Zum Egoismus
Ich habe mich mit dem Text “Eigeninteresse und allgemeines Wohl” des von mir hochgeschätzten Mathematikers und Philosophen Bertrand Russell befasst, in dem er den Egoismus und alle erdenklichen Auffassungen davon kritisiert. Seine wichtigste These lautet, dass die Ansicht, wonach alle Menschen mit psychologischer Notwendigkeit immer und ausschließlich ihr eigenes Wohl verfolgen, mit unserer Erfahrung und unserem Wissen über die menschliche Natur nicht vereinbar ist. Diesem Punkt kann ich mich anschließen. Auch seine Schlussfolgerung, wonach in Situationen, in denen das Eigeninteresse in Konflikt mit dem allgemeinen Wohl gerät, stets eine Handlung zugunsten des allgemeinen Wohles gesetzt werden sollte, finde ich ansprechend. Allerdings möchte ich mich in diesem Blogbeitrag nun einmal genauer mit einem Thema beschäftigen, das ich in “Zur dritten Welt” bereits kurz angesprochen habe.
“In der Triebhaftigkeit aller Lebewesen liegt der Grund dafür, dass es uns schlichtweg nicht möglich sein kann, eine altruistische Handlung zu setzen, in deren Motivation sich nicht irgendeine völlig offenkundige oder zumindest von egoistischer Hoffnung genährte Absicht, oder ein fehlgeleiter Irrglaube finden ließe, selbst einen Vorteil daraus zu ziehen.”, das habe ich in oben verlinktem Artikel geschrieben. Ich möchte zuallererst eine klare Unterscheidung treffen bezüglich der Motivation einer Handlung und ihrer Folgen. Eine Handlung kann Folgen haben, die das Wohl anderer befordern, die das eigene Wohl befördern oder die sowohl das Wohl anderer als auch das eigene befördern. Ein Motiv einer Handlung ist egoistisch, wenn der Handelnde damit beabsichtigt, sein eigenes Wohl zu befördern, und altruistisch, wenn der Handelnde damit beabsichtigt, das Wohl anderer zu befördern. Wir sehen, dass eine egoistisch motivierte Handlung rein altruistische Konsequenzen haben kann, und umgekehrt, dass diese Unterscheidung also notwendig ist, weil kein unmittelbarer Zusammenhang besteht.
Nun gebe ich Russell wie erwähnt Recht, wenn er meint, dass wir nicht ausschließlich egoistisch motiviert handeln. Den meisten Menschen liegt etwas am Wohlergehen anderer, die wenigsten sind nur auf sich selbst bedacht. Für mich interessanter ist die Frage, ob es irgendeine Handlung gibt, die ein Mensch zu setzen in der Lage ist, ohne dabei auch nur ansatzweise an sein eigenes Wohl zu denken, ob es also irgendeine Handlung gibt, die ein Mensch durchführen kann, während er gleichzeitig frei ist von jedem egoistischen Motiv. Können wir rein altruistisch, absolut selbstlos handeln?
Warum ich der Meinung bin, dass wir dazu nicht in der Lage sind, erkläre ich am besten anhand der Definition des Begriffes “Mein Wohl”, die Russell im Text vorgenommen hat. Er unterschied zwischen (1) Dingen, die wir begehren, und (2) Dingen, die wir begehren, und die darüber hinaus noch in einer anderen Beziehung zu uns stehen. Russell sagt, dass es Dinge gibt, die (1) entsprechen, die wir also begehren und die sonst in keiner Beziehung zu uns stehen. Demgemäß könnten wir uns das Wohl anderer wünschen, ohne uns einen Vorteil davon zu versprechen. Dem steht mein Standpunkt gegenüber. Ich denke nicht, dass es Dinge gibt, die wir begehren und die sonst in keinem Bezug zu uns stehen. Diese Überlegung wurzelt in meiner Wertetheorie, nach der kein Ding von sich aus wertebehaftet ist und jede Wertung einen Wertenden als Bezug braucht. Ebenso ist kein Ding von sich aus begehrenswert. Derjenige, der es begehrt, tut dies aus der Überzeugung, aus der Hoffnung oder aus dem Irrglauben heraus, dass die Erlangung zweckmäßig, also von Vorteil ist, und zwar nicht nur für andere, sondern, was der Punkt ist, auch für ihn selbst. Dieser Vorteil, den der Begehrende sich bewusst oder unbewusst, hoffend oder in falschem Glauben verspricht, muss nicht die alleinige Ursache des Begehrens sein, allerdings gibt es kein Begehren ohne tatsächlichem oder scheinbarem Vorteil, der dahinter steckt oder stecken kann.
Die weitere Diskussion lässt sich also auf folgende Frage reduzieren: Können wir etwas begehren, von dem wir uns keinen Vorteil irgendwelcher Art versprechen? Betrachten wir ein Beispiel: Stellen wir uns eine Situation vor, in der wir über das Schicksal von tausenden Wesen in einer entfernten Welt entscheiden könnten. Es läge gänzlich in unserer Hand und wir bräuchten nicht mehr zu tun, als ein Wort zu sprechen, um alle glücklich zu machen. Hier sieht man sehr schnell, dass der Vorteil auch darin bestehen kann, keinen Nachteil zu erleiden, und sei er noch so gering. Denn selbst, wenn wir diese Wesen nie sehen würden, ja selbst, wenn wir nach der Handlung sofort vergessen würden, was gewesen war, und niemals wieder daran erinnert werden würden, so können wir im Moment des Entscheidens nur mit einer einzigen Lösung glücklich sein, nämlich der, das Schicksal dieser Wesen so schön wie möglich zu gestalten. Zumindest ein Grund dafür, dass wir diese Entscheidung treffen, liegt darin, dass allein die Vorstellung von glücklichen Wesen uns selbst glücklich macht, während die Vorstellung von leidenden Wesen uns selbst leiden lässt. Umso mehr hat das in realistischeren Situationen Geltung, wenn die Erfahrung des Glücks und des Leids anderer Wesen über bloße Imagination hinausgeht, wenn wir beispielsweise mitansehen, wie es anderen aufgrund unserer Handlungen ergeht.
Russell schreibt richtigerweise, dass es nicht wahr ist, dass wir mit psychologischer Notwendigkeit egoistisch motiviert handeln. Jedoch wählen wir mit psychologischer Notwendigkeit stets jene Handlung, von der wir uns das höchste Glück erwarten. Und da wir nur unser eigenes Glück zu messen in der Lage sind, ist es auch stets ein notwendigerweise vorhandenes Kriterium, wenn auch von unterschiedlich wichtiger Bedeutung. In Beispielen der Selbstaufopferung von Menschen spielen Kriterien des Gewissens oder gesellschaftlicher Achtung beziehungsweise Missachtung eine entscheidende Rolle. Selbst wenn jemand alle seine Handlung nach altruistischen Maßstäben ausrichtet, so tut er es zumindest unter anderem deswegen, weil er dies für richtig hält. Menschen sind bekannterweise glücklich, wenn sie ein Leben in Übereinstimmung mit ihren Vorstellungen vom Guten führen, und unglücklich, wenn sie dies nicht tun.
Wir sollten uns vor Augen halten, dass diese Erkenntnis für die Diskussion um die Berechtigung einer egoistischen Lebensweise keine große Rolle spielt. Egoistische Menschen, also Leute, die ausschließlich egoistisch motiviert handeln, haben zumeist nicht verstanden, dass sie dadurch selbst nicht glücklich werden können. Die Gründe dafür sind hier bereits angeführt: Gewissensbisse, gesellschaftliche Missachtung, Erfahrung des selbstverschuldeten Leides anderer, Leben im Widerspruch zu den eigenen Vorstellungen… Altruistisch zu handeln befördert das meiste Glück; und dass wir dies unter anderem auch immer in persönlichem Interesse tun, finde ich nicht problematisch.
Liebe Grüße,
Mahiat
Zur Rechtfertigung ethischer Systeme
Ich lese zurzeit im Rahmen meines Philosophiestudiums einige metaethische Texte, die sich mit der Frage beschäftigen, ob normative Sätze und präskriptive Urteile, also Aussagen, in denen eine ethische Weisung (Vorschrift, Verbot, Erlaubnis) vorkommt, einen Wahrheitsgehalt in üblichem oder nicht üblichem Sinne haben, und die sich zudem mit der damit in Zusammenhang stehenden Schwierigkeit auseinandersetzen, solche Sätze zu rechtfertigen. Zur Metaethik habe ich auf diesem Blog noch zwei andere Beiträge geschrieben, die ich hier erwähnen möchte, nämlich “Zur Ethik” und “Zur moralischen Grundlage“. Der erste Artikel beschäftigt sich mit der Unmöglichkeit, aus der Natur selbst eine Ethik abzuleiten, im zweiten habe ich mir überlegt, auf welcher Basiserkenntnis (in erkenntnistheoretisch fundamentalistischem Sinne) man ein ethisches System aufbauen könnte. Heute möchte ich etwas zur Rechtfertigung und Funktion von Normen schreiben.
Es gibt in der Philosophie seit jeher einen Streit darüber, ob ethische Aussagen einen objektiven Wahrheitsgehalt haben. Die Kognitivisten, die das bejahen, stehen dabei den Nonkognitivisten gegenüber, die es verneinen. Die Kognitivisten müssen erklären, woraus sich ethische Urteile objektiv ableiten lassen. Zu ihnen zählen also beispielsweise Naturalisten, die bestreiten, dass ethische Sätze nicht auf die Natur reduzierbar sind, und die Intuitionisten, die sich auf ihre Intuition berufen, um zu ethischen Ideen zu gelangen, und auf ihre Vernunft, um sie objektiv zu rechtfertigen. Zu den Nonkognitivsten zählen unter anderem sogenannte Emotivisten, nach denen das Vertreten und Verlautbaren präskriptiver Urteile nichts anderes ist als ein Ausdruck von Gefühlen und eigener Einstellung. In erster Linie ist der Nonkognitivist ein Kritiker des Kognitivismus, der die Position vertritt und argumentiert, dass ethische Sätze nicht im mathematischen und nicht im naturwissenschaftlichen, also in keinem üblichen Sinne wahr sein können. Eine strengerer nonkognitivistischer Standpunkt wird von Philosophen vertreten, die der Meinung sind, dass ethische Sätze in gar keinem Sinne wahr oder falsch sein können. Dies ist allerdings eine Position, die seit dem Aufschwung der Normenlogik im Grunde nicht mehr ernsthaft vertreten wird.
Die Position der Naturalisten, also jener Kognitivisten, die behaupten, man könne ethische Sätze auf naturwissenschaftliche reduzieren, muss sich je nach Gestalt und Ausprägung mit starken Gegenargumenten konfrontiert sehen. David Hume beispielsweise bewies, dass sich aus einer widerspruchsfreien Menge deskriptiver (“beschreibender”) Sätze logisch keine gehaltvollen präskriptiven (“vorschreibenden”) Sätze ableiten lassen. Dieses Problem wird “Sein-Sollen Dichotomie” genannt. Wie aus einigen meiner Artikel hervorgeht, bin ich der Meinung, dass in unserer Natur Werte nicht als Tatsachen vorhanden sind, sondern dass es die Lebewesen sind und insbesondere der Mensch, der sie in die Natur der Dinge hineinlegt. Dieselbe Ansicht vertrete ich bezüglich ethischer Systeme. Ich denke, meine Bezeichnungen machen das auch sehr deutlich, habe ich doch auch an mancher Stelle synonym von “moralischen Konstrukten” gesprochen. Wenn wir uns also mit dem Gedanken anfreunden, dass ethische Sätze keine naturwissenschaftlichen Fakten sind, dann folgt daraus, dass die Ethik keine Naturwissenschaft ist. Nun begeht manch einer den Fehler und sagt, dass sie demnach gar keine Wissenschaft sein kann. Überhaupt scheint der Gedanke weit verbreitet zu sein, dass man Recht tut damit, keinen anderen Wahrheitsbegriff zuzulassen, als den streng logischen der Mathematik oder den rein empirischen der Naturwissenschaften. Finden wir allerdings eine Möglichkeit der objektiven Überprüfbarkeit und Rechtfertigung ethischer Normen, so haben wir auch einen validen und wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff für die Ethik gefunden. Eine solche “Verankerung”, die über die subjektive Intuition hinausgeht, gilt es also zu suchen.
In einer meiner Philosophievorlesungen wurde nur kurz ein Vergleich erwähnt, über den ich mir seither viele Gedanken gemacht habe. Die Straßenverkehrsordnung ist ein System aus Normen. Es dient einem bestimmten Zweck, nämlich dem, einen flüssigen und möglichst unfallfreien Verkehr aufrechtzuerhalten. Diesem Zweck entsprechen die Verbote, Gebote und Erlaubnisse, die das Verhalten der Verkehrsteilnehmer regeln sollen. Man kann vernünftige Diskussionen darüber führen, ob eine bestimmte Norm im Sinne dieses Zweckes gerechtfertigt ist, oder ob man sie nicht durch eine geeignetere ersetzen oder, falls sie nicht notwendig ist, streichen könnte. Die Normen der Straßenverkehrsordnung sind nicht im üblichen, bekannten Sinne wahr oder falsch, sie sind sinnvoll oder nicht sinnvoll in Anbetracht des Zweckes, dem sie unterstehen.
Demselben Prinzip entsprechen nicht nur die Gesetze der Straßenverkehrsordnung, sondern sämtliche Rechte, Pflichten und Erlaubnisse, die unser gesellschaftliches Leben regeln. Nun muss man fragen: Welchem allgemeinen Zweck untersteht das Gesetz? Dem, eine Gesellschaft zu ermöglichen, in der möglichst alle ein glückliches Leben führen. Nun hört man den Skeptiker schon fragen: “Warum soll es gut sein, eine Gesellschaft zu ermöglichen, in der jeder ein glückliches Leben führt?” Und natürlich lässt sich diese Frage schwer beantworten, wohl ebenso, wie sich die Frage schwer beantworten lässt, warum es gut sein soll, einen flüssigen und unfallfreien Verkehr aufrechtzuerhalten. Im eingangs erwähnten und verlinkten Artikel “Zur moralischen Grundlage” habe ich mich dennoch damit auseinandergesetzt, hier möchte ich darauf nicht mehr näher eingehen.
Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass der radikale Skeptiker jede Art von Erkenntnis hinterfragen kann, nicht nur die ethische, auch die naturwissenschaftliche. Selbst in der Mathematik muss man mit unmittelbar einleuchtenden Voraussetzungen oder festgelegten Definitionen beginnen, die selbstrechtfertigend sind und nicht von außen begründet werden. Wenn eine solche Vorgehensweise also in der Mathematik und in den Naturwissenschaften gängig ist und zu funktionierenden Ergebnissen führt, so frage ich mich, warum sie nicht auch in der Ethik Anwendung finden kann. Ich halte es für ebenso problematisch oder unproblematisch durch Definition festzulegen: (1) “Es ist gut, wenn Lebewesen glücklich sind.” und (2) “Das, was gut ist, soll sein.”, wie durch Definition festzulegen: “Jede natürliche Zahl n hat einen Nachfolger n+1.”. Wie man in der Mathematik mit der zweiten Definition arbeitet, so kann man in der Ethik mit der ersten arbeiten. Und ganz unabhängig von der nach wie vor nicht uninteressanten und bedeutenden Frage, ob ein axiomatisches Vorgehen dieser Art, egal auf welchem Gebiet, philosophietheoretisch vertreten werden kann, wird es in der präskriptiven Praxis ohnehin angewandt.
Zusammenfassend: Ethische und normative Systeme unterstehen einem Zweck, beispielsweise dem, eine Gesellschaft zu ermöglichen, in der möglichst jeder ein glückliches Leben führen kann. Die von Menschen entwickelten Normen innerhalb des Systems können diesem Zweck gemäß sinnvoll oder nicht sinnvoll, gerechtfertigt oder ungerechtfertigt sein. Unter der Voraussetzung des Zweckes kann man darüber eine rationale, objektive Diskussion führen und Ethik als Wissenschaft betreiben. Beispiele für ethische Systeme sind Rechtssysteme. Die erkenntnistheoretische Diskussion um den Skeptizismus soll nicht insbesondere im Bezug auf das Voraussetzen eines den ethischen Systemen überstehenden Zweckes geführt werden, sondern allgemein auch im Bezug auf das Festlegen von Prämissen in Formalwissenschaften oder im Bezug auf die Bezweifelbarkeit der deduktiven naturwissenschaftlichen Methode.
Liebe Grüße,
Mahiat
Zur Leistungsgesellschaft
In vielen ethischen Fragen taucht die Problematik auf, auf welche Weise man die Anliegen von Menschen berücksichtigen kann, die einen schlechten sozialen Stand haben. Der Ethiker John Rawls (“A Theory of Justice”) beispielsweise spricht von “weniger Begünstigten” und stellt fest, dass diese sich deswegen in ihrer misslichen Lage befinden, weil sie von Natur aus mit ungünstigen Umständen konfrontiert sind oder weil ihr Leben einen unglücklichen Verlauf genommen hat (oder beides). Ich will im heutigen Artikel in erster Linie die Frage stellen, was ideale Voraussetzungen für ein glückliches Leben sind und dann auch darüber sprechen, wie man vermeiden kann, zwei bestimmte Sachverhalte zu verwechseln, die nur allzugern durcheinander gebracht werden.
“Schön”, “intelligent”, “willensstark”, “gut gebaut”, “gesund”, “musikalisch”, “sportlich”, “kreativ”, “teamfähig”, “sozial”, oft auch “jung”, das ist eine Auswahl von jenen Eigenschaften, die wohl viele Menschen nennen würden, würde man sie fragen, was ihrer Meinung nach die Merkmale eines idealen Menschens sind. Es weiß jeder, dass niemand solchen gewiss auch leicht unterschiedlichen Vorstellungen von Perfektion entsprechen kann und dass auch niemand dem entsprechen muss. Viel interessanter als das jedoch ist die Frage, was die Menschen ihren Überlegungen zugrunde legen. Sagt jemand: “Das ist meine Vorstellung eines idealen Menschen.”, dann nimmt er eine Wertung vor. Ich habe schon oftmals festgestellt, dass Wertungen einen Bezug brauchen, und so stellt sich die Frage: Für wen wäre ein solcher Mensch ideal? Ein Mensch kann ideal für sich selber sein, wenn er mit sich im Reinen und mit seinem Leben glücklich ist. Interessanterweise denken aber viele Menschen nicht in erster Linie an diese Auffassung. Werden sie gefragt, welche Eigenschaften der ideale Mensch hat, so verstehen sie es als Frage nach den Merkmalen eines Menschen, der zuallererst einmal ideal für die Gesellschaft, nicht für sich selber ist. Das lässt sich unmittelbar daran erkennen, welche Eigenschaften zuerst genannt werden und ganz oben auf der Liste stehen.
Woran liegt das? Woran liegt es, dass die Eigenschaft, die auf die Frage nach dem idealen Menschen zuerst genannt wird, nicht “glücklich” ist? Es hat mit dem weit verbreiteten Gedanken zu tun, dass Leistung der einzige Weg zum Glücklichsein und daher in erster Linie anzustreben ist. Die Menschen gehen davon aus, dass jemand, der all die von ihnen genannten Eigenschaften hat, selbstverständlicherweise glücklich sein muss; eben, weil er in höchstem Ausmaß leistungsfähig ist. Das ist die Verwechslung, von der ich eingangs gesprochen habe und die in vielen meiner bisherigen Artikel eine große Rolle gespielt hat. Die Menschen verwechseln eine notwendige Bedingung mit einer hinreichenden und opfern ihr also alles. Klar ist: In einer Gesellschaft wie der unsrigen sollte jedes Mitglied bis zu einem gewissen Ausmaß Leistung erbringen, um an ihr teilzunehmen und in ihr gemeinsam mit anderen ein schönes Leben zu führen. Daran gibt es, sofern diese Forderung nur an jene gestellt wird, die de facto auch leistungsfähig sind, nichts auszusetzen. Es ist für das gute und wünschenswerte Funktionieren des außerberuflichen Lebens eine notwendige Bedingung, dass jeder, der dazu in der Lage ist, durch eine Tätigkeit, die seinen Fähigkeiten und Ambitionen möglichst entspricht, einen kleinen Beitrag im Berufsleben leistet. Man würde doch eine Gemeinde von Menschen, in der jeder Leistungsfähige seine Arbeit verrichtet und in der jeder, der aus welchem Grund auch immer nicht zur Leistung fähig ist, trotzdem ein respektvolles Leben führen kann, gewiss nicht als Leistungsgesellschaft bezeichnen.
Nun ist es aber so, dass viele Menschen heutzutage ihre Vorstellungen von der Wichtigkeit der Arbeit zum Anlass nehmen, um ihre gesamte Energie und Zeit in eine Sache zu investieren, die doch im Grunde nur die Funktion hat, einen reibungslosen und wünschenswerten Ablauf des eigentlichen Lebens (in der Leistungsgesellschaft “Erholung” genannt) zu ermöglichen. Man kann dies daran erkennen, in welchem Ausmaß sie andere Leute anhand ihrer beruflichen Stellung und ihres Gehaltes beurteilen und wie sie sich selbst über dieser Kriterien profilieren und ihre Persönlichkeit definieren. Etwas anders sieht die Situation natürlich aus, wenn Menschen aufgrund ihrer Freude an ihrem Beruf viel Energie und Zeit in ihn investieren. Dass Arbeit und das, was ich zuvor das “eigentliche Leben” nannte, dann zum großen Vorteil dieser Leute nicht mehr klar zu trennen sind, veranlasst sie aber oft zur Ansicht, dass das für alle Menschen so sein muss. Ebenso machen sie dann oft den Fehler, die Vorstellungen von der Bedeutung ihrer eigenen Arbeit für ihr Leben auf die Situation anderer zu übertragen.
Ich denke, dass man von einer Leistungsgesellschaft sprechen kann, wenn die Bedeutung der Arbeit ihrer eigentlichen Funktion enthoben wird und wenn die Wichtigkeit der Freizeit als das eigentliche Leben in den Hintergrund rückt. Weiters glaube ich, dass eine solche Vorstellung falsch verstandener oder unangemessen eingeschätzter Wichtigkeit von Beruflichem in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist und dass der vorrangige Grund dafür nicht ist, dass die meisten Menschen Freude an ihrer Arbeit haben. Die Konsequenzen dieser Vorstellung treffen insbesondere jene eingangs erwähnten “sozial wenig Begünstigten”, wie sie Rawls definiert hat. Vielleicht hat daher dieser Artikel dabei helfen können, dass sich der eine oder andere Leser Gedanken zu einigen seiner eigenen Einschätzungen gemacht hat, die er bisher möglicherweise noch nicht hinterfragt hat.
Liebe Grüße,
Mahiat
Lesung in Linz
Für alle Leser, die in Linz oder in der Umgebung wohnen und Zeit und Interesse haben:
Ich werde diesen Donnerstag (3.5.12) im Stifterhaus eine kurze Lesung aus “Bessarius und Molle” halten. Die Veranstaltung, an der auch andere Autoren von Arovell beteiligt sind, beginnt um 19 Uhr.
Näheres: Veranstaltungslink
Liebe Grüße,
Markus Hittmeir
Zur Homosexualität
Die Diskussion um das Thema Homosexualität findet auf vielen unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen statt. Insbesondere in heutiger Zeit, in der der Wert und der Nutzen von Toleranz in den Vordergrund gerückt werden, ist die Frage nach der Anerkennung alternativer Lebensweisen von zentraler Bedeutung. Allerdings wissen wir natürlich, dass zwischen Toleranz und Anerkennung ein breiter Graben liegt. Mit dieser Problematik möchte ich mich näher befassen.
Die Intoleranz homosexuellen Menschen gegenüber gründet immer und einzig und allein in einer Kombination aus Angst, Abscheu oder in einer ähnlichen emotionalen Verwirrung. Niemals lässt sie sich auf rationale Weise begründen. Die Hauptmotivation, sich an der Homosexualität anderer zu stören, liegt in der Abneigung gegenüber Andersartigem und in einer übertriebenen Wertschätzung gewohnter und als “normal” empfundener Umstände.
Auf welche Weise ließe sich rechtfertigen, Homosexuelle nicht zu tolerieren? Oft wird nach dieser Frage in den Raum gestellt, dass Homosexuelle der Gesellschaft schaden, weil sie keine Kinder in die Welt setzen. Würde man aber diese Begründung akzeptieren, so dürfte man auch Singles oder heterosexuelle kinderlose Paare nicht tolerieren. Nachdem der Einwand also dadurch als Argument gegen Homosexualität hinfällig geworden ist, ist es auch um jegliche weitere, vermeintlich rationale Rechtfertigungen der Intoleranz geschehen. Was dann in derartigen Diskussionen noch folgt, ist eine Flucht in Loblieder auf Stereotypen, in die Berufung auf religiöse, politische oder philosophische Autoritäten, in die Schilderung der eigenen Gefühle und Intuitionen oder in falsche, scheinbare Fakten über Homosexualität in der Natur. Als vernünftiger Beweggrund ist nichts davon zulässig.
Wie zu Anfang angesprochen bringt die Frage nach Anerkennung der homosexuellen Gemeinde natürlich eine ganz andere Diskussion mit sich. Ich denke, dass Homosexualität hierzulande weitgehend toleriert, aber nur von wenigen Menschen tatsächlich anerkannt wird in dem Sinne, dass sie dieser Lebensweise eine Berechtigung zusprechen. Auf politischer Ebene wird über solche Berechtigungen verhandelt. Soll es Schwulen und Lesben beispielsweise möglich sein, zu heiraten? Ich denke, dass diese Gespräche von großer Bedeutung für eine wünschenswerte sozialethische Entwicklung sind. Die Einführung der “Homoehe” ist in meinen Augen ein Symbol für den bis zum heutigen Tage noch besonderen Status einer Gesellschaft, in dem die Partnerschaft zwischen Gleichgeschlechtlichen eine Würdigung erfährt und durch den zu Liebenden desselben Geschlechts gesagt wird: Diese Gesellschaft betrachtet euch nicht als Schaden und nicht als Schande, sie hat euer Glück erkannt und schätzt es wert.
Nun gibt es nicht wenige Menschen, die eine solche Liebe nicht nachvollziehen und ihr keine Akzeptanz entgegenbringen können, weil sie selbst noch nie geliebt haben oder zur Empathie nicht fähig sind. In jedem Fall leiden sie an persönlichem Unvermögen, das sie mit Stolz zur Schau tragen und wofür sie von anderen, die denselben Mangel haben, bejubelt werden. Und gerade diese Leute sind es, für die das Normale das Eigene und das Eigene das Normale bedeutet, für die es allein das Maß aller Dinge ist, die Ekel beim Anblick jeder Absonderlichkeit empfinden und die in den engen Grenzen ihrer einfachen Gedankenwelt und Gewohnheit leben, weil sie nichts davon verstehen und nichts davon verstehen wollen, was in fremden Köpfen und in fremden Herzen vor sich geht. Da es ein unmögliches Unterfangen ist, solche Leute zur Einsicht zu bewegen, muss man damit umgehen lernen; in allen Bereichen des Soziallebens.
Liebe Grüße,
Mahiat
Der erste schöne Tag
„Können Sie mir sagen, wo hier das Klo ist?“
Er lallte. Er hatte viel Schnaps getrunken und suchte seit geraumer Zeit nach einer kostenfreien Möglichkeit, sich zu erleichtern.
„Warum glaubst du, dass ich das weiß?“, sagte der Fremde leise und auf eine Weise, als wäre ihm etwas unterstellt worden. Dann schnaubte er und ging kopfschüttelnd weg.
In der Ferne war ein Zug zu hören. Der Bettler ging um eine Ecke und fand einen leeren Gang vor. Er machte die Hose auf und pisste gegen die Wand. Das war ein Segen. Ein Schmunzeln wanderte über sein bärtiges Gesicht, und der Alkohol machte ein lautes Lachen daraus. Allerdings konnte er hören, dass sich Menschen näherten, und so entfernte er sich rasch. Nach Monaten auf der Straße tat es immer noch weh. Er wusste, dass niemand es gut mit ihm meinte. Ihm war klar, dass sich jeder, der ihn anstarrte, insgeheim und unbewusst wünschte, er würde nicht existieren. Er sah es in den Augen. Er konnte es in jedem Blick erkennen, in jeder Verächtlichkeit und in jedem geheuchelten, freundlichen Lächeln, das ihm gelten sollte, in der falschen Höflichkeit, mit der sich die Menschen nach seiner Belästigung stöhnend dazu herabließen, ihm ein paar Cent zu geben, in jeder Geste konnte er sehen, dass sie sich ganz leise alle seinen Tod wünschten. So oft hatte er ihn auch gewünscht. Und jede Nacht dieses Winters saß er da, mit feuchten Socken, tauben Ohren, Kopfschmerzen und Frost in seinen Knochen, und glaubte zu sterben. Und jeden Morgen wachte er auf und war zornig, weil er noch lebte. Dann musste er in der Kälte sitzen, stundenlang, und ohne Regung darauf hoffen, dass die Gesellschaft, von der er abgefallen war, ja dass gerade die Leute, die ihm feindlich waren und vor denen er Angst hatte, in seinem Elend irgendeinen Grund fanden, der sie dazu veranlasste, ihm etwas von dem zu geben, von dem sie viel zu viel hatten. Doch natürlich waren das nur sehr wenige, denn die meisten Menschen beruhigten ihr Gewissen mit den üblichen Ausreden, die man sich im Laufe der Zeit hatte einfallen lassen, um es sich selbst und anderen zu erlauben, am Leid einfach vorbeizugehen. Er redete sich ein, dass sie nichts Böses im Sinn hatten. Aber er wusste schon immer, dass es nur wenige Menschen gibt, die gerne Gutes tun.
Der Bettler hatte das Bahnhofsgebäude verlassen und sich auf eine Bank am Bussteig gesetzt. Man vertrieb ihn hier selbst tagsüber nur selten. Nun war es 2 Uhr morgens und er war beinahe allein. Er schloss die Augen und genoss seinen Rausch. Doch schnell tauchten schwermütige Gedanken und Erinnerungen an frühere Zeiten in der Schwärze auf und so öffnete er die Lider wieder, um sie zu vertreiben. Den Menschen nahm er ungern übel, dass sie nicht wussten, was er wusste. Sie lebten dahin mit ihrem lächerlichen Selbstbewusstsein, Gefühle von Stolz und Scham, Achtung und Missachtung empfindend, sich nicht bewusst, wie einfach es ist, Arbeit zu haben, und wie schwierig, Arbeit zu suchen, sich nicht im Klaren darüber, mit welcher Bequemlichkeit sie ihre stressigsten und sorgenreichsten Tage verbrachten, schon allein deswegen, weil sie ein Zuhause hatten. Alle konnten und wollten sie um jeden Preis zeigen, was sie wert waren. Alle fühlten sie sich höher beim Anblick von Menschen, die in ihren Augen weniger wert waren, als sie. Und je leerer sie waren, innen drin, je weniger wert sie sich selbst glaubten, umso herablassender schauten sie ihn an. Dann hob sich ihre Stimmung auf der Stelle, denn sie erinnerten sich daran, dass das Dahinvegetieren in der Freudlosigkeit und in der primitiven Monotonie in diesem Vergleich recht akzeptabel wirkte. In ihm, dem Bettler, regten sich aber keine wirklich großen Gefühle mehr. Der ständige schmerzhafte Hunger, den er anfangs empfunden hatte, war irgendwann verschwunden. Er hatte sich daran gewöhnt. Und Durst hatte er auch nur dann, wenn er am Vortag zuviel gesoffen hatte. Einzig der hoffnungslose Wunsch, selbst auch wieder in der bequemen Monotonie vegetieren zu können, war nicht ganz verschwunden. Manchmal dachte er daran und stellte es sich vor. Doch obwohl er nicht mehr gut denken konnte, obwohl seine Vorstellungskraft geschwunden war, wurde er jedes Mal ein bisschen traurig. Dass er ein solches Leben nicht führen konnte, war jedoch seine Schuld. Er verdiente es nicht. Zumindest wurde ihm das gesagt, von Leuten, die er gar nicht kannte. Er nahm an, dass sich die Menschen das einreden mussten, um seinen Anblick ertragen zu können; in etwa so, wie er die Fehler in der Gesellschaft suchte, um sich seine Situation zu erklären. Irgendeinen Grund musste es ja geben. Nur zu gerne wäre er wirklich wütend gewesen, wütend genug, um zu einem Diebstahl in der Lage zu sein, doch das war er nicht. Da waren keine bösen Gefühle in ihm, und nicht Gott, nicht die Welt, nicht die Gesellschaft, nicht die Menschen waren Schuld. Auch er selbst war es nicht.
Der Bettler wollte gehen. Er stand auf und lief auf die Straße, ohne sich umzusehen. Ein Taxi bog um die Ecke. Der Lenker übersah den Mann und überfuhr ihn. Ein Notarzt traf zehn Minuten später ein und stellte seinen Tod fest. „Es ist nur ein Bettler gewesen.“, sagte man dem Fahrer, um seinen Schock zu lindern. „Er war sturzbetrunken.“
Ein paar Stunden später ging die Sonne auf. Es war der erste schöne Tag seit langer Zeit. Der Leichnam wurde noch am selben Tag verbrannt. Niemand wurde benachrichtigt. Niemand hätte benachrichtigt werden müssen.
Zur Zeit
Im Bezug auf meinen letzten Artikel zum Geld möchte ich mich heute mit der Zeit beschäftigen. Man kann sich fragen, weshalb ich diese Begriffe im wechselseitigen Zusammenhang betrachte. Wohl aber fast jeder wird das Sprichwort “Zeit ist Geld” kennen, und daher ist es nichts Neues, dass sich bei einem Vergleich der beiden, wie ich ihn heute anstellen will, zahlreiche Parallelen finden lassen.
Neben all unseren Sorgen betreffend finanzieller Sicherheit plagen uns oft quälende Gedanken um die uns zur Verfügung stehende Zeit, und es ist nicht verwunderlich, dass beinahe jeder, gleich wie beim Geld, häufig der starken Überzeugung ist, zu wenig davon zu haben. Und dennoch ist die Zeit darüber hinaus auch ein Sinnbild für ein von mir im letzten Beitrag beschriebenes Phänomen. Uns ist einleuchtend, dass die Wertigkeit einer Sache davon abhängt, wieviel uns von ihr zur Verfügung steht. Steht uns zuviel Zeit zur Verfügung, müssen wir beispielsweise auf etwas warten, so langweilen wir uns, haben wir hingegen zu wenig, so stehen wir unter Stress. Die erste Parallele lässt sich also darin ziehen, dass die Bedeutung von Zeit mit der des Geldes auf diese simple Weise verglichen werden kann. Außerdem wird deutlich, dass der Wert von Zeit ebensowenig an einen objektiven Maßstab festgemacht werden kann, wie der Wert von Geld. Es gilt die Regel: Wer mehr hat, der schätzt den Wert derselben Sache im Verhältnis geringer ein.
Die nächste Parallele besteht darin, dass Zeit- und Geldsysteme für das Zusammenleben in einer zivilisierten Gesellschaft von großem Nutzen sind. Während das eine System dazu dient, sich gegenseitig abzustimmen und Treffen und gemeinsame Tätigkeiten zu koordinieren, ist das andere für einen effizienten und komfortablen Handel unerlässlich. Sich ein Leben ohne Geld vorzustellen mag gewiss nicht allzu schwierig sein. Auf einen derartigen Gedankengang habe ich im letzten Artikel bereits verwiesen. Nun möchte ich Sie aber zu dem Versuch einladen, sich ein Leben ohne Zeit vor Augen zu führen. Stellen Sie sich vor, dass Sie in eine Gesellschaft geboren wurden, die diesen Begriff nicht kennt und für die auch das, was er bezeichnet, keinerlei Bedeutung hat. Sie kennen keine Uhr, keinen Terminkalender, Sie wissen nichts von Wochentagen, und von Monaten haben Sie noch nie gehört. Sie wissen nicht, wie alt Sie sind, denn Sie kennen auch den Begriff des Jahres nicht. Stellen Sie sich vor, wie Sie jeden Morgen aufstehen und die Sonne dabei beobachten, wie sie über die fernen Berge steigt. Sie verbringen den Tag im Bewusstsein, dass die Sonne wieder untergehen wird, denn Ihr Gedächtnis sagt Ihnen, dass dies niemals anders gewesen ist. Sie werden Ihrer gewohnten Arbeit nachgehen. Jedoch tun Sie dies nicht bis zu einer bestimmten Zeit, sondern so lange, bis es dunkel wird, bis Sie fertig sind oder zu erschöpft, um weiter zu machen. Natürlich haben Sie eine Vorstellung von dem, was unter Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verstanden wird, denn durch Ihre Erfahrung ist Ihnen klar, dass etwas war, dass etwas ist und dass etwas sein wird. Doch die Zukunft ist für Sie von geringer Bedeutung, die Vergangenheit ist nur Erinnerung. Wenn Sie sich auf etwas vorbereiten, dann nur deshalb, weil Sie sich daran gewöhnt haben, dass es sich zyklisch wiederholt.
Diese Orientierung des Menschen an den Naturzyklen ist der Grund, weshalb ein großer Teil unseres Zeitsystems darauf aufgebaut ist. Grob kann man sagen: Ein Tag entspricht einer vollendeten Erdrotation, eine Woche einer Mondphase, ein Monat einem vollendeten Mondzyklus und ein Jahr einer vollendeten Umrundung der Sonne durch die Erde. Die Tages- und Jahreszeiten orientieren sich daran, welche natürlichen Einflüsse sich durch den gegenwärtigen Status des dazugehörigen Naturzyklus ergeben. Morgen, Mittag, Abend, Nacht und Frühling, Sommer, Herbst, Winter, sie alle stehen für die Beschreibung von Zuständen und Einflüssen der Natur. Zu den ersten Uhren zählten jene, die die Sonne und ihr Wechselspiel von Licht und Schatten nutzten, um das Fortschreiten des Tages zu beschreiben. Am Ende dieser Betrachtungen tut sich die Frage auf: Ist Zeit ein Bestandteil dieser Welt, der von lebendem Bewusstsein unabhängig ist, oder sind es nicht wir, die Lebewesen, die die Zeit in die Natur hineinlegen?
Dass die Menschen einen Weg gefunden haben, um Zeit im Sinne einer physikalischen Größe objektiv zu messen, ändert nichts an der Tatsache, dass unterschiedliche Lebewesen sie auf unterschiedliche Weise wahrnehmen. Eine Fliege hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein anderes Gefühl für die Dauer einer Minute, als wir. Und zu Anfang stellten wir ja fest, dass selbst die Menschen die Zeit unterschiedlich bewerten, ja dass ein und derselbe Mensch die Dauer einer bestimmten Zeitspanne je nach Situation auf verschiedene Weise empfinden kann. Auf welche Weise also wäre Zeit in dieser Welt vorhanden, wenn es keine Lebewesen geben würde, die sie erleben könnten? In Form von Prozessen und Abläufen, von Bewegung von Körpern? Als Aneinanderreihung von astrophysikalischen Geschehnissen? Wir Menschen jedenfalls, und damit habe ich mich im Artikel “Zur Wahrnehmung” beschäftigt, erleben alles in dieser Welt durch den Nebel unserer Sinne und müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir dadurch nur zu beschränkter Erkenntnis fähig sind. Auch das Phänomen “Zeit” nehmen wir auf eine ganz bestimmte Weise wahr, und unsere Zeitsysteme sind dementsprechend an diese Wahrnehmung gut angepasst. Über das Zeitempfinden anderer Wesen können wir nichts Sicheres sagen.
Zeit- und Geldsysteme spielen in unserem Leben eine große Rolle. Jedoch sollte man sich, und das kann Fazit dieses und des letzten Beitrages sein, weder von dem einen noch von dem anderen abhängig machen. Es ist keine Frage, dass das in unserer Gesellschaft eine schwierige Aufgabe ist. Doch ebenso offensichtlich ist, dass man nicht dadurch glücklich werden kann, sein Leben, seinen Alltag, seine Wünsche und seine Ziele ganz und gar nach Maßstäben auszurichten, die außerhalb des Bewusstseins der Gesellschaft, in der man lebt, überhaupt nicht existieren. Die Systeme sind dazu da, ein Mittel und eine Hilfe zu sein, nicht der Zweck an sich. In diesem Sinne kann man sie nützen und sich ihrer bedienen. Man soll sich darum kümmern, dass man sie soweit zu seinem Vorteil auslegt, dass man möglichst wenig Sorgen hat. Wer aber darüber hinauswill, läuft bereitwillig in einem Hamsterrad, das er sich selbst gebaut hat.
Liebe Grüße,
Mahiat