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Zur Ethik

30/10/2011

Überlegungen zur philosophischen Disziplin der Ethik beschäftigen sich meist mit Fragen der Form: „Wie soll man handeln?“. In vielen meiner bisherigen Artikel habe ich bereits auf derartige Probleme Bezug genommen. Eine nicht weniger interessante Frage stellt sich, wenn man darüber nachdenkt, wodurch man zu ethischen Erkenntnissen gelangen kann. Da diese Frage vor ein paar Wochen eine gewisse Aufmerksamkeit erhielt, möchte ich mich heute damit beschäftigen.

Am 22. September dieses Jahres besuchte der Papst den deutschen Bundestag und hielt eine Rede, in der er unter anderem Folgendes sagte:

„Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen. Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis.Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus.“ – Joseph Ratzinger

Diese Worte sind von nicht geringer Tragweite. In erster Linie bedeuten sie, dass aus der Naturwissenschaft, die Funktionen und Phänomene untersucht und Hypothesen verifiziert oder falsifiziert, keine Ethik folgen kann. Das hat den Grund, dass  Ethik und auch Religion nicht überprüfbar sind, und deshalb nicht zum Bereich der „Vernunft im strengen Sinn“ gehören. Eine gefasste Hypothese muss, um wissenschaftlich zu sein, um demnach im strengen Sinne vernünftig zu sein, vor allem und in erster Linie widerlegbar sein. Es müssen Umstände angegeben werden können, unter denen man die These als falsch betrachten würde. Theologen geben im Allgemeinen nicht an, unter welchen Bedingungen sie die Thesen „Gott existiert.“ oder „Gott ist allgütig.“ als widerlegt betrachten würden, und deshalb ist die Theologie im strengen Sinne unvernünftig und keine Wissenschaft, da ihre Thesen nicht falszifiziert werden können. Sie stellt in Folge offen den Anspruch, metaphysische Urteile über unsere Welt zu fällen, die im „wissenschaftlich angesehenen Verständnis“ nicht vernünftig sind. So weit, so klar. Wir halten auch fest, dass man sich darauf einigen kann, dass ethische Aussagen in diesem strengen Sinne ebenso nicht vernünftig, weil nicht überprüfbar sind.
Nun stellt sich die Frage, ob man aus einer vernünftig oder unvernünftig gearteten Metaphysik ethische Aussagen folgern kann. In der Religion sind Ethik und Metaphysik eng miteinander verbunden. Folgt also beispielsweise aus der Existenz eines Wesens mit göttlichen Eigenschaften schon, dass man die zehn Gebote befolgen sollte? Folgt daraus, dass es einen bestimmten, für jeden gültigen Sinn im Leben gibt? Was würde aus der Nichtexistenz von Gott, Übersinnlichkeit und Seele folgen? Etwa, dass es keinen allgemeingültigen Sinn im Leben gibt? Wenn man annimmt, dass der kausale Determinismus wahr ist, dass also alles notwendigerweise so passiert, wie es passieren muss, dass es in dieser Hinsicht nicht einmal einen freien Willen der Lebewesen gibt, kann man daraus nicht auch gewisse ethische Urteile ableiten? Werden wir, wenn wir feststellen, dass das Nervensystem von Tieren sie zum Empfinden starken Leids befähigt, nicht versuchen oder es zumindest für richtig erachten, ohne Fleisch zu leben? Der springende Punkt ist nicht, wie man all diese Fragen beantwortet. Der springende Punkt ist die Einsicht, dass Ethik zwar kein Teil wissenschaftlicher Vernunft ist, dass aber sehr wohl eine „Brücke“ zwischen diesen Bereichen hergestellt werden kann, eine Brücke, die auf Pfeilern einer gewissen Absicht gebaut ist und sich in ein vernünftig metaphysisches, naturwissenschaftliches Weltbild einfügt. Ethik ist nichts, das festgeschrieben für alle Zeiten auf eine Tafel gemeißelt ist, Ethik verändert sich mit unserem Wissen von dieser Welt. Je größer unsere Erkenntnis über einen gewissen Sachbestand ist, desto eher kommen wir in Bezug darauf zu ethischen Urteilen, die zwar nicht wahr, nicht falsch sein können, aber eine große Funktionalität aufweisen bezüglich dem Zweck, das Leid zu minimieren und das Glück zu mehren.

Ich will große Errungenschaften in der Geschichte der Ethik, ich will die Formulierung der Menschenrechte, die Aufklärung oder die Abschaffung der Todesstrafe und Folter in weiten Teilen der Welt keinesfalls allein dem Fortschritt wissenschaftlichen Denkens zuweisen. Ich will lediglich, dass man die Ethik als Disziplin der Philosophie, als eigenständige Entwicklung betrachtet, die zwar schwerlich mit wissenschaftlicher Methode betrieben werden kann, aber auch nicht durch und durch dogmatisch und voller ewiger Wahrheiten sein muss. Ratzinger selbst spricht vom „Raum des Subjektiven“ und gibt hiermit ein gutes Bild. Wissenschaftlicher Erkenntnis gleichermaßen wie religiöser Metaphysik kann keine notwendige, objektive Ethik folgen, aber beide können Grundlage für eine subjektive Ethik sein, beide können Quelle der Methode des Denkens sein, und in meinen Augen sei die wandelbare, erkenntniskräftige, vernünftige der dogmatischen Quelle hierin vorangestellt.

Liebe Grüße,
Mahiat

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From → Betrachtungen, Ethik

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