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Zum Sinn von Strafen

30/08/2012

In den letzten Tagen hat ein Urteil in Salzburg großes Aufsehen erregt. Ein Mann, der vor 7 Jahren eine damals 15-Jährige vergewaltigt hat, bekam eine Fußfessel zugesprochen und darf nun den Rest seiner Haft unter elektronischer Bewachung in seinem Zuhause verbringen. Die Bevölkerung hat für diesen Entscheid wenig Verständnis. Ich will im heutigen Artikel die Gründe dafür untersuchen und unter diesem Aspekt die Frage beantworten, was der Sinn einer Bestrafung sein sollte.

Wenn eine furchtbare Straftat das Leben zahlreicher Menschen schlagartig verändert, stellen viele von ihnen die Frage, warum sie geschah. Nur selten finden sie eine zufriedenstellende Antwort darauf. Zur gleichen Zeit wird dieselbe Frage auch von jenen gestellt, die das Geschehnis als Kriminalfall untersuchen. Sie forschen nach einer Erklärung, die das Zustandekommen des Ereignisses begründet, und nach einer möglichst wahrheitsgetreuen Darstellung von dem, was passierte. Dass diese sich schlecht dazu eignet, bei der Verarbeitung der Trauer zu helfen, kann jeder nachempfinden. Die Wahrheit ist nüchtern und sachlich, selten tröstlich. Doch sie ist auch von Interesse für jene, die in ihrer objektiven Lage zur Beurteilung der Straftat befähigt und befugt sind. Diese Objektivität ist Voraussetzung für eine emotional distanzierte und rein rationale Betrachtung der nüchternen und sachlichen Erklärung des Verbrechens, weshalb die den Fall Untersuchenden und der Richter selbstverständlich niemals persönlich involviert sein dürfen.
Was wird unternommen, um zu einer möglichst wahrheitsgetreuen Darstellung einer Straftat zu gelangen? Dies ist wohl vor allem abhängig von der Schwere des Verbrechens. In einigen Fällen wird aber alles getan, was dem Menschen möglich ist. Von Anders Breivik, dem Attentäter der Anschläge in Norwegen vom 22.7.11, wurden von Psychologen vollständige Persönlichkeitsgutachten erstellt. Man hat versucht, so viel wie möglich über seine Lebensgeschichte in Erfahrung zu bringen. Natürlich war auch von Interesse, wie er sich auf die Taten vorbereitet hat und was ihn dazu motivierte. Um das nachzuvollziehen, musste man seine Gedankenwelt verstehen und die irrationale Logik seiner Ideen begreifen.
In Wahrheit sind die Ursachen für ein Verbrechen viel zu vielfältig, langwierig und kompliziert, als dass wir sie alle wahrnehmen und verstehen könnten. Ein Mensch wird mit bestimmten genetischen Voraussetzungen geboren und verbringt sein Leben daraufhin in ständiger Reaktion mit der Umwelt, wodurch sich seine psychische und physische Konstitution verändert oder in ihrer Beschaffenheit festigt. All dies wäre in der Theorie von Offensichtlichem bishin zu den kleinsten Hormonschwankungen und kürzesten elektrischen Impulsen im Gehirn als Ursache-Wirkungsprinzip beschreibbar. Dafür, was ein Mensch fühlt, denkt oder tut, gibt es eine ebenso naturwissenschaftliche Erklärung wie dafür, auf welche Weise ein Stein ins Tal fällt, wenn er sich vom Berg löst. Diese Ereignisse haben genauso wie alle anderen Ereignisse unseres Universums die Eigenschaft, durch ihre Ursachen bestimmt zu werden. Auf dieselbe Weise, auf die man in Kenntnis der Gravitationskräfte, des Luftwiderstandes und aller anderen wichtigen Einflüsse berechnen könnte, welchen Weg der Stein bei seinem Fall ins Tal nehmen wird, könnte man unter Kenntnis aller wichtigen genetischen und umweltbedingten Einflüsse berechnen, was Person A an Tag X zu Stunde h tun, denken und fühlen wird. Doch sind wir Menschen zu solchen Berechnungen natürlich nicht fähig, weil wir nicht in der Lage sind, Kenntnis über alle beeinflussenden Faktoren eines solch komplizierten Ereignisses zu erlangen. Wichtig hierbei ist aber vor allem, dass es in der Theorie möglich ist, dass also die Ursachen alles bestimmen, was in unserem Universum geschieht. Dazu gehören die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms, wie Laplace es so schön ausdrückte.
Ich habe diese Ansicht, die man als Kausalen Determinismus bezeichnet, hier auf dem Blog schon oft erwähnt und näher umschrieben. Ich verfasse zurzeit eine Arbeit, in der es mein Hauptanliegen ist, sie ausführlich und überzeugend zu argumentieren. In diesem begrenzten Rahmen hier ist das leider nicht möglich. Der entscheidende Punkt ist auf jeden Fall folgender: Wer einem Menschen unterstellt, dass er in einer gewissen Situation anders hätte fühlen, denken, entscheiden oder handeln hätte können, als er es getan hat, unterstellt ihm, dass sein Denken, Fühlen, Entscheiden oder Handeln in dieser Situation nicht durch Ursachen bestimmt war. Er unterstellt ihm irgendeine dubiose, unklare, mysteriöse und nicht näher erklärte Freiheit im Denken, Fühlen, Entscheiden und Handeln, die naturwissenschaftlich nicht beschrieben werden kann. Intuitiv meint jeder Mensch, diese Freiheit zu haben. Als Lebewesen mit physikalischen und biochemischen Funktionen fühlt, denkt, entscheidet und handelt er und glaubt dabei, dies alles tue eine von Ursachen freie Steuerungsinstanz, etwa die Seele, und dass er selbst diese Seele sei. Tatsächlich kann die Neurologie mittlerweile jedoch sogar auf eine für uns Menschen verständliche Weise das Zustandekommen von Gefühlen und Gedanken und also auch von Entscheidungen naturwissenschaftlich erklären und bestimmte Emotionen sogar durch die Gabe von Hormonen induzieren. Da es uns jedoch nicht möglich ist, unsere Gedankenwelt zu verlassen und die Gedanken darin als Naturphänomene zu betrachten, können wir ihre Bestimmtheit und auch die Bestimmtheit unserer Handlungen intuitiv nicht verstehen. Nur manchmal, wenn wir aufgrund der Gewohnheit in einer neuen Situation auf eine unpassende Weise reagieren, sehen wir auch intuitiv ein, dass der Prozess, der gerade in unserem Kopf vonstatten ging, mit einem Computerprogramm vergleichbar ist.
Dass der Mensch nach dieser Auffassung im Denken, Fühlen, Entscheiden und Handeln nicht frei ist, dass er mit absoluter Notwendigkeit so sein muss, wie er ist, so handeln muss, wie er es tut, dass er gar nicht anders kann, dass seine Schuld daher wie die Schuld eines Steines, der vom Berg ins Tal auf jemandes Kopf fällt, nur eine faktische und keine moralische ist, veranlasst zu einer neuen Betrachtung des Zweckes der Bestrafung bei Taten, die am besten nie geschehen wären. Sie soll zur Abschreckung dienen, zum Schutze der Allgemeinheit und zur Resozialisierung, wenn sie möglich ist. Nicht aber soll sie Forderungen der Rache und Vergeltung befriedigen. Eine Strafe soll daher auch nicht gerecht sein, doch viel mehr noch kann eine Strafe bei genauerer Betrachtung gar nicht gerecht sein. Der Mensch wünscht sich das ideale Prinzip der Gerechtigkeit in einer Welt, die alles andere als ideal ist. Die einen verbringen ihr Dasein mit den besten Voraussetzungen, um ein gutes Leben führen zu können, die anderen unter Umständen, unter denen ein Leben in Gesundheit und Glück aufgrund vielerlei Ursachen nicht möglich ist.

Verbrechen müssen nicht vergeben, vergessen oder verziehen werden, schon gar nicht von den Leidtragenden, deren Rache- und Vergeltungswünsche wohl gewiss nachempfunden werden können. Von denen, die von einer objektiven Warte aus das Geschehen beurteilen, sollen Verbrechen verstanden werden. Ebenso sollen die Absichten des Täters begriffen, seine Denkmuster durchleuchtet und seine Gefühle nachempfunden werden. Nur dann ist es möglich, die Ursache möglichst ausführlich aufzuklären, was dem Schutz der Allgemeinheit unendlich mehr dient als die Folter und Tötung eines unverstandenen Täters. Sollte die Resozialisierung als möglich betrachtet werden, beispielsweise durch die Heilung einer psychischen Krankheit des Täters, so werden Praktiken wie die Fußfessel unter Berücksichtigung der Priorität des Opferschutzes und des Schutzes der Allgemeinheit angewandt. Die Frage, wann eine solche Sanktionierung nach geltendem Recht angebracht ist, ist eine juristische. Die Frage aber, welchen Zweck eine solche Bestrafung haben sollte und was daher geltendes Recht sein sollte, ist eine philosophische. Ich hoffe, ich habe in diesem Artikel eine mögliche Antwort darauf geben können.

Liebe Grüße,
Mahiat

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From → Betrachtungen, Ethik

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