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Zum Freisein

08/12/2012

Vor über einem Jahr habe ich den Artikel „Zu Gott und Freiheit“ verfasst und darin die Absicht geäußert, mich mit dem Freiheitsbegriff auseinanderzusetzen. Während ich das im Rahmen meiner ausgedehnten Beschäftigung mit dem kausalen Determinismus auch getan habe, habe ich jene Ansicht hier auf dem Blog aufgrund des buchfüllenden Umfanges aber nie detailliert ausgeführt. Heute möchte ich zumindest nachholen, die Begriffe der Willens- und der Handlungsfreiheit abzuhandeln.

Die Aussage der Feststellung des Freiseins eines Subjekts zieht die Frage „Wovon?“ nach sich. Es ist nicht sinnvoll zu sagen, etwas wäre an sich frei. Man muss spezifizieren, wovon es frei ist; etwa frei von bestimmten Gefühlen, Gegenständen, Personen, Einschränkungen oder Privilegien. A ist genau dann frei von B, wenn B keinen Einfluss auf A hat.
Freiheit hat demnach viel Ähnlichkeit mit dem Begriff der Unabhängigkeit. Nach dieser Definition ist auch klar, dass es für uns als lebendige Wesen weder möglich noch wünschenswert ist, von allem frei zu sein. Die Welt, mit der wir interagieren, hat ständigen Einfluss auf uns, ebenso haben das Menschen und Tiere in unserer Umgebung oder unsere eigenen Gefühle und Gedanken. Wir wünschen uns Freiheit von jenen Dingen, deren Einfluss wir negativ bewerten. Mit diesem Aspekt im Hinterkopf will ich nun untersuchen, was Willensfreiheit bedeutet.
Wie oben erklärt muss derjenige, der von Willensfreiheit spricht, zuerst erläutern, was er damit meint. Was ist der Wille? Ich habe mich mit dieser Frage im Rahmen des Textes, den ich zurzeit außerhalb des Blogs schreibe, sehr intensiv beschäftigt, und bin zu folgendem Schluss gekommen: Etwas zu wollen bedeutet, den Drang nach der Befriedigung irgendeines Bedürfnisses zu fühlen. Der Wille ist demnach ein Gefühl. Der Wille ist kein Gedanke und daher auch keine bewusste Entscheidung. Entscheidungen werden aufgrund des Wollens gefällt. Sie spiegeln den Willen wieder, sind aber nicht der Wille. Das gilt es zu unterscheiden.
Wovon kann der Wille also als das Gefühl, das er ist, frei sein? Bei genauerer Betrachtung obiger Definitionen wird klar, dass es auf den ersten Blick sinnlos anmutet, diese Frage zu stellen, oder auf den zweiten Blick zumindest nur insoweit sinnvoll, als man diese Frage auch im Bezug auf alle anderen Gefühle stellen kann. Wovon können Gefühle eines Lebewesens frei sein? Wie ich hier auf dem Blog bereits unzählige Male deutlich machte, sind sie gewiss nicht frei von Ursachen. Der Wille eines Wesens ist ebenso kausal bestimmt wie die Entscheidungen, die es aufgrund seines Willens trifft. Doch was könnte es bedeuten zu sagen, Gefühle eines Wesens wären frei von äußeren Zwängen? Der Wille steht unter ständigem kausalen Einfluss. Es liegt in unserem Ermessen, welchen dieser Einflüsse wir als äußeren Zwang bewerten und bezeichnen. Letztendlich zwingt aber die Gesamtheit der Einflüsse das Wesen dazu, in einer bestimmten Situation etwas Bestimmtes zu fühlen oder zu wollen; es kann unter diesen Voraussetzungen nichts anderes fühlen oder wollen. In diesem Sinne ist Willensfreiheit kein Trug und keine Illusion, sondern schlichtweg kein wirklich sinnvoller Begriff.
Wie der Wille sind auch die Entscheidungen und Handlungen von Lebewesen kausal bestimmt und können daher nicht frei von Ursachen sein. Wir sehen aber, dass hier eine Definition der Freiheit von äußeren Zwängen sinnvoll ist. Man könnte den Begriff der Handlungsfreiheit zum Beispiel wie folgt definieren: Ein Wesen ist genau dann frei von äußeren Zwängen in seinen Entscheidungen/Handlungen, wenn es seinem Willen entsprechend entscheiden/handeln kann. Das Gefühl des Wollens bestimmt auf kausale Weise die Entscheidungen und Handlungen, die wir treffen und ausführen. Sofern ein Wesen darin nicht beschränkt wird, kann sinnvollerweise von der Freiheit von äußeren Zwängen gesprochen werden.

Dies ist schlussendlich, was sich jedes Wesen auf Erden wünscht und was oft damit gemeint wird, wenn von Freiheit die Rede ist: In seinen Handlungen und Entscheidungen frei von äußeren Zwängen zu sein und in Übereinstimmung mit dem eigenen Willen leben zu können. Schön wäre es, wenn man jedem diese Freiheit gewähren könnte. Wie meiner Meinung nach Bedürfniskonflikte zu lösen sind und mit Wesen umzugehen ist, denen ein außerordentlich egoistischer Wille innewohnt, der sie zu rücksichtlosen Entscheidungen und Handlungen drängt, habe ich bereits in zahlreichen Artikeln zur Ethik und zu Rechtsphilosophie, etwa in „Zum Sinn von Strafen“ beantwortet.

Liebe Grüße,
Mahiat

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4 Kommentare
  1. Hallo Mahiat,

    heute erfülle ich all Deine Wünsche.
    Du machst die Teilnahme an der Diskussion von der Standpunktdeklaration abhängig.

    Gut, ich definiere: Zustand des Freiseins ist ein Zustand, in dem für mich jederzeit das Recht besteht, selbst zu entscheiden, was Freiheit ist.
    Frei zu sein ist alles, womit ich mich in dieser Hinsicht zufrieden gebe – vom Zustand der anspruchlosen Zufriedenheit (Freiheit ist meine bloße Existenz) bis hin zum Zustand permanenter Enttäuschung (Freiheit ist immer mehr als ich darf).

    Du betrachtest deinen eigenen Standpunkt als berechtigt, denn du meinst, den Begriff der Freiheit definiert zu haben.
    Du sprichst jedoch in meinen Augen nicht von Freiheit, sondern tatsächlich von „Unabhängigkeit“. Unabhängigkeit ist gewiss ein wichtiges Freiheitsmerkmal, doch eine Unabhängigkeit (oder „Freiheit“) A von B, hat nicht automatisch A´s Freiheit zur Folge (wäre das der Fall, könnte A nicht als frei bezeichnet werden – A´s Freiheit wäre dann nämlich abhängig von der Beziehung AB, in der B eine große Rolle spielte).

    Die Revolution 1917 führte zwar dazu, dass die Arbeitermassen sich unabhängig vom Kapital aufstellen konnten, sie brachte jedoch der Arbeiterklasse nicht die ersehnte Freiheit, im Gegenteil.

    Ich bedauere einer anderen Meinung als Du zu sein und hoffe, dass Du mir meine unpräzise Argumentation nicht übel nimmst.

    • In der Beschreibung von deinem Verständnis von Freiheit drückst du implizit auch die Freiheit von etwas aus, nämlich die Freiheit von äußeren Einschränkungen bei deiner persönlichen Entscheidung, was sie für dich bedeutet.
      Wenn jemand zufrieden ist, so kann er sagen, er fühle sich gerade frei von Leid. Wenn jemand anspruchslos ist, so kann er sagen, er fühle sich gerade frei von Bedürfnissen. Wenn jemand allerdings einzig sagt: „Ich fühle mich frei.“, so werde ich nicht verstehen können, was er damit meint. Solange er mir nicht erklärt, worin die von ihm empfundene Freiheit besteht, werde ich nur wissen, dass er irgendeinen vermutlich positiven Gefühlszustand zum Ausdruck bringen will. In Folge stellt sich die Frage, ob diese Verwendung des Begriffs denn recht sinnvoll ist, wenn der Adressant der Botschaft die Bedeutung nicht verstehen kann.

      Du hast also Recht: Ich verstehe Freiheit als Relation zwischen Subjekt und Objekt und kann mir keine andere Auffassung dieses Begriffs denken, durch die er nicht beliebig verwendbar und damit sprachlich obsolet werden würde.

      Liebe Grüße

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