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Zum Wutbürger

13/12/2011

Wut resultiert aus Ungerechtigkeit, die man selbst empfindet oder an anderen beobachten muss. Wenn Wut entsteht, ist dafür sehr oft eine Form von Ohnmacht verantwortlich, eine Verzweiflung darüber, nicht fähig zu sein, an einer Situation, die Grund für die Ungerechtigkeit ist, etwas zu verändern.
Der Wutbürger leidet unter der politischen Situation, der er sich ausgesetzt fühlt. Seine Wut richtet sich gegen die, die er dafür verantwortlich macht, gegen die Regierung. Daher solidarisiert er sich mit jenen, die den Verantwortlichen gegenüber stehen, mit der Opposition. Diese schürt die Wut des Bürgers und nutzt sie für ihre Zwecke.

So weit, so klar. Die Frage ist, ob auch aus vernünftiger Sicht die Wut der richtige Weg ist, mit schwierigen Situationen umzugehen. Wenn wir wütend sind, verlieren wir bekanntlich unseren objektiven Blick. Wir neigen dazu, die Lage nur von einem bestimmten Standpunkt (dem Eigenen) aus zu betrachten, und haben dadurch meist keine Übersicht mehr über alle Umstände, die am Entstehen der Probleme beteiligt sind. Der Wutbürger bezieht seine Informationen und seine Kenntnisse deshalb oft aus abhängigen Quellen und wird zur Kritik ebendieser unfähig, wird blind für alles, was seiner Sicht der Dinge widerspricht. Er malt in schwarz und weiß und macht es sich einfach, über die Lage zu urteilen.
Natürlich ist es schwer, derart allgemeine Aussagen über „den Wutbürger“ zu machen, wohl ebenso schwer, als wollte man behaupten, wo er sich im politischen Spektrum ansiedelt. Es mag sicher Menschen geben, die sich selbst mit diesem Begriff bezeichnen und dennoch ihren objektiven Blick für die Situation nicht verloren haben. Eines ist ihnen allen aber gewiss auch inhaltlich gemeinsam: Die Kritik nach „oben“, die Kritik an jenen, die sie für dieses System verantwortlich machen, die Kritik an den Reichen, den Regenten, den Banken. Hat der Wutbürger daher zumindest in diesem Sinne seine Berechtigung? Das würden wohl die wenigsten bestreiten, denn ökonomische Ungleichheiten sind in unserem Verständnis der Inbegriff von sozialer Ungerechtigkeit. Dennoch will ich, dass man sich die Gründe der Wut vor Augen führe, und sich danach frage, ob eine solch starke Emotion als Reaktion auf unsere Probleme tatsächlich angemessen ist, oder nicht.
Man findet wohl kaum jemanden, der den Reichtum und die hohe Lebensqualität, der manche Menschen bedürfen, nicht für widerwärtig hält, und viele fragen sich, weshalb sie Teil eines Systems sein sollten, dass derartige Ungerechtigkeiten produziert. Doch der Fehler in dieser Betrachtung liegt, wie nicht selten, im Vergleichen; denn wir fordern von jenen, die mehr als wir besitzen, was wir selbst an ihrer Stelle auch nicht tun würden; und dass wir es nicht tun würden, zeigen wir dadurch, dass wir das vermeiden, was wir tatsächlich tun könnten, soweit es uns gelingt, soweit wir Ausreden parat haben und wir es mit unserem Gewissen vereinbaren können. Der Wutbürger, der Großbürger, der Konsument, der Großkonzern, alle sind wir bekanntermaßen als Teil eines Systems geboren, das uns vom Leid anderer profitieren lässt; und dass von den Genannten die einen mehr, die anderen weniger profitieren, macht es im Angesicht der Weltlage nicht weniger lächerlich, dass letztere irgendeinen egoistischen Grund finden, sich zu beschweren. Ist die Wut des Wutbürgers also im Angesicht der Situation entstanden, dass eine Ungerechtigkeit unsere Welt erfüllt, die die Menschen in unseren Breiten in unterschiedlichem Ausmaß profitieren und zahllose andere Menschen auf der Welt in unterschiedlichem Ausmaß leiden lässt? Ist die Wut aus der vernünftigen Reflexion enstanden, dass wir alle als Teil dieses ungerechten Systems eine Verantwortung für diesen Zustand tragen? Oder ist die Wut des Wutbürgers nicht vielmehr die eines kleinen Kindes, das sich im Supermarkt auf den Boden wirft, weil es nur einen Lutscher bekommt, nicht zwei?

Dies sind offene Fragen, der Leser möge sich selbst eine Antwort darauf geben. Es gibt Grund zur Unzufriedenheit, und es gibt, das gestehe ich ein, auch Gründe zur Wut; nur sollen es nicht die falschen sein. Mit einem Wutbürger, der nicht erkannt hat, dass er das Triebwerk des Systems ist, von dem er gerade verlangt, dass es sich ändere, der aber nicht versteht, dass er sich gerade deswegen selbst ändern muss, ist niemandem geholfen.

Liebe Grüße,
Mahiat

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