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Zur Religion

15/09/2011

Ich bin ein Mensch, der gerne Anteil an angeregten Diskussionen nimmt. Seit Jahren bin ich mit dieser Absicht im Internet aktiv und habe viele Erfahrungen, ja auch rhetorische Fähigkeiten gesammelt. Mir fällt auf Anhieb kaum eine Problematik ein, zu der ich mir noch nie im Rahmen eines Streitgesprächs Gedanken gemacht hätte.
Es gibt kein Thema, das diesen Erlebnissen nach die Gemüter in Diskussionen mehr erhitzen kann, als die Religion. Darum habe ich mir überlegt, ob es klug ist, diesen Blog gleich zu Beginn mit einem religionskritischen Artikel zu belasten. Ein aktueller Anlass, mein baldiger Kirchenaustritt nämlich, soll aber Grundlage dafür sein, dass ich hier zumindest das grobe Schema meiner Argumentation darlege.

Ich bin kein gläubiger Mensch. Es ist nicht allein der Inhalt des religiösen Glaubens, den ich für falsch und irreführend halte, das Glauben per se stoßt mich ab.
Wer in religiösem Sinne glaubt, hat eine tiefe, emotionale Überzeugung. Er hat die Überzeugung, dass das, woran er glaubt, die Wahrheit ist. Dieser Glaube ist nicht argumentativ, da er aber auch nicht widerlegt werden kann, hat er seit Jahrtausenden Bestand. In einer Religionsgemeinschaft, der katholischen Kirche beispielsweise, wird der Glaube dogmatisch. Der Gläubige hinterfragt nicht und zweifelt nie an religiöser Wahrheit.
Die empirischen Wissenschaften beschäftigt sich nicht selten mit denselben Fragen nach Wahrheit, wie die Religion es tut. Die Empirie wird hier zur Methode. Man sammelt Informationen über eine gewisse Gegebenheit, und wenn es Veranlassung dazu gibt, postuliert der Wissenschaftler eine Hypothese. Diese Hypothese gilt dann in der Wissenschaft nicht als wahr. Sie hat eine gewisse Gültigkeit, das bedeutet, dass man umso mehr von ihrem Wahrheitsgehalt ausgeht, je schwerer es fällt, sie zu widerlegen. Daher gilt sie erst dann definitiv als falsch, wenn sie mit empirischen Methoden widerlegt wurde. In der Wissenschaft hat im Übrigen Funktionalität eine größere Priorität als Wahrheit. Eine wissenschaftliche Hypothese, die funktioniert, hat für uns große Bedeutung. Am Beispiel: Die Relativitätstheorie funktioniert,  um essentielle Gegebenheiten unseres Universums zu beschreiben, doch Albert Einstein selbst ging davon aus, dass sich in Jahrhunderten eine Theorie finden wird, die eine höhere Funktionalität hat, mit der noch mehr Gegebenheiten des Seins erklärt werden können. Man könnte sagen, dass diese Theorie dann der tatsächlichen, vielleicht für den Menschen unerreichbaren Wahrheit noch mehr entsprechen würde, als es die Relativitätstheorie tut.

Friedrich Nietzsches berühmter Satz „Gott ist tot! Und wir haben ihn getötet.“ befasst sich mit den Schwierigkeiten, die entstehen, wenn Wissenschaft und Religion aufeinandertreffen. Bereits zu seinen Lebzeiten hatten die Erkenntnisse der Naturwissenschaften religiöse Wahrheiten aus empirischer Sicht unhaltbar gemacht. Der Mensch hatte, wenn man es so ausdrücken möchte, so viel Wissen über diese Welt erlangt, dass er die Idee von Gott getötet hat.
Durch die Geschichte hindurch sind religiöse Weltbilder an der Wissenschaft zerbröckelt, von Gallileo über Darwin hin zu Einstein und zu modernen Naturwissenschaften, beispielsweise der Neurologie. Um meinen Atheismus und meinen ontologischen Materialismus anständig zu begründen, würde ich aber einen eigenen Artikel benötigen. Ich will darauf hier nicht näher eingehen.

In Fragen, die von Naturwissenschaften nicht geklärt werden können, unterscheidet sich der religiöse Gläubige strikt vom Philosophen. Der Philosoph bezieht Position und argumentiert diese (den ontologischen Materialismus beispielsweise auch mithilfe der Naturwissenschaften), und verlässt sie wieder, wenn sie ihm durch Gegenargumente unhaltbar erscheint. Der wahrhaft Gläubige, hat er einmal Position bezogen, verlässt diese nicht mehr, hinterfragt sie nicht, zweifelt nicht daran. Die Religion wird auch Metaphysik des Volkes genannt. Sie liefert auf Metaphysisches und auf Sinnfragen Antworten, an denen die Menschen Gefallen finden. Die Gottesidee, die Idee der ewigen Glückseeligkeit, das sind Vorstellungen, an die Menschen im Laufe ihres Lebens emotional gebunden werden. Gläubige rechtfertigen ihren Glauben und bestreiten etwaige Diskussionen daher meinen Erfahrungen nach oftmals auf sehr emotionale Art und Weise.
Neben dem metaphysischen  Weltbild wird von Religionen und religiösen Institutionen immer auch eine ethische Lehre vermittelt, die mit ihrer Weltanschauung in unmittelbarem Zusammenhang steht. Eine Errungenschaft der Religionen ist es gewiss, dass sich auf diesem Wege der soziale Gedanke der Nächstenliebe in der Gemeinschaft verbreitet hat. Die Geschichte aber zeigt uns, dass die religiöse Moral wandelbar, die Lehren interpretierbar und die Massen manipulierbar sind. Mit dem Mittel der Gottesfurcht wurden Menschen zu abscheulichen Taten gezwungen, im Namen Gottes wurden Kriege geführt und Menschen ermordet. Die Kreuzzüge sind ein dunkler Fleck auf der ohnehin unreinen Weste der Kirchengeschichte.
Ein wichtiger Eckpfeiler meiner Religionskritik ist die Beraubung des aufgeklärten, eigenständigen Denkens der Gläubigen. Oftmals halten jene das für gut und richtig, das für böse und falsch, was ihnen als solches von religiöser Obrigkeit präsentiert wird. Oftmals wird die Nächstenliebe nicht aufrichtig gelebt, sondern von religiöser Obrigkeit unter Androhung  von Strafe diktiert. Ich sage „Oftmals“, und möchte hiermit darauf Bezug nehmen, dass ich selbst religiöse Menschen kenne, die durchaus zu aufgeklärtem, eigenständigem Denken fähig sind. Ich sage aber auch „Oftmals“, um deutlich zu machen, dass der gewöhnliche Gläubige es in meinen Augen nicht ist. Die religiösen Institutionen, und das liegt in deren Wesen, haben eine dogmatische und diktatorische Struktur.

Man wird mir Recht geben, wenn ich darauf hinweise, dass Religion in der Politik nichts verloren hat. Ich bin mir aber darüber im Klaren, dass viele Menschen in ihrer Religion einen Leitfaden und eine Stütze für ihr Leben gefunden haben. Ich wüsste nicht, wieso ich mich daran stören sollte, und akzeptiere eine tolerante und vor allem private Ausübung von Religiosität und Theismus selbstverständlich. Allein verstehen kann ich nicht, wie in seltenen Fällen sogar gebildete Menschen heutzutage noch mit Überzeugung an religiöse Metaphysik glauben können. Doch dies ist mein Problem, nicht Ihres, werter Leser.

LG, Mahiat

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9 Kommentare
  1. Ich kann dem nur zustimmen

  2. Ingo1971 permalink

    Die empirischen Wissenschaften beschäftigt sich nicht selten mit denselben Fragen nach Wahrheit, wie die Religion es tut. Die Empirie wird hier zur Methode. Man sammelt Informationen über eine gewisse Gegebenheit, und wenn es Veranlassung dazu gibt, postuliert der Wissenschaftler eine Hypothese. Diese Hypothese gilt dann in der Wissenschaft nicht als wahr. Sie hat eine gewisse Gültigkeit, das bedeutet, dass man umso mehr von ihrem Wahrheitsgehalt ausgeht, je schwerer es fällt, sie zu widerlegen. Daher gilt sie erst dann definitiv als falsch, wenn sie mit empirischen Methoden widerlegt wurde. In der Wissenschaft hat im Übrigen Funktionalität eine größere Priorität als Wahrheit. Eine wissenschaftliche Hypothese, die funktioniert, hat für uns große Bedeutung. Am Beispiel: Die Relativitätstheorie funktioniert, um essentielle Gegebenheiten unseres Universums zu beschreiben, doch Albert Einstein selbst ging davon aus, dass sich in Jahrhunderten eine Theorie finden wird, die eine höhere Funktionalität hat, mit der noch mehr Gegebenheiten des Seins erklärt werden können. Man könnte sagen, dass diese Theorie dann der tatsächlichen, vielleicht für den Menschen unerreichbaren Wahrheit noch mehr entsprechen würde, als es die Relativitätstheorie tut.

    Dass ich Dir jetzt hier schreibe ist zweifelsfrei wahr. Und es wird von nun an bis in alle Ewigkeit wahr sein. Und es wird schon wahr gewesen sein bevor Du es liest und längst wenn alle Wissenschaft vergessen ist wird es immer noch wahr sein dass ich Dir geschrieben habe.
    Wenn also die Wissenschaft unfähig ist solche Wahrheiten zu entdecken ist sie banal und reicht lediglich für die Weltanschauung eines ‚Trolles‘ aber doch nicht für aufrichtige Menschen. 😉
    Das sollte keine Beleidigung sein aber so sehe ich das nun mal.

    Der wahrhaft Gläubige, hat er einmal Position bezogen, verlässt diese nicht mehr, hinterfragt sie nicht, zweifelt nicht daran.

    Das stimmt nun überhaupt nicht.Lediglich sind die meisten Dinge schon tausende male in den letzten zweitausend Jahren durchgekaut worden. Es fängt ja auch nicht jeder an die Welt zu umsegeln nur um sich zu beweisen dass sie rund ist. Man glaubt es und hinterfragt es meist gar nicht mehr wenn man genug davon gehört hat.

    Mit dem Mittel der Gottesfurcht wurden Menschen zu abscheulichen Taten gezwungen, im Namen Gottes wurden Kriege geführt und Menschen ermordet. Die Kreuzzüge sind ein dunkler Fleck auf der ohnehin unreinen Weste der Kirchengeschichte.

    In den letzten Jahrhunderten weitaus abscheulichere Kriege im Namen von allem möglichen was nicht Religion ist geführt. Wenn Du das aber alles deswegen ablehnen willst bleibt Dir nicht viel mehr übrig. 🙂

    Ein wichtiger Eckpfeiler meiner Religionskritik ist die Beraubung des aufgeklärten, eigenständigen Denkens der Gläubigen. Oftmals halten jene das für gut und richtig, das für böse und falsch, was ihnen als solches von religiöser Obrigkeit präsentiert wird.

    Da gebe ich Dir Recht. Allerdings meine ich die Ursachen liegen eher in der Bequemlichkeit der Menschen als in der Religion. Und auch dass man so schön die Verantwortung abschieben kann.

    Man wird mir Recht geben, wenn ich darauf hinweise, dass Religion in der Politik nichts verloren hat. Ich bin mir aber darüber im Klaren, dass viele Menschen in ihrer Religion einen Leitfaden und eine Stütze für ihr Leben gefunden haben.

    Also wenn man mal Religion wie jede andere Weltanschauung betrachtet wird sich dies kaum hundertprozentig trennen lassen. Lediglich sollte imho am Ende nicht die eine Anschauung/Religion die andere unterdrücken.

    Allein verstehen kann ich nicht, wie in seltenen Fällen sogar gebildete Menschen heutzutage noch mit Überzeugung an religiöse Metaphysik glauben können.

    Wie zu allen anderen Zeiten auch. Blaise Pascal, einer der gebildetsten Menschen seiner Zeit, schreib dass es nicht viele religiöse Menschen gäbe zu seiner Zeit. Das war vor 350 Jahren. Er selber war hoch religiös und hat sehr gute Dinge geschrieben.

  3. Zuallererst: Ich freue mich, dass sich hier Leute finden, die meine Artikel kommentieren. Das ist eine gute Form des Feedbacks, und ich danke dafür.

    Zu Ingo1971:

    „Dass ich Dir jetzt hier schreibe ist zweifelsfrei wahr. Und es wird von nun an bis in alle Ewigkeit wahr sein.“

    Sie werden über diese Antwort erstaunt sein, aber das ist so nicht richtig. Es gibt eine philosophische Position, die sich Skeptizismus nennt. Es ist schwer, dies in wenige Worte zu fassen, aber ich will es versuchen:
    Es herrscht heutzutage der philosophische Konsens, dass man sich in so gut wie keiner Frage der Wahrheit völlig gewiss sein kann. Wir wissen, dass unsere Sinneswahrnehmungen trügerisch sind, und es könnte daher sein, dass unsere Umwelt so, wie sie uns erscheint, gar nicht existiert. Beispiel: Um zu beweisen, dass ein Tisch tatsächlich existiert, reicht es nicht, dass wir ihn sehen und angreifen können. Wir können einfach nicht hundertprozentig sicher sein. Der Film „Matrix“ greift dieses Thema auf, und die gesamte philosophische Erkenntnistheorie begründet ihren Ursprung darin. Was können wir wissen? Die Antwort nach Jahrhunderten des Denkens lautet: Nichts mit Sicherheit. Wissenschaftler sind sich dieser fundamentalen Tatsache bewusst und arbeiten mit diesem Hintergedanken.
    In diesem Sinne: Ich kann tatsächlich nicht sicher sein, ob Sie mir einen Kommentar geschrieben haben, aber es wäre nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht töricht von mir, nicht davon auszugehen.

    „Das stimmt nun überhaupt nicht.“

    Man mag die von mir gewählte Formulierung bemängeln, aber dass es überhaupt nicht stimmt, ist falsch. Dem wahrhaft religiösen Gläubigen ist es aus mancher Sicht schlicht verboten, Gott und andere religiöse Dogmatik in Frage zu stellen oder daran zu zweifeln. Würde er es tun, würde er nach manchen Maßstäben der Kirche gar nicht mehr als gläubig gelten. Und das ist eben der Punkt: In dieser Sichtweise würde ein wahrhaft Gläubiger Gott niemals in Frage stellen oder an ihm zweifeln. Dass hier ein entscheidender Unterschied zu Philosophen vorliegt, darauf möchte ich nochmals hinweisen. Ich hoffe, jetzt wurde klarer, was ich damit meinte.

    „In den letzten Jahrhunderten weitaus abscheulichere Kriege im Namen von allem möglichen was nicht Religion ist geführt.“

    Das ist völlig richtig, ändert jedoch nichts an meiner Aussage.

    „Allerdings meine ich die Ursachen liegen eher in der Bequemlichkeit der Menschen als in der Religion. Und auch dass man so schön die Verantwortung abschieben kann.“

    Ja, sicherlich auch ein wichtiger Punkt. Gute Anmerkung.

    „Lediglich sollte imho am Ende nicht die eine Anschauung/Religion die andere unterdrücken.“

    Auch hier stimme ich zu.

    „Blaise Pascal, einer der gebildetsten Menschen seiner Zeit, schreib dass es nicht viele religiöse Menschen gäbe zu seiner Zeit.“

    Ja, ich schätze Pascal. Ich finde schade, dass seine religionsbedingte Askese ihn zugrunde gerichtet hat, und kann auch seinen Glauben schwer nachvollziehen. Mir ist zwar die Pascalsche Wette bekannt, aber die kann für eine derartige Überzeugung nicht Grund genug sein.
    Ich wollte mit der Aussage implizit auch hervorheben, dass heutzutage sicherlich mehr gebildete Menschen ohne Religion leben, als dies früher der Fall war. Der Fortschritt der Wissenschaften ist meiner Ansicht nach Grund dafür.

    LG, Mahiat

    • Ingo1971 permalink

      Es ist schwer, dies in wenige Worte zu fassen, aber ich will es versuchen:
      Es herrscht heutzutage der philosophische Konsens, dass man sich in so gut wie keiner Frage der Wahrheit völlig gewiss sein kann. Wir wissen, dass unsere Sinneswahrnehmungen trügerisch sind, und es könnte daher sein, dass unsere Umwelt so, wie sie uns erscheint, gar nicht existiert.

      Noch schwerer würde es wenn Du nun versuchen wolltest wieder zu der von Dir zu vor erwähnten Empirie zu kommen. 😀
      Spaß beiseite aber das ist doch wahrlich nur ein Lückenbüßer-Argument. So denkt und lebt doch keiner weil dies jede Argumentation, jede Diskussion und jedes Nachdenken für Absurd erklären muss. „Ich denke also bin ich“. Ich kommuniziere also ist noch mehr. Letzteres ist von mir, glaube ich. 😉

      Beispiel: Um zu beweisen, dass ein Tisch tatsächlich existiert, reicht es nicht, dass wir ihn sehen und angreifen können.

      Aber man muss imho davon ausgehen dass es eine Wahrheit gibt weil man sonst gar nicht eine tatsächlichen Existenz in Frage stellen könnte. Irgend eine Ahnung von Wahrheit, Richtig oder Wirklichkeit muss vorliegen. So zusagen als Prüfmuster.

      Ja, ich schätze Pascal. Ich finde schade, dass seine religionsbedingte Askese ihn zugrunde gerichtet hat

      Pascal war von Kindheit an körperlich krank.

  4. „So denkt und lebt doch keiner weil dies jede Argumentation, jede Diskussion und jedes Nachdenken für Absurd erklären muss.“

    Das ist richtig, deshalb sagte ich, dass Wissenschaftler es nur als Hintergedanken haben. Allgemeiner Usus ist es, etwas, das eine funktionale Validität aufweist, als gültig zu bezeichnen und zu betrachten. Dazu unten mehr.
    Es ist aber schlicht eine Einstellungssache. Wer als Wissenschaftler davon ausgeht, dass gegenwärtige Theorien und gefasste Hypothesen der tatsächlichen Wahrheit entsprechen, hemmt den Forschergeist und macht einen Fehler, der in der Wissenschaftsgeschichte oft begangen wurde.
    Ich möchte das mit einem Beispiel aus der Mathematik erläutern. Es gibt dort Aussagen über Zahlen (bspw. über Primzahlen), die noch nicht bewiesen werden konnten und vielleicht auch nicht bewiesen werden können, die aber für eine gigantische Menge an Zahlen überprüft wurden. Es wurde keine Zahl gefunden, bei der die Aussage unrichtig wäre. Man hat daher die starke Vermutung, dass die Aussage auf alle Zahlen zutrifft. Wir können aber nicht hundertprozentig sagen, dass das der Fall ist. Das können wir erst, wenn es einen Beweis gibt.
    Die Mathematik ist eine Formalwissenschaft. In Naturwissenschaften ist jede Theorie eine derartige Vermutung, die tatsächlich nicht vollständig bewiesen werden kann. Wir nehmen trotzdem ihre Gültigkeit an, solange sie funktioniert und kein Gegenbeispiel gefunden wird.

    Dass man sich keiner Sache wirklich gewiss sein kann, das sollte man in seinem Leben bei jeder Angelegenheit im Hinterkopf haben. Das Nachdenken wird dadurch nämlich nicht prinzipiell ad absurdum geführt, man ist vielmehr dazu in der Lage, sich selbst zu relativieren und Dinge besser von unterschiedlichen, und, Sie sagen es, auch manchmal von absurden Aspekten aus zu betrachten. Das ist ein Zeichen von großer Aufgeschlossenheit und Offenheit und dem Tunnelblick eine Kampfansage.

    „Aber man muss imho davon ausgehen dass es eine Wahrheit gibt weil man sonst gar nicht eine tatsächlichen Existenz in Frage stellen könnte.“

    Ja, ich bin derselben Ansicht. Auch ich denke, dass die Frage „Existiert dieser Tisch?“ auf jeden Fall eindeutig beantwortet werden kann, ebenso jede Frage über seine Beschaffenheit und über die Beschaffenheit anderer Dinge. Ich meine also, dass es eine absolute Wahrheit in ontologischen Fragen gibt, ich weiß nur nicht, ob wir Menschen dazu imstande sind, sie jemals zu erkennen, oder ob wir sie vielleicht in mancher Frage schon erkannt haben.

    „Pascal war von Kindheit an körperlich krank.“

    Dann war die Askese seiner Gesundheit wohl nicht gerade förderlich.

    LG, Mahiat

  5. Richardt permalink

    Zuallererst mal lobende Worte: ich finde deinen Blog hier gut, du schreibst in gewählten Worten und bist sicherlich ein eher nachdenklicher Mensch…
    Eines stört mich aber sehr (zumal du Mathematik und Philosophie studierst – ich studiere auch Philosophie… Allaussagen in solch verletzlichen, zerbrechlichen, für manche Menschen immens wichtigen Themen kommen nicht so gut rüber, auch wenn du die folgende Aussage vielleicht ein wenig differenzierter sehen magst: Es handelt sich um deinen Satz:
    „Der Gläubige hinterfragt nicht und zweifelt nie an religiöser Wahrheit.“ Der erste Teil des Satzes ist an sich eine These deinerseits, wird aber von dir dargestellt, als wäre hier nichts mehr zu hinterfragen..
    Selbst ein Gläubiger hinterfrägt, zweifelt und reflektiert bestimmte Ansätze und Dogmen.

    Alles Gute und danke für diese schöne Seite..
    Vielleicht hast du ja mal Zeit für eine Rückmeldung (nächtens;)

    Richardt

  6. Hallo Richardt,
    über die von dir erwähnte Aussage habe ich in der bisherigen Diskussion bereits gesprochen, denn auch Ingo1971 fühlte sich irritiert und wollte genauer wissen, was ich denn damit meine. Ich kopiere dir die Antwort, die ich ihm gab:

    „Man mag die von mir gewählte Formulierung bemängeln, aber dass es überhaupt nicht stimmt, ist falsch. Dem wahrhaft religiösen Gläubigen ist es aus mancher Sicht schlicht verboten, Gott und andere religiöse Dogmatik in Frage zu stellen oder daran zu zweifeln. Würde er es tun, würde er nach manchen Maßstäben der Kirche gar nicht mehr als gläubig gelten. Und das ist eben der Punkt: In dieser Sichtweise würde ein wahrhaft Gläubiger Gott niemals in Frage stellen oder an ihm zweifeln. Dass hier ein entscheidender Unterschied zu Philosophen vorliegt, darauf möchte ich nochmals hinweisen. Ich hoffe, jetzt wurde klarer, was ich damit meinte.“

    Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass es Menschen gibt, die sich selbst als gläubig und religiös bezeichnen und Gott und andere religiöse Dogmatik schon oft hinterfragt und angezweifelt haben, sich in diesem Sinne von Gott also auch schon oft ein „Bild“ gemacht haben. Dass derart aufgeschlossene Gläubige aber nach manchen (durchaus relevanten) Maßstäben gar nicht als gläubig gelten, dass in gewissem Sinne Glaube und Skepsis schlicht Widerspruch sind, das war es, was ich implizit zum Ausdruck bringen wollte. In diesem Sinne habe ich vom wahrhaft Gläubigen gesprochen, und in diesem Sinne handelt es sich auch nicht um ein pauschales Urteil. Ich dachte zu Anfang, dass das (auf welche Gläubige und auf welche Form des Glaubens ich mich im Konkreten beziehe) durch das Gesamtbild meines Artikels gewiss deutlich wird, habe mich aber offenbar geirrt, da diese eine spezielle Formulierung nun schon von zwei Personen bemängelt wurde.
    Das Thema Religion ist, wie ich auch im Artikel bereits sagte, für viele Menschen mit Emotionalität verbunden, und man kann nur die wenigsten Dinge auf eine Weise formulieren, so dass sich niemand auf die Füße getreten fühlt. Es war mir ein Anliegen, den Artikel so sachlich wie möglich zu gestalten. Ich glaube auch, dass mir dies im Großen und Ganzen gelungen ist.
    Trotzdem: Gibt es noch weitere Aussagen, die ich näher erklären sollte?

    Danke für das positive Feedback und liebe Grüße,
    Mahiat

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