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Zum Fall Troy Davis

23/09/2011

Gestern hat man, wie den meisten Lesern aus den Medien bekannt sein dürfte, in den USA ein Todesurteil vollstreckt. Troy Davis wurde beschuldigt, vor 20 Jahren einen Polizisten getötet zu haben. Laut Berichterstattung gab es jedoch keine Beweise, die diesen Rechtsspruch rechtfertigen. Es gab keine Waffe, keine DNA, keine Fingerabdrücke. Das Urteil wurde zuerst aufgrund der Aussagen von neun Zeugen ausgesprochen, wobei jedoch mittlerweile sieben davon eingeräumt haben, von Polizisten zu Falschaussagen gezwungen worden zu sein. Darf man der Berichterstattung trauen, lässt sich daraus folgender Schluss ziehen: Es war schlicht und einfach bis zum Schluss völlig unklar, ob Troy Davis des ihm angelasteten Verbrechens schuldig ist.
„Im Zweifel für den Angeklagten.“, das ist eine fundamentale Basis jedweder vernünftigen Rechtssprechung. Nicht der Angeklagte hat seine Unschuld, der Kläger hat die Schuld des Angeklagten zu beweisen. Im Fall Troy Davis wurde dieser Grundsatz völlig ignoriert. Überall auf der Welt wurden Proteste laut und nirgendwo konnte man diese Unvernunft, diese Willkür fassen.

Es stellt sich natürlich die Frage, wie groß das ethische und moralische Bewusstsein in einem Staat schon sein kann, in dem nach wie vor die Todesstrafe praktiziert wird. Ich will in diesem Artikel aber hiervon nicht sprechen. Die zahlreichen Argumente gegen die Todesstrafe sind allseits bekannt. Ich selbst stehe auf dem radikalen Posten, dass ich sage, dass es kein einziges vernünftiges Argument für die Todesstrafe gibt, das man nicht widerlegen kann. Weiters stelle ich sie auf dasselbe Podest wie die Folter und werte sie als mittelalterliche Form der Bestrafung. Eine meiner Begründungen dafür kann übrigens auch in meinem Artikel „Zum Schicksal“ (https://nachtliteratur.wordpress.com/2011/09/20/zum-schicksal) und in den dortigen Kommentaren gefunden werden. Sollte sich jedoch tatsächlich jemand finden, der gänzlich anderer Ansicht ist, so bin ich natürlich an einer Diskussion in den Kommentaren sehr interessiert.
Ich hatte schon immer gewisse Schwierigkeiten damit, die USA als zivilisierten Staat zu betrachten. Zu den Errungenschaften einer Zivilisation zählt ethischer Fortschritt in selbem Maße wie technologischer Fortschritt. Ich pflege die Ansicht, dass die USA in ethischer Hinsicht ein in der Relation äußerst rückständiger Staat und keinesfalls im 21. Jahrhundert angekommen ist. Barack Obama ist in meinem Ansehen nach diesem Ereignis ebenfalls nicht gerade gestiegen. Er hat davon abgesehen, ein Kommentar zum Fall Davis abzugeben, und wollte sich in die Angelegenheit nicht einmischen. Wäre ich US-Bürger, wäre diese fehlende Souveränität für mich ein Grund, ihm bei der nächsten Präsidentschaftswahl die Stimme zu versagen.

Vielleicht kann die Tötung von Troy Davis Anlass dafür sein, dass die Debatte um die Todesstrafe in den USA neu belebt wird. Vielleicht kann sie sogar Anlass dafür sein, dass der Kampf von Menschenrechtsorganisationen gegen Unrecht, das zu Recht geworden ist, zumindest in den USA einmal ein positives Ende findet. Jedenfalls möchte ich mit den Worten von Troy Davis schließen, von einem Mann, der möglicherweise völlig unschuldig 20 unvorstellbare Jahre im Gefängnis auf seinen Tod warten musste:

„The struggle for justice doesn’t end with me. This struggle is for all the Troy Davises who came before me and all the ones who will come after me. I’m in good spirits and I’m prayerful and at peace.“ – Troy Davis

Liebe Grüße,
Mahiat

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