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Dem Tode nahe

04/05/2013

Auszug aus meinem Buch Bessarius und Molle, das ich Ihnen hiermit wieder einmal ans Herz legen möchte, sollten Sie es noch nicht kennen.

[…] Unterschiedliche Menschen gibt es, doch dass sie einer Gruppe angehören, dass sie sich, wie du sagtest, „identifizieren“, und sich in dieser Gruppe mit ihrer Gemeinsamkeit über die Masse erheben wollen, haben viele von ihnen gemein. Nur wenige sind da, die sich dem zu entziehen versuchen. Es sind jene, die nicht gehorchen, die das Vergnügen scheuen und die Gesellschaft verachten, obgleich sie sich selbst doch noch mehr hassen. Ihr Leben ist eine grauenvolle Litanei der gemütsschweren Unzufriedenheit, eine freudlose Qual. Bessarius, du weißt, von welcher Art Mensch ich spreche. Halb in dieser Welt, halb in der Unendlichkeit schöner, schmerzlicher Gedanken, da und dort leben sie zerrissen und geplagt von den schlimmsten Träumen, bringen die einsamsten Nächte zu und durchwandern die finstersten Täler, machen sich die höchste, edelste Furcht zu eigen und fühlen sich, freilich nur deswegen, dem Tode allseits nahe. Wie ein gefallener, gehörnter, schwarzer Engel, so wacht er mit seiner Sense über diese tiefgründig grundlos trauernden Menschen, doch vergebens in der Hoffnung, sie würden ihm jemals Einlass in ihr verschlossenes Herz gewähren.

Geistreich und anmutig, von ästhetischer Stärke und grenzenloser Freiheit, ja von bemerkenswerter Kraft durchtränkt, so strahlt dies Menschenleben über die Einfältigkeit, wie die Sonne über jeden anderen Stern, und lockt Bewunderer und Neider, zieht mit seinem geheimen Zauber auch Feinde an. Wer glaube nicht, er lebe am Rand des bedeutenden Untergangs und würde doch einer strahlenden Sonne gleichen? So eigen, so reizvoll und aufregend will man sich nennen, und ist’s doch nicht, soll’s und möcht’s auch nicht sein und ist im Herzen froh darüber, nicht zu wissen, welch hässlicher, giftiger Kern unter der nur scheinbar wundervollen Schale solchen Lebens steckt, und dass die größte Kraft gleichsam die größte Schwäche ist, an der dieser leidende Mensch nur allzu bald in beachtlichem Schauspiel zugrunde gehen wird, wie auch die Sonne am Ende ihres Sternenlebens ihrem größten Feind erliegen soll, der doch immer nur sie selbst und ihre eigene Stärke gewesen war. […]

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From → Auszüge

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