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Die Farben der Blätter

14/09/2011

Ferdinand betrat die Bank durch eine hohe und schwere Türe und sah die Menschenmengen, die in Ruhe auf ihr Geld warteten, und die Bediensteten hinter den Schaltern, die emsig ihrer Beschäftigung nachgingen und dies mit einer lobenswerten Ordentlichkeit und einer bedeutenden Anständigkeit vollzogen. Zufrieden betrachtete er diese Umgebung und war recht angetan von der vernünftigen Konsequenz, mit der all diese Personen ihre Geschäfte durchführten. Ebenso ernst und kontrolliert wollte er wirken und reihte sich mit leerem Blick in die Schlange ein, freilich ganz hinten, wie sich das gehörte. Welch schönes Vergnügen es ihm doch bereitete, ein gesitteter Bürger aus gutem Hause zu sein, und dies ohne jede Schwierigkeit! So glücklich war er über sein wohlgeordnetes Leben, das frei war von jedem unerhörten Geschehen und jedweder Turbulenz, so froh, er hätte es niemandem sagen, und niemand hätte es aus seinem versteinerten Gesicht erraten können.
Nachdem er als junger Mann, ausgestattet mit einem beträchtlichen Erbe, sich in dieser Stadt niedergelassen hatte und sein Leben mit den seriösen Verpflichtungen zubrachte, denen er als Postbeamter nachzukommen hatte, wollte er sie nicht mehr verlassen. Überhaupt war ihm Fremdes und Ungewohntes zuwider. So hatte er stets auf Reisen verzichtet und war nicht unglücklich, der Ferne immer fern geblieben zu sein. Selbstredend hätte er, als der wohlhabende Mensch, der er immer schon gewesen war, nicht mit den Unannehmlichkeiten des täglichen Werkes kämpfen müssen, nicht mit dieser Last, die doch seiner Ansicht nach für Leute geringen Ansehens bestimmt war. Diese Menschen wurden, so dachte Ferdinand, gewiss nicht ohne Grund in ein derart schlechtes Leben geboren und hatten es demnach zu Recht mit der Angst zu führen, das täglich Brot werde eines Tages nicht mehr auf dem Tisch sein. Ferdinand war religiös und hatte also seinen Glauben an eine übersinnliche Gerechtigkeit nie verloren. Doch litt er auch unter der Befürchtung, man könnte ihn der Faulheit bezichtigen, würde er tatsächlich seine Beschäftigung aufgeben. Ein Mann hatte schließlich zu arbeiten. Mit Freude bemerkte er allerdings, dass er von seinen Mitmenschen umso mehr geschätzt wurde, weil er dies aus freiem Stücke tat und ihn keine Not dazu drängte. Gleichermaßen bereitete es ihm eine unsägliche Lust, dieser täglichen Routine Folge leisten zu dürfen, und auch, wenn ihn oft die Schwermut plagte und er die unfeine Überlegung dachte, in seinem Alter die Arbeit doch sicherlich niederlegen zu können, ohne gesellschaftliche Ächtung erfahren zu müssen, so war er sich im Herzen gewiss, kein anderes Leben führen zu wollen. Selbst an einem freien Tage, wie es denn der heutige einer war, unterwarf er sich unablässiger Planung und gestattete keine Zufälligkeiten. Eine Frau hatte Ferdinand nie finden können, denn der Umgang mit Menschen war ihm schon immer äußerst schwer gefallen. So liebte er die Einsamkeit und verkehrte mit anderen nur, wenn das Geschäft es erforderte. Allzu gerne unternahm er jedoch ausgedehnte Spaziergänge durch den hiesigen Park, und obgleich die Menschen ihm wenig am Herzen lagen, so begegnete er Bekannten stets mit überschwänglicher Höflichkeit, denn niemand sollte schlecht von ihm denken.

Ferdinand verließ befriedigt die Bank, hielt einer alten Dame die Tür auf, bevor er seinen Hut zog und sie mit einer kleinen Verbeugung begrüßte. Nun, da das Geschäft erledigt war, unternahm er einen seiner kleinen Spaziergänge, und ging ins Grüne, ernsten Blickes, doch schlendernd. Bereits nach wenigen Minuten war es ihm der Anstrengung genug und eilig suchte er Platz zur Rast, setzte sich also zu einem kleinen Mädchen, das auf einer schmucklosen, hübschen Holzbank verweilte und zeichnete. Nun war es Zeit für eine Zigarette, dachte Ferdinand, und zündete den Tabak sogleich an, den er sich genau fünfmal am Tage erlaubte. Während er, ohne zuviel zu genießen, den Rauch in die Luft blies, besah er die Zeichnung des kleinen Mädchens. Ein ganz und gar unschöner Baum war da zu sehen, ungerade, ja nicht mal zum Himmel wachsend, mit viel zu vielen Ästen, und die Blätter in allen möglichen Farben bemalt. Recht angewidert verzog Ferdinand das Gesicht, und, auch gegen seinen Willen, ließ er sich dennoch zu einer Äußerung hinreißen.
„Aber Kind, wieso bemalst du denn die Blätter rot, und braun, und sogar bläulich? Blätter sind doch grün, und sollen grün sein, und grün bleiben.“
Das Mädchen sah nicht auf, sondern sagte mit lauter, piepsender und schneller Stimme: „Du kennst doch gar keine Blätter.“
Ferdinand war verblüfft ob dieser verstörenden Antwort und wollte schon über diese anmaßende Respektlosigkeit schimpfen, beließ es dann aber bei einem Kopfschütteln.
„Mein liebes Mädchen, ich bin schon lang genug auf dieser Welt, um dir versichern zu können, dass es nur grüne Blätter gibt. Es ist sehr verwunderlich, welch ausschweifende, blühende Fantasie ihr Kinder doch habt.“
Und plötzlich stand das Mädchen unbeirrt auf und rannte zu einem Baum, las ein Blatt von dessen Wurzel auf, und rannte wieder zurück, ohne es anzusehen, doch um es mit einem wunderschönen Lachen und mit Stolz Ferdinand entgegenzustrecken.
„Ich schenk es dir.“
Das Blatt trug die Farben des Herbstes.

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