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Zur moralischen Grundlage

10/11/2011

Im Artikel „Zur Ethik“ habe ich mit der Conclusio geschlossen, dass aus religiöser Metaphysik und aus naturwissenschaftlicher Erkenntnis allein eine objektive Ethik noch nicht logisch gültig folgen kann, dass beide aber Grundlage für eine subjektive Ethik sein können. An diesen Gedanken möchte ich mit dem heutigen Artikel anschließen und die Frage nach eben dieser Basis für moralische Überlegungen stellen.

Was ist unter einer solchen Grundlage zu verstehen? Ich möchte die Betrachtung eines Beispieles fortsetzen, das ich beim letzten Mal schon gebrauchte. Angenommen, wir finden unter Benützung wissenschaftlicher und empirischer Methoden heraus, dass Tiere bei der Schlachtung große Schmerzen erleiden. Folgt daraus bereits logisch gültig, dass wir Tiere auf andere Art und Weise oder gar nicht mehr schlachten sollen? Nein. Für einen solchen Schluss bräuchten wir eine weitere Prämisse, und diese ist ethischer Natur. Wenn gilt, dass Tiere bei der Schlachtung große Schmerzen erleiden, und wenn darüber hinaus auch gilt, dass wir die Schmerzen der Tiere lindern sollen, erst dann können wir logisch gültig obige Schlussfolgerung ziehen. Nun stellt sich uns die Frage, wie wir unseren ethischen Wert bezüglich der Schmerzlinderung der Tiere rechtfertigen. An dieser Problematik wird man mit ein wenig Überlegung erkennen, dass man ethische Urteile nur mit wenigstens einer ethischen Voraussetzung begründen kann, niemals folgen sie allein aus der Naturwissenschaft oder allein aus der Metaphysik.
In diesem Sinne kommen wir auch in ethischen Fragen nicht ganz ohne Dogmatismus aus, aber das gelingt uns ja bekanntlich nicht einmal in der Mathematik. Wir müssen einen ethischen Wert, eine Basis ohne weitere Begründung und Rechtfertigung voraussetzen, und auf ihr bauen wir dann unsere moralischen Konstrukte auf. Religiöse Menschen haben eine ganze Palette solcher Werte als ungerechtfertigte Prämissen, sie nehmen quasi ihre ganze Ethik als „gottgegeben“ an. Ich will mich im Folgenden mit einer einzigen Voraussetzung begnügen, die sich aus meinem Bild von dieser Welt erschließt. Es lässt sich beobachten, dass der Wille, der in uns wohnt, der uns zu Handlungen veranlasst und uns fühlen lässt, uns vor allem und in erster Linie nach Glück streben lässt. Dies ist der höchste Wert für alle Wesen, die zu einer derartigen Empfindung in der Lage sind, und unser ganzes Dasein, jede Tat ist letztlich auf dieses Ziel ausgerichtet. Die Befriedigung der Bedürfnisse liegt diesem Streben zugrunde, seien es niedrige, seien es lebensnotwendige, seien es edle. Jedes empfindende Lebewesen handelt und entscheidet immer und in jeder Angelegenheit stets auf jene Art und Weise, von der sie sich maximale Befriedigung, von der sie sich das höchste Glück verspricht. Dies ist eine Regel, von der es keine Ausnahme gibt.
Wenn wir in diesem Sinne gerechtfertigterweise davon ausgehen, dass diese Lebewesen glücklich sein wollen, so folgere ich (wohlbemerkt logisch ungültig) daraus, dass wir genau so handeln sollen, dass die Konsequenzen unserer Taten alle involvierten Parteien möglichst glücklich machen. Dies ist der im Folgenden einzige logisch ungültige Schluss, doch ich nehme ihn hin, da er widerspruchsfrei ist und ich nicht wüsste, mit welcher vernünftigen Rechtfertigung man sich daran stören könnte. Meine Grundlage der Moral lautet also: „Handle mit der Absicht, dich selbst und andere Lebewesen möglichst glücklich zu machen.“ Diese Basis lässt dann zahlreiche weitere ethische und ab nun auch logisch gültige Schlüsse zu. So folgt daraus beispielsweise, dass man mit der Absicht handeln sollte, sich selbst und allen anderen Lebewesen möglichst all jenes Leid zu ersparen, welches nicht notwendig ist und welches mit dem aus der Handlung entstehenden Glück nicht aufzuwiegen ist.

Dies mag alles sehr theoretisch und womöglich auch recht selbstverständlich anmuten, aber darin liegt der große Unterschied zwischen religiöser, dogmatischer Ethik und wandelbarer, zeitgerechter, dem Problem und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen angepasster Moral. Mit einer in vielen Augen wohl nur allzu selbstverständlichen (wenn auch leider logisch bzw. naturwissenschaftlich nicht begründbaren) Basisbehauptung lassen sich zu allen ethischen Fragen Überlegungen anstellen und Lösungen finden, die diesem Sinne möglichst gut entsprechen. Stets kann man sich eingestehen, dass eine Überlegung falsch war oder ein ethischer Wert weniger wichtig, als ein anderer. Ethik lebt in diesem Sinne von ihrer eigenen Entwicklung, sie ist enorm diskussionsfähig und argumentativ und daher vor allem begründbar. Wem dogmatische Erklärung nicht genügt, wem „Das ist ein Gebot.“, „Das steht in der Bibel.“, „Das gehört sich.“, „Das wurde schon immer so gemacht.“, „Das ist ein Gesetz.“ nicht genügt, der ist über die konventionelle Ebene von Kohlbergs Moralstufenmodell (vgl.: Stufentheorie d. moralischen Verhaltens) hinaus, der ist auf dem Weg zu einer vernünftigen Ethik, der kann nicht zum Werkzeug werden, denn er entscheidet selbst, was er für gut und schlecht, was für richtig und falsch befindet. Ich gratuliere jedem, der sich in diesem Sinne von gesellschaftlichen Ketten gelöst hat.

Liebe Grüße,
Mahiat

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From → Betrachtungen, Ethik

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