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Zu Seele und Bewusstsein

01/10/2011

Seele und Bewusstsein sind Begriffe, die wir völlig selbstverständlich im alltäglichen Sprachgebrauch verwenden. Umso interessanter ist die Diskussion darum, was ihre Bedeutung ist und wie die damit bezeichneten Phänomene beschaffen sind.
Man könnte beispielsweise sagen, dass die Seele die Gesamtheit der psychischen Eigenschaften und des psychischen Empfindens eines Lebewesens ist. Nach dieser gängigen Definition wäre der Begriff der Seele mit dem Begriff der Psyche im Grunde gleichbedeutend.
Das Bewusstsein kann man als Fähigkeit verstehen, seine Umwelt und in dieser sich selbst wahrzunehmen. Wer Selbstbewusstsein hat, setzt seine Stärken und Schwächen in ein richtiges Maß, er ist sich seiner selbst bewusst. Wer sich seiner Umwelt bewusst ist, benutzt die Sinneseindrücke, um Information über selbige zu erhalten und diese zu benutzen, um in Situationen richtig reagieren zu können. Bei unterschiedlichen Lebensformen ist das Bewusstsein auch verschieden stark ausgeprägt, aber man könnte sagen, dass alles Lebende zumindest ein Bewusstsein hat, also auch eine Pflanze, die zum Licht wächst. Das Bewusstsein ist demnach Teil der Psyche, also der Seele.

Nun stellt sich die Frage, ob unsere Seele materiell oder immateriell beschaffen ist. In der Philosophie ist das das sogenannte Leib-Seele-Problem. Heutzutage sind die meisten Philosophen, die sich damit beschäftigen, der Ansicht, dass sich die Seele aus materieller Substanz zusammensetzt und alle psychischen Phänomene auf biochemische Prozesse im Körper reduziert werden können. Das hat den Grund, dass die (neurologische) Wissenschaft unsere Psyche zu großen Teilen bereits erforscht hat. Wir können Hormone benennen, die am Entstehen von Gefühlen beteiligt sind. Wir könnten diese Hormone sogar verabreichen, um die Gefühle zu induzieren. Wir wissen, wie sich Gedanken entwickeln und wo Erinnerungen gespeichert sind. Man kann Charaktereigenschaften anhand des Gehirnes erklären, Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche und psychosomatische Erscheinungen beschreiben. Dieser Ansicht, die (materialistischer) Monismus oder physikalischer Naturalismus genannt wird, steht der Dualismus gegenüber. Vertreter dieses Standpunktes glauben, dass es neben der Materie ein weiteres Seinsprinzip in dieser Welt gibt, und das die Seele neben anderen Phänomenen Teil dieses übernatürlichen, nicht materiellen Prinzips ist. Aus dieser Position hat sich das Problem ergeben, dass Dualisten nicht in der Lage waren zu erklären, wie Übernatürliches auf Materie wirken kann und wo und wie demnach die immaterielle Seele mit ihrem Körper interagiert.

Ist die Seele tatsächlich auf die Materie reduziert, so folgen daraus andere Schlüsse. Bedarf die Psyche materieller Vorgänge, so ist nach dem Tod des Lebewesens keine Form des Fortbestandes der Existenz möglich, da nach dem Tod die Voraussetzung zur Entstehung psychischer Phänomene ebensowenig gegeben ist, wie Voraussetzung für die Funktion von Verdauung und Atmung.
Ein weiterer Schluss wäre, dass psychische Phänomene Naturgesetzen und der Kausalität unterliegen. Diese Überlegung steht in Zusammenhang mit der Diskussion um den freien Willen, die ich in meinem Artikel „Zum Schicksal“ kurz angeschnitten habe und auf diesem Blog noch öfters behandeln werde. (Siehe: https://nachtliteratur.wordpress.com/2011/09/20/zum-schicksal)

Eine weitere interessante Frage ist es auch, ob nur Menschen eine Seele haben, oder auch andere Lebewesen. Ich denke, dass psychische Phänomene je nach Komplexität des Organismus unterschiedlich stark ausgeprägt, aber auf jeden Fall vorhanden sind. In diesem Sinne möchte ich den Artikel mit einer sehr allgemein formulierten Frage beenden, die als Diskussionsgrundlage und als Denkanstoß dienen kann: Haben Tiere Gedanken?

Liebe Grüße,
Mahiat

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3 Kommentare
  1. Interessantes Thema. Mich überzeugt weder der materielle Monismus noch der Dualismus. Beim materiellen Monismus bleibt die Existenz von Qualia völlig unerklärt, wahrscheinlich unerklärbar. Beim Dualismus ist vermutlich ein unlösbares Problem, wie eine immaterielle Substanz solch gewichtige Auswirkungen auf die Materie haben kann. Daher halte ich den „geistigen“ Monismus für die sinnvollste Alternative. Es gilt also nicht: Alles ist Materie, sondern alles ist Geist. Die Materie wäre dann aus „Geist“ zusammengesetzt.
    Das würde auch ganz gut zur Quantentheorie passen, denn überspitzt formuliert, hat man die kleinsten Bausteine der Materie gesucht und nur „Energiewellen“ gefunden.

  2. Hallo Alien,

    in der Qualia sehe ich kein echtes Problem für den materiellen Monismus. Es erscheint mir hingegen geradezu offenkundig, dass subjektives Erleben von Zuständen durch die Einzigartigkeit jedes Nervensystems bedingt ist, in denen schon kleinste Unterschiede zu verschiedensten Wirkungen führen können. Der Fehler liegt meiner Ansicht nach überhaupt in der Annahme, dass sich Ähnliches für alle Menschen oder auch für ein und denselben Menschen immer ähnlich anfühlen müsste. Eigentlich ist klar, dass die extrem komplexe Funktionsweise psychischer Phänomene dementsprechend differenzierte Ergebnisse zur Folge haben muss, die darüber hinaus absolut abhängig von den Erfahrungen und Erlebnissen sind, von denen keine zwei Individuen dieselben haben.

    Es stellt sich vielleicht die Frage, was man schlussendlich überhaupt unter dem Begriff der Materie verstehen will. Es mag seltsam anmuten, dass ich im Artikel darauf überhaupt keine Antwort gegeben habe. Tatsächlich erscheint sie mir schlichtweg nicht vorrangig. Der Monismus ist nämlich in erster Linie als Gegenposition zum Dualismus gedacht, als Absage der weit verbreiteten Einstellung, dass es Dinge in dieser Welt gibt, deren Funktionsweise nicht nur vom Menschen nicht begriffen werden kann, sondern schlechterdings unerklärbar ist. Die Kernthese meines Monismus ist jene, dass unseren psychischen Phänomenen ebenso wie allen anderen Geschehnissen im Universum ein eindeutig bestimmendes kausales Prinzip zugrundeliegt, das ihr Zustandekommen theoretisch erklären kann. Einem solchen Gedanken widerstrebt eben die dualistische Vorstellung einer Entität, die von den von diesem Prinzip abhängigen Gegenständen substanziell verschieden ist. Denn jene müsste sich ja, damit von einer sinnvollen und nicht redundanten Begriffsunterscheidung die Rede sein kann, gerade darin von diesen absondern.

    Ob man die eine Substanz, auf die man sich mit seinem Monismus bezieht, nun „Materie“ oder anders nennen will, ist letztlich eine Frage der Sprache und der persönlichen Vorliebe. „Materie“ ist deshalb so beliebt, weil es im klaren Gegensatz zum Begriff des Geistes steht, mit dem die meisten Menschen Übersinnliches und Unerklärbares verbinden und der oft als Wort für besagte andere Entität verwendet wird, die sich vom Kausalen abgrenzt.

    Danke für den Kommentar und liebe Grüße

  3. „Ob man die eine Substanz, auf die man sich mit seinem Monismus bezieht, nun “Materie” oder anders nennen will, ist letztlich eine Frage der Sprache und der persönlichen Vorliebe.“

    Ok, das macht Sinn. Ein Monismus erscheint mir auch wesentlich sinnvoller als ein Dualismus mit einer zweiten nicht näher definierbaren „Substanz“.

    Zur Kausalität kommentiere ich noch beim Schicksals-Artikel, um die Themen nicht zu stark zu vermischen.

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