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Der Wanderer

19/09/2011

Beginn des von mir in X veröffentlichten Textes.

Reuel rannte durch Geäst und Büsche, jagte an Bäumen und Tieren vorbei, stets auf der Suche nach dem Himmel. Nur allzu bald hatte er ihn gefunden. Doch war er nicht allein. Geschützt von Strauch und Blatt spähte er auf die Lichtung und sah dort ein loderndes Feuer und einen jungen Reisenden, der es offenbar entzündet hatte. Mit frohem Gesicht und ausgelassen tanzte er um das flackernde Licht, und die Funken sprühten. Ein Freudentanz des Lebens, gewiss, eine Feier des Glücks musste dies sein. Doch viel zu hastig tanzte der Wanderer, viel zu schnell. Bald besessen, bald verloren drehte er sich schwerelos im Strudel der Leere, und Reuel musste ihn schreien und weinen hören.

Müde, übel und voller Schwindel fiel der Mann auf den Boden und hielt inne, drehte sich auf den Rücken und besah die Kunst der Sterne, die ihn umgab, besah auch den schwarzen Sand und das graue Meer und ward ganz still, um der trügerischen Stille der Nacht zu lauschen. Gleich richtete er sich auf, zuerst langsam, dann getrieben, und säuberte rasch seinen Mantel vom Sand, bevor er zügig Richtung Feuer schritt. Reuel wollte ihm zurufen, ihn warnen, doch der Reisende kümmerte sich nicht. Wieder sprühten die Funken, grün, blau, auch rot loderte es jetzt auf, und der junge Trauernde legte sich in die Glut. So sprühte nichts mehr, loderte nichts mehr, und mit dem Leben des Wanderers erlosch auch das Feuer. […]

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From → Auszüge

4 Kommentare
  1. Das hat was: geheimnisvoll und die Fantasie anregend. Seltsam fand ich bei diesen Zeilen nur das Meer. Reuel ist ja durch Geäst und Büsche gerannt, ich habe mir dazu kein Meer vorgestellt. Aber vielleicht ist dies in einem anderen Teil der Geschichte noch beschrieben. Wirklich poetisch der Schlussatz. Dieser Auszug hat mich neugierig gemacht.

  2. Hallo!
    Danke für das Feedback.
    Der Text ist ein Auszug eines Traumes des Protagonisten Reuel, was die surrealen Elemente erklären dürfte. In meiner Vorstellung befindet er sich auf einer relativ kleinen Insel im Meer, die beinahe zur Gänze von Dschungelgestrüpp überzogen ist. Es freut mich, dass Ihre Fantasie angeregt wurde und Sie ein Bild von der Szenerie hatten. : )

    Liebe Grüße,
    Mahiat

  3. Anonymous permalink

    Ich fände es schön, wenn dies ein Auszug aus einem Roman wäre, der genau so surreal bleibt 🙂

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  1. Am Friedhof « Nachtliteratur

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