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Zur Leistungsgesellschaft

08/05/2012

In vielen ethischen Fragen taucht die Problematik auf, auf welche Weise man die Anliegen von Menschen berücksichtigen kann, die einen schlechten sozialen Stand haben. Der Ethiker John Rawls („A Theory of Justice“) beispielsweise spricht von „weniger Begünstigten“ und stellt fest, dass diese sich deswegen in ihrer misslichen Lage befinden, weil sie von Natur aus mit ungünstigen Umständen konfrontiert sind oder weil ihr Leben einen unglücklichen Verlauf genommen hat (oder beides). Ich will im heutigen Artikel in erster Linie die Frage stellen, was ideale Voraussetzungen für ein glückliches Leben sind und dann auch darüber sprechen, wie man vermeiden kann, zwei bestimmte Sachverhalte zu verwechseln, die nur allzugern durcheinander gebracht werden.

„Schön“, „intelligent“, „willensstark“, „gut gebaut“, „gesund“, „musikalisch“, „sportlich“, „kreativ“, „teamfähig“, „sozial“, oft auch „jung“, das ist eine Auswahl von jenen Eigenschaften, die wohl viele Menschen nennen würden, würde man sie fragen, was ihrer Meinung nach die Merkmale eines idealen Menschens sind. Es weiß jeder, dass niemand solchen gewiss auch leicht unterschiedlichen Vorstellungen von Perfektion entsprechen kann und dass auch niemand dem entsprechen muss. Viel interessanter als das jedoch ist die Frage, was die Menschen ihren Überlegungen zugrunde legen. Sagt jemand: „Das ist meine Vorstellung eines idealen Menschen.“, dann nimmt er eine Wertung vor. Ich habe schon oftmals festgestellt, dass Wertungen einen Bezug brauchen, und so stellt sich die Frage: Für wen wäre ein solcher Mensch ideal? Ein Mensch kann ideal für sich selber sein, wenn er mit sich im Reinen und mit seinem Leben glücklich ist. Interessanterweise denken aber viele Menschen nicht in erster Linie an diese Auffassung. Werden sie gefragt, welche Eigenschaften der ideale Mensch hat, so verstehen sie es als Frage nach den Merkmalen eines Menschen, der zuallererst einmal ideal für die Gesellschaft, nicht für sich selber ist. Das lässt sich unmittelbar daran erkennen, welche Eigenschaften zuerst genannt werden und ganz oben auf der Liste stehen.
Woran liegt das? Woran liegt es, dass die Eigenschaft, die auf die Frage nach dem idealen Menschen zuerst genannt wird, nicht „glücklich“ ist? Es hat mit dem weit verbreiteten Gedanken zu tun, dass Leistung der einzige Weg zum Glücklichsein und daher in erster Linie anzustreben ist. Die Menschen gehen davon aus, dass jemand, der all die von ihnen genannten Eigenschaften hat, selbstverständlicherweise glücklich sein muss; eben, weil er in höchstem Ausmaß leistungsfähig ist. Das ist die Verwechslung, von der ich eingangs gesprochen habe und die in vielen meiner bisherigen Artikel eine große Rolle gespielt hat. Die Menschen verwechseln eine notwendige Bedingung mit einer hinreichenden und opfern ihr also alles. Klar ist: In einer Gesellschaft wie der unsrigen sollte jedes Mitglied bis zu einem gewissen Ausmaß Leistung erbringen, um an ihr teilzunehmen und in ihr gemeinsam mit anderen ein schönes Leben zu führen. Daran gibt es, sofern diese Forderung nur an jene gestellt wird, die de facto auch leistungsfähig sind, nichts auszusetzen. Es ist für das gute und wünschenswerte Funktionieren des außerberuflichen Lebens eine notwendige Bedingung, dass jeder, der dazu in der Lage ist, durch eine Tätigkeit, die seinen Fähigkeiten und Ambitionen möglichst entspricht, einen kleinen Beitrag im Berufsleben leistet. Man würde doch eine Gemeinde von Menschen, in der jeder Leistungsfähige seine Arbeit verrichtet und in der jeder, der aus welchem Grund auch immer nicht zur Leistung fähig ist, trotzdem ein respektvolles Leben führen kann, gewiss nicht als Leistungsgesellschaft bezeichnen.
Nun ist es aber so, dass viele Menschen heutzutage ihre Vorstellungen von der Wichtigkeit der Arbeit zum Anlass nehmen, um ihre gesamte Energie und Zeit in eine Sache zu investieren, die doch im Grunde nur die Funktion hat, einen reibungslosen und wünschenswerten Ablauf des eigentlichen Lebens (in der Leistungsgesellschaft „Erholung“ genannt) zu ermöglichen. Man kann dies daran erkennen, in welchem Ausmaß sie andere Leute anhand ihrer beruflichen Stellung und ihres Gehaltes beurteilen und wie sie sich selbst über dieser Kriterien profilieren und ihre Persönlichkeit definieren. Etwas anders sieht die Situation natürlich aus, wenn Menschen aufgrund ihrer Freude an ihrem Beruf viel Energie und Zeit in ihn investieren. Dass Arbeit und das, was ich zuvor das „eigentliche Leben“ nannte, dann zum großen Vorteil dieser Leute nicht mehr klar zu trennen sind, veranlasst sie aber oft zur Ansicht, dass das für alle Menschen so sein muss. Ebenso machen sie dann oft den Fehler, die Vorstellungen von der Bedeutung ihrer eigenen Arbeit für ihr Leben auf die Situation anderer zu übertragen.

Ich denke, dass man von einer Leistungsgesellschaft sprechen kann, wenn die Bedeutung der Arbeit ihrer eigentlichen Funktion enthoben wird und wenn die Wichtigkeit der Freizeit als das eigentliche Leben in den Hintergrund rückt. Weiters glaube ich, dass eine solche Vorstellung falsch verstandener oder unangemessen eingeschätzter Wichtigkeit von Beruflichem in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist und dass der vorrangige Grund dafür nicht ist, dass die meisten Menschen Freude an ihrer Arbeit haben. Die Konsequenzen dieser Vorstellung treffen insbesondere jene eingangs erwähnten „sozial wenig Begünstigten“, wie sie Rawls definiert hat. Vielleicht hat daher dieser Artikel dabei helfen können, dass sich der eine oder andere Leser Gedanken zu einigen seiner eigenen Einschätzungen gemacht hat, die er bisher möglicherweise noch nicht hinterfragt hat.

Liebe Grüße,
Mahiat

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