dazu, bitte. Dreimal.“
„Natürlich gerne, der Herr.“

Höflich musste man sein, und lieb zu ihren ebenso dicken Kindern. Das gefiel den Leuten. An Tagen wie diesen allerdings, wenn die Sonne vom Himmel brannte und der Schweiß unaufhörlich tropfte, war die gute Laune rasch verflogen. Dann machte sie Pause und schaute sich das Treiben der Menschen an, die glücklichen Buben und Mädchen beim Spiel im Wasser und die Erwachsenen beim Konsumieren. Schnell ging sie wieder an die Arbeit und tauschte sich mit ihrem ersten Kunden über den neuesten Tratsch aus der Zeitung aus. Redselige und Hungrige vertrieben ihr die Zeit, bis ein Wärmegewitter aufzog und dem Badespaß ein jähes Ende bereitete. Sie packte sich ihr Abendessen ein, sperrte die Bude ab und floh gemeinsam mit den anderen auf die Straße, um sich auf den Heimweg zu machen.

Der Fernseher war eingeschaltet, das Bier eingekühlt und das Fleisch in der Mikrowelle. Einem Feierabend, der dem ertragreichen Tag gerecht wurde, stand nichts mehr im Weg. Da lief ihr in ihrer Vorfreude der Speichel aus dem Munde, denn sie hatte seit dem Frühstück nicht mehr gegessen. Nach wenigen Minuten konnte sie eine Glocke aus der Küche hören, das Essen war fertig. Sie ging zur Mikrowelle und öffnete die Tür.

KLICK

Mahlzeit.

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3 Kommentare
  1. Anschaulich. Da bekommt man immer weniger Lust Fleisch zu essen.

  2. Es ist ein Thema, das meines Erachtens eine außerordentliche Bedeutung hat. Falls Sie einen sachlichen Artikel von mir dazu lesen möchten, werden Sie beispielsweise hier fündig.

    Liebe Grüße

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  1. Hässlichkeit | Nachtliteratur

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