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Phaledon

22/10/2011

Einst war ein kleines Reich. Am Anfang von Allem lebte darin jemand, der die Natur bewunderte und nicht zu wissen vermochte, woraus sie entsprungen war. Tagtäglich wanderte er durch die Wälder und Wiesen und genoss den Anblick jeder Pflanze und jedes anderen Lebewesens, dessen Weg er kreuzte. Bevor er verstarb, schrieb er ein Gedicht nieder und gab es an seinen Nächsten weiter, an eines der wenigen Wesen, das ihm glich. Die Verse handelten von einem Baum namens Phaledon, dem höchsten aller hohen Bäume, einem Giganten, der so nah der Sonne war wie nichts anderes. Phaledon wurde als das Erste beschrieben, das im Reich vor langer Zeit aus öder Erde wuchs, und aus dem Samen seiner Früchte waren alle Bäume, Pflanzen und Tiere erwachsen. Die Wurzeln dieses prächtigen Baumes hätten das ganze Reich durchdrungen, hätten Flussbette geschaffen und die Erden fruchtbar, die Wiesen grün gemacht. So war Phaledon in den Versen die Quelle alles Lebenden, und aß ein Lebewesen von seinen Früchten, so wurde es unsterblich und konnte keine Schmerzen und kein Leid mehr erfahren.

Dem Nächsten gefiel das Gedicht sehr und so lehrte er es seinen Kindern, und die brachten es dann den Kindeskindern bei und so fort, und als das Reich Jahrhunderte später stark bevölkert war, da kannte jeder die Verse und jeder vermochte es, sich den herrlichen Baum Phaledon vorzustellen. Er galt als Symbol für die Tradition und Geschichte des Reiches und viele glaubten, im Gedicht die Wahrheit im Kleide der Schönheit gefunden zu haben. So kam es, dass nicht nur die Gebildeten sich mit einem Studium der Bäume beschäftigten und alles Wissenswerte darüber in Erfahrung brachten. Tatsächlich gab es auch nicht wenige, die das ganze Reich nach einem Baum absuchten, der dem herrlichen Phaledon entsprach. Sie probierten Früchte von jeder Art, nicht nur von großen Bäumen mit langen Wurzeln, auch von den kleinsten, doch niemand von ihnen blieb ohne Leid und Schmerz, niemand wurde unsterblich. Manche hatten eine so tiefe Überzeugung, dass sie gar von Bäumen Früchte aßen, die laut Kundigen als giftig galten. Sie gingen daran zugrunde.
Als sämtliche Bäume erforscht waren und die Wesen alle Früchte probiert hatten, ließ sich mit großer Sicherheit sagen, dass keiner davon Phaledon gewesen sein konnte. Gewiss, so war man sich einig, war dieser, nachdem sein Samen alles Leben geschaffen hatte, wieder eins mit der Erde geworden und in ihr vergangen. Der Baum der Bäume, so glaubte man, würde bald wieder erwachsen und sich dem reinsten aller Lebewesen zuerst offenbaren, so dass es sodann seine Früchte koste. Schnell wurden Gerüchte laut, an welcher Stelle und zu welcher Zeit Phaledon zu finden sei. Nur wenige zweifelten daran. Es waren großteils Kundige, die die Bäume erforscht hatten und sich nicht erklären konnten, wie Phaledon aus ödem Land hatte wachsen können, wie seine Wurzeln die Flussbette erschaffen und sich aus seinem Samen derart vielfältiges Leben hatte entwickeln können. Vieles von dem, was sie zu wissen glaubten, stand im Widerspruch zum höchsten aller hohen Bäume.

Jahrhunderte vergingen, und jedes Kind lernte die Lehre und das Gedicht vom großen Phaledon. Doch kein Bewohner des Reiches fand jemals die Unsterblichkeit und die Freiheit vom Leid, niemand sah je einen Baum, der der Sonne so nah war, wie es in den Versen geschrieben stand. In dieser Enttäuschung trösteten sie sich und lauschten den Weisen, die ihnen Geschichten vom Geiste und von der Herrlichkeit Phaledons erzählten, der in jedem Wesen wohnte, das von seinem Samen berührt worden war, der die Seele gut und das Herz glücklich machte. Und stets versicherte man sich, dass er wiederkehren würde, und dass er alle in die Unsterblichkeit führen und ihre Leiden beenden würde. Durchdrungen von ihrem tiefen Glauben warteten sie. Und wenn sie nicht unsterblich sind, dann warten sie noch heute.

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