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Wintermorgen

20/01/2013

Auszug aus meinem Buch Wir sind berechenbar.

[…] Einen einsamen Vogel hätte man an diesem kalten Wintermorgen am Himmel betrachten können. Gewiss war es nicht so, dass es niemand versucht hätte. Weil der Kopf eines Mannes sich neugierig zum klaren Gesang empor streckte, verloren seine Füße jeden Halt, noch bevor die Augen etwas erspähen konnten. Schnell stand er wieder auf. Ihm war nichts geschehen. Der Nachbarssohn jedoch hatte ihn bei seinem Unglück beobachtet und lachte jetzt furchtbar laut. Schon hörte man seine Mutter schimpfen, der dieses Verhalten recht peinlich war. „Geh in die Schule, du verzogener Bub!“ Da rannte das Kind los und war ganz angerührt. In Gedanken beschäftigten ihn die Gewissensbisse so sehr, dass er die rote Ampel übersah und einen Autofahrer zur Notbremsung zwang, die zu einem Auffahrunfall führte. Rasch entwickelte sich ein Stau, in den auch der Wagen eines Zugführers geriet, der sich auf dem Weg zur Arbeit befand. Fluchend musste er die Leitstelle anrufen und seine Not erklären. Einige Minuten später konnten Fahrgäste auf einem Bahnsteig der blauen Anzeigetafel entnehmen, dass ihr Zug ausgesetzt werden musste. Ein Mann nahm das zum Anlass, im Bahnhofsrestaurant einen Imbiss zu genießen. In Folge einer schweren Lebensmittelvergiftung musste er den Heimflug nach Japan verschieben, den er am Tag darauf antreten wollte. Da er seine Frau telefonisch nicht erreichen konnte, wartete diese vergeblich am Flughafen von Tokio. Sie wurde wütend, betrank sich und schlief mit einem Fremden, der sie tötete. […]

[…] Eine Ameise hatte sich im Zimmer des kleinen Mädchens verirrt. Als sie bemerkte wurde, war es schon längst zu spät. Das feinfühlige Kind weinte fürchterlich und versprach sich, künftig besser Acht zu geben. Der Gedanke an das totgetretene Wesen jedoch ließ es nicht mehr los und so nahm es ein Buch über Tiere in die Hand, um darin zu lesen. Viel interessanter als die Kapitel über Ameisen fand das Mädchen jedoch jene über Hunde, und es dauerte keine Stunde, bis sie ihren Vater fragte, ob sie nicht auch einen haben dürfe. Dieser, der insgeheim selbst Hundenarr war, hatte nun Grund genug und auch die Möglichkeit, sich selbst einen jahrelangen Wunsch zu erfüllen und gleichzeitig seiner Tochter. So fuhren sie los und kamen mit einem jungen Rüden wieder heim.
Monate später streifte das Tier durch den großen und schneeweißen Garten des Hauses und verrichtete die Geschäfte, die Hunde zu verrichten gewöhnt sind. In einer Sekunde jedoch war es ganz angespannt und spähte durch die Hecke. Auf der anderen Seite ging jemand spazieren. Ein lautes Bellen, ein scharfer Widerhall, und erschrocken erhob sich ein Vogel von den toten Ästen des Apfelbaums. Mit ruhigen Flügelschlägen segelte er über die Dächer der Nachbarschaft und sang sein schönes Lied. Dann verstummte er, und das Lachen eines Jungen drang schneidend durch die eiskalte Luft. […]

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From → Auszüge

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  1. Empirie und Verstand | Nachtliteratur

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