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Der erste schöne Tag

14/04/2012

„Können Sie mir sagen, wo hier das Klo ist?“
Er lallte. Er hatte viel Schnaps getrunken und suchte seit geraumer Zeit nach einer kostenfreien Möglichkeit, sich zu erleichtern.
„Warum glaubst du, dass ich das weiß?“, sagte der Fremde leise und auf eine Weise, als wäre ihm etwas unterstellt worden. Dann schnaubte er und ging kopfschüttelnd weg.

In der Ferne war ein Zug zu hören. Der Bettler ging um eine Ecke und fand einen leeren Gang vor. Er machte die Hose auf und pisste gegen die Wand. Das war ein Segen. Ein Schmunzeln wanderte über sein bärtiges Gesicht, und der Alkohol machte ein lautes Lachen daraus. Allerdings konnte er hören, dass sich Menschen näherten, und so entfernte er sich rasch. Nach Monaten auf der Straße tat es immer noch weh. Er wusste, dass niemand es gut mit ihm meinte. Ihm war klar, dass sich jeder, der ihn anstarrte, insgeheim und unbewusst wünschte, er würde nicht existieren. Er sah es in den Augen. Er konnte es in jedem Blick erkennen, in jeder Verächtlichkeit und in jedem geheuchelten, freundlichen Lächeln, das ihm gelten sollte, in der falschen Höflichkeit, mit der sich die Menschen nach seiner Belästigung stöhnend dazu herabließen, ihm ein paar Cent zu geben, in jeder Geste konnte er sehen, dass sie sich ganz leise alle seinen Tod wünschten. So oft hatte er ihn auch gewünscht. Und jede Nacht dieses Winters saß er da, mit feuchten Socken, tauben Ohren, Kopfschmerzen und Frost in seinen Knochen, und glaubte zu sterben. Und jeden Morgen wachte er auf und war zornig, weil er noch lebte. Dann musste er in der Kälte sitzen, stundenlang, und ohne Regung darauf hoffen, dass die Gesellschaft, von der er abgefallen war, ja dass gerade die Leute, die ihm feindlich waren und vor denen er Angst hatte, in seinem Elend irgendeinen Grund fanden, der sie dazu veranlasste, ihm etwas von dem zu geben, von dem sie viel zu viel hatten. Doch natürlich waren das nur sehr wenige, denn die meisten Menschen beruhigten ihr Gewissen mit den üblichen Ausreden, die man sich im Laufe der Zeit hatte einfallen lassen, um es sich selbst und anderen zu erlauben, am Leid einfach vorbeizugehen. Er redete sich ein, dass sie nichts Böses im Sinn hatten. Aber er wusste schon immer, dass es nur wenige Menschen gibt, die gerne Gutes tun.
Der Bettler hatte das Bahnhofsgebäude verlassen und sich auf eine Bank am Bussteig gesetzt. Man vertrieb ihn hier selbst tagsüber nur selten. Nun war es 2 Uhr morgens und er war beinahe allein. Er schloss die Augen und genoss seinen Rausch. Doch schnell tauchten schwermütige Gedanken und Erinnerungen an frühere Zeiten in der Schwärze auf und so öffnete er die Lider wieder, um sie zu vertreiben. Den Menschen nahm er ungern übel, dass sie nicht wussten, was er wusste. Sie lebten dahin mit ihrem lächerlichen Selbstbewusstsein, Gefühle von Stolz und Scham, Achtung und Missachtung empfindend, sich nicht bewusst, wie einfach es ist, Arbeit zu haben, und wie schwierig, Arbeit zu suchen, sich nicht im Klaren darüber, mit welcher Bequemlichkeit sie ihre stressigsten und sorgenreichsten Tage verbrachten, schon allein deswegen, weil sie ein Zuhause hatten. Alle konnten und wollten sie um jeden Preis zeigen, was sie wert waren. Alle fühlten sie sich höher beim Anblick von Menschen, die in ihren Augen weniger wert waren, als sie. Und je leerer sie waren, innen drin, je weniger wert sie sich selbst glaubten, umso herablassender schauten sie ihn an. Dann hob sich ihre Stimmung auf der Stelle, denn sie erinnerten sich daran, dass das Dahinvegetieren in der Freudlosigkeit und in der primitiven Monotonie in diesem Vergleich recht akzeptabel wirkte. In ihm, dem Bettler, regten sich aber keine wirklich großen Gefühle mehr. Der ständige schmerzhafte Hunger, den er anfangs empfunden hatte, war irgendwann verschwunden. Er hatte sich daran gewöhnt. Und Durst hatte er auch nur dann, wenn er am Vortag zuviel gesoffen hatte. Einzig der hoffnungslose Wunsch, selbst auch wieder in der bequemen Monotonie vegetieren zu können, war nicht ganz verschwunden. Manchmal dachte er daran und stellte es sich vor. Doch obwohl er nicht mehr gut denken konnte, obwohl seine Vorstellungskraft geschwunden war, wurde er jedes Mal ein bisschen traurig. Dass er ein solches Leben nicht führen konnte, war jedoch seine Schuld. Er verdiente es nicht. Zumindest wurde ihm das gesagt, von Leuten, die er gar nicht kannte. Er nahm an, dass sich die Menschen das einreden mussten, um seinen Anblick ertragen zu können; in etwa so, wie er die Fehler in der Gesellschaft suchte, um sich seine Situation zu erklären. Irgendeinen Grund musste es ja geben. Nur zu gerne wäre er wirklich wütend gewesen, wütend genug, um zu einem Diebstahl in der Lage zu sein, doch das war er nicht. Da waren keine bösen Gefühle in ihm, und nicht Gott, nicht die Welt, nicht die Gesellschaft, nicht die Menschen waren Schuld. Auch er selbst war es nicht.

Der Bettler wollte gehen. Er stand auf und lief auf die Straße, ohne sich umzusehen. Ein Taxi bog um die Ecke. Der Lenker übersah den Mann und überfuhr ihn. Ein Notarzt traf zehn Minuten später ein und stellte seinen Tod fest. „Es ist nur ein Bettler gewesen.“, sagte man dem Fahrer, um seinen Schock zu lindern. „Er war sturzbetrunken.
Ein paar Stunden später ging die Sonne auf. Es war der erste schöne Tag seit langer Zeit. Der Leichnam wurde noch am selben Tag verbrannt. Niemand wurde benachrichtigt. Niemand hätte benachrichtigt werden müssen.

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