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Zu Schadenfreude und Lästerei

18/07/2012

„Der Reiche sieht sich erhaben über die, die er arm nennt, der Intelligente über die, die er dumm nennt, der Gebildete über die, die seiner Ansicht nach zu wenig wissen, der Normale über die, die er abnorm nennt, der Abnorme über die, die er normal nennt, der überzeugte Fanatiker über den bodenständigen Realisten, der bodenständige Realist über den überzeugten Fanatiker, der Parteimensch über die, die nicht zur Partei gehören und der Politiker über das ganze Volk.“ (Bessarius und Molle, S.58, Bessarius an Molle)

Das, was unter Schadenfreude verstanden wird, ist eng mit Selbstaufwertung verknüpft. Wer sich am Schaden einer anderen Person erfreut, tut dies vor allem deshalb, weil er denselben Schaden nicht hat oder aus der Situation des anderen profitiert. Er erfreut sich daher auch am eigenen Besitz oder an eigenen Fähigkeiten umso mehr, je weniger Menschen das gleiche besitzen oder zu dem selben fähig sind. Hat er viele Tugenden, ist er ehrlich und aufrichtig, ist er freundlich und bescheiden, so schielt er mit einem verurteilenden Auge auf jene, die diese Tugenden nicht haben und schätzt sich selbst höher, sieht sich als besserer Mensch und fühlt sich im Angesicht dieses Vergleiches stolz.
Es gibt wohl selten ein interessanteres gesellschaftliches Phänomen, als das der kollektiven Selbstaufwertung. In einer Gruppe werden die negativen Eigenschaften einer Person oder einer bestimmten Gruppe von Personen plakativ an den Pranger gestellt, wobei nichts wichtiger ist, als dass keiner der Anwesenden Objekt der Diskreditierung ist oder sich als solches fühlt. Gemeinsam wertet man sich dadurch auf, weil man mit jeder ausgesprochenen Herabwürdigung noch nachhaltiger impliziert, wie sehr sich doch alle am Gespräch Teilnehmenden von einer solchen Schlechtigkeit distanzieren, wie sehr sich alle einig sind und wie wenig man mit dem gemein hat, was gemeinhin verwerflich oder böse geheißen wird. Und während über solchen Gesellschaften die Illusion in der Luft hängt, dass es sich bei den Gesprächspartnern durchwegs um Mitstreiter und Gleichgesinnte handelt, so nehmen die meisten nicht wegen der eigentlichen Sache, also aufgrund einer ehrlichen Abneigung daran teil, sondern deswegen, weil jede Form der Herabwürdigung anderer ihnen eine persönliche Freude macht, weil sie nicht widersprechen wollen und es unendlich leichter ist, das Anprangern abzunicken, als sich ihm in den Weg zu stellen und eine Uneinigkeit zu provozieren.
Besonders interessant daran finde ich nun, dass zum Zweck der Steigerung des Selbstwertes der Anwesenden die Geringschätzung eines Dritten und die Lästerei im Vordergrund steht und dass nicht ein direkterer Weg beschritten wird, beispielsweise durch ein kollektives Hervorheben der eigenen Vorzüge. Ich sehe den Grund dafür darin, dass es ein besonderes Vergnügen ist, sich den Stand von Menschen zu vergegenwärtigen, mit denen verglichen man in ganz hervorragendem Licht steht. Blaise Pascal meinte gar, dass unser ganzes Glück von dem Wissen herrührt, dass es solche Menschen gibt. Die Achtung und Wertschätzung anderer uns gegenüber sei demnach auch die Quelle all unserer Freude.
Wer von Schadenfreude spricht, kommt an der Diskussion eines wachsenden Bestandteils unseres TV-Programms nicht vorbei. Die Einladung zum unterhaltsamen Lustigmachen über die Blamage, ja sogar über das zur Schau gestellte, existentielle Leiden von Fremden hat offenbar in den Reality- und Talkshows am Nachmittag derartig hohe Quoten erzielt, dass es mittlerweile auf manchen Sendern auch im Hauptabendprogramm in Form von vielerlei Castingshows vorzufinden ist. Ich denke nicht, dass es noch einer weiteren Erklärung bedarf, warum diese Formate erfolgreich sind. Je nachdem, wie das Leiden der Dargestellten aufbereitet wird, empfindet der Zuseher in der einen Sekunde wohltuende Fremdscham und in der anderen Mitleid. Eine aufrichtige emotionale Anteilnahme des Konsumenten fehlt. Die Medien pflegen mit diesem Phänomen ganz absonderlich manipulative Spielchen zu treiben.

Die Schlussfolgerung dieses Artikels möchte ich dem Leser nicht abnehmen. Ich hoffe, er kann sie sich selbst ersinnen. Er sei ganz selbstverständlich von allen Anschuldigungen, die er in diesem Beitrag erkannt haben mag, völlig ausgenommen, und stattdessen eingeladen, mir auf ganzer Linie beizupflichten und in die Kritik mit einzustimmen.

Liebe Grüße,
Mahiat

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2 Kommentare
  1. Dr. Johann Hörner permalink

    ich suche zur Zeit herauszufinden, ob sich die Psychologie oder eine andere Wissenschaft mit dem Thema Selbstaufwertung durch Herabwürdigung anderer beschäftigt und wenn ja unter welchem Schlagwort – und dann natürlich welcher Autor, wo, mit welchen Ergebnissen usw.. Deine Überlegungen hier treffen ins Schwarze. Hast Du dazu vielleicht auch die Belege, die ich suche?
    Viele Grüße Johann

  2. Lieber Johann,

    ich fürchte, ich kann Dir leider nicht behilflich sein. Was ich in meinem Beitrag geschrieben habe, beruht auf persönlicher Erfahrung, die durch die Beobachtung des Verhaltens anderer und durch die kritische Auseinandersetzung mit eigenen Gefühlen und Gedanken entstanden ist. Es sind also einzig Einschätzungen meinerseits und ich weiß nicht, ob es zu diesem Thema wissenschaftliches Material gibt. Dein Interesse kann ich aber sehr gut nachvollziehen.

    Liebe Grüße,
    Markus

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