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Zu den Kriterien metaphysischer Argumentation

17/03/2013

Dieser Artikel beschäftigt sich nicht mit der Frage, wie die Wahrheit einer Behauptung festgestellt werden kann. Die starken Argumente der Skeptiker haben ohnehin dazu geführt, dass das Wort Wahrheit selbst von Logikern und Mathematikern nicht mehr gelassen ausgesprochen wird. Ich will mich heute dem Problem widmen, unter welchen Bedingungen es vernünftig ist, an Vermutungen und Thesen festzuhalten, die Teil der empirischen Wissenschaft oder der Metaphysik sind.

Aussagen über Objekte oder Eigenschaften von Objekten dieser Welt gelten dann als These einer empirischen Wissenschaft, wenn sie durch die Methoden derselben falsifizierbar sind. Das bedeutet, dass es anderen Menschen möglich sein soll, ihre Gültigkeit mit dem Mittel ihrer Wahrnehmung zu überprüfen. Wer etwa behauptet, dass sich alle Eisenstücke dieser Erde bei Erwärmung ausdehnen, der muss erklären, unter welchen Bedingungen er seine These widerrufen würde. Er wird sagen, dass dies der Fall wäre, wenn jemand ein Eisenstück auf unserem Planeten finden würde, das sich bei Erwärmung nicht ausdehnt. Um seine These zu festigen wird er bemüht sein, möglichst viel Eisen auf die von ihm behauptete Eigenschaft hin zu untersuchen. Eine wissenschaftliche These ist umso bewährter, je öfter sie dem Versuch standhält, sie zu widerlegen. Da eine bewährte These große und objektiv überprüfbare Übereinstimmung mit der wahrgenommenen Wirklichkeit aufzeigt, ist es vernünftig, daran festzuhalten; obgleich natürlich im Bewusstsein, dass sie stets widerlegt werden könnte.
Anders verhält es sich mit Aussagen über metaphysische Phänomene, die sich unserer empirischen Anschauung entziehen. Entsprechende Beispiele wären unter anderem viele Sätze, die Gegenstand philosophischer Diskussionen sind, etwa „Es gibt nichts, das existiert.“ (A),  „Es existiert ein Wesen mit der Eigenschaft, allmächtig, allwissend und gütig zu sein.“ (B) oder „Wenn etwas nicht wahrgenommen wird, ist es nicht da.“ (C). Ihre Gültigkeit kann nicht mit den Mitteln unserer Wahrnehmung überprüft werden. Wir müssen daher andere Kriterien finden um zu ermitteln, ob die Thesen der wahrgenommenen Wirklichkeit entsprechen, ob es also vernünftig ist, an ihnen festzuhalten.
Von einer vernünftigen Behauptung sei zuerst die logische Konsistenz gefordert. Es muss logisch widerspruchsfrei denkbar sein, dass sie zutrifft. So sind etwa die Beispiele A und C logisch konsistent, B aber aufgrund zahlreicher Paradoxa nicht. Weiters sei von einer vernünftigen Aussage eine empirische Konsistenz verlangt und zwar dahingehend, dass sie eine Konvergenz zu den bewährten Thesen der empirischen Wissenschaften aufweist. Unter diesem Aspekt sind alle drei Beispiele unvernünftige Sätze. Es läuft etwa den empirischen Wissenschaften in höchstem Maße zuwider davon auszugehen, dass sie nach A gar keine Untersuchungsobjekte haben. Beispiel B steht zwar nicht im Widerspruch zu bewährten Thesen, unterstützt diese aber auch nicht und steht auch sonst in keinem Bezug zu ihnen. Gegen C hingegen spricht, dass die Empirie keine Hinweise dafür liefert, dass es ein wahrnehmendes Bewusstsein zur Aufrechterhaltung von Naturgesetzen und physikalischen Prozessen benötige.
An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass eine Aussage tatsächlich auch zutreffend sein könnte, obwohl sie logisch inkonsistent oder nicht im Einklang mit den empirischen Wissenschaften ist. Schließlich kann ja niemand sicher wissen, ob alle Geschehnisse unseres Universums den logischen Regeln genügen und ob unsere wissenschaftlichen Mittel, Methoden und Fähigkeiten überhaupt geeignet sind, die Phänomene darin zu untersuchen. Jedoch ist es nicht vernünftig, von der Gültigkeit einer Sichtweise auszugehen, die allen Maßstäben der Erkenntnis zuwiderläuft, die wir als Menschen besitzen; mögen diese vielleicht noch so beschränkt sein. Solche Sätze, wie ich sie etwa an den Beispielen A, B und C demonstrierte, entziehen sich unserer Beurteilung und sind daher nutzlos für den, der als Mensch all seine Möglichkeiten weitestgehend nutzen will, um die Welt zu verstehen, in der er lebt. Vielmehr noch: Wer lange über sie nachdenkt, der sieht ein, dass sie, wenn auch die Worte etwas bedeuten, schlussendlich gar nichts sagen, weil es für uns gleich ist, ob sie zutreffen oder nicht.

Ob eine metaphysische Aussage logisch konsistent ist und eine Konvergenz zu den bewährten Thesen der empirischen Wissenschaften aufweist, darüber kann eine sachliche und argumentative Diskussion geführt werden. Ich bin etwa der Ansicht, dass die Aussage „Im Universum sind alle Geschehnisse durch Ursache und Wirkung determiniert.“ nicht nur alle Kriterien erfüllt, sondern einen außerordentlichen Bezug zu unserer Erfahrung aufweist, ja selbst eine Erklärung für diese sein kann und zu ihrem Verständnis beiträgt.
Wenn dieser Artikel aufgezeigt hat, dass es auch in der Philosophie objektiv überprüfbare Gütekriterien für die Qualität einer Behauptung gibt und über diese nicht nach persönlichen Empfindungen und Präferenzen entschieden werden sollte, so hat er sein Ziel erreicht. Wer mehr zu diesem Thema lesen möchte, sei auf „Zur Wahrheit“ verwiesen.

Liebe Grüße,
Mahiat

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6 Kommentare
  1. Hallo Mahiat,

    was ist mit dem „freien Willen“, wenn alles determiniert ist?
    Was ist mit der aktualen Gegenwart (im Kontrast zur Vergangenheit, welche nicht anders als determiniert sein kann)?

  2. Hallo perspektivenlogik,

    ich beschäftige mich zurzeit ausgiebig mit dem kausalen Determinismus und habe der Frage nach der Begrifflichkeit des freien Willens ein Kapitel in einem Text gewidmet, den ich gerade zu diesem Thema verfasse. Auch hier auf dem Blog habe ich dieses Thema in zahlreichen Artikeln besprochen. Eine möglichst kurze Antwort auf ihre Fragen finden Sie hoffentlich unter folgendem Link: https://nachtliteratur.wordpress.com/2012/12/08/zum-freisein/
    Ihr Interesse freut mich.

    Liebe Grüße

  3. Lieber Mahiat,

    bei allem Respekt – die Freiheit besteht nicht darin, frei von etwas zu sein (dies hätte die „Bunkerfreiheit“ zur Folge – die Mauer als Befreiungsakt / die Maginot-Linie als Ausdruck französischer Freiheit etc.)
    Die Freiheit muss mit Subjekt in Verbindung stehen.
    Die Freiheit des schwarzen Sklaven hat nichts mit seinem Besitzer zu tun, sonst wäre sie in der Tat von seiner Entscheidung abhängig.
    Die Freiheit ist ein apriorischer Zustand, keine Konsequenz einer wohlwollenden Handlung oder einer willkürlichen Entscheidung.
    Freiheit kann nicht gegeben, sie kann ausschließlich respektiert werden…oder auch nicht :)))))
    Liebe Grüße zurück

    • An perspektivenlogik,

      da hast du wohl etwas falsch verstanden. Ich bitte dich, den entsprechenden Abschnitt nochmal zu lesen. Darin habe ich gewiss nicht zum Ausdruck gebracht, dass Freiheit „Konsequenz einer wohlwollenden Handlung oder einer willkürlichen Entscheidung“ sein muss. Ich habe lediglich argumentiert, dass der Begriff der Freiheit definitionsgemäß nicht sinnvoll und sprachlich gehaltlos ist, wenn nicht erklärt wird, in welchem Bezug er steht.
      Wenn du davon sprichst, dass Freiheit ein apriorischer Zustand ist, dann meinst du damit wohl etwas wie „Jeder Mensch ist von Geburt an frei.“ Aber was bedeutet das? Was ist damit gemeint? Wer die Frage nicht beantwortet, wovon Menschen von Geburt an frei sind, hat diesem Satz nach obigem Verständnis des Freiheitsbegriffes keinen gehaltvollen Sinn gegeben. Ich würde mich darüber freuen, wenn du also dein Verständnis des Freiheitsbegriffes erläutern würdest. Allerdings möchte ich dich bitten, das gegebenenfalls beim entsprechenden Artikel „Zum Freisein“ zu tun; dort gehört diese Diskussion hin.

      Danke für den Kommentar und liebe Grüße

  4. Du: „Die Aussage der Feststellung des Freiseins eines Subjekts zieht die Frage “Wovon?” nach sich. Es ist nicht sinnvoll zu sagen, etwas wäre an sich frei. Man muss spezifizieren, wovon es frei ist; etwa frei von bestimmten Gefühlen, Gegenständen, Personen, Einschränkungen oder Privilegien. A ist genau dann frei von B, wenn B keinen Einfluss auf A hat.
    Freiheit hat demnach viel Ähnlichkeit mit dem Begriff der Unabhängigkeit. Nach dieser Definition ist auch klar, dass es für uns als lebendige Wesen weder möglich noch wünschenswert ist, von allem frei zu sein.“

    Ich: „die Freiheit besteht nicht darin, frei von etwas zu sein“
    Was hab ich falsch verstanden?

    Freiheit an sich ist ein Zustand, Freiheit von etwas ist ein Merkmal.
    Kategoriefehler – das versuche ich ganz vorsichtig auszudrücken.
    Nichts für Ungut und mit allem erdenklichen Respekt

    • Du hast nicht verstanden, dass die Frage nach dem Freiheitsverständnis eine Frage der Definition ist. Definiere ich den Begriff der Freiheit auf die besprochene Weise, so denke ich, dass die von mir vorgenommene Begriffsdeklarierung in besagtem Text vor allem in Anbetracht ihres Zweckes, also meiner darauffolgenden Verwendung des Wortes, und in Anbetracht des üblichen Sprachgebrauches sinnvoll ist. Du wiederum kannst dein eigenes Verständnis vom Begriff Freiheit prägen, über dessen Sinnhaftigkeit und dessen Kompatibilität mit dem Sprachgebrauch wir dann diskutieren können. Es würde mich wie gesagt freuen, wenn du erläutern würdest, welche Bedeutung das Wort in deinen Augen hat. Worin besteht denn deiner Ansicht nach die Freiheit als Zustand? Was bedeutet es in deinen Augen, „an sich“ frei zu sein?

      Abermals möchte ich dich bitten, mir die Antwort beim entsprechenden Artikel zu geben.

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