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Hässlichkeit

23/06/2012

Eine Version des Beginns von „Wenn Knochen brechen„.

Sie sah durch kleine Augen kaum etwas anderes als die Bewegungen fremder Gestalten, und sie spürte sie auch ringsherum an ihrem Körper, nur im Rücken nicht. Dort presste sich ein scharfkantiges Stahlgitter in ihr massiges Fleisch. Ein Geruch fäkaler Verwesung brannte beim Riechen und verdickte die Luft, in der irgendetwas fehlte. Das machte müde und träge. Gewiss wäre es an diesem Ort nicht einmal halb so laut gewesen, hätte es nicht die großen Lichter an der Decke gegeben, die mit unnachgiebiger Strenge die längste Zeit in die kleinen Augen leuchteten und beim Sehen auf dieselbe Weise brannten, wie es der Geruch beim Riechen tat.

Sie roch also, spürte, sah und hörte, und musste riechen, sehen, spüren und hören. Die eine Sekunde war genauso wie die nächste und alle Eindrücke vereinigten sich in ihrem Kopf zu einer einzigen Erinnerung, die in jeder Gegenwart neu durchlebt und mit jeder Erfahrung intensiver wurde. Kein anderer Gedanke war da in der Vorstellung, kein anderes Bild vor dem Auge des Geistes. Noch nie hatte sie etwas anderes gehört, gerochen oder gefühlt.
Mit all der Zeit, die verging, wurde es immer lauter in ihr, und immer lauter wurde auch die Umgebung. Als eine instinktive Angst sie einfing, begann auch sie zu schreien, begann auch sie damit, sich zu bewegen, sich mehr Raum zu verschaffen und die anderen zu verletzen. Doch schnell fügte sie sich selbst Wunden zu und weil ihr auch wehgetan wurde, war das Leid, das andere erlitten, sogleich das eigene. Zu dem einen Bild vor dem Auge ihres Geistes kamen an diesem Tage noch zahlreiche weitere hinzu. Nun hatte sie die Welt gesehen.

Dann, nur ganz leise, konnte man ein Lachen hören. Eine produktive Maschinerie war das, recht effizient, recht interessant, recht lächerlich, und der Wahnsinn gefiel. Wer noch nicht tot war, wurde bald von fremder Hand getötet, und am Tag darauf füllte sich die Stätte mit neuen Gestalten, und die scharfkantigen Stahlgitter fanden neue Rücken, in die sie sich graben konnten. Ganz selten nur gingen die Lichter aus. Dann war es Nacht in dieser Welt, und das Dunkle verbarg ihre Hässlichkeit. Das Bild vor dem Auge des Geistes, das jedoch vermochte es nicht zu verbergen.

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From → Auszüge

4 Kommentare
  1. Anonymous permalink

    Sehr gute Beschreibung von Massentierhaltung. Grauenvoll nüchtern! Senden Sie es an diverse Tierschutzvereine zur Veröffentlichung in deren Broschüren.

  2. Danke für das Lob. Es freut mich, dass der Text Sie berührt hat.

  3. paulagrimm permalink

    Guten Abend,

    auch ich finde die Beschreibung sehr ergreifend und daher gelungen. Dabei ist vor allem die Sinnlichkeit der Beschreibung hervorzuheben.

    Weiterhin gutes Schaffen!

    Paula

  4. Dankeschön, das wünsche ich Ihnen auch. Ich war eben auf ihrem Blog und habe gesehen, dass Sie selbst gerne schreiben.

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