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Zur Meinung und zur Kunst, sie zu formulieren

22/09/2011

Ich bin in den Untiefen des Internets in unterschiedlichen Foren unterwegs, in manchen schon seit Jahren. Dieser Blog, der jetzt seit einer Woche besteht, hat mir auch die Möglichkeit aufgezeigt, mich der Kommentarfunktion auf anderen meinungsbildenden Blogs zu bedienen und auf diese Weise Diskussionen zu führen oder dazu beizutragen. Während ich mancherorts an Gesprächen teilgenommen habe, die eine wahre Wohltat für den Geist waren, wird auf anderen Blogs jeder Besucher mit Polemik und Feindseligkeit zum Streit und zur reinen Konfrontation eingeladen, und man kommt sich ein wenig vor wie ein Gladiator im Kolosseum.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass 80% aller Diskussionen sich auf ein Missverständnis gründen. Oft sind es Sprache und Verhalten, die diese Missverständnisse schaffen. Irgendjemand hat irgendetwas auf eine bestimmte Weise ausgedrückt, hat zu schnell oder zu langsam geantwortet, ist auf einen speziellen Punkt nicht ausreichend eingegangen, weiß über etwas nicht gut genug Bescheid, um eine Meinung haben zu dürfen oder hat gar einen Begriff falsch verwendet. Es sind nicht die Ideen und die Meinungen, die diskutiert werden, kritisiert wird allein die Art und Weise, wie der Gesprächspartner seine Ansicht formuliert hat. Dieser Usus lässt sich auf allen Ebenen des Diskutierens beobachten, ob wir von einem Internetforum mit zehn Mitgliedern oder vom Parlament sprechen, ist völlig egal. Diesem Verhalten liegt eine fundamentale Annahme zugrunde, und zwar, dass eine Diskussion stets ein Streitgespräch sein muss; also etwas ist, das man gewinnen, wo man triumphieren, sich profilieren kann.
Andererseits hat gewiss jeder von uns bereits Gespräche geführt, in denen er sich, obwohl völlig kontroverse Ansichten vorherrschten, rundum wohl gefühlt hat. Dies sind Diskussionen um die Ideen, denen nicht Missverständnis, sondern Interesse zugrundeliegt. Man ist an der Idee und Ansicht des Gegenübers interessiert und versucht nicht, sie im Angesicht der eigenen Meinung abzuwerten. Der Gehalt und Gewinn, den die partizipierenden Parteien aus einem solchen Gespräch ziehen, ist unendlich viel größer, als der eines vom Zaun gebrochenen und herbeibeschworenen Streitgesprächs, wie ich es oben beschrieben habe. Wie also soll man formulieren, um die Basis für eine solche Diskussion zu legen?
Man kann, und auch diese Erfahrung habe ich gemacht, keinen einzigen Gedanken auf eine Weise zum Ausdruck bringen, so dass ihn jeder unterschreiben könnte. Oft beabsichtigt man das auch nicht. Der Autor ist manchmal gut damit beraten, gewisse Dinge absichtlich stark zu formulieren, so dass der Leser auf den Satz aufmerksam wird und ihn sich in besonderem Ausmaß durch den Kopf gehen lässt. Dies ist ein besonders extremes und besonders wirksames Mittel, um auf die tatsächliche Botschaft hinzuweisen. Dabei handelt es sich nicht selten um konträre und umstrittene Punkte, und das führt wiederum zu weiteren Diskussionen und zu Auseinandersetzungen im Bezug auf den Autor. Man findet diese Vorgehensweise bei vielen Schriftstellern, aber insbesondere bei Philosophen. Es ist wohl für niemanden ein Geheimnis, dass Friedrich Nietzsche, wenn er beispielsweise sagt, dass er nötig hat, sich nach der Berührung mit religiösen Menschen die Hände zu waschen, damit provokativ auf seine Religionskritik hinweisen will.

Wie soll man Gedanken formulieren? Es hängt davon ab, was man damit beabsichtigt. Der Autor muss daher versuchen, sich ausreichend in den Leser einzufühlen.  Da es so viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt, etwas zu interpretieren oder abstrakte Begriffe zu verstehen, ist dies schlussendlich wohl ein unmögliches Unterfangen.
Wie soll man Diskussionen führen? Mit einem übergroßen Maß an Höflichkeit, ohne persönliche Angriffe und Betroffenheit, mit Ernsthaftigkeit, mit Respekt und dem Bestreben, auf Missverständnissen nicht herumzureiten, sondern sie so schnell als möglich auszuräumen. Eine wahrhaftige Diskussion steht unter dem Stern Joseph Jouberts:

„Nicht Sieg sollte der Sinn einer Diskussion sein, sondern Gewinn.“

Liebe Grüße,
Mahiat

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