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Zur Lebenseinstellung

04/02/2012

In jedem Fall gibt es zumindest eine philosophische Frage, die für alle Menschen Relevanz hat: „Was erwarte ich mir von meinem Leben?“ Und Ziel soll es sein, sich darauf eine Antwort geben zu können, die einen zufriedenstellt.

Es ist bekannt, dass wir dazu neigen, in der Zukunft zu leben. Wir investieren unendlich viele Gedanken und viel Energie in das Ziel, „etwas zu werden“. Ich habe hiervon bereits öfters gesprochen: Der eine will reich werden, der andere  gesellschaftlich hoch angesehen, der Dritte hätte gerne ein großes Haus am See, der Vierte arbeitet auf den lang ersehnten Abschluss hin, der Fünfte auf die Pension. Was auch immer das Ziel ist, wir alle denken, dadurch zu guter Letzt glücklich zu werden. Doch eines scheint uns klar: Der Zustand des „Glücklichseins“ offenbart sich nur im Erreichen der Ziele. Das „Glücklichsein“ kann somit nur in der Zukunft stattfinden und der Gedanke daran nährt uns mit Hoffnung, ohne, dass wir jemals das erfahren, wofür wir so hart arbeiten. Denn haben wir ein Ziel erreicht, so streben wir in unserem Eifer in der Tat sogleich nach dem nächsten und nehmen einen Erfolg nur ganz oberflächlich zur Kenntnis, während uns Misserfolge oft sehr lange verfolgen und uns in einem ganz anderen Ausmaß belasten.
Dies alles entspricht ganz dem Motto der von mir allseits kritisierten Leistungsgesellschaft: „Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.“ Ich sage, wir haben ganz generell aufgehört, das zu schätzen, was wir sind; wichtig scheint nur, was wir werden können. Wir haben aufgehört, das zu schätzen, was wir haben; wichtig scheint nur, was wir haben können. Und darin liegt die Unglücklichkeit von vielen Menschen, dass man alle Freuden auf die Zukunft verschiebt und die Gegenwart nur als Mittel zum Zweck betrachtet, nicht als den eigentlichen, bedeutenden Wert an sich.
Was erwarte ich mir von diesem Leben? Viele Menschen finden auf diese Frage leider keine Antwort, die sie zufriedenstellt. Das hat damit zu tun, dass man sich heutzutage gerne alle Möglichkeiten offen lassen will. Wenn ein junger Mensch sagt: „Ich habe meinen Lebensinhalt gefunden und bin mit dem Gedanken zufrieden, mein Dasein dieser einen Sache zu widmen.“, so ist eine solche Einstellung in vielen Bereichen unserer heutigen, schnelllebigen Zeit, in denen Flexibilität und Offenheit gefragt sind, nicht gerne gesehen, obwohl sie der persönlichen Zufriedenheit sehr dienlich sein kann.

Mit der falschen Erwartungshaltung kann man nicht glücklich werden. In anderen Worten: Wer sich in seinem Leben mit nichts zufrieden gibt, wem kein Ziel hoch genug ist, wer immer noch „besser“ sein will und immer noch mehr besitzen will, wird niemals glücklich sein können. Glücklich sind jene, die aus der Tätigkeit selbst, aus dem Weg zum Ziel bereits Befriedigung schöpfen können, und für die das vermeintlich wichtige Ziel schlussendlich weniger Bedeutung hat, als die Arbeit an sich. Das ist freilich ein hohes Ideal.

Liebe Grüße,
Mahiat

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17 Kommentare
  1. Vielen Dank für diesen tollen Beitrag! Wenn man diese Betrachtungen noch im Hintergrund des derzeitigen Elite-Geredes betrachtet, spitzt sich sogar noch zu. Denn viele möchten der/die Beste sein, was natürlich im Vorhinein zum Scheitern verurteilt ist.

  2. Da möchte man solche Leute doch fragen, was sie sich davon erwarten, der Beste zu sein. Es ist immer wieder erstaunlich, in welchem Ausmaß Menschen davon überzeugt sind, dass die Bewunderung Fremder sie glücklich machen wird. Doch die Rede von der „einsamen Spitze“ hat ihren Hintergrund; wer ganz oben ist, ist auf traurige Weise auch sehr allein. Und wenn man nicht mehr fähig dazu ist, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, so ist man auch nicht mehr dazu in der Lage, die Freude an der eigenen Beschäftigung mit anderen zu teilen. Man sucht die Abgrenzung und bleibt immer auf Distanz. Ruhm ist tückisch.

    Es freut mich, dass Ihnen dieser Beitrag gefallen hat. Ich habe auch einen Artikel zu einem dazu verwandten Thema geschrieben, vielleicht haben Sie Interesse daran. (Link)

    Liebe Grüße

    • wellblogg permalink

      Ich glaube aber auch, dass es solche Menschen geben muss. Anführer, die dazu geboren sind sich zu distanzieren, um mehr sehen zu können und größere Urteile zu sprechen. Geborene Anführer sind mit einer großen Gabe und einem Fluch gesegnet. Sie vermögen es, riesige Lasten auf ihren Schultern zu tragen, müssen aber den Fluch der Distanz zum Rest der Menschen ertragen.
      Die Menschen, von denen du sprichst sind aber wahrlich keine geborenen Anführer, sondern einfach nur geblendete Menschen, die ihre Unfähigkeit zu sich selbst zu finden in dem Wunsch ertränken, der/die Beste zu sein. Denn eine Sucht, und nichts anderes ist es, dient immer dazu, sich vor sich selbst zu verbergen.

      Gruß
      Lex

  3. Wenn man das schätzt, was man ist und hat und mit dem zufrieden ist, kommen gleiche andere Leute mit Vorwürfen an (Faulheit, sich auf seinen Lorbeeren ausruhen, und so weiter). Dabei ist das ja was ganz anderes.
    Ich stimme dir bei deinem Artikel zu. Sowas ähnliches hab ich ja beim Sinn und Unsinn guter Vorsätze geschrieben.
    Ich finde zwar, es ist vollkommen in Ordnung, Ziele zu haben und darauf hinzuarbeiten, aber man muss dabei immer bedenken, dass man nicht erst durch das Ziel glücklich wird, sondern schon im Jetzt und Hier glücklich sein kann und in der Tätigkeit, die zum Ziel führt, schon seine Erfüllung finden kann. Also sich ruhig auf ein Ereignis in der Zukunft freuen können, aber eben nicht denken, dass man dadurch dann glücklich wird. Sonst ist das immer wieder eine Enttäuschung und man will mehr und mehr, um irgendwann das Glücklichsein zu erreichen.
    Konfuzius hat das schon vor Ewigkeiten kapiert.

    • wellblogg permalink

      Da hast du vollkommen recht. Der Mensch in unserer Gesellschaft, versucht das Glück erst noch in der Zukunft zu finden. Oder es sich zu schmieden. Dabei liegt das Glück schon jedem vor der Nase. Aber wer nur in die Ferne schaut, kann natürlich nicht erkennen, was vor ihm liegt.

  4. Das denke ich auch. Kennst du den Mythos von Sisyphos?
    „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz zu erfüllen. Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.“ – Camus

  5. Die Frage nach dem Sinn des Lebens werden sich die Menschen wohl immer stellen und das ist gut so. Ich finde du hast das wirklich gut geschrieben und ich bin da ganz bei dir. Einziger Minuspunkt für mich ist der Ausdruck „falsche Erwartungshaltung“, dieser ist bewertend und kann auch verletzen. Jeder Mensch hat eigene, individuelle Vorstellungen von dem, was ‚wichtig“ ist und verdient es respektiert zu werden, auch wenn diese weit ab der eigenen sind.

    Robert Betz sagte mal, dass Glück nur aus einem Selbst entstehen und nicht extern generiert werden kann. Die Verantwortung liegt also bei mir selbst. Ich kann und sollte mein Lebensglück nicht von anderen abhängig machen, egal ob Partner, der Gesellschaft oder von dem schnöden Mammon – eine echte Herausforderung, im Besonderen in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren.

    Wie heißt es so schön: „Der Weg ist das Ziel“ und wir brauchen uns nur auf die Reise begeben. 🙂

    • Robert,
      ich sehe das auch genauso – das Glück wird man da draußen nicht finden, solange man die Freude am Leben in sich selbst nicht gefunden hat.

      Mittlerweile denke ich, dass die Freude und die Liebe zu sich selbst (Selbstliebe, Annehmen, Respekt) die größten Prioritäten im Leben haben sollten. Die Freude bekommt man, wenn man seinem Potenzial die Chance gibt, sich in der äußeren Welt zu entfalten. Jeder von uns hat ein Potenzial, das in ihm schlummert.

      Wenn man nach diesem Potenzial in seinem Inneren sucht und den Mut dazu hat, dieses auch nach außen zu tragen, wird das Gefühl der Freude freigesetzt. Wir strahlen die Freude, die uns in diesem Fall nicht nur kurzfristig innewohnt, aus (wir fühlen uns glücklich, weil wir Freude dabei empfinden, was wir sind, was wir tun, was wir haben) und ziehen dadurch positive, glückliche Umstände in der Außenwelt an.

      Mit Freude, Zufriedenheit und Glück im Herzen lässt es sich auch viel besser im Hier und Jetzt zu leben – das Leben im Hier und Jetzt zu genießen. Unser Glücklichsein nicht von außen, nicht von den Zielen, Wünschen, die wir (noch) nicht verwirklicht haben, abhängig machen. Ziele, Wünsche, Visionen zu haben – ja – doch die Freude jetzt in sich selbst zu entdecken, in dem man nach seinem wahren Potenzial (die Samenkörner dafür sind in jedem von uns vorhanden) intensiv Ausschau hält und es findet.

      Ich finde, dass das Gefühl des Glücks (innen und außen) erst zu uns kommt, wenn wir etwas gefunden haben, das uns mit Freude erfüllt. Wenn man innerlich erfüllt ist, dann hat dies entsprechende Konsequenzen in der äußeren Welt. Wie innen so außen. Es kann nur so sein – zumindest meiner Meinung nach.

      LG
      Sunelly Sims
      Gedanken-Platz / Die Freude – der Schlüssel zum Glück …?

  6. Das, was du von Robert Betz zitiert hast, spielt in der stoischen Philosophie eine äußerst wichtige Rolle. Die Seelenruhe (oder das Glück) kann demnach einzig und allein gestört werden, wenn man äußere Güter verliert. Wer sich davon nicht abhängig macht, der hat auch keine Verluste zu beklagen und kann alles ertragen.

    In unserer heutigen Gesellschaft ist es natürlich beinahe unmöglich, streng nach einer solchen Maxime zu leben. Aber der Gedanke kann sehr hilfreich sein, wie so vieles aus der Stoa.

  7. Den Begriff „Stoa“ lese ich so zum ersten Mal und nach etwas Recherche (http://www.mbradtke.de/ph001.htm) kann ich mir nun auch das Adjektiv „stoisch“ erklären. Wieder etwas dazu gelernt. Danke dafür 🙂

    Deine Kombination ‚Mathe/Philosophie‘ kommt mir bekannt vor, hast du schon mal etwas von Gunter Dueck gehört? Matheprofessor mit hoher Affinität für Philosophie. Seine Ansichten zum Internet und zur „professionellen Intelligenz“ finde ich nahezu berauschend. Es wird sich viel und sehr schnell verändern, wir haben es nur noch nicht richtig bemerkt 😮

    Seine Rede auf der „re:publica 2011“ ist einfach zu finden und ist jede Minute wert.

  8. Nein, ich habe noch nicht von ihm gehört. Danke für den Hinweis!
    Die Kombination Mathematik/Philosophie hat eine lange Geschichte. Es gab zahlreiche Denker, die auf diesen beiden Gebieten gearbeitet haben. Kennst du vielleicht Bertrand Russell?

    Liebe Grüße

  9. Nein, aber ich werde mich schlau machen. Danke 🙂

  10. wellblogg permalink

    Ausgesprochen interessanter Artikel 😉
    Wenn mich jemand fragt, woher ich denn meine Ruhe und Gelassenheit beziehe, kann ich ab diesem Augenblick antworten: Du möchtest noch „etwas werden“. Ich „bin schon etwas“.
    Das ist mir auch jetzt erst klar geworden.
    Ich bin, wer ich bin. Das Ziel meines Lebens ist es, ich selbst zu sein. Der Weg dorthin ist es, nichts dafür zu tun. Das ist das Paradoxon auf die Frage nach dem Sinn des Lebens 😉

  11. „Glücklich sind jene, die aus der Tätigkeit selbst, aus dem Weg zum Ziel bereits Befriedigung schöpfen können, und für die das vermeintlich wichtige Ziel schlussendlich weniger Bedeutung hat, als die Arbeit an sich.“

    Ein grandioser Satz und ein ganz toller Beitrag!

    Freude und das daraus resultierende Glück in sich selbst finden und im Hier und Jetzt leben – alles andere wird folgen, ohne dass man etwas erzwingen muss. Gelassenheit bewahren, Vertrauen im Fluss des Lebens aufrechterhalten und die Kontrollsucht des Egos minimieren.

    Wobei das Vertrauen und die Kontrolle für viele Menschen eine große Hürde darstellen. Man möchte immer alles schon von vornhinein genau wissen, wenn man einen neuen Weg einschlägt. Wenn man keine klaren Strukturen erkennen kann, macht man oft einen Rückzieher, auch wenn man das Potenzial in sich entdeckt hat. Doch wenn man Vertrauen hat, dann merkt man, dass ein Schritt auf den anderen folgt. Erster, Zweiter, Dritter … und so weiter. Je mehr Schritte man hinter sich hat, umso klarer werden die Strukturen und auch die Ergebnisse, deren Konturen immer schärfer werden. Ergebnisse, die uns dazu motivieren, weiter zu machen – schrittweise. Ohne Hast und ohne Zwang. Ergebnisse, die uns aber auch das Gefühl geben, mit dem bereits Erreichtem zufrieden zu sein und nicht darauf zu vergessen, im Hier und Jetzt zu leben.

    Viele Menschen möchten alles und sofort („die Zeit rennt mir davon“-Einstellung), doch ich finde, dass man langfristig mehr erreichen und schaffen kann, wenn man gelassen bleibt. Ohne Gelassenheit hat man keinen inneren Frieden, man ist hektisch und vielleicht auch „verwirrt“ – man kann auch nicht so klar denken und die Situation analysieren, abwägen, z.B. was im Jetzt wichtig wäre, welcher Angelegenheit man mehr Aufmerksamkeit im Moment schenken sollte.

    Danke für diesen tollen Artikel!
    Gruß,
    Sunelly Sims

    • Ich kann mich Ihrem Kommentar völlig anschließen. Es ist dem Glück so förderlich, wenn man mit einer inneren Gelassenheit und mit Ruhe lebt. Grundsätzlich sagte ich ja, dass es das Beste wäre, Dinge um ihrer selbst willen zu tun. Da das allerdings etwas illusionär und in vielen Angelegenheiten wohl gar nicht möglich ist, so soll man in solchen Fällen zumindest jene Ergebnisse und Belohnungen, die sich nicht gleich einstellen, mit einer Mischung aus Geduld und Vorfreude erwarten. Manchmal ist das sehr schwierig.

      • Ja, das sehe ich auch so – Ergebnisse und Belohnungen, die auf sich warten lassen. Doch genau dafür ist es gut, wenn wir ein gewisses Maß an Gelassenheit aneignen. Ich glaube auch, dass dazu der erste Schritt das Vertrauen sein muss. Ich vertraue darauf, dass ich (gute) Ergebnisse bekomme, denn ich habe mein Bestes getan für eine Sache. Ich habe alles getan, schritt für Schritt. Ich glaube daran, dass sich Resultate in der äußeren Welt einstellen werden. Wenn man eine starke innere Gewissheit hat, dann ist das mit der Gelassenheit kein so großes Problem mehr. Dann weiß man innerlich: Time is on my side … – bzw. es ist nur eine Frage der Zeit. Doch das Vertrauen sollte man auch für sich bewahren, wenn es eventuell zu irgendwelchen Rückschlägen kommen sollte.

        Liebe Grüße
        Sunelly Sims

  12. Eine sehr schöne Kommentarreihe zu einem, wie ich finde, wichtigen Thema. Glücksempfinden ist auf der einen Seite ein sehr subjektives Gefühl, aber ich denke es gibt auch ein ‚höheres‘ Glück. Diesem aber wird in der heutigen Zeit kaum Beachtung geschenkt, da es sich nicht in monetären Werten ausdrücken lässt.
    Ich gebe aber auch zu bedenken, das mein ‚jammern‘ eines auf hohem Niveau ist, wenn ich das Ganze betrachte. Ich habe Essen, ich habe ein Dach über dem … u.s.w.
    Beim Anblick der klassischen Bedürfnispyramide wird schnell klar, wo ein Unterschied zu finden ist. Vergleicht man einmal das wir und hier und Gegensatz dazu z.B. eine Kindheit in Afrika. Das relativiert dann einiges …
    Ich habe mir angewöhnt in regelmäßigen Abständen „Desiderata“ (Max Ehrmann) zu lesen, das unterstützt meine ‚Erdung‘.
    Wer es nicht kennt:
    http://www.visual.li/gedanken/international/germany/ehrmann.html

    In diesem Sinne, schöne Ostertage. 🙂

    LG Robert

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