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Zur Wahrheit

14/01/2012

In einem Philosophieblog darf ein solcher Artikel, der sich mit dem Wahrheitsbegriff auseinandersetzt, natürlich nicht fehlen. Eine der ersten Voraussetzungen, die man nämlich bei vielen philosophischen Überlegungen oft unausgesprochen impliziert, ist die, dass es etwas wie die Wahrheit gibt. Es stellt sich allerdings, wie bei jeder Definition, zunächst die Frage, was wir darunter verstehen. Man könnte es so formulieren: Im weitesten Sinne wahr ist eine Aussage dann, wenn sie übereinstimmt. Abhängig davon, worauf sich diese Übereinstimmung bezieht, können wir zwischen den verschiedenen Formen von Wahrheit unterscheiden.

Sehr häufig ist damit eine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit gemeint. Im engeren Sinne verstehen wir darunter das, was sich unseren fünf Sinnen erschließt, eben so, wie es sich uns erschließt, und nicht, wie es tatsächlich ist. Denn so, wie die Dinge tatsächlich sind, können wir sie nicht wahrnehmen (s.a. „Zur Wahrnehmung„). Da unsere Umwelt nicht jedem auf dieselbe Weise erscheint und es daher zu kleineren und größeren Widersprüchen in der Anschauung kommen kann, weil jeder Mensch (und jedes Tier) gewissermaßen in einer anderen Wirklichkeit lebt, sprechen einige Philosophen in diesem Sinne von einem „relativen“ Wahrheitsbegriff und meinen also, dass neben Schönheit auch die Wahrheit im Auge des Betrachters liegt. Im Bezug auf eben diesen Begriff der Wahrheit ist dies gewiss nicht falsch. Das geht aber tatsächlich so weit, dass manche Denker fordern, dass man das „Ding an sich“, so wie es tatsächlich ist, ganz aufgebe, da es für unsere Weltauffassung in beschriebener Weise bedeutungslos ist. Ich halte das für die falsche Vorgehensweise und präge den Begriff der „absoluten Wahrheit“, womit ich hervorheben möchte, dass ich denke, dass es auf jede naturwissenschaftliche und metaphysische Frage, in der allen Begriffen durch ausreichende Definition eine Bedeutung gegeben wurde, eine eindeutige Antwort gibt. Natürlich muss hervorgehoben werden, dass wir Menschen durch unsere unzureichende Wahrnehmung in vielerlei Hinsicht nicht in der Lage sind, in Besitz dieser absoluten Wahrheiten zu gelangen. Unsere naturwissenschaftlichen Beschreibungen der Welt haben aber, je besser sie funktionieren, eine umso höhere Übereinstimmung mit der von uns wahrgenommenen Wirklichkeit, was bedeuten kann, dass wir in dieser Hinsicht den absoluten Wahrheiten sehr nahe kommen oder sie vielleicht schon erreicht haben. Dies allerdings können wir leider nie mit Gewissheit sagen.
In anderem Sinne ist Wahrheit die Übereinstimmung mit von der menschlichen Vernunft entdeckten oder erschaffenen Gesetzmäßigkeiten. Dies können beispielsweise logische und mathematische Gesetze sein. Auf diesem Gebiet ist der Begriff der Wahrheit von einer Gewissheit, wie nirgendwo sonst. Was zu Widersprüchen führt und daher nicht mit den bereits bestehenden Gesetzmäßigkeiten übereinstimmt, ist falsch (Siehe: „Aus Wahrem darf nichts Falsches folgen“). Wem die Wahrheit ein freudiges Anliegen ist, dem ist daher zu raten, dass er sich damit beschäftige.
Weiters sind darunter natürlich auch ethische Gesetze zu verstehen. Der Wahrheitsbegriff der Ethik ist gewiss jener, der auf dem unsichersten Boden steht. Denn nicht nur die Übereinstimmung einer ethischen Weisung mit einem dementsprechenden Gesetz steht oft unter Zweifel, nicht selten auch aus berechtigten Gründen das Gesetz selbst. Manche Philosophen lehnen es deshalb ab, ethischen Sätzen den Begriff der Wahrheit zuzuordnen. Ich kann mich dem anschließen und ziehe es vor, die Ethik betreffende Aussagen nach dem Grade ihrer vernünftigen Begründung zu beurteilen.

Über die absolute Wahrheit im Bezug auf die Wirklichkeit können wir nichts Gewisses sagen. Für mich steht einzig außer Frage, dass die Menschheit in der Naturwissenschaft die ihr entsprechende Methode gefunden hat, danach zu forschen. Dies zeigt sich im Erfolg; auf keinem anderen Feld haben wir unsere Umwelt derart zutreffend beschreiben können.
Doch wie wirkt sich dies auf unser metaphysisches Weltbild aus? Viele naturwissenschaftliche, vernünftige Wahrheiten stehen und standen im Widerspruch zu (in oben erwähntem Sinne weniger erfolgreicher) religiöser Dogmatik und sind daher gewiss nicht jedermanns Sache. Wer aus sich selbst heraus genug Zufriedenheit und Freude schöpfen kann, und sich selbst und den Dingen eine klare Bedeutung gibt, wird nicht danach verlangen, ja sich dagegen wehren, dass seinem Leben von fremder Hand ein Sinn gegeben wird. Wer dagegen in einer misslichen Lage steckt, wird an vernünftiger Wahrheit nichts Gutes finden, denn sie ist kalt und leer und spendet keinen Trost. Wer unzufrieden ist, wer dunkle Stunden erlebt, wem das Schicksal übel mitspielt, der wird Antworten auf seine Fragen suchen, die seinem Herzen Wärme geben, gleich, ob diese vernünftig sind, oder nicht. Die Religion kann ein guter Seelsorger sein. Wem einzig die Wahrheit am Herzen liegt, der bedarf dieser Seelsorge nicht, denn dieses Anliegen ist ein Luxus.

Heinrich Heine hat hierfür einst ein wunderbares Gleichnis gefunden:
In dunklen Zeiten wurden die Völker am besten durch die Religion geleitet, wie in stockfinsterer Nacht ein Blinder unser bester Wegweiser ist; er kennt dann Wege und Stege besser als ein Sehender. Es ist aber töricht, sobald es Tag ist, noch immer die alten Blinden als Wegweiser zu gebrauchen.

Liebe Grüße,
Mahiat

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