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Zur Erkenntnis

17/10/2011

Ich beschäftige mich zurzeit im Rahmen meines Philosophiegrundstudiums mit Erkenntnistheorie und setze mich dadurch zum ersten Mal seit Jahren wieder intensiv mit der Unterscheidung zwischen den Begriffen „a priori“ und „a posteriori“ auseinander. In der Erkenntnistheorie spielen sie im Zusammenhang mit der Methodik eine entscheidende Rolle. Die Frage, mit welchen Mitteln Erkenntnis errungen werden kann, wird unter Philosophen heftig diskutiert. Grob lassen sich zwei Strömungen unterscheiden, die einander gewissermaßen gegenüberstehen: Rationalismus und Empirismus. Anhänger des Rationalismus sehen im Verstand die wichtigste Methode zu unserem Erkenntnisgewinn, Anhänger des Empirismus in der Erfahrung. Eine Erkenntnis wird „a priori“ genannt, wenn sie von der Erfahrung unabhängig ist, und „a posteriori“, wenn sie von der Erfahrung abhängig ist.

Soviel zur Begriffserklärung. Nun ist es gängig, sogenannte analytische Urteile als a priori anzusehen. Wann ein Urteil analytisch genannt werden kann, ist nicht restlos geklärt; meist spricht man davon, wenn die Richtigkeit eines Urteils sich aus den verwendeten Ausdrücken erschließt. Das typische Beispiel dafür ist: „Ein Junggeselle ist ein unverheirateter Mann.“ Jeder, der weiß, was ein Junggeselle ist, kann über die Wahrheit dieses Satzes richtig urteilen. Man könnte also sagen, dass ein Urteil dann analytisch ist, wenn ein Begriff durch Charakteristika beschrieben wird, die ihn gerade eben definieren. Derartige Aussagen bezeichnet man im Übrigen auch als tautologisch. „Eine Leiche ist tot.“ wäre ein weiteres Beispiel.
Urteile dieser Art werden, wie bereits erwähnt, meist als a priori angesehen. Natürlich gibt es Empiristen, die sich mit diesem Gedanken nicht vollends anfreunden können. Auch ich habe ein gewisses Problem damit. Denn um über den Junggesellen ein Urteil fällen zu können, und sei es noch so trivial, muss ich einen Begriff davon haben. Diesen Begriff aber kann ich nur durch Erfahrung erwerben, durch Auseinandersetzung mit Sprache und expliziten Definitionen. Ich muss wissen, was die Begriffe „Mann“ und „unverheiratet“ bedeuten. Diese Erkenntnis besitze ich, so ist meine Ansicht, nicht von Vornherein, nicht a priori, ich erwerbe sie durch Erfahrung. Das entspricht dem Leitsatz der Empiriker: „Nihil est in intellectu, quod non sit prius in sensu. (Nichts ist im Verstand, das nicht zuvor in den Sinnen war.)“ Der typische Rationalist und Platoniker, der die Ideen von jedwedem Begriff für „von den Menschen bereits vor der Geburt geschaut“ hält, würde mir hier selbstverständlich widersprechen.

Es gibt viele Mathematiker, die sich als Platoniker bezeichnen. Gerade in der Mathematik nämlich meint man, viele ewige Ideen, Wahrheiten und Erkenntnisse a priori vorzufinden. Es stellt sich die Frage, wie oftmals äußerst abstrakte Gedankenkonstrukte, die in unserer minderdimensionalen Welt in keiner den Sinnen zugänglichen Form oder Abwandlung vorhanden sind, von den Menschen durch Erfahrung entwickelt, oder „erkannt“ werden konnten. Doch wird man feststellen, dass sich jede mathematische Idee zumindest in indirekter Weise auf die Wirklichkeit der Sinne bezieht. Von der stärksten Anwendbarkeit bis hin zu den unvorstellbarsten Abstrakta ist letztlich alles auf ein Phänomen zurückzuführen, das der Mensch wahrgenommen hat oder auf eine andere mathematische Anschauung, die sich wiederum auf Wahrnehmbares oder Sinnliches bezieht. In meinen Augen also, und das ist ein springender Punkt, ist beispielsweise die Idee der Zahl nichts, das der Mensch von Geburt an besitzt, sondern etwas, das er durch Erfahrung erwirbt; wobei die Fähigkeit zu Zählen wohlgemerkt eine Voraussetzung für die Erkenntnis des Begriffes der Zahl ist.

Ich hoffe, dieser Blogartikel war nicht zu theoretisch und hat doch den einen oder anderen Leser gefunden.

Liebe Grüße,
Mahiat

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