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Zur Wahrnehmung

02/12/2011

„Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, wie sie sind, der Nichtseienden, wie sie nicht sind.“
Dieser Satz stammt vom Philosophen Protagoras. Es gibt, auch aufgrund einer gewissen Doppeldeutigkeit in der Übersetzung, mehrere Interpretationen dieser berühmten Aussage, unter anderem jene, dass die Welt demnach laut Protagoras einzig so ist, wie wir sie wahrnehmen; eine Auffassung, die ich mit ihm in keinster Weise teile, sollte er sie tatsächlich vertreten haben. Jeder von uns nimmt die Welt, die ihn umgibt, auf eine andere Weise wahr, und in vielerlei Hinsicht kommen wir dadurch zu sehr verschiedenen Urteilen über ein und dieselben Sachverhalte. So gibt auf die Frage, welche Farbe eine bestimmte Oberfläche hat, gewiss nicht ein jeder die gleiche Antwort, und nicht jeder empfindet den Geschmack oder den Geruch einer bestimmte Speise gleich, nicht jeder spürt bei gleicher Temperatur in selbem Ausmaß Hitze oder Kälte. Wäre die Welt so, wie der Mensch sie wahrnimmt, wie wäre es dann um ebenjene Qualitäten beschaffen, die ich aufgelistet habe? Wenn eine Person sagt, dass die Vorhänge grün sind, und eine andere Person sagt, dass sie nicht grün sind, und die Vorhänge aufgrund des ausgeschlossenen Dritten nicht zugleich grün und nicht grün sein können, was sind sie dann? Wir sehen nun, dass die Ansicht, dass die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen, zu Schwierigkeiten führt.

Aus welchem Grund gibt es diese Unterschiede in der Wahrnehmung? Es liegt daran, dass wir als Subjekte viel mehr zur Erkenntnis beitragen, als das „Ding an sich“, das Erkenntnisobjekt. Die Wahrnehmung erfolgt durch den Sinnesreiz, der dann von unserem Gehirn interpretiert wird. Diese Interpretation ist unsere Erkenntnis. Wir halten also fest: Unsere Wahrnehmung ist eine Interpretation der Realität, und nicht etwa die Realität selbst.
Wie wir die Realität wahrnehmen, hängt von uns, von den Erkenntnissubjekten ab. Je nachdem, welche Mittel uns gegeben sind, können wir bestimmte Dimensionen unserer Umwelt interpretieren. Ein Lebewesen etwa, dem der optische Sinn gänzlich fehlt, ist um seine Interpretation der visuellen Dimension der Umwelt beraubt und vermag sich nicht vorzustellen, dass die Realität in einer mannigfaltigeren Weise existiert, als sie sich ihm durch seine anderen Sinne darstellt. Wer kann nun mit Sicherheit ausschließen, dass es auch eine Mannigfaltigkeit der Realität geben könnte, die sich keinem der fünf Sinne des Menschen erschließt? Mit demselben Recht, mit dem wir behaupten, dass die Welt einzig so ist, wie sie uns erscheint, dürfte ein farbenblindes Tier behaupten, dass es keine Farben gibt. Wir wissen nichts von der Realität.
Auf jeden Fall vertrete ich einen ontologischen Realismus. Ich gehe davon aus, dass es das „Ding an sich“ gibt, und nicht etwa, dass wir die Welt durch unsere Wahrnehmung konstruieren. In diesem seltenen Fall bin ich mit Schopenhauer nicht auf derselben Linie: Nicht die Welt an sich ist meine Vorstellung, sondern die Welt, wie sie mir erscheint, die Welt, die ich wahrnehme, die ich interpretiere, ist meine Vorstellung. Die Welt an sich, die Realität, das ist des Pudels Kern, den ich nicht erfassen kann, weil ich niemals weiß und niemals sagen kann, ob es wahr oder falsch ist, dass ich ihn erfasst habe.

Wir Menschen interpretieren die Umwelt nicht auf dieselbe, aber auf eine ähnliche Weise. Wäre dem nicht so, wären zahlreiche Konventionen (Verkehrszeichen beispielsweise) nicht möglich. Man mag sich aber in strittigeren Szenarien darauf besinnen, dass man seine Wahrnehmungsqualität nicht uneingeschränkt auf alle anderen Individuen übertragen kann. Ich habe bereits viele Beispiele dafür erbracht: Was dem einen zu kalt ist, ist dem anderen zu warm, was dem einen angenehm ist, kann für den anderen leidvoll sein.

Liebe Grüße,
Mahiat

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